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Ein Brief in größter Not

KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P6
Luke Triton
10.04.2020
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1.971
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Ein Brief in größter Not



Kurzbeschreibung:
Luke weiß nicht mehr, was er tun soll: Seine Mutter ist verschwunden, Arianna will ihn nicht sehen und sein Vater scheint nicht mehr der Selbe zu sein. Denn Clark ist ebenso verzweifelt und am Ende seiner Kräfte. Über allem steht das Phantom. Und die Hoffnung auf Hilfe.


Luke war sehr stolz auf sich. Er hatte es tatsächlich geschafft, sich aus dem Haus zu schleichen. Sein Vater war dabei das kleinere Problem gewesen. Der war seit dem Frühstück nicht mehr aus seinem Arbeitszimmer gekommen und würde ihn bestimmt auch nicht so schnell vermissen. Die Dienstboten waren da schwieriger gewesen. Aber durch aufmerksames Beobachten hatte Luke den richtigen Zeitpunkt schließlich abpassen können. Nun lief er geschwind durch das sonnenwarme Misthallery einem ganz bestimmten Ziel entgegen. Nur, wenn er durch zerstörte Wohnviertel kam, wurde er langsamer. Die tiefen Kratzer in den Hauswänden sahen selbst bei Tageslicht grauenvoll aus. Das Werk des Phantoms. Luke zog den Kopf zwischen die Schultern. Ihm wurde ganz bang bei der Vorstellung, hier nachts unterwegs sein zu müssen.
Mühsam riss er sich von dem Anblick los. Er hatte sich doch geschworen, heute mutig aufzutreten. Um nichts in der Welt wollte er sich vor Arianna blamieren.

Schon bald hatte er das Anwesen erreicht, in dem sie wohnte. Ganz allein seit dem Tod ihres Vaters. Wo ihr Zimmerfenster war wusste er. Im zweiten Stock, das Dritte von rechts. Er hob einen Kiesel auf und traf die Scheibe damit punktgenau. Nichts rührte sich. Alles blieb still. Aber Arianna musste da sein. Er versuchte es wieder. Und noch einmal. Endlich öffneten sich die beiden Fensterflügel. Hoheitsvoll blickte seine frühere Spielgefährtin auf ihn herab. Sie sah nicht erfreut aus.
„Was willst du denn?“, rief sie.
Reflexartig tastete Luke nach dem Notizbuch in seiner Hosentasche. Er wollte es Arianna unbedingt zeigen.
„Ich hab was herausgefunden. Über das Phantom. Was ganz Spannendes. Komm doch runter, ja? Wir könnten Detektiv spielen.“
Arianna zögerte. Er konnte es genau sehen. Doch gleich darauf verzog sich ihr blasses Gesicht vor Zorn.
„Nein!“, fauchte sie, „Ich will nicht. Lass mich mit deinen Kindereien in Ruhe.“ Erschrocken fuhr Luke zusammen.
„Aber Arianna …“, versuchte er es noch einmal, aber sie ließ ihn nicht ausreden.
„Außerdem weißt du doch, dass ich krank bin. Ich darf nicht lange nach draußen. Und das Phantom ist viel zu gefährlich, um es für alberne Spielereien zu benutzen. Also verschwinde, Luke!“ Mit einer einzigen Bewegung schloss sie das Fenster wieder. Und Luke wusste, dass sie nicht noch einmal mit ihm reden würde.
Er wandte sich ab und ging den Weg, den er vorhin noch so euphorisch entlanggerannt war, mutlos wieder zurück. Ein schwerer Klumpen lag ihm währenddessen ihm Bauch, der sich krampfartig zusammenzog und ihm die Luft zum Atmen nahm. Warum musste ihn jetzt auch noch Arianna im Stich lassen? Reichte es nicht, dass seine Mama nicht mehr da war? Einfach verreist, ohne ein Wort zu sagen? Luke glaubte nicht recht an diese Geschichte. Und mit jedem Tag, der verging, fehlte sie ihm mehr. Gerade jetzt in dieser Zeit.
Wenn Arianna nicht mitkommen wollte, würde er eben allein durch Misthallery streifen und nach Hinweisen zu dem Phantom suchen. Luke holte tief Luft, nachdem ihm dieser Gedanke gekommen war und nickte entschlossen.

Es wurde ein sehr kurzweiliger Nachmittag. Nach und nach verflüchtigten sich die Sorgen, so eingenommen war er von der Aufgabe die Wasserstände in den Kanälen zu überprüfen, Skizzen der zerstörten Häuser anzufertigen und sich auch sonst alles Auffällige zu notieren. Es machte wahnsinnig viel Spaß und Luke fühlte sich endlich einmal wieder völlig unbeschwert. Erst als es dämmerte, kehrte er nach Hause zurück. Doch kaum, dass er die Auffahrt richtig betreten hatte fiel ihm plötzlich ein, dass er zwar einen sehr guten Plan gehabt hatte, wie er sich aus dem Haus herausschleichen konnte; aber Keinen, wie er wieder hineinkommen würde. Die Entscheidung wurde ihm von jemand anderem abgenommen: Doland, ihr Butler, öffnete die Tür, als hätte er dahinter auf ihn gewartet. Er verbeugte sich leicht und wies ihn mit kummervoller Miene an, einzutreten.
„Junger Herr.“
Luke wurde übel. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Und er sollte Recht behalten.

„Wo warst du?“, gellte Clark. Er war aus seinem Arbeitszimmer gestürzt gekommen und schlug die Tür hinter sich zu. Der Knall kam einer Ohrfeige gleich.
„Was fällt dir ein, einfach so zu verschwinden, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen?“
Kreidebleich und zu Tode erschrocken, wich Luke vor ihm zurück. Sagen konnte er nichts. Seine Kehle war wie zugeschnürt. In seinem Kopf drehte sich alles. Panisch starrte er in das harte, unnachgiebige Gesicht seines Vaters. Nicht das geringste bisschen Güte war darin zu finden. Nur blanker Zorn.
„Antworte!“
„Ich … ich konnte doch nicht ahnen …“
„Was? Dass wir das nicht merken?“, Clark vollzog eine wutentbrannte, ausholende Armbewegung, die sowohl ihn selbst, als auch die Dienstboten mit einschloss, „Hältst du uns für so bescheuert?“
„Nein …“, presste Luke ängstlich hervor. Er schrumpfte immer weiter in sich zusammen. Schon längst waren ihm die Tränen in die Augen geschossen. Mit aller Kraft schluckte und würgte er gegen das Weinen an. Denn das würde seinen Vater erst recht gegen ihn aufbringen.
Nicht heulen, beschwor er sich innerlich. Bloß nicht heulen!
„Hausarrest! Für eine Woche.“, ordnete Clark unerbittlich an, „Und du gehst heute ohne Abendessen ins Bett.“
Luke fügte sich. Was blieb ihm auch anderes übrig? Geknickt schlich er unter den Augen aller Anwesenden die Treppe nach oben in sein Zimmer.

Nicht viel später kam Doland zu ihm. Luke war immer noch wie betäubt und sah gar nicht richtig hin, als er ein vollbeladenes Tablett auf seinem Schreibtisch abstellte.
„Ich hab dir Tee gemacht. Mit extra viel Honig.“, erklärte er sanft, „Und das mit dem ‚kein Abendessen‘ nehmen wir mal nicht so genau, hm?“ Er drückte dem Jungen noch kurz die Schulter, dann verschwand er wieder. Luke drehte den Kopf und bemerkte neben der dickbauchigen Teekanne tatsächlich einen Teller mit Sandwiches. Aber er hatte keinen Hunger. Und er wollte keinen Tee – auch nicht mit extra viel Honig. Und so ein läppisches Schulterklopfen konnte er gerade am Wenigsten brauchen.
Er wollte seine Mutter wiederhaben. Er wollte, dass Arianna wieder mit ihm spielte, so wie früher. Aber am allermeisten – und da fingen die Tränen nun doch an zu fließen – wollte er, dass sein Vater ihn endlich einmal wieder in die Arme nahm und nicht immerzu böse auf ihn wurde. Seit Wochen hatte es keinen Gute-Nacht-Kuss mehr gegeben. Clark stand nur noch unter Stress. Er hörte ihm gar nicht mehr zu. Mochte ihn vielleicht sogar nicht mal mehr. Verzweifelt ließ Luke sich auf den Hosenboden fallen und fing bitterlich an zu weinen.

Er beruhigte sich nur langsam. Aber die Tränen halfen. Als er – nach einer Ewigkeit wie es ihm vorkam – endlich wieder normal atmen konnte, fühlte sich sein Kopf sehr viel klarer an. Ihm war ein Name in den Sinn gekommen. Gab es da nicht diesen Freund seiner Eltern in London? Sie hatten viel von ihm erzählt und immer nur in den höchsten Tönen von ihm gesprochen. Ein Professor sei er, unheimlich schlau und sehr, sehr nett. Vielleicht könnte er ja helfen? Dann wäre doch noch nicht alles verloren. Aber er würde kaum auf ein Kind hören; auch nicht, wenn es sich dabei um den Sohn eines Freundes handelte. Luke war bewusst, dass er sehr geschickt vorgehen musste, um mit ihm in Kontakt zu treten. Aber irgendwie würde er das schon schaffen. Er würde ihm schreiben – diesem Hershel Layton.

*

Ohne, dass Luke es ahnen konnte, kam sein Vater, ein Stockwerk tiefer, auf genau dieselbe Idee. Clark saß an seinem Schreibtisch und stützte gerade mit einem leisen Stöhnen den Kopf in beide Hände, der ihm schier zu bersten drohte. Es tat so weh. Er war so müde. Aber wen verwunderte das, bei dem, was in seinem Haus gerade vorging? Wie sollte er schlafen oder auch nur ausruhen, wenn seine Frau und der echte Doland unten im Keller gefangen gehalten wurden? Die ganze Zeit schlich dieser Wahnsinnige um ihn herum. Beobachtete jeden seiner Schritte. Und über allem hing die Angst, er könnte Luke ebenso etwas antun. Luke, zu dem er selbst eben viel zu streng gewesen war. Was sollte er nur tun?
Oh, Hershel! Die Sehnsucht nach seinem alten Freund wurde mit einem Mal so groß, dass Clark sich am liebsten einfach ins Auto gesetzt und nach London gefahren wäre. Dort hätte er ihn dann aus dem Bett geklingelt – was Hershel ihm bestimmt verziehen hätte – und er hätte sich endlich Jemandem anvertrauen können. Doch das Alles war unmöglich. Denn würde er Misthallery jetzt verlassen, wäre Luke allein. Allein mit Descole. Das konnte Clark nicht verantworten.
Aber wer hinderte ihn daran, sich Hershel schriftlich mitzuteilen? Clark legte sich mehrere Bögen Briefpapier zurecht, schraubte den Deckel seines Füllers ab und begann zu schreiben – auch wenn der plötzliche Tatendrang eine Welle des Schmerzes durch seinen Kopf jagte. Er biss die Zähne zusammen. Zuerst schilderte er nur die Fakten. Alles was in den letzten Monaten geschehen war. Doch nach und nach flossen immer mehr Gefühle in seine Beschreibungen mit ein: Seine Ohnmacht gegenüber der ganzen Situation. Dass er Brenda nicht hatte beschützen können. Ja, dass er das Gefühl hatte, die ganze Stadt im Stich zu lassen. Seine Angst um Luke; wie furchtbar er sich ihm gegenüber verhielt. Zum Schluss jammerte er sogar über den Stress und die Kopfschmerzen.
Fünf eng beschriebene Seiten wurden es letztendlich und Clark war es sehr viel leichter ums Herz geworden. Er schämte sich keiner einzigen Zeile. Er wusste, Hershel würde sich diesen Brief bis zum Ende durchlesen. Hershel liebte lange Briefe. Und er würde nichts davon auf die leichte Schulter nehmen. Er würde alles stehen und liegen lassen, und ihm zu Hilfe kommen. Hershel würde gewiss eine Lösung für ihre Probleme finden. Er fand immer Eine! Doch wie würde Descole auf diese Einmischung reagieren? Sicherlich nicht erfreut. Wütend ballte Clark die Hand zur Faust. Er hatte bereits seine Familie in Gefahr gebracht. Er konnte doch unmöglich auch noch Hershel in diese Sache mit hineinziehen. Das Schreiben des Briefes mochte ihm geholfen haben; abschicken durfte er ihn auf keinen Fall! Mit langen, energischen Bewegungen zerriss er die Blätter, ehe er es sich noch einmal anders überlegen konnte.
Es war verflucht spät. Luke schlief bestimmt schon. Kein guter Zeitpunkt, sich entschuldigen zu wollen. Trotzdem stand Clark auf, drückte den steif gewordenen Rücken durch und machte sich auf zum Zimmer seines Sohnes. Er wollte ihn wenigstens noch einmal sehen, bevor er selbst versuchen würde etwas Schlaf zu bekommen.

So leise wie möglich öffnete er die Tür.
„Luke?“, wisperte er. Doch wie erwartet blieb alles still. Luke hatte sich die Decke bis über die Schultern gezogen, hielt seinen Teddy in beiden Armen und schlief tief und fest. Eine Welle der Zuneigung brandete in Clark auf. Er setzte sich behutsam auf die Bettkante, streckte die Hand aus und streichelte ihm durchs Haar. Ein kleiner Teil von ihm wünschte sich dabei, Luke würde aufwachen. Es ließ sich so gemütlich mit ihm kuscheln, wenn er müde war. Aber der Junge seufzte unter der Berührung nur leise und schmiegte sich tiefer in sein Kissen. Clark hielt in seinen Streicheleinheiten nicht inne. Endlich begannen die Kopfschmerzen abzuflauen.

Plötzlich spürte er ein Prickeln im Nacken. Als würde er beobachtet werden. Clark drehte den Kopf und zuckte gleich darauf zusammen, wie unter einem Stromschlag. Dort stand Doland regungslos auf der Zimmerschwelle und starrte unverwandt zu ihm herüber. Nein – nicht Doland. Es lag ein gefährliches Glitzern in den vertrauten Augen und auch das messerdünne Lächeln verriet ihn. Descole! Clark sprang auf. Instinktiv brachte er sich zwischen ihn und Luke.
„Keine Angst, Dr. Triton.“ Seine dunkle, unverstellte Stimme sandte Clark einen eiskalten Schauer über den Rücken. „Ich wollte Sie nur darüber informieren, dass ich den Gefangenen ihr Essen gebracht habe. Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut. Und auch Ihrem Sohn wird nichts geschehen – sofern Sie weiterhin kooperieren.“



ENDE
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