Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Unklare Lage

von Maybe44
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
13.04.2020
13.05.2020
16
13.435
6
Alle Kapitel
31 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
13.04.2020 684
 
Der Tag hatte begonnen wie jeder andere Tag in den letzten Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahren.

Aufstehen. Duschen. Kaffee trinken. Dienstbeginn pünktlich um Acht. Streife fahren durch Wolfratshausen. Frühstück im Café Rattlinger. Weiter Streife fahren.

Wer hätte ahnen können, dass ausgerechnet dieser Tag eine solche Wendung nehmen würde?

Die Antwort war einfach: Niemand.

Niemand hatte beim Aufstehen, beim Frühstück, bei der morgendlichen Runde mit dem Hund, auf dem Weg zur Arbeit, in die Schule, ahnen können, dass dieser Tag der letzte seines Lebens oder der letzte Tag im Leben eines geliebten Menschen sein würde.

Niemand.

Auch Polizeiobermeister Franz Hubert nicht.

Und trotzdem war es passiert.

Trotzdem würden heute Abend mehrere Menschen nicht wie gewohnt ihrem Kind, ihrem Partner, ihrer Mutter, ihrem Vater oder auch ihrem guten Freund oder ihrer guten Freundin eine gute Nacht wünschen können. Ihre Welt hatte sich in Sekundenbruchteilen für immer verändert.

Diese Gedanken gingen Hubert durch den Kopf, während er, mit beiden Händen fest das Lenkrad umklammernd, das Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt, mit Blaulicht und Martinshorn, auf der Autobahn Richtung München raste. Neben ihm auf dem Beifahrersitz saß sein Streifenpartner Reimund Girwidz und kramte mit der linken Hand im Handschuhfach herum, während er sich mit der rechten Hand krampfhaft am Türgriff festhielt und halblaut vor sich hin fluchte. "Wo ist es denn nur... ich bin ganz sicher dass ich es hier rein getan habe... Hubert! Haben Sie etwa mein Ersatzmagazin verträumt?"

"I? Na." schnaubte Hubert genervt. "Wenn's da im Handschuhfach drin war scho glei gar ned. Da hab I ned mehr nei griffen seit der Hansi damals die oide Unterhose von dem Exhibitionisten nei hat die er als Beweisstück sichergestellt hat- ohne Plastiktüte..."

"Bah! Das ist ja widerlich!" rief der ehemalige Polizeirat, schlug die Tür des Handschuhfachs mit lautem Knall zu und verschränkte beleidigt die Arme über dem Bauch. Sekunden später griff er jedoch wieder mit einer Hand zum Türgriff, als Hubert in halsbrecherischem Tempo ausscherte um einen renitenten Autofahrer, der nicht einsehen wollte dass er die linke Spur frei zu machen hatte, rechts überholte.

"Sachte, sachte!" mahnte Girwidz. "Wir sind zu nichts mehr nutze, wenn sie uns hier auf der Autobahn umbringen!"

Hubsi warf ihm einen kurzen Seitenblick zu, konzentrierte sich dann aber sogleich wieder auf die Straße.

Girwidz fuhr fort "Wobei ich immer noch nicht verstehe, weshalb sogar wir aus Wolfratshausen ad hoc nach München beordert werden. Als ob da nicht genug Polizisten im Einsatz sind!"

"Sie haben die Kaiser doch gehört." erwiderte Hubsi mit zusammengebissenen Zähnen. "Ein Amoklauf mitten in München. Mehrere Tote. Ein oder sogar mehrere Täter noch immer auf freiem Fuß. Die Lage völlig unübersichtlich. Da zählt jeder Mann."

"Hrmpf. Trotzdem. Bis wir in München sind...."

"Gibts fei immer noch genügend Arbeit, Herrschaft!" herrschte Hubsi seinen Partner gereizt an, was diesen endlich zum Verstummen brachte. Zumindest kurzzeitig. Denn gerade als Franz Hubert den Blinker setzte und schwungvoll die Ausfahrt Richtung München Stadtmitte nahm, murmelte er "Trotzdem wäre es mir wohler, wenn ich mein Ersatzmagazin finden würde..."

Hubsi verdrehte die Augen. "I glab ned dass ausgerechnet mir zwoa an die Front geschickt werden. Mir werdens wohl eher irgend a Straße oder a U-Bahn Station absperren miassa und uns die Füße platt stehen bis mer irgendwann abgelöst werden." prophezeite er. "Na los, meldens uns mal a über Funk."

Reimund Girwidz brummte wenig überzeugt, spielte aber solange am Funk herum, bis er schließlich den richtigen Kanal eingestellt hatte.
Kurze Funksprüche liefen in schneller Folge über den Äther, die vorallem eines deutlich machten: Die Lage war noch immer völlig unübersichtlich. Gerade als Reimund Girwidz der Aufforderung seines Partners nachkommen und ihr Eintreffen ankündigen wollte, ertönte ein aufgeregter Funkspruch. Schüsse! Erneut Schüsse vor dem Einkaufszentrum München Mitte! Mehrere Opfer! Wir brauchen hier dringend Verstärkung!

Die beiden Polizisten warfen sich einen besorgten Blick zu. Dann zeigte Girwidz stumm auf ein Straßenschild, auf welchem stand: EKZ München Mitte 250m.

Hubsi nickte in stummem Einvernehmen und beschleunigte erneut den Wagen.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast