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Ko-Dependenz

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
10.04.2020
10.04.2020
12
13.214
 
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Ko-Dependenz: Gegenabhängigkeit bezeichnet in der Psychologie eine Form von subjektiv psychischer Abhängigkeit: Aus dem Bedürfnis eines Individuums, einer Gruppe oder auch einer sozialen Bewegung resultiert die abhängige Gegenreaktion [...] In sozialen Beziehungen ist der Gegenabhängige (Kodependente) häufig Gegenspieler bzw. komplementärer Partner des Co-Abhängigen. [Wikipedia]

Kurzbeschreibung: Ich war 14, als ich Alex kennengelernt habe, 16, als wir ein Paar wurden, und 18, als ich mich endgültig von ihm getrennt habe. Jetzt bin ich 23, studiere Psychologie, habe eine glückliche Beziehung - und werde das Gefühl nicht los, dass mich diese Zeit noch immer täglich beeinflusst - mein Selbstbild, meine Beziehung, meine Sexualität… Ich habe mich viel mit seiner Erkrankung und meiner Rolle beschäftigt, in Bildern, in fiktiven Geschichten, in Foreneinträgen und in den dutzenden Tagebüchern aus dieser Zeit. Aber immer Teile weggelassen, immer beschönigt. Also hier, dringend überfällig: der Versuch einer ehrlichen Aufarbeitung.

Triggerwarnung: Psychische Erkrankung; sexuelle Gewalt; Selbstverletzung; Drogenmissbrauch; emotionale Abhängigkeit - ich werde versuchen, nichts unnötig graphisch zu beschreiben, dennoch sind die Themen alle vorhanden und können potenziell triggern. Lest bitte nichts, das Euch nicht gut tut - wenn Ihr in einer psychischen Krise seid, schreibt mir gern für Anlaufstellen. Es gibt für jede Person Hilfe.

Und noch ein Hinweis zu Beginn: Dieser Text soll meine Gedanken zu der damaligen Zeit wiederspiegeln. Ich habe viel Verantwortung und Schuld empfunden, das wird auch so beschrieben - das heißt aber nicht, dass diese Gefühle angemessen waren. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass ich überfordert war und wir beide in eine Situation geraten sind, mit der wir kaum angemessen umgehen konnten; aber auch, dass ich keine Verantwortung und schon gar keine Schuld für Alex' Leid, Entscheidungen oder Zustand habe. Solltet Ihr in einer ähnlichen Situation sein, macht Euch das bitte klar. Wenn Euch jemand die Schuld für etwas geben will - direkt oder indirekt - betrachtet es von außen; tragt Ihr wirklich die Verantwortung?

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1. Annäherung

Wir lernen uns tatsächlich, so wenig mir das auch gefällt, zuerst in der digitalen Welt kennen, im April 2010. Ich bin 14 Jahre alt.

Nadine hat eine Skype-Gruppe gegründet, in der alle drin sind, die auf Karlas Party waren. Seit Karlas Party (ihrem 15. Geburtstag, sturmfrei bei der Mutter und das erste Mal, dass wir in großen Mengen Alkohol besorgt haben) nutzen wir diese Gruppe intensiv, es ist täglich und fast zu jeder Uhrzeit jemand online, und zu den Hauptzeiten – Nachmittags, wenn die Schule aus ist, und spät Abends nach dem Abendessen – sind wir zwischen fünf und zehn Personen, mindestens. Zusammengesetzt ist diese Gruppe aus meinen Freundinnen, Karla, Nadine, Nora und so weiter, und den Jungs, die wir auf der Party kennengelernt haben. Ein paar davon sind auf unserer Schule: über Daniel, der in Nadines Klasse ist, kamen Richard und ein paar aus der Jahrgangsstufe über uns dazu. Und dann noch deren Freunde, die auf anderen Schulen sind.

Und eines Tages fügen sie Alex der Messenger-Gruppe hinzu. Der Chat widmet sich gerade sehr bedeutsamen Themen wie Fail-Videos und peinlichen Mitschülern, und Alex springt voll auf den Zug auf und packt Geschichten über Mitschüler aus, die die Schmerzgrenze überschreiten und meiner Meinung nach auch die Grenzen der Grausamkeit. Ich bin das gewöhnt im Chat; die Jungs können ziemlich fies sein und ich sage mir jedes Mal, Boys will be boys, ansonsten sind sie immerhin sehr lustig und ein paar von ihnen, ich bin noch nicht sicher, wen genau, finde ich auch ziemlich gut. Alex wiederum, von dem weiß ich recht wenig, außer, dass er letztes Jahr durchgefallen ist und jetzt in meiner Parallelklasse ist. Und dass er meist schwarz gekleidet ist, und extrem dünn und irgendwie komisch aussieht.

Über den Chat kommen noch ein paar vage Infos hinzu: Alex ist ganz offenbar ziemlich schlagfertig, macht sich ganz offenbar gern lustig über Menschen (auch solche, die selbst im Chat dabei sind, wie etwa Laura, die unvorsichtigerweise ein Video von sich auf Youtube hochgeladen hat, in dem sie mittelmäßig gut Whitney-Houston-Songs singt) und er scheint in der Schule und zuhause oft irgendwie in Stress zu geraten. Wovon er im Chat meistens eher spöttisch berichtet. Irgendwann geht es darum, dass seine Mutter Gras bei ihm gefunden hat (für uns Mädchen eine ganz schön spektakuläre Sache, immerhin haben diejenigen von uns, die sich getraut haben, auf der Party das erste Mal an einem Joint gezogen; und Richard und die Jungs, die ihn gedreht haben, diese Kiffer, kommen uns immer noch ziemlich verwegen vor), und sie muss ziemlich ausgetickt sein, und er versucht es lustig darzustellen, aber eigentlich klingt es meiner Meinung nach ganz schön schrecklich. Im Chat wird hauptsächlich mit „Hahah“ und „lol“ geantwortet, blöde Antworten meiner Meinung nach, und wäre ich in einem privaten Gespräch mit Alex, würde ich da bestimmt ernster nachfragen. Bin ich aber nicht, und so schreibe ich gar nichts, und ironischerweise bin ich mir in diesem Moment sicher, dass ich mit Alex nie besonders viel zu tun haben werde.

Ich kann das nicht genau erklären, ich habe seit je her diesen Hang, dieses Faible für dramatische Charaktere, für diejenigen, die leiden, für tragische Helden und so weiter. Wenn ich mir Geschichten ausdenke oder Bilder male, geht es auffallend oft um einen düsteren Jungen und um das Mädchen, das hinter die Maske blickt und ihn rettet, so oder ähnlich. Und ich habe ein gewisses Talent, mir Freunde zu suchen, denen es nicht gut geht, die in dieses Drama-Ding irgendwie reinpassen und die jemanden brauchen können, der gut im Zuhören ist, was dann ich wäre. Alex passt da, das wird sich noch allzu deutlich zeigen, besser rein als jede Begegnung vor oder nach ihm. Und trotzdem – was für eine absolute Fehleinschätzung – bin ich mir im Gruppenchat, während Alex im Plauderton vom gewalttätigen Wutausbruch seiner Mutter erzählt, sicher, dass ich nie viel mit ihm zu tun haben werde.

Es dauert tatsächlich Wochen oder Monate, bis wir irgendwie mehr miteinander zu tun haben. Zwar trifft sich der Freundeskreis inzwischen auch regelmäßig in der echten, der analogen, Welt – es ist Sommer geworden und wir alle hängen sooft wir können draußen rum, im kleinen Wald direkt an der Schule, am Spielplatz neben dem Getränkemarkt, auf einem alten Flugfeld neben Karlas Wohnsiedlung, und wir feiern weitere Partys, gehen auf Konzerte, die ersten Beziehungsversuche finden statt, wir wagen uns an mehr Alkohol, Kippen und Gras ran, und es ist ein wunderbarer, ein erfüllender, ein emotionaler und mit guter Musik und wichtigen Erinnerungen besetzter Sommer. Aber Alex, der im Chat so eine laute Stimme ist, gegen dessen Argumente niemand ankommt und vor dessen Spott niemand geschützt ist, hält sich in der echten Welt oft zurück, ist dann eher abwesend und still. Und oft taucht er auch gar nicht auf, oder erst sehr spät, oder er verschwindet schnell wieder. Und so ist es eben die digitale Welt, in der wir mehr Kontakt zueinander aufbauen. Ironischerweise kommt das, weil ich im Gruppenchat eine Mitschülerin in Schutz nehme, über die gelästert wird – es stört mich inzwischen doch zu sehr, zwischen all den schönen und witzigen Gesprächen dort, immer diese blöden Sequenzen in denen über jemanden hergezogen wird – und daraufhin schreibt mir Alex in einem privaten Chatfenster, weil er wissen will, ob ich denn diese Mitschülerin in Wahrheit nicht auch peinlich finde. Im Grunde will er einfach recht behalten, will es nicht auf sich sitzen lassen, dass ich ihn in Schranken gewiesen hab, will seine Fähigkeit zum Argumentieren einsetzen. Und vermutlich hat er erkannt, dass ich in der Gruppe, vor allen, nicht davon abweichen werde, dass mich dieses blöde Lästern stört, und dass ich im privaten Gespräch eher zu Zugeständnissen zu bewegen bin. Ein gutes Gespür für sowas hat er.

Und so passiert es dann – wir schreiben miteinander, nach ein paar Sätzen beginnt das Chatgespräch einen lustigen, ironischen Ton anzunehmen und schnell ist da eine gute Passung zwischen uns, seine Schlagfertigkeit gefällt mir und bringt auch in mir die witzigen Seiten hervor. Ich sitze teilweise lachend vor dem Computer in meinem Zimmer, weil Alex das Geschehen in der Chatgruppe in privaten Nachrichten so lustig kommentiert, und immer öfter interessiert es mich gar nicht so sehr, ob in der Gruppe viele online sind, sondern vor allem, ob er da ist.

Parallel beginnt es mich immer mehr zu stören, dass das alles eine digitale Freundschaft ist. In der echten Welt ist Alex immer weniger bei Treffen dabei, auch in der Schule sehe ich ihn kaum, und im Chat schreibt er dazu nicht viel, weicht aus, wenn ich ihn darauf anspreche. So nehmen die Gelegenheiten ab, auch mal Auge in Auge zu sprechen, die lustigen Gespräche ins echte Leben zu übertragen. Bis ich im neuen Schuljahr eine Lektüre für den Deutschunterricht brauche, irgendein Reclam-Heft, und zufällig darauf komme, dass Alex die noch rumliegen hat, der ja schonmal in der zehnten Klasse war. Wir verabreden uns also für die Pause: das Heft im Austausch gegen einen Eistee, Alex hat ein Faible für extrem süße Getränke. Und es ist irgendwie, und ich bin sicher dass er das auch so empfindet, wie ein offizielles Treffen, mit dem die sich anbahnende Freundschaft nun endlich ins Reale übertragen werden soll. Karla und Nora, meine engsten Freundinnen, bekommen davon natürlich mit; immerhin verkünde ich, dass ich die Pause nicht wie sonst mit ihnen verbringen werde. Beide sind dann recht überrascht und neugierig, denn von meinen vielen Gesprächen mit Alex haben sie nichts mitbekommen – wie auch, es gab ja keine in der echten Welt. Und bei beiden wird für einen kurzen Moment auch eine abschätzige Miene sichtbar: sie halten Alex nicht gerade für den Traumtypen, mit dem man ein Date haben sollte; nicht mit seinem komischen Aussehen, dem Ruf von einem, der dauernd Probleme hat (erst vor ein paar Wochen ist Alex beinahe von der Schule geflogen, weil er vormittags völlig betrunken das Blumenbeet im Pausenhof vollgekotzt hat; ein Vorfall, über den wir uns nie unterhalten haben), und dem viel zu geringen Grad an Coolness in der Hackordnung, die an allen Schulen der Welt zwischen Teenagern entsteht. Mir ist das, so sage ich mir, alles völlig egal. Und ein „Date“ ist diese alberne Verabredung ja auch nicht, so sage ich mir.

Im Endeffekt ist dieser Moment in der Pausenhalle, in der ich einen Eistee vom Kiosk gegen eine Lektüre eintausche, tatsächlich nicht besonders spektakulär; trotzdem ist Alex sichtlich aufgeregt und redet sehr schnell und viel Blödsinn, und auch mir ist warm im Gesicht. Wir tauschen einige Sätze; ich bemerke, dass das Reclamheft an einigen Stellen mit verdammt lustigen Kommentaren gespickt worden ist und muss lachen, das Eis ist gebrochen. Wir unterhalten uns draußen auf den Steinen vor der Bibliothek noch bis zum Ende der Pause, und es ist so lustig und entspannt wie im Chat.

Ab diesem Tag halten wir öfter an, um uns in den Gängen zu unterhalten, und lächeln nicht bloß unsicher oder tun gar so, als hätten wir uns nicht gesehen. Einige Male ist er dabei ziemlich abwesend, und es ist nichts von dem Schwung und dem Witz zu spüren, den ich so mag, oder er ist extrem spöttisch und kalt. Und oft taucht er auch gar nicht in der Schule auf. Und da bald darauf der Winter kommt, Nadine und Nora und ein paar andere für ein Schuljahr ins Ausland gehen und die Treffen mit dem Freundeskreis sich so extrem verringern, besteht unsere Freundschaft nach wie vor am meisten im Chat.
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