Das Geheimnis von Kor

von aeffle
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
Elben & Elfen Zauberer & Hexen
11.04.2020
24.09.2020
27
80.291
2
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16.09.2020 1.646
 
Ein weiterer lieber Mensch hat diese Geschichte zu den Favoriten hinzugefügt – vielen Dank dafür!
Danke auch für den Autoren-Favoriteneintrag von bi-chen. :-)
Das neue Kapitel kommt heute früher, weil ich morgen vermutlich keine Zeit zum Hochladen habe.
Viel Spaß damit!
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Zweifel
Talin weinte lange Zeit an Moscas Schulter. Sein Hemd war bereits ganz nass von ihren Tränen. Ihr ganzer Körper zitterte unter Moscas Händen.
Er seufzte: „Weißt du, ich glaube, du hättest gar nichts anderes tun können, damals. Dieses „hätte“, dieses „was wäre wenn...“, all die Zweifel und Fragen. Vielleicht ändern sie ja gar nichts? Vielleicht hätten wir unsere Vergangenheit völlig anders leben können, nur um trotzdem wieder hier zu stehen?“
Die Worte kamen Mosca selbst falsch vor, in dem Moment, als sie über seine Lippen glitten.
„Ja, belüge, betrüge dich selbst, Mosca“, spottete eine Stimme in ihm, „du konntest nichts dafür, hattest keine Möglichkeit, dein Schicksal selbst zu bestimmen. Heuchler!“

Talin blickte ihren Freund an, aus geröteten Augen. „Das glaube ich nicht!“ Ihre Stimme war belegt. „Weil das ja bedeuten würde, dass wir gar keine andere Wahl gehabt hätten. Rechtfertigt das nicht alles? Alle Fehler, die wir gemacht, alle Verbrechen, die wir begangen haben? Alles nur ein grausames Schicksal, und wir seine Opfer? Nein, das glaube ich nicht! Ich will das nicht glauben. Ich glaube daran, dass ich mein Leben selbst bestimmen kann.“
Auch, wenn das hieß, dass sie allein die volle Verantwortung für ihre Taten tragen musste. Sie war bereit, diese Last zu schultern. Fast verspürte Talin so etwas wie Stolz bei diesem Entschluss. Moscas Einfluss auf sie mit seinem Werwolf-Denken und Werwolf-Handeln war wohl nicht immer der schlechteste.
Mosca lächelte seine Freundin an: „Meinst du nicht, du hast irgendwas richtig gemacht? Ich meine, wer weiß. Auch wenn es oberflächlich betrachtet nichts miteinander zu tun hat: Wenn du diesen Typen damals nicht getötet und von seinen Qualen erlöst hättest, vielleicht wären wir dann heute nicht hier. Vielleicht würden wir zwei uns dann gar nicht kennen.“
„Ganz sicher wäre das so“, dachte Talin, doch sie schwieg. Sie dachte an das ganz kleine und doch so wichtige Detail, das sie Mosca verschwiegen hatte: Dass Llomón ihr Verlobter gewesen war.

„Machst du dir noch immer Vorwürfe?“, fragte Talin.
„Natürlich!“, Mosca ballte die Hände zusammen, „einfach vergessen kann ich sicher nicht, dass ich nun ein Mörder bin. Aber... naja, was hätte ich sonst tun sollen? Als ich die Fabrik angezündet hab, da wollte ich nur fliehen. Ich wollte nicht, dass jemand stirbt. Aber es ist passiert und es ist meine Schuld. Dann war da der zweite Vampir. Er wollte Ishnal töten. Und ohne darüber nachzudenken bin ich dazwischen gegangen und habe ihn umgebracht. Und Sassal... ich weiß nicht, ob ihr Tod vermeidbar gewesen wäre. Vielleicht hätten wir fliehen können. Aber vielleicht hätte sie auch angefangen, uns zu suchen. Hätte uns gejagt. Sie wollte mich, verstehst du? Sie wollte mein Blut. Und es war nur der Gedanke an dich, durch den ich widerstehen konnte.“ Mosca biss sich auf die Lippen und verstummte. Er glaubte nicht, dass es klug war, seiner Freundin davon zu erzählen, dass die Vampirin versucht hatte, ihn zu verführen. Und dass er fast nachgegeben hätte. Nein, manche Dinge blieben wohl besser unausgesprochen. Er hätte ohnehin keine passenden Worte dafür gefunden.
Talins Stimme wurde zu einem Flüstern: „Wenn du die Vampire nicht getötet hättest, dann wärst du jetzt tot. Und Ishnal auch.“
Mosca nickte und dachte daran, wie er um sein Leben gefürchtet hatte. Wie er dem Anführer der Vampire gegenüber gestanden war, die blitzenden Reißzähne gesehen hatte. Wie er dachte, es wäre endgültig vorbei. Allein bei der Erinnerung wurde sein Mund ganz trocken und sein Herz begann unangenehm zu rasen.

„Danke, Talin“, sagte Mosca und küsste sie.
„Gehst du dann jetzt endlich schlafen?“, fragte sie ihn.
Er schüttelte den Kopf: „Nenn mich verrückt, aber ich traue...“
„Ja?“, erkundigte sich eine dritte Stimme. Ishnal trat lautlos aus der Dunkelheit zu ihnen. Die tanzenden Flammen tauchten sein Gesicht in ein unheimliches Licht. Mosca schluckte. Wo war der Kerl so plötzlich hergekommen? Sein Herz raste. Mosca fürchtete den Elfen plötzlich, mehr denn je. Allein die Vorstellung, sich einfach neben Ishnal zu legen und zu schlafen… Schutzlos… Eine Gänsehaut kroch über Moscas Rücken. Er würde niemals mehr das Zelt mit dem Elfen teilen können. Doch der Schlafplatz neben Talin war belegt.
„Sprich ruhig weiter, lass dich nicht von mir stören. Ich sitze einfach nur hier und genieße die frische Luft.“ Ishnal blickte den Werwolf starr an. Die Augen des Elfen sahen dabei aus wie Eis.
„Ich weiß, dass du Talin gerade vor mir warnen wolltest“, schienen sie Mosca zuzuflüstern. Der Werwolf schluckte.
„Wie lange bist du schon hier?“, fragte Talin. Ihr Gesicht war kreidebleich.
„Eine Weile...“, erwiderte der Elf gedehnt.
„Ich dachte, du wolltest so schnell wie möglich schlafen gehen?“, erinnerte Mosca ihn an seine früheren Worte.
„Ja. Wollte ich auch.“
„Warum bist du dann wach?“, hakte Mosca nach.
„Das gleiche könnte ich dich fragen.“ Ishnal zog eine Augenbraue nach oben.
Darauf wusste Mosca keine Antwort mehr. Mit einem Schnauben verschränkte er die Arme vor der Brust. Wieso musste Ishnal eigentlich immer derjenige sein, der das letzte Wort hatte?!

Talin schluckte. Sie strich sich das Haar aus der Stirn und ihre Finger zitterten dabei.
„Ishnal“, begann sie und auch ihre Stimme bebte nun, „würde es dir etwas ausmachen, uns ein wenig allein zu lassen? Ich möchte gern noch mit Mosca reden, unter vier Augen.“
„Was, wenn ich jetzt sage, dass mich das tatsächlich stört?“ Der Elf verzog keine Miene bei diesen Worten. „Ihr zwei habt doch wohl keine Geheimnisse vor mir?“
„Nein...“, murmelte Talin kleinlaut.
„Nur Geheimnisse vor Mosca, die ich endlich loswerden muss!“
Innerlich verfluchte sie Ishnal. Warum musste er auch ausgerechnet jetzt dazu kommen? Talin musste mit Mosca reden, dringend! Ihr Freund sollte endlich von dem Kind erfahren, dass sie beide vermutlich bekommen würden. Talin hatte sich fest vorgenommen, endlich ehrlich zu Mosca zu sein.
„Aber über Llomón hast du ihm auch nicht die ganze Wahrheit erzählt“, flüsterte ihr Gewissen ihr zu. „Das ist etwas anderes!“, redete sie sich ein. Talins seufzte. Dieser Abend war ohnehin nicht der beste Moment gewesen, um auch noch Zukunftspläne zu schmieden.
„Morgen“, nahm sich Talin ganz fest vor, „morgen erzähle ich ihm von der Schwangerschaft.“

Talin hatte sich danach wieder ins Zelt gelegt, doch Mosca und Ishnal fanden keine Ruhe. Schweigend saßen sie sich gegenüber, obwohl auch sie müde waren. Mosca starrte den Elfen über das Lagerfeuer hinweg an. Irgendetwas gefiel ihm nicht an Ishnals Art, gefiel ihm ganz und gar nicht. Er musste mit Talin sprechen, unbedingt. So schnell es ging. Der Werwolf misstraute dem Elfen, mehr denn je. In Gedanken schmiedete er schon Fluchtpläne. Sie mussten Natalia mitnehmen. Es wäre verantwortungslos, sie Ishnal ganz alleine auszuliefern. Außerdem brauchten sie ihre Hilfe, um die Mission zu beenden. Diese Mission, die so schrecklich wichtig für Talin war. Die Menschenfrau? Sie hatte ein Auto. Es bot eine gute Möglichkeit, um schnell einen Vorsprung zu gewinnen. Sicherlich konnten sie damit den Elfen abschütteln.
Es fehlte nur noch eine Gelegenheit, um Talin zu warnen. Und dann war da noch etwas, das er unbedingt herausfinden musste. Mosca musste wissen, ob Lilac sie erpresst hatte. Nach allem, was seine Freundin dem Werwolf gestanden hatte, erschien es ihm plötzlich mehr als nur wahrscheinlich. Was hätte sie sonst dazu bewegen können, diese wahnwitzige Mission anzunehmen?! Er dachte an ihre Verzweiflung, wann immer die Mission zu scheitern drohte. Mosca kam sich vor wie ein Dummkopf. Warum war ihm der Gedanke nicht eher gekommen? Er war so blind gewesen!

Wieder warf Mosca einen finsteren Blick auf Ishnal. Von dessen reglosem Gesicht ließ sich nichts ablesen. Was hatte der Elf mit dem Ganzen zu tun? War es wirklich Zufall gewesen, dass er sie gefunden und gerettet hatte, als die Oger ihnen mitten in der Wildnis auf die Spur gekommen waren? Der Werwolf zweifelte daran, mehr denn je. Wenn er doch nur mehr über Ishnal in Erfahrung bringen konnte! Doch Mosca kannte noch nicht einmal Ishnals Nachnamen. Ob der Elf etwas von seinem Verdacht ahnte? Er war gerade dazwischen gekommen, als Mosca über ihn sprechen wollte. Das passte doch viel zu gut, oder? Der Werwolf beschloss, Ishnal ganz genau im Blick zu behalten.

Auch Ishnal ließ den Werwolf nicht aus den Augen. Natürlich war ihm nicht entgangen, dass Mosca Verdacht geschöpft hatte. Von nun an musste er vorsichtig sein und er würde Mosca keinen Augenblick aus den Augen lassen. Er durfte Talin nicht auch noch mit seinem Misstrauen anstecken. Denn wenn sie begann, an Ishnal zu zweifeln und anschließend erfuhr, dass er der Neffe Lilacs war, dann würde sie auch ihr Vertrauen in den Minister verlieren. Und das wäre der schrecklichste Ausgang der Mission, den Ishnal sich denken konnte.
Mit einem Seufzen rieb sich der Elf die Stirn. Er war müde und wünschte sich, er könnte einfach schlafen gehen. Aber dazu musste er Mosca und Talin aus den Augen lassen. Nein, das konnte er nicht tun. Schmerz pochte hinter Ishnals Stirn. Er hatte sich in dieser Nacht viel zu sehr verausgabt, hatte viel zu viel Magie auf einmal verbraucht. Seine Tunkýp waren beinahe leer. Er sollte dringend schlafen, um seine Energie wieder aufzuladen. Das war effektiver als Obsidianwasser und würde auch diese Kopfschmerzen vertreiben. Erneut massierte Ishnal seine Schläfen.
Wenn sie Kor endlich fanden, dann musste Ishnal sich auch Gedanken darüber machen, wie er den Schwarzmagier – und den Werwolf – zur Kooperation zwingen konnte. Ob auch Talin Grund genug war, dass Kor sie nicht alle tötete, so wie er es bisher mit allen Verfolgern getan hatte? Wenn ja, dann könnte Ishnal den lästigen Köter endlich loswerden. Mosca machte nur Ärger – das hatte diese Nacht wieder sehr eindrücklich gezeigt. Ishnal starrte in den dunklen Nachthimmel. Bis zum Morgen waren es noch viele Stunden. Wahrscheinlich würde er sie damit verbringen, den Werwolf ständig zu überwachen. Dabei wollte er wirklich nur schlafen.
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