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Unklare Lage

von Maybe44
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
13.04.2020
13.05.2020
16
13.435
6
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31 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
01.05.2020 1.177
 
Anja klammerte sich schluchzend an Hubsi wie eine Ertrinkende an einen Rettungsring.

Hubsi hingegen hielt Anja so fest in seinen Armen, als wolle er sie niemals wieder loslassen. Sein Gesicht hatte er in ihren Haaren vergraben und sog gierig den ihm trotz all den Jahren der Trennung noch immer vertrauten Duft ihres Lieblingsshampoos ein, während er versuchte, seine Tränen der Erleichterung zurückzuhalten. Anja war wohlauf, sie hatte diesen Albtraum heil überstanden! Er konnte sein Glück, ihr Glück, kaum fassen.

Erst als Anjas unkontrollierte Schluchzer schließlich abebbten, nahm Hubert wieder etwas von seiner Umgebung wahr und sein Blick fiel auf den kleinen Jungen, der schüchtern und ängstlich hinter Anja stand, und sie nicht aus den Augen ließ. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, löste Anja sich in diesem Moment aus seinen Armen und fuhr erschrocken herum. "Moritz! Herrschaft, I... s duad ma leid!" Sie legte dem Kind den Arm um die Schultern und führte ihn zu Hubsi. "Hubsi, des is der Moritz. Er is von seiner großen Schwester getrennt worden und hat da drinnen mit mir ausgeharrt. Hilfst du uns, die Lisa zu finden?"

"Freili helf I euch." antwortete Hubsi und reichte dem Jungen die Hand. "Servus Moritz. I bin der Franz Hubert, aber meine Freunde sagen Hubsi zu mir."

Moritz ergriff die ihm dargebotene Hand und blickte ihn ernst an. "Servus Hubsi. I hab gewusst, dass du kommst und die Anja holst."

"Soso." Erwiderte der Polizist und lächelte. "Dann erzähl mir mal von deiner Schwester. Wie alt is denn die Lisa? Und wie schaut sie aus, was hat sie heut angehabt?"

"Die Lisa ist schon fast 15! Und größer als ich. Und lange braune Haare hat sie!" Angestrengt dachte der Junge nach und fügt schließlich hinzu "Heute hat sie ihre Lieblingsjeans angehabt. Und Sneakers und einen roten Pulli."

"Mei, das hilft uns auf jeden Fall. Vielen Dank Moritz, das hast du fei wirklich gut gemacht!" lobte Hubsi das Kind, das vor Freude über das Lob strahlte.

Gemeinsam machten die drei, Moritz an den Händen zwischen sich haltend, sich auf um endlich das Einkaufszentrum zu verlassen. Während Hubert den kleinen Jungen weiter über seine Schwester ausfragte, um ihn von der verstörenden Umgebung abzulenken, blickte Anja sich traurig um. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Die Ärztin schluckte betroffen. So viele Menschen hatten hier ihr Leben verloren. Und beinahe wäre auch sie eine davon geworden. Wenn da nicht... Abrupt blieb sie stehen und ließ Moritz Hand los. Hubsi blickte sie verwundert an.

"Gehts ihr schon amal vor. I kimm glei nach, I... I muss noch was erledigen." flüsterte sie mehr als dass sie es laut aussprach. Und Hubert verstand. Wortlos nickte er ihr zu und setzte seinen Weg alleine mit Moritz fort.

Anja hingegen ging langsam, konzentriert einen Fuß vor den anderen setzend, den Weg, den sie gerade erst gekommen war, wieder zurück.
Einerseits wollte sie nichts lieber, als endlich dieses Einkaufszentrum und das Erlebte hinter sich zu lassen.
Andererseits zog es sie zurück an den Ort, an dem sie die letzten Stunden verbracht hatte. Das freundliche Gesicht der jungen Polizistin Frau Vogt wollte einfach nicht vor ihrem geistigen Auge verschwinden. Sie würde sich jetzt zusammenreißen und Abschied nehmen von ihrer Retterin. Das war sie ihr schuldig. Tief atmete sie durch. Immerhin verdankte sie der mutigen jungen Frau nicht weniger als ihr Leben.

Die SEK Beamten, die mit ihr vorhin durch die geschlossene Tür verhandelt hatten, waren mittlerweile weitergezogen.

Der leblose Körper der jungen Uniformierten lag einsam und verlassen auf dem Boden, unweit der Tür, ganz so, wie Anja es befürchtet hatte. Vorsichtig ließ sie sich auf dem Boden nieder, streckte langsam die Hand aus. Verharrte. Sanft strich sie dann der Leblosen eine vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht. So jung! Sie sah so schrecklich jung aus, die starren Augen weit aufgerissen, als könne sie nicht glauben, was geschehen war, was geschehen würde. Und Anja ertappte sich bei dem Gedanken, dass nicht Frau Vogt es sein sollte, die hier lag. Sicher hatte sie Familie, Freunde, die sie schmerzlich vermissen, die um sie trauern würden. Wäre es nicht gerechter gewesen, wenn nicht Frau Vogt, sondern sie, Anja, an ihrer Stelle hier gestorben wäre? Denn, mal ehrlich, wer würde sie schon vermissen? Eine einzelne Träne löste sich und fand langsam ihren Weg über ihre Wange. Anja wischte sie nicht fort. Ihr Blick verharrte noch immer auf dem Leichnam.

Als sie plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter spürte, erstarrte sie. Sie war so in ihre Gedanken versunken gewesen, sie hatte niemanden kommen hören. Ihre Anspannung ließ sofort nach, als sie seine beruhigende Stimme hörte.

"I wollt di ned erschrecken. Der Moritz is draußen beim Girwidz, sie warten auf sei Schwester, die hatte sich scho bei den Kollegen gemeldet."

Anja drehte sich nicht um, nickte nur stumm als Zeichen, dass sie ihn gehört hatte.

Hubsis Hand wanderte langsam in ihren Nacken, warm und beruhigend. "Kann I was für dich tun?" fragte er leise.

Anja schüttelte den Kopf. "Gib mir noch a Minute. I kimm glei." flüsterte sie und fühlte kurz darauf die Leere, als ihr Exmann seine Hand zurückzog und sich respektvoll ein Stück entfernte.

Eine weitere Träne löste sich und folgte ihrer Vorgängerin, als Anja sich den Gedanken erlaubte, dass vielleicht doch auch sie es verdient hatte, weiterzuleben. Zumindest ihr Exmann schien sich noch um sie zu sorgen. Noch einmal streckte sie langsam die Hand aus und schloss der Verstorbenen die Augenlider. "Danke." flüsterte sie, erhob sich und eilte hinaus, so dass Hubert fast Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten.

Als sie endlich das Einkaufszentrum verließen und zur mobilen Einsatzzentrale hinüber gingen, atmete Anja gierig die frische Luft ein und blinzelte erstaunt in die Sonne. Hier draußen war von dem Schrecken, der hinter ihr lag, nichts zu merken. Abgesehen von den zahlreichen Polizeifahrzeugen und Beamten natürlich, dachte die Ärztin. Trotzdem - die Welt hatte sich weitergedreht. Und Moritz war wieder mit seiner Schwester vereint, stellte sie fest. Ein schlankes brünettes Mädchen hielt den kleinen Jungen fest mit einem Arm umschlungen, mit der anderen Hand presste sie ihr Smartphone ans Ohr. "...Na Mama, s is alles gut. Uns geht es gut. Die Polizei bringts uns glei hoam. Oh, warte mal. I muss auflegen." sprach sie hastig ins Telefon, als sie Anja entdeckte. Gemeinsam mit Moritz kam Lisa auf Anja zu. "Sie müssen die Anja sein. Danke, dass Sie auf meinen Bruder aufgepasst haben! Vielen, vielen Dank!"

Anja lächelte die beiden Kinder herzlich an. "Des hab I gern gemacht."

Moritz löste sich aus der Umarmung seiner Schwester und schlang seine kleinen Ärmchen ein letztes Mal um Anjas Hüfte. "Pfiati Anja."

"Pfiati Moritz. Machs guat...." flüsterte Anja, während sie ihm hinterher blickte, als er gemeinsam mit Lisa auf die Rückbank eines wartenden Streifenwagens kletterte.

Dann drehte sie sich zu Hubsi um, der die Szene stumm verfolgt hatte. "Bring mi hoam Hubsi. Bitte."
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