Das Schlachthaus in der Minton Street

GeschichteThriller, Horror / P16
11.04.2020
24.05.2020
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23.05.2020 2.132
 
Hier sah es kaum anders aus als draußen auf dem Hof. Unkraut, Chipstüten, Bierdosen, Schnapsflaschen. Wietere Spritzen, und etwas, von dem Eddie vermutete dass es sich um benutzte Kondome handelte, aber so genau wollte er das eigentlich gar nicht wissen. Jedenfalls war die gesamte Szenerie hier drinnen weniger gruselig als irgendwie traurig… Während er weiter ins Innere das verfallenen Bauwerkes ging fragte er sich, wie lange all dieser Müll wohl bereits hier lag. Er sah nicht wirklich frisch aus, vieles davon war teilweise mit Laub bedeckt, das seit mindestens sieben Monaten hier liegen musste, und überhaupt trugen einige der Tüten Namen von Firmen, von denen Eddie noch nie etwas gehört hatte. Möglicherweise waren die Leute, die als letztes hier Party gemacht oder was auch immer getan hatten, heute fast im Alter seiner Eltern…
Der Gedanke beruhigte ihn einerseits, andererseits verlieh er dem ganzen Ort auch wieder etwas düsteres.
„Das ist doch genau das, was du wolltest…“, murmelte er zu sich selbst, schob einige der fauligen Blätter mit dem Fuß beiseite.  Als er das nächste Foto schoss, schaltete sich automatisch der Blitz seiner Kamera ein, und er zuckte erneut zusammen und hätte beinahe leise aufgeschrien.
Wenn er weiterhin so schreckhaft war, sollte er sich wohl besser von dem Gedanken verabschieden, noch einmal in das Innere des Gebäudes zu gehen - er vermutete, dass es dort noch um einiges unheimlicher anmuten würde, und er verspürte keine sonderliche Lust darauf, sich wie der letzte Angsthase vor einer solchen Kleinigkeit wie dem eigenen Kamerablitz zu erschrecken; vor allem nicht in Victors Gegenwart. Zwar war Eddie klar, dass sein Freund ihn keinesfalls dafür auslachen oder ihn anderweitig verurteilen würde; würde er das tun wären sie mit Sicherheit nicht befreundet, denn Eddie war sich insbesondere in der Schule ständig schreckhaft.
Aber da war das okay. Seine Angst vor Menschen war störend, und er hätte viel darum gegeben dass sie einfach verschwinden würde, aber sie war ihm vor Victor nicht peinlich.
Sich jedoch als jemand, der Horrorfilme und -Geschichten liebte in einer Situation wie dieser derart albern zu verhalten… diese Vorstellung missfiel ihm gewaltig. Denn im Grunde kam das einem Geständnis gleich, dass er nicht bloß in sozialen Situationen, sondern einfach grundsätzlich ein Feigling war.
Selbstverständlich war dieses Denken kaum gerechtfertigt, denn wer konnte es einem verübeln, wenn man sich in einer Umgebung, die durchaus als Kulisse eines Horrorfilmes hätte dienen können, erschreckte. Eddie jedoch sah das anders. Er wollte nicht wirken, als hätte er Angst. Als wäre er schwach. Das war er in der Schule, in der Gegenwart von Neil und Dan und Alva, im Grunde bei den meisten seiner Mitschüler; in großen Menschenmassen und wenn er vor anderen Leuten reden musste.
Aber doch nicht hier. Hier war er allein, und es gab absolut keinen rationalen Grund, um Angst zu haben…
Im nächsten Augenblick knirschte etwas unter Eddies Füßen. Während er in seinen Gedanken versunken gewesen war hatte er sich weiter durch die Ruine bewegt, stand nun beinah direkt vor dem, was von der hinteren Wand noch übriggeblieben war, um nun innezuhalten und zu Boden zu blicken, um zu sehen, was dieses unerwartete Geräusch verursacht hatte…
Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn ein erschrockenes Keuchen ausstoßen und einige Schritte zurück stolpern. Beinahe wäre ihm die Taschenlampe aus der Hand gefallen, doch gelang es ihm grade noch  sie mit festem Griff zu packen bevor sie ihm durch die Finger rutschte, und so leuchtete er nun noch einmal auf die Stelle, vor der er soeben zurückgewichen war… Der zitternde Lichtkegel fiel auf dünne Gebilde, die einst womöglich weiß gewesen waren, hier und jetzt jedoch eher dunkelgrau wirkten. Dort, wo Eddies Schuh sie durchbrochen hatte klaffte eine Lücke, und dennoch glaube Eddie mit ziemlicher Sicherheit zu wissen, um was es sich dabei handelte…
Das, was dort vor ihn lag, teils bedeckt von Laub, war ein Skelett.
Es hatte ungefähr die Länge von Eddies Unterarm, und wirkte allgemein so, als würde es bereits eine Weile hier liegen. Das, was wahrscheinlich die Wirbelsäule war, war in zwei Teile gespalten worden; mehrere der zarten Rippen waren wohl bereits ohne Eddies Zutun abgebrochen und lagen lose neben den restlichen Knochen. Der Schädel, nicht einmal faustgroß, wirkte seltsam verdreht wenn man die Position des Halses betrachtete, und oberhalb der Eddie zugewandten Augenhöhle klafften mehrere Löcher.
Es dauerte einige Augenblicke, bis Eddie wieder dazu in der Lage war, sich zu bewegen. Die Gedanken rasten in seinem Kopf, er starrte das kleine Skelett an, und beinahe instinktiv hob er ein weiteres Mal seine Kamera und betätigte den Auslöser.
Im Blitzlicht wirkte das Gerippe noch unheilvoller, noch surrealer, als es im Taschenlampenlicht bereits der Fall war, doch das war keinesfalls das, was Eddies Aufmerksamkeit nun auf sich lenkte.
Der grelle Blitz hatte die gesamte hintere Ecke der Ruine erleuchtet, deutlicher als es der Taschenlampe jemals möglich gewesen wäre, und so hatte eben dieser Blitz auch offenbart, dass dieses kleine Skelett keinesfalls das Einzige hier war.
Ein wenig wie in Trance trat Eddie näher an den großen Laubhaufen heran, der sich dort vor der löchrigen Wand auftürmte, wobei er darauf achtete, nicht im Vorbeigehen noch einmal auf das Gerippe vor ihm zu treten.
Das Erste, was er in der Masse vermoderter Blätter ausmachen konnte, sah aus wie die Überreste eines Vogels. Es mutete ebenso porös an wie jenes auf das er zuvor getreten war, aber besaß es dennoch eine deutliche Ähnlichkeit zu den Abbildungen im Biologiebuch, sodass Eddie sich relativ sicher war dass seine Theorie, dass es sich dabei um eine Taube oder einen Kuckuck oder etwas Ähnliches handelte, der Wahrheit entsprach.
Das, was knapp oberhalb dieses Gerippes aus dem Laubhaufen herausragte, sah jedoch nicht aus als würde es zu einem Vogel gehören. Es war ein wenig größer als das, auf das Eddie zuerst gestoßen war, sah ansonsten jedoch ähnlich aus, wobei lediglich der Kopf und das, was wohl die Vorderpfoten gewesen sein mochten, zu sehen waren. Leere Augenhöhlen starrten in die Dunkelheit, und auch dieser kleine Schädel war übersäht von Löchern, die nicht aussahen als seien sie auf natürliche Weise entstanden…
„Man hat den Tieren den Schädel eingeschlagen!“
Dieser Gedanke war vollkommen unvermittelt in Eddies Kopf aufgetaucht, und so traf er ihn auch ohne Vorwarnung und jagte ihn einen heftigen Schauer über den Rücken. Er spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte, sein Atem ging schnell und unregelmäßig und einen Augenblick hatte er das Bedürfnis, laut zu schreien… Wie erstarrt stand er da, den Blick auf das Skelett fixiert, auf die finsteren Augenhöhlen, auf die Löcher die den blanken Schädel zierten. Das schien das einzige zu sein, was in diesem Moment vorhanden war. Kein Laubhaufen, keine verfallene Ruine, durch deren Bretter sogar Sonnenstrahlen fielen und keine vollkommen Dunkelheit aufkommen ließen… bloß Eddie, und der Anblick dieses vermoderten Gerippes.
Es dauerte einige Sekunden, die sich jedoch anfühlten wie Minuten, bis Eddies Puls sich allmählich beruhigte. Der Schock, in den ihn die Vorstellung, jemand könnte diese Tiere, bei denen es sich, jetzt wo er darüber nachdachte, wahrscheinlich um Katzen gehandelt hatte versetzt hatte, ließ ein wenig nach, und so wich auch die Panik zurück, die gedroht hatte die Kontrolle über seinen Körper zu übernehmen.
Eddie atmete tief ein. „Du bist so ein Feigling…“, murmelte er, und der Klang seiner Stimme ließ ihn noch ein wenig ruhiger werden. Sie war etwas vertrautes, etwas greifbares. So wie das Gewicht der Taschenlampe in seiner einen und das der Kamera in der anderen Hand.
Ja. Es war alles in Ordnung. Es gab keinerlei Grund, Angst zu haben…
Vielleicht hatte irgendjemand - eine Gruppe Jugendlicher oder wer auch immer - es für eine gute Idee gehalten, an diesem verlassenen Ort hier Tiere zu quälen, sie zu verletzen und zu töten. Einen Grund dafür konnte Eddie sich zwar nicht vorstellen, doch verstand er Tierquäler allgemein nicht, und dennoch gab es sie. Also warum nicht hier, an diesem Ort, an den sich wahrscheinlich äußerst selten jemand verirrte und an dem man relativ ungestört war, am Rande der Stadt, umgeben von Gebäuden die leer standen und dem Silversteam-River, der hinter dem Grundstück vor sich hin rauschte… nicht dass diese Erklärung nicht immer noch grausam gewesen wäre. Die Vorstellung, wie jemand aus Spaß mit einem Stein oder Ähnlichem auf die Schädel von Katzen einschlug ließ Eddie erneut erschaudern, und schnell versuchte er, diese Bilder aus seinem Hirn zu verbannen, was ihm in Anbetracht der Tatsache, dass er noch immer vor diesem Skelett stand, mehr schlecht als recht gelang…
Und trotzdem hob er ein weiteres Mal seine Kamera und betätigte den Auslöser.
Es klickte, es blitzte. Auf dem Display erschien das getätigte Foto, eine überbelichtete Aufnahme, wie aus einem Found-Footage-Horrorfilm. Doch das wichtigste war erkennbar, und somit reichte es aus, und wenn Eddie ehrlich war, dann hatte er keinerlei Interesse daran, noch eine Sekunde länger als unbedingt nötig in dieser verfallenen Ruine zu verweilen. Er wandte sich um, verstaute im Gehen die Kamera in seinem Rucksack, wobei sein Blick auf den Boden gerichtet war um zu verhindern, dass er auf weitere Skeletteile treten würde, deren knirschende Geräusche ihn möglicherweise ein weiteres Mal in Panik versetzen würde.
Obgleich er den Ausgang des Holzverschlages beinahe erreicht hatte spürte er, wie sein Atem sich wieder beschleunigte, und seine Gedanken - „Stell dich nicht so an, es ist doch überhaupt nichts passiert, das waren doch nur ein paar Tierskelette…“ - vermochten ihn keinesfalls zu beruhigen. Selbst als er hinaustrat und die warme Sonne auf seiner Haut spürte, liefen ihm noch immer Schauer den Rücken hinab.
Gestern, im Keller, der auf die meisten Menschen wohl ebenfalls zumindest leicht unheimlich gewirkt hätte, hatte er sich nicht ansatzweise so nervös gefühlt wie es nun der Fall war; sein Herz schlug ihm bis zum Hals, und bei den ersten Atemzügen, die er hier draußen gierig einsog, schien kaum Sauerstoff in seiner Lunge anzukommen…
Dabei waren es doch bloß Tierskelette gewesen. „Bloß“ war hier ein relativ zu Stehender Begriff, denn Eddie liebte so gut wie alle Tiere, und wenn er irgendwo eine überfahrene Katze oder auch einen Waschbären sah kam stets automatisch ein Gefühl von Trauer in ihm hoch…
Das hier jedoch war anders gewesen. Die Ansammlung von Skeletten an sich wäre wohl nicht einmal verwunderlich gewesen; ein solch verlassenes Gebäude vorsichtig schlicht an für Tiere, die alt und schwach waren und einen Platz zum sterben suchten.
Aber die Löcher. Die Löcher in ihrem Schädeln.
Retrospektiv ärgerte er sich, dass er dem Skelett des Vogels so wenig Aufmerksamkeit geschenkt und diesen auch nicht fotografiert hatte - waren an seinem Schädel ebenfalls Spuren von Gewalt zu sehen gewesen? Hatten sich an diesem Ort Menschen getroffen, die Spaß daran hatten Tiere zu quälen, oder vielleicht eine Art Sekte die mit Tieropfern irgendeinem Gott huldigten? Eddie merkte selbst, wie schnell seine Gedanken bereits wieder dabei waren, in krude Verschwörungen abzudriften, die hier draußen, im hellen Licht der Sonne, an Glaubhaftigkeit schnell verloren. Doch wenn er daran dachte, wie es dort drinnen gewesen war, wie er sich dort gefühlt hatte in Anbetracht der modrigen Skelette, erschien dieser Gedanke ihm keinesfalls so abwegig.
Dort drinnen konnte man vermutlich alles glauben.
Mit noch immer zitternden Händen verstaute Eddie nun auch die Taschenlampe in seinem Rucksack, zog den Reißverschluss zu und warf sich das Teil über die Schulter. Das Frösteln, das seinen Körper ergriffen hatte wich allmählich zurück, sein Atem normalisierte sich wieder und das Schlagen seines Herzens war nicht mehr derart intensiv… trotzdem wollte er keinesfalls länger hierbleiben. Er wandte sich ab von der verfallenen Ruine, blickte wieder in Richtung des kargen Gebäudes, in dem sich laut seiner Mutter damals das Schlachthaus befunden hatte „Sie haben Katzen gegessen!“, schoss es ihm in diesem Moment durch den Kopf, „Sie haben Katzen gegessen, und wer weiß, vielleicht haben sie ihnen vorher ja die Schädel eingeschlagen…“ - und er hatte ungefähr die Hälfte des Weges in Richtung Straße zurückgelegt, als ihn etwas mitten in der Bewegungsangebote erstarren ließ.
Zunächst wusste er selbst nicht genau, was res gewesen war, doch er blickte auf, die Hauswand hinauf, zu den staubigen, blinden Fenstern, die wie tote Augen ins Nichts zu starren schienen…
Und dann, für den Bruchteil einer Sekunde, glaubte er, ganz oben, hinter einer der verdreckten Scheiben, die schnelle Bewegung eines Schattens wahrgenommen zu haben.
Sicher war dies nicht mehr als eine optische Täuschung gewesen. Es war mittlerweile nicht mehr bloß warm, sondern bereits heiß, und die Luft über dem Asphalt der Straße flimmerte, wahrscheinlich war es das gewesen, was den Eindruck einer Bewegung in diesem Gebäude hatte entstehen lassen…
Das war Eddie in diesem Augenblick jedoch egal. Ja, wahrscheinlich war dort nichts, und wahrscheinlich gab es auch nichts, was an den Katzenskeletten weiter bedenklich gewesen war, zumindest heute nicht mehr, sahen sie doch so aus, als würden sie bereits seit langer, langer Zeit dort liegen…
Für Eddie spielte das hier und jetzt keine Rolle. In diesem Augenblick rannte er einfach.
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