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Unklare Lage

von Maybe44
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
13.04.2020
13.05.2020
16
13.435
6
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31 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
07.05.2020 882
 
Der erste Albtraum kam nur wenige Stunden später.

Franz Hubert hatte tatsächlich nicht eine Sekunde geschlafen. Zu sehr hatten die Ereignisse des Tages, von dem unerwarteten Einsatz in München und die Sorge um Anja, die Erleichterung, sie wohlbehalten in die Arme schließen zu können, bis hin zu ihrem überraschenden Geständnis am Abend, ihn aufgewühlt.

Stattdessen hatte er wie versprochen über Anja gewacht, völlig versunken in ihren Anblick und überwältigt von dem Gefühl, ihr endlich wieder so nah sein zu dürfen. Ihre gleichmäßigen Atemzügen zu hören und ihr Herz schlagen zu fühlen ließ auch von ihm die Anspannung des Tages abfallen.

Hatte sie zunächst friedlich geschlafen, so war sie mit einem Mal unruhig geworden, ihre Atmung beschleunigte sich und Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn und in ihrem Nacken. Beruhigend strich Hubsi über ihren Arm. "Pscht, alles is gut Liebes, I bin da..."

Mit einem erstickten Aufschrei fuhr Anja hoch, orientierungslos und schwer atmend. "Nein! Frau Vogt! Nicht...!"

Hubsi zog sie sofort an seine Brust und strich ihr wieder und wieder beruhigend über den Rücken. "Is scho gut. S woar nur a böser Traum." flüsterte er beruhigend mit leiser Stimme in ihr Haar, als sie sich verängstigt und verzweifelt an ihn klammerte. Nur langsam wurde ihr Griff an seinem Hemd wieder lockerer und ihr Atem ruhiger.

Hubsi strich ihr vorsichtig eine verschwitzten Haarsträhne aus der Stirn. "Es ist alles okay. I bin da, I lass di ned allein."

Nach ein paar Augenblicken hörte er Anjas leise und verschlafene Stimme "Versprichst du mir das?"

Er blickte auf sie hinab und presste dann seine Lippen auf ihren Scheitel. "Ich werd di nie wieder verlassen. Das versprech I dir."

Vorsichtig bewegte Anja sich in Hubsis Armen, kuschelte sich eng an ihn und umschlang ihn ihrerseits mit ihren Armen. Die Gewissheit, dass er für sie da war und immer für sie da sein würde, gab ihr die Kraft und den Halt, den sie nach ihrem schlimmen Traum dringend benötigte.

Schweigend verharrten sie in dieser Position. Schließlich zog Anja sich ein kleines Stück zurück und blickte Hubsi traurig an. Tränen schimmerten in ihren Augen, als sie sagte "I woas noch ned mal ihren Vornamen."

Hubsi begriff schnell und streichelte ihre Wange. "Frau Vogt? Den finden wir raus."

"Hubsi, sie... Ohne sie wäre I jetzt tot. Und I hab ned mal Danke sagen können."

Er schwieg einen Moment. Dann ergriff er ihre beiden Hände. "Du ahnst ned wie dankbar I ihr dafür bin, was auch immer sie genau für di getan hat." Seine Stimme brach, als er fortfuhr "I hab dei Auto gesehen am Tatort. Und dann in der Einsatzzentrale über die Kameras dei Koffer, drinnen, im Einkaufszentrum. Aber dich hab I ned gesehen. I bin fast verrückt geworden vor Angst."

Anja blickte ihn mit großen Augen an. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie seine plötzliche Anwesenheit am Tatort nicht hinterfragt hatte. Sie war einfach zu erleichtert gewesen, seine Stimme zu hören und in seinen starken Armen, in denen sie sich beschützt und geborgen fühlte, versinken zu können. Sie löste ihre rechte Hand von seiner und legte sie sacht an seine Wange. "S durd mir leid. Dass du dir Sorgen machen musstest. I bin so froh, dass du jetzt bei mir bist."

"Solange du willst." flüsterte Hubsi und presste seine Lippen auf den Rücken ihrer anderen Hand.

Wortlos kuschelte sich Anja wieder an ihren Exmann.

Tausend Gedanken flogen durch ihren Kopf. Warum fiel ein Mensch im Maschinengewehrfeuer, und ein anderer direkt neben ihm blieb unversehrt. War das Glück? Oder Schicksal? War es vielleicht Schicksal, dass das schlimme Attentat Hubsi und sie heute wieder zusammengeführt hatte? Und was würde das Schicksal dann für ihre Zukunft, ihre gemeinsame Zukunft, bereithalten? Sie entschied sich dafür, es erstmal nicht weiter zu hinterfragen. Sie würde den Moment genießen, das Gefühl von Geborgenheit, von bedingungsloser Liebe. Um alles weitere konnten sie sich später noch kümmern.

Ihr Blick fiel auf die Uhr über dem Türrahmen. "S is ja mitten in der Nacht!" entfuhr ihr. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Entschuldigend sah sie zu Hubsi. "S muss doch fei furchtbar unbequem gewesen sein die halbe Nacht da auf der Couch zu sitzen, während I di als Kopfkissen nutze."

Hubsi lächelte und schüttelte den Kopf. "Na, ganz im Gegenteil. Ehrlich gesagt hätt i nirgendwo sonst lieber sein mögen."

Anja lächelte zurück. Es war das erste Mal, dass Hubsi sie heute Lächeln sah, und in seinem Bauch begannen die Schmetterlinge zu tanzen. Wie sehr liebte er Anjas warmes, liebevolles Lächeln und den Glanz, den es in ihre Augen zauberte!

"Trotzdem, wir gehn jetzt ins Bett." entschied sie, stand sogleich auf und zog ihn an der Hand hinter sich her in Richtung ihres Schlafzimmers.

Hatte er anfänglich befürchtet, es würde eine komische, vielleicht sogar peinliche, Situation entstehen, so wurde er schnell eines Besseren belehrt. Es fühlte sich richtig und vertraut an, wieder neben Anja unter die Bettdecke zu schlüpfen und sich an ihren Rücken zu kuscheln, einen Arm locker auf ihrer Hüfte liegend.

Nun forderte die Erschöpfung ihren Tribut und beiden fielen die Augen zu, ließen sie diesmal in einen ungestörten, ruhigen Schlaf hinübergleiten.
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