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Unklare Lage

von Maybe44
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
13.04.2020
13.05.2020
16
13.435
6
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31 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
09.05.2020 1.037
 
Als der Morgen anbrach war es Anja, die zuerst erwachte. Die Sonne schien bereits durch das Fenster und warf helle Linien in den Raum. Keiner der beiden hatte vergangene Nacht daran gedacht, die Vorhänge zuzuziehen, da es da schon stockfinster gewesen war.

Es war ungewohnt und zugleich doch so vertraut, in Hubsis Armen aufzuwachen. Er hatte sie die ganze Nacht über fest in seinen Armen gehalten und so erwachten sie genauso, wie sie einige Stunden zuvor eingeschlafen waren.

Für einen Moment schloss Anja noch einmal ihre Augen und genoss die Sicherheit, die ihr Exmann ihr allein durch seine Anwesenheit gab. Sein Atem in ihrem Nacken, dicht an ihrem Ohr, kitzelte sie. Wie sehr hatte sie diese Geborgenheit, diese Nähe, vermisst! Nach ihrer Scheidung war sie neue Beziehungen eingegangen, doch keiner der Männer hatte sich auch nur ansatzweise mit Hubsi messen können. Doch trotzdem hatten sie es nicht geschafft, wieder zueinander zu finden. Und schlussendlich war sie gegangen, hatte sich den lange gehegten Traum erfüllt, einmal in einer Großstadt zu leben und zu arbeiten - nur um dort festzustellen, dass sie das beschauliche Wolfratshausen schmerzlich vermisste. Sie vermisste Wolfratshausen und natürlich auch ihren Exmann, doch zwang sie sich, ihre Entscheidung nicht rückgängig zu machen. Denn was sie nicht zurück wollte, war ihr altes Leben, so wie es zuletzt gewesen war. Unbefriedigende Beziehungen zu führen, dabei aber ihre große Liebe ständig unerreichbar vor der Nase zu haben, das konnte und wollte sie nicht mehr.
Und nun hatte ein Einsatz, hatten ein paar Stunden alles verändert. Sie schluckte. Der gestrige Tag hätte ganz anders für sie enden können. Sie hatte schmerzlich erfahren, wie schnell einfach alles vorbei sein konnte, ohne dass man Gelegenheit hatte, etwas daran zu ändern. In diesem Moment fasste sie einen Entschluss. Sie würde ihr Schicksal von nun an in die eigenen Hände nehmen und für ihr Glück kämpfen.

Bevor die Erinnerung an die Ereignisse des vergangenen Tages sie erneut übermannte drehte sie sich vorsichtig um und küsste Hubsi sacht auf die Stirn. Dann wandte sie sich leise, um ihn nicht aufzuwecken, aus seinen Armen und verschwand im Badezimmer.

Die Dusche, die sie am Vorabend hatte ausfallen lassen, belebte Körper und Geist und so ging Anja in einer bequemen, locker sitzenden Stoffhose und Tshirt fast schon beschwingt in die Küche und schaltete wie gewohnt die Kaffeemaschine und das Radio an. Der voreingestellte Sender spielte überwiegend Musik der 80er Jahre und Anja summte die bekannten Melodien leise mit, während sie einige Brötchen aus dem Tiefkühlfach nahm, diese in den Backofen schob und Rührei mit Speck in der Pfanne briet. Hubsi würde sicher hungrig sein, wenn er aufwachte. Sie war gestern Abend eine denkbar schlechte Gastgeberin gewesen, der Arme musste furchtbar hungrig sein, da er Mittag- und Abendessen hatte ausfallen lassen. Ein deftiges Frühstück war das Mindeste, was sie ihm als Dankeschön für seine Fürsorge heute Morgen anbieten konnte.

Anja hatte gerade die fertig gebackenen Brötchen aus dem Ofen geholt und den Tisch gedeckt, als die Morgennachrichten begannen. Gleich die erste Meldung handelte erwartungsgemäß von dem Amoklauf am gestrigen Tag. Anja hielt wie erstarrt inne. Die positive Stimmung, ihr Optimismus, war mit einem Mal verflogen, als die monotone Stimme des Nachrichtensprechers an ihr Ohr drang. "Der Amoklauf in einem Münchner Einkaufszentrum gestern Mittag hat insgesamt 17 Todesopfer und 29 zum Teil schwer Verletzte gefordert. Der Täter, ein 21jähriger Deutscher, hat sich nach der Tat selbst das Leben genommen. Sein Motiv liegt noch immer im Dunkeln. Polizei und Staatsanwaltschaft werden sich heute um 14 Uhr in einer gemeinsamen Pressekonferenz äußern."

Wie zur Salzsäule erstarrt stand Anja mitten in ihrer Küche. Ihr Puls hatte zu rasen begonnen, ihr war zugleich heiß und kalt, das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie fuhr erschrocken zusammen, als sich plötzlich eine Hand auf ihre Schulter legte. Hubsi war unbemerkt hinter sie getreten und steuerte sie nun sanft zum Tisch, wo er sie auf einem der Stühle platzierte und vor ihr in die Hocke ging. Er griff nach ihren zitternden Händen. "Anja. Schau mi an. Du bist in Sicherheit. S is vorbei. Er kann dir nichts mehr tun."

Anja schüttelte den Kopf und flüsterte "Wann hört des bloß auf Hubsi? Grad war noch alles gut und im nächsten Moment steh I wieder da im Einkaufszentrum, sehe den Mann auf mi zukommen und I kann mi wieder ned bewegen..."

"Aber du hast di bewegt!" Er drückte ihre Hände. "Du hast di bewegt, du bist entkommen. Und du hast es ja gehört, er ist tot. Er wird niemandem mehr weh tun."

"I hab mi ned bewegt. I hab einfach dagestanden und gewartet. Die Frau Vogt, die hat mi auf einmal da weggezerrt und mit dem Bub in die Vorratskammer gebracht." Die Tränen liefen ihr nun in Strömen die Wangen hinunter. "Und dann is sie wieder raus gegangen und erschossen worden!"

Sanft wischte Hubsi ihr die Tränen aus dem Gesicht. "Sie hat ihren Job gemacht, Spatzl. Sie hat euch in Sicherheit gebracht und versucht ihn aufzuhalten."

Wortlos schüttelte Anja erneut den Kopf, der Tränenstrom mochte einfach nicht versiegen. Sie konnte noch immer nicht fassen, was geschehen war, wie knapp sie dem sicheren Tod entronnen war. Auch die Frage, was einen Menschen zu solch einer wahnsinnigen Tat bewegte, beschäftigte sie fortwährend. Hubsi zog sie an seine Brust und wiegte sie stumm in seinen Armen, bis ihre Tränen schließlich versiegten.

Anja lächelte ihn fast ein wenig schüchtern an. "Entschuldige bitte. Eigentlich wollte I dir wenigstens a leckeres Frühstück machen. Aber des is wohl mittlerweile kalt geworden..."

"Ich liebe kaltes Rührei mit Speck." grinste Hubsi und nahm am Tisch Platz. "Dankeschön, s schaut sehr lecker aus."

Auch Anja nahm wieder Platz und gemeinsam frühstückten die beiden, wobei Anja lediglich lustlos an einer Brötchenhälfte mit Käse knabbert.

Besorgt beobachtete Hubert seine Exfrau. Er wünschte sich nichts mehr, als Anja wieder unbeschwert Lachen sehen zu dürfen. Doch ihm war schmerzlich bewusst, dass das Erlebte nicht spurlos an ihr vorbeigehen konnte und würde. Alles was er tun konnte war für sie da zu sein und dafür zu sorgen, dass sie die professionelle Hilfe bekam die sie brauchte, falls das nicht genug sein würde.
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