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Castles

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
Dean Thomas Draco Malfoy Gregory Goyle Pansy Parkinson Seamus Finnigan
13.04.2020
03.12.2021
121
672.265
57
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Dieses Kapitel
1 Review
 
25.11.2021 4.606
 
Anmerkung der Autorin: Hier kommt Weihnachtskapitel 3/3! ich hoffe, alle sind voll in Stimmung. Im ganz stillen Gedenken an den tragischsten Verlust der deutschen Übersetzung.

* * *


119 – Ausgleichende Ausgeglichenheit


Im Hause Thomas herrschte wie üblich ein eiserner Optimismus. Derek war das Objekt der allgemeinen Belustigung – und niemand wollte davon ausgehen, dass noch viele weitere Feiertage mit dem wortkargen Zeitgenossen auf sie zukommen würden. Pansy staunte darüber, wie gut ihr Vater mit allen auskam, wobei Dean und Hector eindeutig seine Stützpunkte waren. Das Tageshighlight waren jene Minuten, in denen ihr Vater sich mit Oz unterhielt und mit Schützenhilfe von Dean und Hector eine hanebüchene Lebensgeschichte für sich selbst erfand. Oswald Thomas würde an diesem Tag in dem Glauben ins Bett gehen, dass er jemanden kennengelernt hatte, der als Doppelagent beim KGB tätig gewesen war und als kleiner Junge von Joseph Stalin persönlich zu einer großartigen Leistung bei einem Wettbewerb für Nachwuchsathleten beglückwunscht worden war. Mit Blumen und russischem Zupfkuchen. Es war hochgradig lächerlich und die Rechnung ging nur auf, weil Oswald noch ein bisschen betrunkener als Hector und ihr Dad war. Dean war zwar auch alles andere als nüchtern, hielt sich aber ein bisschen zurück und war definitiv der klarste Kopf in dieser Kombination.

Bereits am späten Nachmittag traten Diana und Robbie aus. Sie lagen in der kleinen Stube mit dem Zweitfernseher auf dem Sofa, hatten Arme und Beine ineinander verknotet und schafften es damit ins Familienalbum. Ganz gnadenlos hielt Dorothy die Kamera drauf, deckte die beiden zu und stellte einen Plastikeimer daneben. Nur für den Fall.

Die meiste Zeit über hielt Pansy sich entweder an Dorothy oder an Ally und Charlotte, die zwar nicht permanent miteinander sprachen, einander aber nicht von der Seite wichen. Von Charlotte hatte sie natürlich ein dickes Buch bekommen, mit dem sie in der nächsten Woche sehr viel Freude haben würde. Sie hatte sich ordnungsgemäß bedankt und mit einem Radio revanchiert, über das Charlotte in Zukunft den MRF empfangen konnte, wenn sie es denn wollte. Dean und sie hatten zusammengelegt und ihr ein schönes, gebrauchtes Modell besorgt, mit dem der Empfang nicht ganz grausig wäre. Charlotte freute sich sehr und fragte sie erstmalig im Detail über ihre Arbeit aus, wobei sie natürlich gekonnt überhörte, dass es ein magischer Radiosender war. Mit einem demonstrativen Gähnen stand Ally deshalb irgendwann auf und lief in die Küche.

„Übrigens freue ich mich sehr, dass du den Ring trägst.“ Charlotte warf ihr ein verschwörerisches Lächeln zu und auf einen Schlag begriff Pansy, dass sie bei der Wette auf das falsche Pferd gesetzt hatte. Die falsche Familie. „Er steht dir wirklich ganz ausgezeichnet. Genau so habe ich mir das vorgestellt.“

„Ich finde ihn auch wirklich unheimlich schön… und ich habe mich noch gar nicht bei dir persönlich bedankt. Es war eine tolle Überraschung.“

„Hat Dean sich denn auch die Zeit genommen und dir gesagt, dass es der Ring war, den sein Großvater mir zur Verlobung geschenkt hat?“

„Ja, das hat er auch erwähnt.“ Nachdenklich betrachtete Pansy ihre Hand. „Es bedeutet mir sehr viel, dass du ihn mir schenken wolltest, weil… ja, er muss dir auch furchtbar viel bedeuten.“

„Oh, das hat er einmal… aber Schmuck ist nicht dafür gemacht, in einer Schatulle zu verstauben oder mit ins Grab genommen zu werden. Und eine alte Dame mit einem Verlobungsring… das sieht ja lächerlich aus. Als hätte ich es fünzig Jahre lang nicht zum Altar geschafft!“ Nervös rutschte Pansy auf ihrem Stuhl herum, denn sie wusste nicht, ob sie das noch lange ertragen konnte, wie so viel zwischen den Zeilen versteckt wurde.

„Du weißt aber, dass Dean und ich nicht verlobt sind, oder?“

„Davon bin ich ausgegangen. Das wäre meiner Tochter einen Anruf wert gewesen.“

„Oh… gut. Nicht, dass es hier irgendwie ein Missverständnis gibt.“

„Keine Sorge, ich geiere nicht darauf, so bald für irgendwelche Hochzeiten oder Taufen ausrücken zu müssen. Wobei ich doch wirklich hoffe, dass Dean irgendwann den Anfang macht und Delilah nicht auf dumme Gedanken kommt…“ Charlotte hatte sich beim Lästern bislang vorbildlich zurückgehalten, aber diese kleine Spitze musste wohl doch sein. „Ich denke allerdings, es bedeutet doch etwas, dass du den Ring trägst.“ Pansy war unsicher, was sie dazu sagen sollte und beschränkte sich deshalb auf ein Lächeln. „Ich weiß, wie Dean erzogen wurde… und ich finde es gut, dass er mit dem Gott im Himmel und der heiligen Kirche nicht so viel am Hut hat, so ein bisschen gesunder Atheismus hat noch niemandem geschadet, aber ich bin auch froh, dass er nicht von der unverbindlichen Sorte ist. Wenn ich höre, wie der Sohn von Nancy mit Frauen umgeht… da wird einem ganz schwindelig bei den ganzen Namen, die man sich merken muss. Manchmal hat er drei Damen gleichzeitig an der Hand, an jedem Finger eine! Und so ein angenehmer Mensch ist das gar nicht… außerdem heißt er auch noch Randall. Ein fürchterlicher Name… nee, nee, wenn so einer mein Enkel wäre, ich würde meine Tür nicht mehr öffnen. Keinen Anstand hat das… aber ich will mich auch nicht aufregen. Das ist gar nicht gut fürs Herz. Oder den Bauch.“

„Stimmt. Aber du hast ja keinen Enkel namens Randall.“

„Ja… ja, das wäre wirklich die Höhe.“ Charlotte seufzte und nippte an ihrem Tee. „Ich mache mir Sorgen um Alana.“ Diese stürmischen Themenwechsel bekamen ihr gar nicht gut und sie wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, sich an ihrem Stuhl festzuhalten, ohne dämlich auszusehen.

„Wieso?“

„Ich weiß nicht genau… sie ist so reserviert. Und warum sitzt sie die ganze Zeit bei mir? Will sie denn gar keine Zeit mit ihren Geschwistern verbringen? Delilah und sie haben sich früher immer so gut verstanden… wobei, vielleicht verwechsele ich sie da auch mit Diana. So ein bisschen eigen sind sie ja alle, aber… ach, hör am besten gar nicht hin, ich fasele… ich sollte keinen Wein trinken. Das verträgt man in meinem Alter nicht mehr.“

„So unheimlich alt bist du doch noch gar nicht.“

„Also bitte! Wir sprechen uns wieder, wenn du soweit bist. Jeden Knochen spür‘ ich! Und jeden quersitzenden Gedanken. Ärgerlich ist das. Über alles macht man sich Gedanken. An jedem Gedanken zweifelt man… es könnte ja auch sein, dass ich längst dement bin und von nichts weiß, weil es mir niemand sagt!“

„Ich will nicht respektlos sein, aber das ist Schwachsinn.“

„Siehst du! Ebendavon spreche ich! So fängt es an.“ Charlotte gluckste und tätschelte Pansys Unterarm. „Aber jetzt lass uns auch mal über die wichtigen Dinge reden. Dean hat neulich am Telefon erwähnt, dass du dir endlich die Haare schneiden lassen willst. Das halte ich ja für eine sehr gute Idee. Bei Ally ist es ja auch geraten, sie sieht gleich viel gescheiter aus.“

* * *


„Tut mir leid, dass ich da eben die Flucht ergriffen habe.“ Pansy war in die Küche gegangen, um eine frische Kanne mit heißem Wasser aufzusetzen und einmal die volle Entscheidungsgewalt die Sorte betreffend zu haben. Dort saß Ally auf der Anrichte und löffelte den Pudding, der eben als Dessert serviert worden war, aus einer großen Schüssel.

„Schon okay. Ich rede gerne mit Charlotte.“

„Ach stimmt ja, du magst sie ganz unironisch. Das vergesse ich immer.“ Mindestens genauso gerne vergaß Pansy, dass Charlotte Carroll nicht nur Fans in den eigenen Reihen hatte. „Kein Wunder, dass sie will, dass Dean dich heiratet.“

„Hat sie das so gesagt?“

„Nö. Das sagt dein Ringfinger.“ Alana grinst. „Früher hat Grandma mich manchmal ihre Sachen aufräumen lassen und dabei so getan, als wäre es ein Spiel und keine Kinderarbeit. Ich durfte alles anfassen – bis auf ihren Schmuck, den hat sie mir vorgeführt. Kette für Kette. Armband für Armband. Ring für Ring. Ich kenne jedes einzelne Schmuckstück, das diese Frau jemals besessen hat.“

„Oh.“

„Dasselbe Spiel durften meine Geschwister übrigens auch spielen. Und meine Mum. Und mein Onkel. Niemand wurde verschont.“ Hochzufrieden steckte Alana den Löffel in den Mund und ließ Pansy mit diesen neuen Informationen allein. „Es weiß also jeder, dass Dean dir quasi einen Heiratsantrag gemacht hat.“

„Das hat er nicht getan.“

„Deswegen meine differenzierte Verwendung des Wörtchens quasi.“

„Wir werden nicht heiraten.“

„Niemals?“

„Nicht so bald. Nicht nächstes Jahr oder so.“

„Hört hört.“

„Ich habe den Ring schon seit Monaten. Und Dorothy hat nie etwas dazu gesagt.“ Aber wie oft hatte sie wohl darüber nachgedacht, etwas zu sagen oder war kurz davor gewesen, ohne dass es von Pansy bemerkt worden war?

„Mum ist ja auch diskret.“

„Ach ja?“

„Na ja… eigentlich nicht, aber sie will dich nicht verschrecken. Oder dir mit zu persönlichen Fragen ankommen. Das ist nämlich wirklich nicht ihre Art.“ Das war Delilahs Art, doch Delilah war gefühlt die Einzige, die sich heute noch nicht wirklich mit ihr unterhalten hatte, weil Derek sie viel zu sehr beschäftigte.

„Wie geht’s dir eigentlich? Hast du dich eingelebt an deiner neuen Schule?“

„Passt schon. Die Leute da drüben sind wirklich alle ganz korrekt. Das sind halt endlich mal Menschen, die ihre Hormone nicht als Ausrede für alles benutzen und… ja, die sind seriös. Und ehrgeizig. Die wissen alle ganz genau, was sie wollen.“ Wie so häufig konnte sie aus Alanas Tonfall nicht wirklich erschließen, ob sie gerade begeistert oder tiefbetrübt war. So sachlich waren nicht viele Menschen.

„Das ist sicherlich einschüchternd.“

„Eigentlich ist es erfrischend. Niemand tut so, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt als die Partys, die am Wochenende steigen. Oder die Partys, die schon durch sind. Ich lebe seit vier Monaten dort und niemand hat mich gefragt, warum ich denn eigentlich keinen Freund habe. Es ist toll.“

„Das freut mich. Ehrlich.“ Der Teekessel pfiff leise und sie hatte sich immer noch nicht für eine Sorte entschieden. Gedankenverloren verteilte sie das Wasser auf zwei Tassen, obwohl sie niemand gebeten hatte, ihr eine mitzubringen. Egal. Ihrem Vater würde das gut tun, so eine kleine Abwechslung zum Rotwein. „Du bist also gar nicht traurig wegen… Derek?“ Schon als sie das fragte, fühlte sich die Frage absurd an und sie konnte perfekt nachvollziehen, warum Alana in ein schiefes Kichern ausbrach.

„Oh mein Gott. Nein. Ich habe keine Ahnung, was mit mir los war, aber… ich bin nochmal mit dem Schrecken davongekommen, würde ich sagen. Wenn ich ihn und Delilah sehe… sie tut mir fast leid. Sie merkt gar nicht, was für ein Trottel er ist. Und in was für einen Trottel sie sich verwandelt hat. Ich kann ihr wirklich nur wünschen, dass sie eines Morgens aufwacht und merkt, dass sie so kurz davor ist, ihr Leben zu ruinieren.“ Pansy hatte sich für Kamille entschieden. Ganz platt. Klassisch und beruhigend. Die Lust auf ein aufregendes Geschmackserlebnis war ihr vergangen. Alana nahm sich eine der beiden Tassen, als wäre es immer so abgesprochen gewesen. „Ich hoffe einfach, sie ist immer noch so motiviert, wenn es um den Einkauf von Kondomen geht.“

„Bestimmt ist sie das.“

„Wie gesagt, ich wünsche es ihr.“ Alana zuckte die Schultern. „Alle wünschen es ihr… dagegen war dieser Schluffen, der angeblich schlecht im Bett war, ein echter Goldschatz.“ Es war noch keine anderthalb Jahre her, seitdem Pansy den Namen von Delilahs Ex zuletzt gehört hatte, aber ihr Gehirn konnte trotzdem nichts abrufen. Sie hatte es einfach vergessen. Als wäre es völlig unwichtig. War es letzten Endes vermutlich auch, aber es schockierte sie trotzdem, dass sie so etwas nicht wusste. „Ihr heiratet also nicht nächstes Jahr?“

„Was?!“

„Ich frage ja nur nochmal nach.“

„Hat deine Mum dich beauftragt?“

„Nope. Das ist meine eigene, profane Neugierde.“ Der Pudding in der Schüssel nahm kein Ende und selbst ihr wäre mittlerweile ein bisschen schlecht, doch Alana löffelte unbekümmert weiter. „Also?“

„Weißt du was? Frag das doch einfach deinen Bruder.“

„Mit dir kann man aber besser reden.“

„Ist das so?“ Alana nickte und plötzlich war Pansy ganz gerührt. Sie wusste genau, dass Wein sie immer ein bisschen sentimental machte und dass Alana ihr hier gerade keine Liebeserklärung gemacht hatte, aber sie überkam trotzdem das Bedürfnis, Deans kleine Schwester zu drücken. Dieses Vorhaben gestaltete sich nicht ganz einfach, weil Alana im Normalfall sogar ein bisschen größer als sie war und nun auch noch erhöht saß, doch sie gab ihr Bestes und Alana erahnte, was sie vorhatte. Sie stellte sogar den Pudding zur Seite und kam ihr entgegen. „Ich fände das übrigens auch cool. Wenn ihr irgendwann heiraten würdet.“

„Ich auch.“

„Was?!“

„Ich fände das auch cool.“

„Und Dean nicht oder was?“

„Frag ihn selbst.“ Zu ihrer eigenen Sicherheit ließ sie Alana los. Sie war so kurz davor, sich um Kopf und Kragen zu reden und das wollte sie nicht. Sie wollte ganz friedlich ihren Tee trinken und über keinen verbalen Fallstrick stolpern. Und wenn doch, dann wollte sie nur in eine Falle gehen, die ganz geschickt aufgebaut worden war.

* * *


Sie lassen den Portschlüssel verfallen und bemerken es beinah zeitgleich. Circa eine Stunde zu spät. Theo hat sie bereits vorgewarnt, dass rund 60 Prozent aller Portschlüssel, die über die Feiertage ausgestellt werden, gar nicht genutzt werden. Noch vor wenigen Tagen hat Pansy sich geschworen, dass sie nicht zu diesen 60 Prozent gehören werden, aber da sind sie.

Grundsätzlich stehen sie mit ihrem Problem nicht alleine da, denn ihr Vater ist auch immer noch präsent, aber ihr Elternhaus ist immerhin an das Flohnetzwerk angeschlossen – das war eine der Bedingungen, damit ihr Vater eine Hauselfe annehmen kann – und er muss deswegen nur irgendwie zu einem magischen Kamin kommen. Oz ist betrunken und Derek ist mitsamt Delilah in ihrem alten Zimmer verschwunden, sodass eine Disapparation grundsätzlich möglich wäre… aber Pansy will wirklich nicht zu den 20 Prozent der 60 Prozent gehören, die es nach dem verpassten Portschlüssel mit einer Disapparation versuchen, zersplittern und im St. Mungo landen.

„Und was machen wir jetzt?“

„Den Zug nehmen? Oder einen Bus?“

„Um diese Zeit? An einem Feiertag? Davon träumst aber auch nur du. Damit kommen wir vielleicht bis nach King’s Cross und ganz vielleicht noch bis nach Wickford, aber niemals ganz nach Hause.“ Eigentlich ist Dean kein ausgewachsener Pessimist und deswegen muss sie seine Einwände automatisch ernstnehmen. Furchtbar ist das.

„Wir könnten auch hier schlafen.“

„Könnten wir… aber da landen wir ganz sicher auf dem Fußboden, weil meine Grandma, Oz, Derek und alle anderen hier ja auch noch unterkommen müssen.“ Sie haben die Köpfe zusammengesteckt, damit niemand ihre logistischen Probleme mitbekommt, doch ihr Vater ist nach dem dritten Glas Wein anscheinend zum Gedankenleser mutiert.

„Ernie!“

„Was?“ Ratlos wenden sie sich an ihren Dad, der sie ansieht, als hätte er da eine ganz zündende Idee gehabt.

„Ernest Prang. Ein ehemaliger Mitschüler von mir. Sitzt am Steuer des Fahrenden Ritters seit… ach, wer weiß das schon noch so genau, seit den Siebzigern bestimmt. Damit kommt ihr auf dem englischen Festland überall hin, ohne Probleme.“ Von dem „Fahrenden Ritter“ hat Pansy natürlich schon gehört, aber eben weil die Isle of Man nicht angeschlossen ist, hat sie als Kind nie irgendwelche Erfahrungen damit gesammelt. Dieses Gefährt ist für sie ein Mythos, der obendrein noch einen schäbigen Ruf hat.

„Oh, das wäre natürlich einen Versuch wert!“ Deans Augen leuchten und sie versteht die Welt nicht mehr.

Du kennst den Fahrenden Ritter?“

„Nur aus Erzählungen von Harry! Aber ich wollte schon immer mal damit fahren… oh, lass uns das ausprobieren! Bitte! Wir fahren mit Anton nach London und da können dieser Ernest und Kollegen uns leicht einsammeln!“

„Ja… ja, gut, von mir aus.“

„Yes!“ Dean überstrahlt den Weihnachtsbaum mit Leichtigkeit und ihr Dad schmunzelt. Auch wenn hier niemand wankt und schwankt, ist ihr diese kollektive Begeisterung für ein fremdes Verkehrsmittel etwas unheimlich. Und sie kommt zu dem Schluss, dass hier im Großen und Ganzen zu viel Alkohol geflossen ist. „Wollen wir uns dann auf den Weg machen oder bleiben wir noch ein bisschen?“

„Kommt auf die Fahrzeiten an.“ Sie wirft ihrem Vater, dessen Mundwinkel nach wie vor zucken, einen fragenden Blick zu.

„Immer und überall.“

Nun, wo klar ist,dass sie keinen „Abreisetermin“ mehr haben, will sie natürlich auch niemand so schnell gehen lassen. Es gibt noch einen mitternächtlichen Kuchen, noch eine Runde Kakao, noch eine Runde Skat und irgendwann versiegt die Feierlaune dann auch bei allen Anderen. Innerhalb von wenigen Minuten wollen sie alle schnell ins Bett und sie befindet sich mit Dean und ihrem Dad auf dem Weg nach London rein.

Die Straßen sind minimal vereist, aber dafür sehr frei. Nach King’s Cross zu kommen ist wie erwartet kein größeres Problem. Ihr Vater erlebt seine Jungfernfahrt in einem Muggelbus und staunt darüber, wie „solide“ sich das anfühlt. Wie sicher. Ihre Bedenken, den „Fahrenden Ritter“ betreffend, wachsen, auch wenn ihr Dad keinen konkreten Vergleich eröffnet.

Als sie im magischen Bereich des Bahnhofs angekommen sind, verschwindet ihr Vater im erstbesten Kamin und wünscht ihnen eine gute Reise. Dabei wirkt er vollkommen unbesorgt, sodass Pansy sich wieder einigermaßen sicher ist, dass sie heute Abend nicht auf irgendeiner Landstraße verunglücken werden.

„Und wo müssen wir jetzt hin?“

„Zum Busbahnhof zurück.“

„Zum ganz normalen Busbahnhof?“

„Ja. Soweit ich weiß, befährt der Fahrende Ritter ganz normale Straßen. Es gibt keine versteckten Haltepunkte oder so… man muss manchmal bloß eine Weile warten, er appariert immerhin durchs ganze Land.“

„Er appariert? Ein ganzes Fahrzeug disappariert?“

„Quasi.“ Quasi. Das Wort des Tages. „Also er fährt mit Benzin und Magie. Je nach Entfernung wird auch getrickst, also es ist ziemlich wild… aber auch sehr traditionsreich. Also gefährlich kann es nicht sein, sonst wäre es vom Ministerium ja längst verboten worden.“

„Wenn du das sagst.“

„Und dein Dad hätte es uns nicht empfohlen.“

„Wenn du das sagst.“ Sie seufzt und Dean legt einen Arm um sie. „Ich hätte einfach nichts trinken sollen, dann wären wir schon zuhause.“

„Ach was… so ein kleines Abenteuer kann man doch mal mitmachen. Wir setzen uns einfach da vorne hin, warten ein paar Minuten und dann schauen wir weiter.“

Er dirigierte sie in Richtung einer kleinen Bank mit Überdachung. Es war der Haltebereich 13, was sie direkt wieder etwas melodramatisch fand. Als sie sich danach erkundigte, woher Dean wusste, dass sie hier richtig waren, deutete er auf ein kleines Schild, das Auskunft darüber gab, dass hier die Nachlinie Z abfuhr. Z wie Zauberei. Außerdem hatte irgendjemand mit einem roten Textmarker ein schludriges K vor den Nightbus geschmiert. Sehr subtil. Und ein bisschen witzig. Aber Humor war eher zweitrangig, wenn es um Verkehrsmittel ging.

Im Stillen wollte sie bis 1.000 zählen und Dean dann vorschlagen, einfach in einem Gasthaus in der Winkelgasse unterzukommen, die gar nicht so weit weg war. Sie vergaß vollkommen, bei welcher Zahl sie war, als aus dem Nichts ein riesiger, roter Bus vor ihnen zum Halten kam. Der Auspuff gab ein gotterbärmliches Knarzen von sich, der Lack der sich öffnenden Vordertür blätterte ab und sie wollte gar nicht wissen, wie entsetzt sie gerade aussah.

„Fröh-öh-höliche Weihnacht überall, wir fahren heute mit Üh-hüberschall…geschwindigkeit!“ Ein kleiner Mann, dessen Gesicht mit Warzen übersät ist, dessen lange, dunkle Haare aber dafür glatt nach hinten gegelt sind, verneigt sich vor ihnen „Gestatten, Mr. Fletcher mein Name, Ihr Reiseveranstalter für diese feierliche feierliche Nacht. Wohin soll die Reise gehen?“

„Ehm… Wickford, bitte. Also Wickforder Umland.“

„Ui ui ui, Ernie, hast du gehört? Wir fahren nach Essex! Essex, Baby!“ Mr. Fletcher legt den Kopf in den Nacken und jault. Diese Darbietung verstört Pansy schwer und sie denkt nicht mal daran, einen Fuß in dieses Gefährt zu setzen, als sich Mr. Fletcher plötzlich nach vorne beugt und grinsend einen goldenen Backenzahn entblößt. „Kleine Impression vom guten, alten Stan… der beste Stewart, den’s hier je gab. Die Stammgäste freuen sich immer, wenn ich ein bisschen aufdrehe, aber ich wollte sie nicht erschrecken, junge Dame. Bitte, steigen Sie doch ein.“ Er reicht ihr seine behandschuhte Hand, die sie reflexartig ergreift. Mit erstaunlich viel Kraft hievt er sie gleich drei Stufen in den Bus hinein. „Haben Sie Gepäck?“

„Nein.“ Sie dreht sich suchend um und ist froh, dass Dean gleich hinter ihr eingestiegen ist, denn die Türen haben sich bereits geschlossen. Mit einem merkwürdigen Knirschen.

„Name?“

„Mein Name?“

„Ja. Ich bin dazu angehalten, eine stets aktuelle Liste der Passagiere bei mir zu führen. Ordnung muss sein.“ Mr. Fletcher präsentiert ihr einen Block, auf dem eine Flotte-Schreibe-Feder gewütet hat. Etliche Namen sind mehrfach durchgestrichen, förmlich zerkratzt worden und falls die Liste korrekt ist, befinden sich außer ihnen noch sechs weitere Menschen an Bord. „Also? Name?“

„Pansy Parkinson.“

„Die Firma dankt! Und Sie, Sir?“

Dean darf nun ebenfalls seinen Namen nennen und obendrein noch eine genauere Auskunft bezüglich ihrer Adresse geben. Es erweist sich als außergewöhnliches Glück, dass Pansy zuerst sitzt, denn Ernest – der schweigend hinterm Steuer hockt und zu dem sie ihren Vater dringend noch eingehender befragen muss, weil er wie ein Greis wirkt, ein aufgeputschter Greis – tritt aufs Gas. Dean rettet sich ganz pragmatisch auf den nächstbesten Sitz und wartet einen Augenblick, bis er nochmal aufsteht und sich zu ihr herüberwagt. Ihr wird direkt ein bisschen schlecht und sie will gar nicht wissen, mit wie vielen Meilen pro Stunde sie hier eigentlich unterwegs sind. Sicher mehr als 50.

„Guck nicht aus dem Fenster.“

„Was?“

„Das war Harrys heißer Tipp. Er meinte, wenn man auf die Straße guckt, wird einem sofort kotzübel. Halt den Blick gerade auf irgendeine Sitzlehne gerichtet… oder guck mich an.“

„Am liebsten würde ich die Augen zumachen.“ Und beten, dass es so schnell wie möglich vorbei war.

„Das wäre ein klassischer Anfängerfehler.“

„Hab ich mir schon gedacht.“ Der Bus legte sich in eine Kurve und es kam ihr so vor, als würde sich nur ein Bruchteil der Räder auf dem Asphalt befinden. „Das werde ich meinem Dad nie verzeihen.“

„Er hat’s nur gut gemeint.“

„Hmhm.“ Zu ihrer aller Sicherheit hält Pansy lieber den Mund geschlossen. Sanft zieht Dean sie an sich, sodass sie weder das Fenster, noch die Türen sehen kann, sondern nur seinen Pullover. Er malt kleine Kreise auf ihren Rücken.

„Aber das war doch schön, oder? Das lief doch gut.“ Viel besser als erwartet. Ihr Vater hatte einen seiner sozialkompetenten Tage gehabt und eigentlich hätte sie ihm noch sagen müssen, dass sie stolz auf ihn war, auch wenn es irgendwie merkwürdig war, einen erwachsenen Mann zu loben. Aber sie kritisierte ihn oft genug, da konnte sie auch mal anerkennen, wenn ihm etwas richtig gut gelang. „Ich muss eh sagen… ich habe deinen Dad richtig lieb gewonnen. Also er ist wirklich schwer in Ordnung. Und ab und zu sogar richtig witzig.“

„Hm.“

„Ist dir wirklich so schlecht?“

„Vielleicht.“

Dean lacht auf.

„Vielleicht?“

„Ich will kein Risiko eingehen.“

„Du darfst mich jederzeit vollkotzen.“

„Bah.“

„Nein, ehrlich, wenn ich von irgendjemandem auf der Welt angekotzt werden möchte, dann doch bitte von dir.“

„Lass uns nicht übers Kotzen reden.“

„Okay.“

„Lass uns gar nicht reden.“

„Dann vergeht die Zeit aber schneller.“ Sie spürt, dass Dean den Kopf dreht. „Ich kann keine Schilder entdecken, aber ich glaube, wir sind schon aus London raus…“

„Nächster Halt, Wickford!“ Die näselnde Stimme von Mr. Fletcher schallt durch den Bus und dann kommt der Bus abrupt zum Stehen. Als sie Anstalten machen, sich zu erheben, schüttelt Mr. Fletcher den Kopf. „Noch nicht, wir sind am anderen Ende der Stadt. Sorry… hätt‘ mich klarer ausdrücken müssen. Mrs. Vanish! Das ist Ihre Haltestelle! Huhu!“ Mr. Flechter klatscht in die Hände und läuft in den hinteren Bereich des Busses. Er kehrt mit einer kreidebleichen Hexe zurück, deren Haare in einem abenteuerlichen Violett gefärbt sind. „Beehren Sie uns recht bald wieder!“ Mr. Fletcher schreit und die Angesprochene nickt ganz apathisch, ehe sie – überraschend geschmeidig – aus dem Bus springt.

Die Türen schließen sich wieder – und der Höllenritt geht weiter. Es vergehen allerdings keine drei Minuten, bis sie wieder zum Halten kommen. Dean hat sie die ganze Zeit über festgehalten und ihr erzählt, was er draußen so erkennen kann. Was er wiedererkennt.

Als sie schließlich stehen und die Türen wieder aufgehen, kann Pansy es gar nicht erwarten, an die frische Luft zu kommen. Sie ist sogar ganz glücklich damit, dass sie auf dem Bordstein ausrutscht und auf dem Boden landet. Mr. Fletcher und Kollegen bekommen das schon gar nicht mehr weiter, denn der „Fahrende Ritter“ rast und reist bereits weiter.

„Oh Gott, geht’s dir gut?“ Dean bietet ihr zwei Hände an und sie lässt sich bereitwillig wieder auf die Füße ziehen. „Hast du dir den Kopf angeschlagen?“

„Nein.“ Sie ist auf ihrem Po gelandet und sieht schon vor sich, wie sie die nächste Woche mit einem prächtigen Hämathom durch die Weltgeschichte spaziert und nur noch ihren rechten Sitzbeinhöcker belasten kann. „Ist okay… wir sind ja da.“

„Na ja, fast.“ Mit ein bisschen Fantasie kann man die Umrisse des Hauses in der Dunkelheit erkennen. Sorgsam setzt sie einen Fuß vor den anderen und schlittert in Richtung der Einfahrt. Aus ihr unbekannten Gründen tut Dean sich mit dem Gehen nicht einmal halb so schwer.

„Wie machst du das?“

„Wie mache ich was?“

„Laufen ohne zu fallen.“

„Meine Schuhe haben so etwas wie Profil. Du wärst auf Socken wahrscheinlich besser dran.“ Es wäre vernünftiger, langsam zu machen oder ihren Besen zu rufen oder sich an sonst einen findigen Zauberspruch zu erinnern, doch Pansy geht in die Hocke und öffnet ihren linken Stiefel. „Das würde ich an deiner Stelle nicht tun.“

„Eben gerade meintest du noch, ich wäre so besser dran.“

„Ja… aber es besteht auch die Gefahr, dass du festfrierst, wenn du zu langsam machst.“

„Dann mache ich eben nicht langsam.“

„Ich kann auch einfach vorgehen und dir andere Schuhe bringen. Oder mal schauen, ob man Aufrufezauber auch auf Menschen anwenden kann.“

„Wehe!“ Tapfer schlittert sie weiter und Dean verschont sie mit weiteren konstruktiven Vorschlägen, sondern schlendert ganz gelassen neben ihr her. Ohne jede Mühe erklimmt er die drei Treppenstufen zur Haustür, während sie lieber das kleine Geländer ergreift und sehr genau auf ihre Füße guckt.

„Schön machst du das.“ Er applaudiert ihr, als sie auf der Fußmatte angekommen ist. Ohne weitere Blessuren. Selbst das Maunzen von Anna Karenina, die angelaufen kommt, hört sich in ihren Ohren ein bisschen hämisch an. „Und jetzt bitte noch eine Pirouette zum Abschluss.“

„Du kannst mich mal.“

„Immer gern.“

„Ein toller Freund bist du… anstatt mir mal zu helfen. Sogar dieser Schaffner war hilfsbereiter als du!“

„Wollen wir jetzt wirklich über diesen Schaffner reden?“

„Nein. Bitte nicht. Ich möchte diese Fahrt eigentlich so schnell wie möglich aus meinem Gedächtnis streichen.“ Sie schlüpft aus ihren Stiefeln und stößt ein dramatisches Seufzen aus. „Für immer.“

„Und ewig.“

„Exakt… wieso bist du eigentlich noch so wach? Darf man das vielleicht mal erfahren? Hast du zwischendurch heimlich ein Nickerchen gemacht?“ Sie hat länger keine Uhr mehr gesehen, aber sie ist sich sicher, dass zwei Uhr längst durch ist. Für sie ist das kein Problem, aber für gewöhnlich kriecht Dean um diese Zeit auf dem Zahnfleisch.

„Kaffee ist das Zauberwort.“

„Wie viele Tassen?“

„Das möchte ich lieber nicht sagen.“

„Mehr oder weniger als vier?“ Sie dachte an die riesigen Pötte, die in Deans Familie als Tässchen gehandelt wurden. Wenn man vier von diesen Tassen trank, nahm man locker einen Liter oder mehr auf. Eher mehr.

„Ich wiederhole mich nur ungern, aber… das möchte ich lieber nicht sagen.“

„Du könntest also praktisch noch einen Marathon laufen?“

„Nö, aber so ein paar Runden ums Haus joggen wären noch drin.“

„Dann mach doch.“

„Na, ich verausgabe mich lieber ein bisschen beim professionellen Gewichtheben.“ Er breitet seine Arme aus und sie schüttelt den Kopf über so viel… Wachheit. Trotzdem legt sie bereitwillig ihre Hände um seinen Hals und lässt sich hochheben. „Wohin soll’s gehen?“

„Auf direktem Weg ins Badezimmer.“

„Kein kleiner Abstecher mehr in die Küche?“

„Auf gar keinen Fall, sonst kannst du bald mit Kugelstoßen anfangen.“

„Du bist zu hart zu dir selbst, Süße.“ Er sagt das und klingt ganz ehrlich und aufrichtig, aber natürlich kneift er trotzdem in ihre Hüfte und erinnert sie daran, dass sie sich im neuen Jahr dringend ein bisschen gesünder ernähren sollte.
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