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Karfreitagsstille

OneshotSchmerz/Trost, Übernatürlich / P6
10.04.2020
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Eine einzelne Glocke auf dem Kirchturm läutet.
Sie verkündet, was die Stunde geschlagen hat.
Und dann wird es still.
Die wenigen Menschen, die sich um 3 Uhr in die Kirche aufgemacht haben, sitzen schweigend in den Kirchenbänken, mit gesenktem Haupt und zumeist geschlossenen Augen.
Mehrere Bänke trennen sie voneinander - Isolation zur eigenen Sicherheit.
Niemand spricht ein Wort.
Nichts geschieht.

Doch warum sind die Menschen überhaupt hier?
Weshalb sitzen sie an diesem Feiertag bei schönem Wetter in der kalten, dunklen Kirche?
Was treibt sie an?
Fragen.

„Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut:
Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“*

Da ist sie ja, die Frage, die die Menschen so gern stellen.
Wir leben in Tagen, in denen sich die meisten einsam, allein und verlassen fühlen.
Doch wir sind nicht die Einzigen, die diese Einsamkeit erleben.
Die Worte, die Jesus kurz vor seinem Tod am Kreuz ausspricht, stammen aus Psalm 22.
Der Psalmist David sprach diese Worte in Zeiten der Verzweiflung, Unsicherheit und Einsamkeit.
Doch er fragt nicht: Kann es im Angesicht solchen Leides einen Gott geben?
Er erinnert sich daran, wie Gott bereits seinen Vorfahren in ihrer Not beigestanden hat.
Er ist sich dessen bewusst, dass es Gott gibt und dass er ihn aus seinen Problemen retten kann.
Seine verzweifelten Hilferufe verwandeln sich in Lobpreis.

Doch dort am Kreuz, wo ist da die Hoffnung?
Ist der Tod nicht das Ende, das, was wir alle so sehr fürchten?
Tod, Begräbnis, und dann - Stille.
Den ganzen nächsten Tag über.
Gemeinsam mit dem Mann am Kreuz ist alle Hoffnung gestorben, die Verzweiflung hat gesiegt.

Durch die geöffnete Kirchentür dringt ein sanfter Windhauch hinein.
Er erwärmt die Herzen der Menschen und erfüllt sie mit Freude.
Und mit dem Wind findet auch das fröhliche Zwitschern eines Vogels seinen Weg in die stille Kirche.

Er ruft: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird!“*
Jesus spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“*

Einsamkeit, Isolation und Hoffnungslosigkeit sind schrecklich.
Sie zerfressen die Seele.
Doch die Menschen in den Kirchenbänken haben wieder Hoffnung.
Denn sie wissen: All das ist vergänglich. Der Tod ist nicht das Ende.
Und auf einmal verstehen sie, was Ostern bedeutet.
Es ist viel mehr als ein fröhliches Fest, an dem Kinder im Garten aufgeregt nach Geschenken suchen.
An den Tagen um Ostern herrschte bedrückende Stille, die sich in Freude verwandelte.

Am Karfreitag zerriss der Vorhang im Tempel, der Gott von den Menschen trennte.
Am Karsamstag trauerten die Menschen noch immer, doch Gott hatte ihre Rettung bereits vorbereitet.
Und am Ostersonntag erwachte die Hoffnung zu neuem Leben.

Und wenn wir allein in unseren Häusern sitzen, kommt Jesus hinein und spricht:
„Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“*

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* Markus 15,34
*Lukas 2,10
*Johannes 11,25
*Matthäus 28,20
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