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The Fool On The Hill

von thuli99
GeschichteKrimi, Suspense / P16 / Gen
12.04.2020
04.12.2021
18
29.211
6
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
25.11.2021 1.181
 
Guten Abend, ihr Lieben! :)

Irgendwie sind wir nun schon beim dreizehnten Abschnitt angekommen, das ging schnell! Natürlich sind die Abschnitte allesamt sehr kurz, aber nun kommen wir schon zu meinen Lieblingsabschnitten und bald auch dem Ende - und ich habe das Gefühl, dass hier alles nicht genug genossen zu haben ^-^'

Ich freue mich aber wirklich sehr, über jede/n der dies liest! >.<

Viele Grüße und einen schönen Abend!


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dreizehntens.

Ruth sucht ihn jetzt wieder jeden Tag heim und Emil weiß nicht, wie er sie davon abhalten soll. Seit ihrem Besuch auf dem Messihof hat Ruth sich verändert. Sie werden sich ähnlicher, von Tag zu Tag und diese Ähnlichkeit ist es, die Emil so anekelt.

Sie sitzen auf der amerikanischen Veranda, er mit einem Whisky und sie mit irgendeinem billigen Dosenbier. Die Sonne geht unter und Ruths Wangen sind schon ganz rot vom Alkohol. Emil hat sein Glas noch nicht einmal angerührt.

„Siehst du sie eigentlich noch, Emil“, frag Ruth und wirft ihm einen Blick zu.

Milka.

Ach, Milka.

Immer immer wieder Milka.

„Nein“, sagt er.

„Weiß du, ich. Ich sehe sie noch. Aber nicht mehr im Wald. Nicht mehr als bleiche Hand an meinem Fenster oder Schatten im – im Supermarkt oder … Kissenabdruck in meinem Bett. Ich sehe sie hier.“

Sie tippt sich an die Stirn. Zitternde, kleine Hände.

„Ich träume jede Nacht von ihr.“

Einen Moment schwiegen sie. Betrachten das Orange der Sonne, die die Baumwipfel unter ihnen küsst, wie sie das Schauspiel schon viel zu oft zusammen betrachtet haben. Es sollte an Zauber verlieren, findet Emil, aber das tut es nicht. Die Natur verliert doch nie an Zauber. Nur der Mensch.

Dann kramt Ruth endlich doch noch eine Zigarette aus ihrer Jackentasche. Zündet sie erst fast falsch rum an. Flucht, dreht sie mit zwei Fingern richtig rum. Das Feuerzeug schnippt leise. Aber flammt nicht auf.

„Ich habe dir ja gesagt, dass ich sie gesucht habe. Mit Jerome in den Bergen. Ich hab dir erzählt, dass wir nichts gefunden haben, drei Monate und was-weiß-ich wie viele Tage für nichts.“

Sie scheint die Zigarette sofort wieder vergessen zu haben, hält sie nur in der Hand. Unangezündet. Roh.

„Das war gelogen“, sagt Ruth und zieht die mageren Schultern nach oben. „Ich habe sie gesehen, Emil. Ich schwöre beim Leben meiner Alten, dass ich sie gesehen habe.“

„Wo hast du sie gesehen“, sagt Emil, obwohl es ihn nur ein wenig interessiert, nur ein kleines bisschen.

„Ich glaub, sie ist abgestürzt. Ich glaube, jetzt liegt sie im Bach. Ich glaube… du Emil, ich glaube, sie hat mich angesehen.“

Emil schiebt sein unangerührtes Glas beiseite und dann Ruths leere Bierdosen. Eine, zwei, drei.

„Ruth“, sagt er. „Du solltest weniger trinken.“

Vier, fünf. Fünf ein halb. Er schüttet den Rest über das Geländer seiner amerikanischen Veranda.

„Emil“, sagt Ruth. „Du verstehst das nicht. Sie hat mich angesehen. Sie weiß, dass ich hier bin. Hier bei dir. Sie weiß, dass ich sie gesucht habe, sie weiß, dass ich sie gesehen habe und – und nicht hinterher gesprungen bin. Sie hat ihre Arme ausgebreitet, so. Genau so.“

Ruth breitet ihre dünnen Arme aus, streckt sie von sich, als gehören sie gar nicht mehr ihr selbst.

„Vielleicht tun sie das ja gerade auch gar nicht“, denkt Emil. „Vielleicht gehören sie jetzt einer anderen Ruth. Einer, die nicht mehr „selbstverständlich“ heißt, sondern irgendwie anders.“

„Ich wollte aber nicht springen, Emil“, sagt Ruth und ihre Stimme ist ungewöhnlich leise.

Ungewöhnlich. Wie ihr ganzes Verhalten, seit sie aus den Bergen zurück ist.

„Warum hättest du auch springen wollen?“, fragt er und nimmt ihr die Zigarette aus der Hand. Steckt sie sich selbst an, pustet den Rauch weg vom Bach und weg von Ruth.

„Damit wir wieder zusammen sind. Das hätte sie gewollt. Das – das will sie. In meinen Träumen.“

„Träume sind nicht real“, sagt Emil, während der Rauch sich im Nirgendwo verliert.

„Was ist, wenn sie mich holen kommt?“, fragt Ruth.

„Dann gehst du nicht mit“, sagt Emil.

„Emil“, sagt Ruth und lacht das Lachen, das gar nicht wie ein Lachen klingt. „Man würde ja fast meinen, du hast Erfahrung mit sowas.“



vierzehntens.

Ruth wird ihm immer ähnlicher und Emil Richter-Arnold sich selbst immer fremder. Er spürt, wie er den Anschluss verliert und Ruth, die spürt das vielleicht auch.

„Weißt du Emil“, sagt sie eines Abends im Licht der untergehenden Sonne, „ich habe ja eigentlich immer gewusst, dass ich sie nicht loswerde. Aber ich habe auch gleichzeitig gedacht, dass sich mein Fokus verlagern kann. Irgendwann. Tja. Und jetzt ist sie tot und präsenter denn je.“

Milka, Milka.

Ruths Leben dreht sich um eine Tote.

„Ich sehe sie überall“, sagt Ruth. „Und manchmal wünschte ich mir, es wäre doch wieder Paul im Kleid, den ich da neben mir im Bett liegen habe. Absurd, nicht wahr. Absurd, sich sowas zu wünschen. N‘ homophobes Arschloch im Transenkleid neben mir liegend. Lieber das, als Milka. Lieber Pauls besoffene Visage als Milkas totes Gesicht.“

Ruth trägt die Bluse mit den roten, kleinen Blumen mit der Cordhose und sogar Emil fällt auf, wie wenig die beiden Kleidungsstücke zusammenpassen. Sogar an Ruth.

Er seufzt.

„Ich weiß, wie das ist“, sagt Emil Richter-Arnold und pustet den Rauch von Ruths Zigarette von sich weg, einfach nur weg. „Ich kenne das Gefühl, verfolgt zu werden. Manchmal hilft da ein Tapetenwechsel.“

Er lächelt Ruth schief an und Ruth. Die lächelt schief zurück.

„Bist du deswegen hier her gezogen, Emil? Um deinem Schatten zu entkommen?“

„Ja“, sagt er schlicht und pustet den Rauch weg vom Bach und weg von Ruth.



fünfzehntens.

„Ich habe gehört, die Ruth wohnt jetzt bei Ihnen, Herr Richter-Arnold“, sagt Frau Weiss an der Supermarktkasse, während Emil Richter-Arnold umständlich sein ungesundes Toastbrot in seinen Rucksack stopft.

„Ah“, macht er. „Mit Karte, Bitte.“

„Weiß ich doch, weiß ich doch. Aber ich versteh’s nicht, Herr Richter-Arnold. Nach alledem. Mit der armen Milka und meinem Paule. Wie können Sie nach der ganzen Sache noch mit ihr zusammenziehen? Da oben hört Sie doch auch keiner. Wenn Sie verstehen, wie ich’s meine.“

Emil versteht nicht. Emil will nicht verstehen, nicht von der Weiss. Nicht von der Löwenmutter, die ja nur darauf wartet, ihren Zeigefinger wieder auspacken zu können, um ihn nackt auf jemanden zu richten.

„Ich mache mir Sorgen“, sagt Frau Weiss, als sie ihm seinen Beleg reicht. „Sie sind blasser geworden, wenn ich das mal so anmerken darf. Und dünner. Sie sollten nicht so ein billiges Toastbrot essen. Meine Freundin, die Gesine, die sucht noch nach einer Arbeit. Seit ihr kleiner Willi ausgezogen ist, hat die niemanden mehr, den sie bekochen kann. Ihr Mann, das müssen Sie wissen, ist schon vor Jahren verstorben. Schreckliche Geschichte. Drei Jahre gegen den Krebs gekämpft und am Ende doch nicht gewonnen. Ich könnte die Gesine mal zu Ihnen hochschicken.“

„Nein, Danke“, sagt Herr Richter-Arnold und schiebt den Beleg zum ungesunden Toastbrot.

„Dann könnte Ruth sich auch mal wieder um ihre arme Mutter kümmern“, sagt Frau Weiss noch in seinem Rücken.

Vor dem Supermarkt liegt Paul in seiner eigenen Kotze und schnarcht.



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