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Da steh' ich nun, ich Amthor, und bin so klug als wie zuvor!

GeschichteParodie / P18 Slash
Friedrich Merz
11.04.2020
17.04.2020
2
1.663
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Dieses Kapitel
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17.04.2020 1.269
 
Dass Philipp Amthor sein großes Vorbild Friedrich Merz bei seiner Kandidatur für den CDU-Parteivorsitz und schließlich auch seine damit potentiell mögliche Kanzlerkandidatur unterstützen wird, hat er nicht zuletzt im Februar beim Heringsessen des Stadtverbandes der Christdemokraten in Ueckermünde deutlich gemacht. Philipp kam es so vor, als sei sein eigenes Ansehen bei Friedrich und seinen Anhängern dadurch noch einmal enorm gestiegen. Gut so. Das war genau das, was er jetzt noch brauchte. Er war die Universalwaffe der modernen CDU. Und die moderne CDU war konservativ und  Meme-Lieferant Nummer 1 gleichzeitig. Das musste ihm erst mal jemand nachmachen. Ihm persönlich war egal, aus welchen Gründen er polarisierte und dass die meisten Nicht-CDUler und vor allem die Bürgerinnen und Bürger seiner Generation ihn eher als Satire-Projekt wahrnahmen, als als Politiker. Aber schließlich hatte er das Direktmandat und nicht sie. Er war der jüngste Abgeordnete und nicht sie. Er hatte den Swag und nicht...- okay beim letzten Punkt war er sich selbst auch noch nicht so sicher. Aber auch das würde werden. Er brauchte die Bekanntheit im öffentlichen Diskurs, um auch in seiner eigenen Partei besser wahrgenommen zu werden. Das klappte bis jetzt hervorragend! Er spielte einfach weiterhin die naive Jungfrau, die sich beim Lachen beinahe den Kiefer ausrenkte und somit unglaubliche Ähnlichkeit mit einem Pferd aus seinem Wahlkreis hatte. Videos mit seinem Namen im Titel waren das ultimative Clickbait dieser Tage. Die Menschen, die sich über ihn erhoben und sich über ihn lustig machten, pushten ihn in Wirklichkeit einfach nur und verhalfen ihm zu diesem unglaublichen Machtgefühl, das sich beinahe spirituell auf ihn auswirkte. Wäre da nur nicht offensichtlich kein Platz mehr in seinem Leben für esoterischen Kram. Er hatte bereits Gott. Das durfte vollkommen ausreichend sein. Im letzten Jahr war er extra in die katholische Kirche eingetreten. Nicht, dass die olle Julia Klöckner ihm irgendwann noch den Kanzlerposten wegschnappte, nur weil sie den Rosenkranz beten konnte. Das war bis dato auch der einzige Trumpf gewesen, den sie spielen konnte. Manchmal vergaß er, dass sie ja sogar Ministerin in der Bundesregierung war...für...für was noch einmal gleich? Philipp wollte es einfach nicht einfallen. Aber zurück zum Thema: nach der langjährigen evangelischen Bundeskanzlerin sehnte sich seine Partei ganz sicher nach einem Katholiken. Wenn er jetzt noch öffentlich mit Dorothee Bär und Markus Söder Freilichtgottesdienste im Wahlkampf veranstalten würde, hätte er auch noch die ganze CSU auf seiner Seite. 'Läuft bei dir Philipp' - er klopfte sich selbst auf die Schultern.

"Philipp, mein Junge, du bist 27, wann bringst du denn mal ein Mädchen mit?", hatte seine Mutter ihn gefragt, als er ihr in einer alten Tupperdose die Reste vom Heringsessen überreichte und sich auf der Küchenbank fallen ließ. Im Wohnzimmer hatten auf dem DDR-Bügelbrett, das seine Mutter schon seit Jugendtagen besaß, gestapelt seine weißen Hemden gelegen, die sehnsüchtig darauf warteten, wieder mit ihm nach Berlin zu reisen. Philipp hatte das geantwortet, was er auch allen Journalisten sagte, die ihm diese Frage stellten. Jetzt hatte er keine Zeit dafür. Das Bundestagsmandat, die Arbeit an seiner Dissertation - ja, lol, ey. Was stellten sich die Leute denn vor? Da blieb einfach keine Zeit mehr für süße Susen und kultige Parties. Außer natürlich die Parties, die Friedrich Merz veranstaltete. Champagner statt billiges Gesöff. Witze über Özil statt politisch korrektes Gender-Gaga. Gespräche in Juristendeutsch statt Gespräche in dieser Rapper-Sprache. Wie hieß noch einmal diese Rapperin, die auf dem letzten Schützenfest in Ueckermünde abgespielt wurde - Schwester Eva? - Schlimm, den Namen der Protagonistin der Schöpfungsgeschichte so zu schänden. Und fetzen tat die Musik auch überhaupt nicht. Philipp schüttelte den Kopf. Das war einfach nur Kikifax.

Nachdenklich packte Philipp an diesem Samstagnachmittag seinen Koffer und dachte an das Gespräch mit seiner Mutter im Februar zurück. Eigentlich hatte er von ihr etwas Besseres erwartet, als diese Fragerei nach einer Partnerin. Sie hatte ihn in der Vergangenheit doch sonst auch immer damit in Ruhe gelassen. Und überhaupt - es war doch sein Leben. Er checkte die neusten Kommentare unter seinem Instagrambild. Den Post hatte er doch wieder sehr schön gestaltet! Wenn man am Ende seines Erklärungstextes noch einen kleinen Gag mit einem Zwinkersmiley packte, dann kam das alles doch ganz locker herüber und beglückte die Menschen. Ein wenig Schabernack durfte sein, aber ja nicht zu viel. Philipps Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, als er die positiven Rückmeldungen las und steckte sein Handy zufrieden zurück in die Hosentasche seines Anzugs. Jetzt noch ein Küsschen für die Mutti, - also wohlgemerkt seine echte Mutti und nicht die Kanzlerin-, nicht dass hier jetzt welche auf getürkte Gedanken kamen.

Und dann war er schon wieder in Berlin. In dieser imposanten, klasse Hauptstadt. "Berlin, du geile B*tch!", rief er in seine Berliner Wohnung hinein, nachdem er sie aufgeschlossen hatte und auch schon die Tür hinter sich zugeschlossen hatte. Nicht, dass die Nachbarn ihn noch als Ausrufer dieses derben Selbstgespräch-Wortgeplänkels enttarnten. Für die heutige Party hatte er sich was besonders Verrücktes ausgedacht. Zum ersten Mal würde er Friedrich Merz' süffisanter Sause ohne eine Krawatte beiwohnen! Das würde spannend werden. War das vielleicht sogar eine dieser Challenges, von denen diese ganzen Menschen auf Instagram in seinem Discover-Feed immer sprachen? Den Pony gelte er sich heute so, dass ihm drei  Strähnen frech über die Stirn hingen. Perfekt! Dazu ein Glas Champus und man würde ihm nicht widerstehen können. Er wusste nur noch nicht so recht, wen er damit beeindrucken wollte. Außer der Escort-Damen, die für die persönliche Bespaßung einiger Stammgäste auf Merz' Party zuständig waren und die man auch nur antraf, wenn sie sich in einer ihrer Pausen rasch einem Drink vom Tablett griffen, waren ja nie Frauen da. Na ja, halt noch die Chics, die die Getränketabletts trugen. Aber die hatten alle immer so einen wahnsinnig gigantischen Vorbau, dass Philipp ein wenig bang wurde. Konnte man nicht ersticken, wenn so etwas auf einem drauf lag? Oder musste er sich vielleicht auf sie drauf legen? Wie funktionierte so etwas? Er hatte keine Ahnung.

"Philipp, da sind Sie  ja! Herzlich willkommen!", begrüßte ihn Friedrich Merz mit einem festen Händedruck. Wie immer  stand Philipp etwas verloren da und blickte sich scheu um. Vom weiten kam ein junger Mann auf sie zu. Philipp fiel direkt auf, dass auch er keine Krawatte trug. Dafür aber ein hellgraues Jackett, einen blau-grünen Kaschmirpullover und darunter ein strahlenweißes Hemd. Wer war dieser gut aussehende Knabe bloß? Philipp hatte ihn noch nie gesehen. War er bei der Jungen Union? Ein neuer Schützling von Merz? Womöglich ein Konkurrent? Je näher er kam, desto verwirrter schaute Philipp. Das Gesicht kam ihm plötzlich bekannt vor. Doch er war sich immer noch ziemlich sicher, dass er diesen jungen Mann nicht kannte. Und dann fiel es ihm auf: der Kerl sah aus wie Friedrich Merz mit Haaren!
"Philipp, das ist mein Sohn Philippe. Dr. Philippe Merz! Schau Philippe, das ist Philipp Amthor. Angehender Doktor, so wie ich hörte. Sie schreiben doch gerade an Ihrer Dissertation, richtig Philipp?"

Philipp brummte der Kopf. So oft hatte er seinen Namen in einem Satz auch noch nicht gehört.
- "Das ist vollkommen richtig. Das Thema ist 'Staatswohl und Staatsgeheimnisse zwischen Regierung und Parlament!'" Er reichte dem Sohn von Friedrich Merz die Hand. Sein Händedruck war ziemlich fest. Und seine Hände sehr weich. Langsam zog Phillip seine Hand wieder zurück. Auf die Beschaffenheit fremder Hände achtete er normalerweise nie. Philippe Merz hatte eine sehr besondere Augenfarbe. Sie hatten dieses interessante Grün und dann den braunen Kreis, der sich um seine Pupille schmiegte. Philipp mochte gar nicht mehr wegsehen.
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