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Unklare Lage

von Maybe44
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
13.04.2020
13.05.2020
16
13.435
6
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Dieses Kapitel
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03.05.2020 1.118
 
Nur zu gerne war Hubsi Anjas Bitte nachgekommen, nachdem die Sanitäter vor Ort sich rasch davon überzeugt hatten, dass sie körperlich unversehrt war.

Girwidz hatte Wagen 3 schweigend durch Münchens Straßen gelenkt, bis zu der Adresse, die Anja ihm genannt hatte. Ebenso schweigsam hatten Anja und Hubsi auf der Rückbank des Wagens gesessen. Ganz selbstverständlich war Hubert neben seine Exfrau auf die Rückbank gerutscht und hatte nach ihrer Hand gegriffen. Sie hatte sie ihm die ganze Fahrt über nicht entzogen.

Der Streifenwagen hielt schließlich vor einem schmucken Altbau. "So." räusperte Girwidz sich. "Da wären wir."

Hubsi fing seinen Blick im Rückspiegel auf. Mittlerweile kannten die beiden Polizisten, die unfreiwillig zu Partnern geworden waren, sich so gut, dass ihre Kommunikation keiner großen Worte bedurfte. Girwidz nickte ihm zu. "Ich werde das mit der Kaiser regeln. Frau Doktor Licht, ich bin wirklich froh, dass Sie wohlauf sind."

"Danke." antwortete Anja kaum hörbar und stieg aus dem Auto, dicht gefolgt von Hubert, der sich seinerseits mit einem dankbaren Kopfnicken von Reimund verabschiedet hatte.

Mechanisch zog Anja ihren Schlüssel aus ihrer Jackentasche. Noch immer trug sie den auffälligen weißen Tyvek-Overall, ihre Arbeitskleidung bei Außeneinsätzen, über ihrer normalen Alltagskleidung. Dies schien ihr erst als sie nach ihrem Schlüsselbund griff wieder bewusst zu werden, denn Hubsi, der Anja seit dem Einkaufszentrum nicht mehr aus den Augen gelassen hatte, bemerkte, wie sie ungläubig auf den dünnen Stoff blickte und verwundert den Kopf schüttelte, als sie sich aus den Ärmeln schälte, die sie vor dem Bauch locker verknotete.
Unzählige Male hatte Hubsi seine Exfrau schon genau so gesehen. Zumeist an irgendwelchen Tatorten, nachdem ihre Arbeit vor Ort getan war. Was gänzlich fehlte, war jedoch das lebhafte Funkeln ihrer braunen Augen und ihr spitzbübisches Lächeln. Es war, als sei jeglicher Glanz aus ihren Augen gewichen, als sei ihr das Lächeln aus dem Gesicht gewischt worden.
Seine Exfrau so sehen zu müssen, tat Hubsi in der Seele weh. Er wusste nicht, was genau Anja wiederfahren war, was sie erlebt und gesehen hatte. Auch ihre Verbindung zu der getöteten jungen Polizistin erschloss sich ihm noch nicht. Anhand ihrer Reaktion hatte Hubsi jedoch erkannt, dass irgendetwas Gravierendes vorgefallen sein musste. Er würde Anja nicht drängen, aber er hoffte inständig, dass sie sich ihm eines Tages öffnen und von ihren furchtbaren Erlebnissen berichten würde.

Vergeblich versuchte Anja, den Schlüssel in das Schlüsselloch zu bringen. Doch ihre Hände zitterten unkontrolliert, so dass dies einfach nicht gelingen konnte. Schon stiegen ihr erneut Tränen in die Augen.

Sanft legte sich da eine warme Hand auf ihre. "Scho gut. Lass mi des machen."

Anja wehrte sich nicht, als Hubert sie sacht ein Stück zur Seite schob und ihr den Schlüssel aus der Hand nahm. Nachdem er die Tür geöffnet hatte, ließ er ihr den Vortritt. Langsam, fast in Zeitlupe, setzte sie sich in Bewegung und stieg die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Dort blieb sie vor einer der beiden Wohnungstüren stehen. Hubsi, der noch immer den Schlüsselbund in der Hand hielt, öffnete auch diese Tür und folgte Anja in ihr Reich. Unter anderen Umständen hätte er sich sicher neugierig umgeschaut, heute nahm er seine Umgebung jedoch lediglich am Rande wahr und konzentrierte sich ansonsten auf seine Exfrau. Diese ging zielstrebig geradeaus durch den Flur und blieb dann im Wohnzimmer vor der geschlossenen Balkontür stehen, den Blick nach draußen gerichtet.

Hubsi folgte ihr zögernd. Bis zum jetzigen Zeitpunkt hatte er automatisch reagiert und nicht groß über sein Handeln nachgedacht. Für ihn war selbstverständlich gewesen, Anja sicher nach Hause zu bringen. Aber nun? Sollte er wieder gehen? Oder sollte er bei ihr bleiben? Wollte sie überhaupt, dass er bei ihr blieb?

Hubsi war mitten im Wohnzimmer stehen geblieben und wartete erst einmal ab. Als Anja jedoch minutenlang unverwandt aus dem Fenster starrte, ohne ihm Beachtung zu schenken, räusperte er sich vernehmlich. Erschrocken fuhr sie zusammen und stieß einen kurzen Laut der Überraschung aus.

"Entschuldige, I wollt di ned erschrecken..."

"Na, passt scho. I muss mi bei dir entschuldigen. I woar grad ganz woanders..." rechtfertigte sich die Ärztin.

Hubsi trat vorsichtig einen Schritt näher an sie heran. "Setz di doch erstmal. Soll I dir was zu trinken holen?" fragte er.

Anja nickte dankbar. "Ja. Das wär lieb."

Die Küche hatte Hubsi beim Eintreten bereits zu seiner Linken erspäht. Kurz spielte er mit dem Gedanken, seiner Exfrau einen starken Kaffee zu kochen. Dann jedoch entschied er sich doch dafür, lieber einen Tee zuzubereiten und füllte den cremefarbenen Wasserkocher im Retrodesign. Amüsiert stellte er nach einem raschen Blick in Schränke und Schubladen fest, dass Anja ihr altbewährtes Ordnungssystem, welches er noch aus ihrer Ehe kannte, beibehalten hatte. Das machte es ihm leicht, sich in der eigentlich fremden Umgebung zurechtzufinden.

Schmunzelnd dachte er daran zurück, wie Anjas Ordnungsliebe des Öfteren zu Reibereien geführt hatte, als sie noch miteinander verheiratet waren. Er hatte es ihr nie recht machen können, selbst wenn er sich Mühe gab. Sei es das Einräumen der Spülmaschine gewesen, oder das Verstauen der Einkäufe in Kühlschrank und Vorratskammer. Gut, vielleicht hatte er das manchmal sogar ein bisschen mit Absicht getan, wusste er doch eigentlich ganz genau, wie pedantisch sie die ihr eigene Ordnung einzuhalten pflegte. Die gelegentlichen Kabbeleien deswegen waren auch gar nicht schlimm gewesen, im Gegenteil. Schlimm war es erst später gewesen, als sie sich schlichtweg nichts mehr zu sagen hatten und nur noch nebeneinander her lebten - ein jeder in seinem Alltag gefangen, gemeinsame Ziele und Träume hatte es nicht mehr gegeben. Hubsi seufzte. Wie so oft hatte er erst verstanden, was er aufgegeben hatte, als Anja längst fort und die Scheidung beschlossene Sache war. Ob Anja manchmal ähnliche Gedanken plagten? Hier rief Hubsi sich selbst zur Ordnung. Diese Gedanken hatten hier und jetzt keinen Platz. Anja hatte momentan wahrlich andere Sorgen. Mit zwei dampfenden Tassen heißen Tees kehrte er zurück ins Wohnzimmer.

Dort hatte Anja sich in eine Ecke der Couch zurückgezogen, die Knie hochgezogen, das Kinn darauf abgelegt und die Beine mit ihren Armen umschlungen. Hubsi stellte die Tassen auf dem niedrigen runden Couchtisch ab und nahm auf dem anderen Ende der Couch Platz.

Selten hatte sich Hubert so hilflos gefühlt. Ihm wollten keine tröstenden Worte einfallen, er wusste nicht, wie er sich der Situation angemessen verhalten sollte. Etwas in ihm drängte, Anja einfach in die Arme zu schließen und festzuhalten. Doch war es das, was Anja wollte und brauchte? Nichts an ihrer Haltung ließ darauf schließen, dass sie seine Nähe suchen würde. Im Gegenteil, sie schien durch ihn hindurch zu sehen, seine Anwesenheit gar nicht mehr wahrzunehmen.

Hubsi griff nach seinem Tee.
Er würde warten und da sein. Da sein, wenn Anja ihn brauchte.
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