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Die Schöne und das Biest - 30 Jahre später - Kapitel 4

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Catherine Chandler Jamie Joe Maxwell OC (Own Character) Vincent
09.04.2020
09.04.2020
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Im Angesicht der Dunkelheit



Das ist aber das Gericht,

dass das Licht in die Welt gekommen ist,

und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht;

denn ihre Werke waren böse.

(Johannes 3; 19)



New York; Appartement von Jenny Aronson; Jenny Aronson, ihr Mann Linus

Es war ein angenehmer Tag gewesen, der sich langsam dem Ende neigte. Die Leute strömten aus den Büros von ihrer Arbeit nach Hause und freuten sich auf das Wochenende. Dieser laue Abend lud förmlich dazu ein, auszugehen und etwas zu unternehmen. Jenny Aronson packte eilig ihre Sachen zusammen. Sie war spät dran. Zusammen mit ihrem Mann Linus war sie mit einem befreundeten Paar in der Carnegie Hall zu einem Konzert verabredet. Sie freute sich darauf. Der Tag war hektisch gewesen, deshalb war die Aussicht, sich von berauschender Musik hinweg tragen zu lassen umso erfreulicher. Die Fahrt nach Hause kam ihr endlos vor.

 „Schatz, bist du da?“ rief sie, als sie das Appartement betrat, dass ihr Mann und sie bewohnten.

 „Ich bin hier“, rief er aus dem Schlafzimmer. Als sie den Raum betrat fand sie ihn bereits vollständig für das Konzert angezogen.

 „Oh, du bist schon umgezogen. Verzeih, dass ich so spät komme, aber es gab ein Problem bei dem neuen Buch, dass ich heraus bringe.“ Als selbständige Verlegerin musste sie sich zwar nicht mit allen Problemen persönlich beschäftigen, doch wenn der Termin eines lang angekündigten Buches zu platzen drohte, griff sie lieber selber ein.

Ihr Mann kam im Smoking auf sie zu. „Keine Sorge“, meinte er beruhigend. „Wir haben noch genügend Zeit. Mach dich in Ruhe fertig.“ Sanft küsste er sie.

 „Ich beeile mich“, versprach Jenny und begab sich ins Badezimmer.

Linus war wirklich ein Schatz. Sie hatten sich erst spät gefunden. Als sie geheiratet hatten, waren sie beide schon über Vierzig gewesen. Doch es war Liebe, und er stand ihr zur Seite, auch wenn er als Ingenieur nicht immer verstand, mit welchen Problemen sie in ihrer Firma zu kämpfen hatte.

In ihrem Alter hatte man eine gewisse Routine, um sich für besondere Anlässe fertig zu machen. So schafften sie es, pünktlich mit dem Taxi die Carnegie Hall zu erreichen.


New York; Carnegie Hall; Jenny Aronson, Linus, ihre Freundin Lee-Ann und deren Mann Ed

 „Du siehst etwas abgehetzt aus, Darling“, meinte ihre Freundin Lee-Ann zu Jenny, als sie sich im Foyer trafen.

 „Ja, es lief heute nicht alles so wie geplant“, antwortete Jenny.

 „Ihr wisst doch“, meinte Linus scherzhaft, „Jenny muss immer die Zügel in der Hand behalten.“

Lee-Ann und ihr Mann Ed lachten, während Jenny ihrem Mann scherzhaft in die Seite boxte. Zusammen gingen sie zu ihren Plätzen. Das Konzert war wirklich schön. Sie spielten Tschaikowsky und die Akustik war berauschend. Jenny ließ sich verzaubern und davon tragen. In der Pause gingen die Frauen gemeinsam zur Toilette, während die Männer Getränke besorgen wollten.

 „Hast du die Geschichte über Catherine Chandler gelesen?“ fragte Lee-Ann.

Jenny nickte nur, doch Lee-Ann fragte weiter. „Ich meine, ihr wart doch miteinander befreundet. Unglaublich, dass sie die ganze Zeit unter einer anderen Identität gelebt hat.“

 „Ja“, murmelte Jenny. „Wirklich unglaublich.“ Sie würde nicht erzählen, dass sie all die Jahre über Bescheid gewusst hatte.

 „Hast du mal versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen?“ fragte Lee-Ann neugierig. „Sie wird doch mit Sicherheit von der Polizei abgeschirmt.“

 „Ja, das wird sie“, versicherte Jenny knapp. „Geh doch schon vor zu den Männern“, meinte sie. Umständlich kramte sie in ihrer Handtasche. „Ich will noch mein Makeup auffrischen. Ich komme gleich nach.“

 „Ist gut“, antwortete Lee-Ann, „aber mach nicht zu lange, sonst schaffen wir es nicht rechtzeitig zurück an unsere Plätze.“

Sie verließ den Toilettenraum, während Jenny sich im Spiegel betrachtete und innerlich durchschnaufte. Sie ignorierte die anderen Besucherinnen, die an ihr vorbei zur Toilette gingen oder sich direkt neben ihr die Hände wuschen. Zum Glück wurde sie nicht mehr oft auf Cathy angesprochen, denn das Lügen fiel ihr nicht leicht. Doch es bestand die Hoffnung, dass sich Cathys Leben jetzt vielleicht normalisierte, und dann könnten sie zusammen solche Konzerte besuchen. Entschlossen packte Jenny ihre Schminksachen zurück in die Handtasche und verließ den Toilettenraum.


Im Foyer war das Gewusel aus Menschen schier undurchdringlich.

 „Hallo Jenny“, wurde sie von der Seite von einem Geschäftspartner angesprochen.

 „Hallo Greg, dich hätte ich hier nicht erwartet“, grüßte Jenny zurück.

 „Du weißt doch, was man der Frau zuliebe alles tut. Ist Linus auch hier?“

Jenny wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als jemand etwas laut schrie. Dann erklang ein ungewöhnliches Rattern, dem nur Sekunden später entsetzte Schreie folgten. Jenny hatte noch nicht begriffen, was eigentlich gerade geschah, als sie umgerissen wurde und zu Boden fiel. Sie wollte sich wieder aufrichten, doch das war unmöglich, weil panisch flüchtende Menschen über sie hinweg stiegen und rannten und ihr auf die Hände traten. Sie bekam Tritte ab und schrie selbst laut auf. Und dabei hörte sie fortwährend weiter dieses ungewöhnliche Rattern. Instinktiv rollte sie sich schützend zusammen und hielt die Hände über dem Kopf. Jetzt begriff sie, was dieses Rattern war. Sie hörte jemanden laut rufen und weitere Schüsse. Plötzlich verklangen die Schreie und machten einer unheimlichen Stille Platz, die nur von schmerzerfülltem Stöhnen unterbrochen wurde. Jenny atmete hektisch und traute sich nicht, irgendeine Regung zu zeigen. Starr vor Entsetzen blieb sie liegen und spürte dabei etwas Schweres auf sich.


New York; Tiefgarage eines Hotels und Hotelzimmer; Jacob Chandler, Rebekka Rose

Jacob Chandler fuhr den Wagen in die Tiefgarage des Hotels und parkte. Er stellte den Motor ab und sah dann zur Seite auf den Beifahrersitz. Die junge Frau dort stierte vor sich auf das Armaturenbrett.

 „Wir sind da“, sagte Jacob überflüssigerweise, weil er nicht wusste, was er sonst sagen sollte.

Die Frau neben ihm nickte bloß. Sie war schön, und Jake fühlte die gleiche Anziehungskraft, die von Anfang an zwischen ihnen bestanden hatte. Am liebsten wollte er sie in den Arm nehmen, sie halten und trösten und ihr versichern, dass alles in Ordnung käme. Er wollte sie beschützen. Doch er war sich nicht sicher, ob sie das wollte.

Er löste entschlossen den Gurt. „Ich bringe dich nach oben in dein Zimmer.“

Sie nickte nur schweigend und stieg apathisch aus dem Wagen.

 „Becka, sprich mit mir“, bat Jake. „Es ist doch alles nicht so schlimm.“

Jetzt sah sie ihn an. Ernst und traurig. Er nahm sie am Arm und zusammen gingen sie zu dem Aufzug.

 „Du konntest doch nicht wissen, dass Simon Mallory mit gefälschten Kunstwerken gehandelt hat und mit einer Kunsträuberbande unter einer Decke steckte.“

Abrupt wandte sie sich zu ihm um. „Das sagst du.“ Ihre Stimme zitterte vor Empörung. „Deine Leute vom FBI halten mich für eine Komplizin.“

 „Das war doch nur eine Vermutung, die mein Kollege geäußert hat“, antwortete Jake.

Er suchte nach Worten. Er wusste, dass die junge Frau aus Deutschland unschuldig war und nur als Mittel zum Zweck gedient hatte. Simon Mallory, der Direktor des Museums für Moderne Kunst, hatte sie unter dem Vorwand eines Vorstellungsgespräches nach New York geholt und sie dabei gebeten, ihm eine Zeichnung aus Deutschland mitzubringen. Einen Tag, nachdem Rebekka Rose ihm diese Zeichnung übergeben hatte, war der Direktor ermordet und die Zeichnung gestohlen worden. Durch Festnahmen in Berlin wegen eines dort ermordeten Museumsleiters waren sie einer international agierenden Kunstfälscherbande auf die Spur gekommen.

Erneut breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus, während sie mit dem Aufzug nach oben fuhren. Vorsichtig blickte Jake zur Seite. Weinte Rebekka? Er hoffte nicht, denn er fühlte sich mit weiblichen Gefühlsausbrüchen überfordert. Rebekka sah nach unten. Schon waren sie auf der Etage angekommen, auf der ihr Zimmer lag. Gemeinsam gingen sie den Flur entlang, und Rebekka öffnete mit ihrer Hotelkarte das Zimmer. Der Raum lag in Dunkelheit gehüllt, die nur schwach von dem von außen herein scheinenden Licht durchbrochen wurde.

Jake betätigte den Lichtschalter und sah, wie Becka ihren Mantel aufknöpfte und abstreifte. Sie wirkte müde und erschöpft, was kein Wunder war nach dem stundenlangen Verhör durch Polizei und FBI.

Er blieb neben der Tür stehen und wartete ab. Er versuchte, sich zu entspannen, was nicht leicht war, denn die Schmerzen in seiner Seite erinnerten ihn daran, dass seine Rippen gebrochen waren. Ein Andenken, das er aus Deutschland mitgebracht hatte, als er dort für das FBI in dem Kunstfälschungsfall ermittelt hatte.

Endlich sah Rebekka ihn wieder an. „Was willst du noch hier?“ fragte sie jetzt grob. Vielleicht war das eine Art Schutzmechanismus.

 „Ich möchte sicher gehen, dass es dir gut geht“, antwortete Jake.

Rebekka atmete tief durch. „Eigentlich müsstest du mir doch auch misstrauen.“

 „Hör zu, ich weiß, dass du nichts damit zu tun hast.“ Jake sah die junge Frau beschwörend an.

Die hielt sich plötzlich die Hände an die Ohren, so als wolle sie von all dem nichts mehr hören. Rasch überbrückte Jacob die Distanz zwischen ihnen und schloss sie in die Arme.

 „Alles wird gut“, murmelte er beschwichtigend.

Sie schüttelte den Kopf mit geschlossenen Augen. Dann blickte sie zu ihm auf. „Gott, wenn ich nur an deine Mutter denke. Sie hält mich bestimmt für schuldig.“ Jetzt traten Tränen in Rebekkas Augen. „Dieser Mann vom FBI, der mit mir nach New York gekommen ist, hat versucht, sie umzubringen. Und deine Kollegin liegt im Koma.“ Sie riss sich mühsam von ihm los und wandte sich ab. „Es ist meine Schuld, dass…“

 „Nein“, widersprach Jake, „du musst damit aufhören, dir die Schuld zu geben.“ Er nahm sie erneut in die Arme. Ernst sah er sie an. „Es gibt nun einmal böse Menschen auf der Welt, die vor nichts zurückschrecken und unschuldige Menschen in ihre Machenschaften hineinziehen. Deshalb musst du mit diesen Selbstvorwürfen aufhören. Meine Kollegen vom FBI werden bald Licht in die ganze Angelegenheit gebracht haben.“

 „Aber…“, wollte Becka einwenden.

Jake nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie.


New York; Balkon von Catherines Appartement; Catherine und Vincent

 “Zwei Wege trennten sich im fahlen Wald
und, weil ich nicht auf beiden konnte geh’n
und einer bleiben, macht‘ ich lange Halt
und schaute auf des einen Wegs Gestalt,
soweit ich durch die Büsche konnte sehn.

Ging dann den ander’n – der, genauso schön,
den grösser’n Anspruch hatte auf Gebrauch,
denn Gras wuchs drauf und brauchte Drübergeh’n –
obgleich die Wand’rer, muss ich schon gesteh’n,
gebrauchten einen wie den and’ren auch.

Sie lagen vor mir, beide gleich, zuhauf
mit Blättern, die kein Tritt noch aufgestört.
Ich hob mir einen Weg für später auf!
Doch Wege führ’n zu and’rer Wege Lauf:
Ich wusste wohl, dass keiner wiederkehrt.

Und seufzend werd‘ ich einmal sicherlich
es dort erzählen, wo die Zeit verweht:
Zwei Waldeswege trennten sich und ich –
ich ging und wählt‘ den stilleren für mich –
und das hat all mein Leben umgedreht.“ *1)

Vincents Stimme verstummte. Die Nacht war still hier oben. Nur schwach klangen die Geräusche der Straßen von unten herauf. Seltsam berührt von dem Gedicht wandte er sich zu Catherine, die ihren Kopf an seine Schulter gelegt hatte. Erschrocken fuhr Vincent zusammen. Tränen rannen ihr über das Gesicht.

 „Catherine, was ist los?“ Besorgt sah er sie an und zog sie unwillkürlich fester an sich.

Sie lächelte ihn unter Tränen an. „Das war wunderschön.“

Stumm sah er sie weiter an.

 „Und sehr passend“, fügte sie nach einer Weile hinzu.

Vorsichtig strich Vincent ihr die Tränen aus dem Gesicht. „Sieh nicht zurück“, mahnte er sie leise. „Niemand kann die Vergangenheit ändern oder sie ungeschehen machen.“

 „Ich weiß.“ Catherine lächelte ihn wehmütig an. „Und doch frage ich mich immer, was gewesen wäre wenn…“ Sie brach ab.

 „Es ist schon spät“, meinte Vincent. „Du solltest zur Ruhe kommen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich will jeden Augenblick mit dir auskosten.“ Sie setzte sich auf. „Ich brauche dich so sehr, mehr als jemals zuvor.“ Sie schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln. „Ist das nicht merkwürdig? Ich war so lange allein, und jetzt frage ich mich, wie ich überhaupt ohne dich sein konnte.“

Erneut zog Vincent sie in seine Arme und drückte sie fest an sich. Ineinander versunken genossen sie die Gegenwart des anderen.

 „Eigentlich hätte Jacob längst zurück sein müssen“, meinte Catherine. „Er wollte sich über die Ermittlungen zu dem Kunstfälschungsfall und dem Tod von Simon Mallory bei seinen Kollegen vom FBI auf den neuesten Stand bringen.“

 „Denkst du, er ist mit dieser Frau zusammen?“ fragte Vincent.

 „Das ist gut möglich. Als ich ihm sagte, dass sie verhört wird, wirkte er ziemlich besorgt.“ Catherine sah ihn nachdenklich an.

 „Dann meinst du, es ist etwas Ernstes?“ fragte Vincent weiter.

Catherine wirkte unsicher. „Ich weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher, was wirklich die Beweggründe von Rebekka Rose waren, sich mit Jacob einzulassen. Physische Anziehungskraft heißt noch lange nicht, dass es Liebe ist. Aber vielleicht können wir das gar nicht beurteilen.“

Vincent nickte. „Vermutlich hast zu Recht.“ Er hielt einen Moment inne. „Ich weiß so wenig über ihn.“ Traurig sah er sie an.

 „Ihr habt euch voneinander entfremdet“, meinte Catherine leise.

 „Ich wollte ihn beschützen“, antwortete Vincent. „So wie ich dich immer beschützt habe, aber…“

  „…er wollte es nicht“, beendete Catherine den Satz. „Er wollte unabhängig sein und seinen eigenen Weg gehen.“

 „Vielleicht war ich zu ängstlich“, meinte Vincent. „Nach seiner Befreiung als Baby, habe ich ihn behütet und beschützt und wollte alle Gefahren von ihm fernhalten.“

Zärtlich hob Catherine die Hand und strich Vincent behutsam über das Gesicht. „Du hattest Angst. Du hattest mich verloren und wolltest nicht auch noch deinen Sohn verlieren.“

Vincent nahm Catherines Hand in seine beharrte und führte sie an seine Lippen. „Und dann habe ich ihn doch eines Tages verloren an die Welt da draußen.“ Er verzog das Gesicht schmerzlich. „Ich sollte mich doch freuen. Ich bin so froh, dass er ein ganz normaler Mensch ist, dass er nicht…“

  „…, dass er nicht so aussieht wie du“, vollendete Catherine den Satz.

Vincent nickte. „Ihm stehen alle Möglichkeiten offen. Er ist frei. Das macht mich glücklich.“

 „Vincent“, sagte Catherine leise, „vielleicht musst du ihm nur die Zeit geben, seinen Weg zu gehen. Gib ihm die Möglichkeit, seinen Platz in der Welt zu finden, den er einnehmen möchte, und die Frau zu finden, mit der er sein Leben verbringen will. Wenn er weiß, wo sein Platz im Leben ist, wird er nicht mehr das Bedürfnis haben, sich von dir zu distanzieren.“

Ernst sah Vincent die Frau an, die er liebte. „Du hast Recht. Ich glaube, du hilfst ihm dabei, zu sich selbst zu finden. Deine Anwesenheit hilft ihm. Das kann ich spüren.“

In diesem Moment ging die Tür des Appartements und kündigte das Eintreffen ihres Sohnes an.


New York; Catherines Appartement; Catherine und Jacob

Als Catherine am nächsten Morgen angezogen aus dem Schlafzimmer kam, war Jacob bereits wach. Er telefonierte und lief dabei unruhig im Wohnzimmer auf und ab. Catherine wollte ihn nicht belauschen und ging deshalb gleich in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Sie blieb nicht lange allein.

 „Guten Morgen“, begrüßte ihr Sohn sie beim Eintreten.

 „Guten Morgen“, erwiderte Catherine. „Hast du gut geschlafen?“

Jacob verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Es ging so.“

 „Was ist los?“ fragte Catherine besorgt.

 „Es sind nur meine Rippen“, antwortete Jacob.

 „Vielleicht solltest du das nochmal untersuchen lassen“, meinte Catherine.

 „Mom, das vergeht auch wieder“, widersprach Jacob.

 „Aber eigentlich solltest du nicht so viel auf den Beinen sein“, erwiderte Catherine.

 „Es geht schon. Ich dachte, du möchtest vielleicht ins Krankenhaus fahren.“ Jake lenkte das Gespräch lieber von sich ab. „Vicky ist aufgewacht. Gerade eben hat jemand von der Station angerufen.“

 „Und wie ist ihr Zustand?“ fragte Catherine neugierig.

 „Sie ist ansprechbar und hat nach dir gefragt“, sagte ihr Sohn.

 „Dann würde ich sehr gerne zu ihr fahren und sie besuchen“, sagte Catherine. „Möchtest du irgendetwas Bestimmtes zum Frühstück?“

 „Nein, mir reicht Toast“, antwortete Jake. „Es könnte voll werden in der Stadt und im Hospital.“

 „Wieso?“ fragte Catherine.

 „Es hat gestern Abend einen Amoklauf in der Carnegie Hall gegeben.“

 „Oh mein Gott“, brach es aus Catherine heraus. „Das ist ja furchtbar.“

 „Es kam heute Morgen in den Nachrichten“, berichtete Jacob weiter. „Ich habe schon mit den Kollegen in Washington telefoniert. Die müssen erst noch herausfinden, ob es sich nur um einen durchgeknallten Irren handelt oder womöglich um einen Terroranschlag.“

 „Musst du irgendetwas tun? Können wir irgendwie helfen?“ fragte Catherine sofort.

 „Nein, nein“, beruhigte ihr Sohn sie. „Ich stehe voll und ganz zu deiner Verfügung.“

 „Dann gibt es keinen weiteren FBI-Agenten, der auf mich aufpassen soll.“ Catherine stellte es mit einer gewissen Erleichterung fest, die Jake nicht teilte.

 „Ich befürchte, angesichts der aktuellen Entwicklungen in der Stadt bleibt das auf der Strecke. Zumal noch untersucht werden muss, wieso ein FBI-Agent versucht hat, dich umzubringen.“

 „Ich denke, er war schon in Berlin auf mich angesetzt worden“, meinte Catherine.

Jacob nickte. „Vermutlich hast du Recht. Trotzdem macht mir das Kopfzerbrechen.“

Scheu berührte Catherine ihren Sohn am Arm. „Ich weiß. Es tut mir leid, dass du da mit drin hängst. Du würdest lieber…“

 „Unsinn“, murmelte Jacob und legte vorsichtig seine Hand auf die seiner Mutter. „Ich bin genau da, wo ich jetzt sein möchte. Und du kannst sicher sein, dass ich nicht von deiner Seite weiche. Außer wenn Pa auf dich aufpasst.“

Auf dem Weg zum Krankenhaus dachte Catherine darüber nach, dass Jacob nichts über den gestrigen Abend und über Rebekka Rose erzählt hat.


New York; Krankenhaus; Victoria Thompson, Mona Thompson, Catherine, Jacob, Jenny Aronson

Victoria Thompson fühlte sich schwach und elend. Und das hasste sie. An ihrem Bett saß ihre Mutter Mona Thompson. Sie lag allein auf einem Zimmer, wofür sie dankbar war, denn von den Krankenhausfluren war ein ziemlicher Tumult zu hören.

 „Was ist da draußen los?“ fragte sie matt.

 „Kümmere dich nicht darum“, meinte ihre Mutter nur. „Du bist müde. Ruh dich einfach aus.“

Vicky schloss kurz die Augen. „Wenn ich es richtig verstehe, habe ich seit fast drei Tagen geschlafen. Das müsste doch eigentlich reichen.“

 „Du hast einen Schlag auf den Kopf erhalten und warst bewusstlos“, erwiderte Mona Thompson.

Erneut schloss ihre Tochter müde die Augen. In diesem Moment öffnete sich die Tür und Catherine und Jacob Chandler betraten den Raum.

Catherine drückte nur kurz Monas Schulter zur Begrüßung, dann blickte sie auf die junge FBI-Agentin. „Hey. Du siehst schon besser aus.“

Victoria lächelte gequält als Antwort.

 „Wie fühlst du dich?“ fragte Catherine sanft.

 „Wie eine überfahrene Katze“, antwortete Vicky. Ihre Stimme war nur als Krächzen zu vernehmen.

Mona Thompson beugte sich vor und strich ihrer Tochter behutsam über das Gesicht. „Möchtest du etwas trinken?“

Vicky nickte und Mona hielt ihr ein Glas Wasser an die Lippen. Nachdem Vicky getrunken hatte, lehnte sie sich in die Kissen zurück. Ihr Blick war jetzt klar und prüfend schaute sie Catherine an. „Wie“, sie musste sich räuspern, „wie hast du es geschafft, den Kerl fertig zu machen?“ Sie spielte auf die Situation in Catherines Appartement an, bei der sie verletzt wurde.

 „Es ist mir irgendwie gelungen“, antwortete Catherine ausweichend, weil sie nicht erzählen konnte, dass Vincent ihr zu Hilfe gekommen war.

 „Steckt diese Rebekka Rose da drin?“ fragte Vicky beharrlich.

 „Nein“, antwortete diesmal Jacob, „sie hat nichts damit zu tun.“

 „Aber dieser Kerl. War der wirklich vom FBI?“

 „Ja, aber das muss noch genauer untersucht werden“, erklärte Jake.

Vicky machte ein ernstes Gesicht. „Du bist weiterhin nicht sicher“, sagte sie zu Catherine.

 „Kind“, mahnte ihre Mutter leise, „du solltest dich ausruhen und nicht an deine Arbeit denken.“

Victoria Thompson winkte müde ab. „Wer passt jetzt auf dich auf?“ fragte sie an Catherine gewandt.

Die lächelte ihr aufmunternd zu. „Mach dir keine Sorgen um mich. Ich habe meinen persönlichen Bodyguard in Gestalt meines Sohnes bei mir.“

Vicky ließ sich nicht beirren. „Wenn das FBI von der Mafia unterwandert ist, kannst du dort niemandem mehr trauen“, sagte sie zu Jake.

Er lächelte freudlos. „Ich weiß. Aber das sollte jetzt nicht dein Problem sein. Komm erst einmal wieder auf die Beine.“

Vicky nickte und schloss die Augen. Catherine legte nochmal ihre Hand auf Vickys. „Wir kommen bald wieder“, versprach sie.

Catherine und Jacob verließen still das Krankenzimmer. Draußen auf den Krankenhausfluren herrschte hektische Betriebsamkeit. Wie sie erfahren hatten, waren hier Verletzte des Amoklaufes eingeliefert worden. Jacob führte seine Mutter zielsicher zum Aufzug. Dabei passierten sie einen Wartebereich, in dem einige Leute saßen. Sie waren schon fast vorbei gegangen, als Catherine aus den Augenwinkeln heraus eine Gestalt wahrnahm, die ihr bekannt vorkam. Sie drehte sich um und schaute genauer hin.

 „Jenny!“ rief sie dann voller Überraschung und eilte zu ihrer Freundin.

Jenny Aronson saß allein auf einem Stuhl und blickte stumpf nach unten. Sie trug ein Abendkleid, das ziemlich ramponiert aussah. Auch ihr Gesicht wirkte mitgenommen. Abschürfungen und blaue Flecken zeigten sich. Ihr Handgelenk war bandagiert.

Catherine beugte sich zu ihr hinunter, als sie den Zustand der Freundin erfasste. „Jenny! Um Gottes Willen, was ist denn passiert.“

Nur langsam drang Catherines Stimme zu der Verletzten durch. Langsam hob sie den Kopf und starrte Catherine an, die entsetzt war. Dicht hinter Catherine stand Jake, der ahnte, was los war. Catherine ging in die Hocke, um ihrer Freundin genau ins Gesicht sehen zu können. Leere Augen blickten sie an.

 „Er ist tot“, sagte sie.

Verwirrt schüttelte Catherine den Kopf. „Wer? Wer ist tot?“

Ein Ruck ging durch ihre Freundin. „Linus. Mein Mann. Sie sagen, er ist tot.“

 „Oh mein Gott. Wie?“ fragte Catherine.

Schweigen folgte, denn Jenny Aronson schien in einem Meer aus Entsetzen versunken zu sein.

Jacob beugte sich zu seiner Mutter hinab. „Ich fürchte, es hat mit dem Amoklauf zu tun.“

Erschrocken sah Catherine ihn an, und Jacob nickte ihr zu. Sie wandte sich wieder ihrer Freundin zu und nahm ihre beiden Hände in die ihren.

 „Jenny“, sagte Catherine leise. „Warst du gestern Abend dort in der Carnegie Hall?“

Die Freundin nickte und schwieg.

Catherine erhob sich langsam und sah ihren Sohn an. „Wir müssen ihr helfen.“


New York; Wohnung von Jenny Aronson; Catherine, Jacob, Jenny Aronson

Es dauerte mehrere Stunden bis mit den Ärzten alles geregelt war. Jenny Aronson hatte eine Gehirnerschütterung. Das Krankenhaus konnte sie nicht dort behalten, weil alle Betten durch die vielen schwerer Verletzten belegt waren. Jacob versuchte herauszufinden, was mit Jennys Mann Linus geschehen war. Leider konnten ihm alle Kollegen von Polizei und FBI nur so viel sagen, dass am Vorabend ein bewaffneter Mann in das Foyer der Carnegie Hall gestürmt war und wild um sich geschossen hatte. Und das genau während der Pause eines Konzertes. Es hatte 23 Tote gegeben und über fünfzig Verletzte. Unter den Toten waren Jennys Mann Linus und ihre beiden Freunde Lee Ann und Edward Hayes. Jenny stand unter Schock. Bereitwillig und ohne ein weiteres Wort ließ sie sich von Catherine und Jake zu sich nach Hause fahren.

Catherine führte sie in die Wohnung. „Du solltest schlafen“, sagte sie bestimmt.

Apathisch nickte ihre Freundin. Catherine half ihr, sich auszuziehen. Sie holte ein Glas Wasser und brachte Jenny dazu, die Schmerztabletten einzunehmen, die das Krankenhaus ihnen mitgegeben hatte. Endlich lag Jenny im Bett und starrte weiterhin apathisch an die Decke.

 „Versuch zu schlafen“, meinte Catherine leise.

 „Ich höre noch immer die Schreie“, kam es kaum hörbar über Jennys Lippen. „Diese furchtbaren Schreie und…, und die Schüsse, die nicht aufhörten.“ Sie schluchzte und plötzlich rannen ihr Tränen über das Gesicht. „Oh mein Gott…“

Catherine zog sie in die Arme und hielt sie, bis sie sich beruhigt hatte. Endlich lehnte sich Jenny in die Kissen zurück und schloss die Augen.

 „Sollen wir irgendjemanden benachrichtigen?“ fragte Catherine ruhig.

Als keine Antwort kam, glaube sie, dass Jenny eingeschlafen wäre. Doch dann ging nochmal ein leichter Ruck durch ihre Freundin.

 „Unseren Anwalt. Ruf unseren Anwalt an. Linus und meinen. Robert Dalton. Er weiß Bescheid. Er wird sich kümmern“, murmelte sie mit schwächer werdender Stimme.

 „Ist gut. Das mache ich“, antwortete Catherine leise. Dann wartete sie, bis Jennys Atemzüge gleichmäßig wurden und sie eingeschlafen war.

Jacob hatte geduldig im Wohnraum gewartet. „Wie geht es ihr?“

Catherine sah ihn ernst an, als sie zu ihm kam. „Sie stand bislang unter Schock, aber das wird nachlassen.“

 „Weißt du, ob sie Verwandte hat?“ fragte Jacob.

Catherine schüttelte den Kopf. „Soweit ich weiß keine, die noch leben. Sie sagte mir, ich solle ihren Anwalt informieren, einen gewissen Robert Dalton. Er würde sich um alles Weitere kümmern. Vielleicht finde ich die Adresse und Telefonnummer in ihrer Tasche oder in ihren Unterlagen.“

 „Ich kann dir das im Internet heraussuchen“, bot Jacob an und zückte schon sein Smartphone. „Das geht schneller.“

Catherine lächelte dankbar. „Mit diesen modernen Kommunikationsmitteln habe ich mich nie auseinander gesetzt, aber ich weiß, dass man darüber alles finden kann.“

Jacob nickte bestätigend. „Hattest du nie einen Computer oder ein Handy?“

Catherine verneinte. „Es erschien mir zu gefährlich. Meine Kontaktleute vom Zeugenschutzprogramm rieten mir davon ab. Es war wichtiger, dass absolut niemand auf mich aufmerksam wurde.“

 „Das war sicher nicht leicht für dich“, meinte Jacob leise und sah sie ernst an.

Catherine lächelte wehmütig. „Nein, das war es nicht. Aber man gewöhnt sich an alles.“

 „Ich vermute, du willst deine Freundin jetzt nicht allein lassen“, lenkte Jake die Aufmerksamkeit auf ihre aktuelle Situation.

 „Nein. Ich glaube, es sollte jemand bei ihr bleiben, den sie kennt“, meinte Catherine. „Ich würde gerne die Nacht über hier bleiben. Es gibt sicher ein Gästezimmer.“

Verständnisvoll nickte Jacob und sah sich im Wohnraum um. „Ich schätze, ich kann auf dieser Couch einigermaßen schlafen.“

Catherine wollte widersprechen, doch ihr Sohn hob die Hand. „Ich lasse dich ganz bestimmt nicht die Nacht unbeaufsichtigt.“

Catherine lächelte ihn an. „Du bist sehr hartnäckig.“

Jetzt lachte Jacob das erste Mal frei heraus, seitdem sie ihn kennen gelernt hatte. „Ja. Vermutlich habe ich das von dir. Wenn du mir versprichst, hier zu bleiben, besorge ich kurz ein paar Toilettenartikel unten aus dem Supermarkt.“

 „Wir sollten eine Nachricht in die Tunnel schicken, damit dein Vater Bescheid weiß“, meinte Catherine.

 „Ich kümmere mich darum“, antwortete Jake.

Kurze Zeit später verschwand er nach unten. Er hatte keine Bedenken, seine Mutter für den Moment alleine zu lassen. Das erschien ihm sogar sicherer, als eine weitere Person vom FBI hinzu zu ziehen, der sie bewachte. Solange die Hintergründe zu dem Mordanschlag auf seine Mutter nicht geklärt waren, würde er sich höchstpersönlich um sie kümmern. Während er die paar Meter zu dem Store ging, der direkt neben dem Appartementhaus lag, fühlte Jake erneut diese kalte Wut in sich aufsteigen. Es kribbelte in seinen Fingern und er schloss kurz die Augen, um seine Selbstbeherrschung zurück zu erlangen. Niemand würde seiner Mutter etwas antun. Dafür würde er schon sorgen.


New York; in den Tunneln; Vincent und Jamie

Vincent machte einen Rundgang durch die Tunnel. Später wollte er mit Geoffrey Schach spielen. Er hatte eine Botschaft zu den Helfern geschickt, die sich bemühten, etwas über Marjories Verbleib in Erfahrung zu bringen. Die Helferin, die normalerweise in der Verwaltung der Städtischen Museen arbeitete, war verschwunden. Vincent befürchtete, dass sie in den Fall von Kunstfälschungen verwickelt war oder zumindest durch jemanden mit hineingezogen worden war. Womöglich schwebte sie ernsthaft in Gefahr. Die anderen Helfer waren eine Möglichkeit, etwas zu unternehmen.

Auf dem Weg zurück zu seiner Kammer, lief ihm Jamie über den Weg. Aus dem vorlauten Mädchen von einst, war eine reife Frau geworden, die nach wie vor wusste, was sie wollte. Das bekam Mouse regelmäßig zu spüren. Sie lebten zusammen und hatten zwei Kinder, die inzwischen schon erwachsen waren.

 „Vincent“, rief sie, „gut, dass ich dich treffe.“

 „Was ist Jamie?“ fragte Vincent mit seiner ruhigen, tiefen Stimme.

Sie zögerte kurz. „Es geht um Catherine. Olivia und ich haben miteinander gesprochen, und wir haben die Idee, ein Fest zu geben als Willkommen für sie. Was hältst du davon?“

Nachdenklich wiegte Vincent den Kopf.

 „Auch Pascal und Mouse finden die Idee gut. Wir haben mit allen gesprochen, die Catherine noch kennen. Alle finden die Idee gut und…“

Sie wurde unterbrochen. Vincent hatte den Arm gehoben, um ihrem Redeschwall Einhalt zu gebieten. „Jamie, das ist wirklich eine liebe Idee, aber…“

 „Die Kinder sind ganz begeistert und wollen ein Konzert geben. Catherine liebte doch immer klassische Musik.“ Jamie redete einfach weiter.

Vincent musste lächeln. Er wünschte, Catherine könnte Jamies Begeisterung hören. „Es ist nicht so einfach“, sagte er zu der blonden Frau.

 „Du meinst, weil sie zurzeit noch oben lebt“, antwortete sie. „Aber wir dachten, sie will so bald wie möglich nach unten zu dir kommen.“

Vincent suchte nach Worten. „Es gibt noch einige Hindernisse. Jemand hat erst vor ein paar Tagen versucht, sie umzubringen. Marjorie ist verschwunden, und wir wissen nicht, was aus ihr geworden ist.“

Jamie wirkte enttäuscht. „Wir dachten, es ist eine gute Idee, damit sie weiß, dass sie hier willkommen ist und immer einen Platz haben wird.“

Vincent lächelte in sich hinein. „Glaub mir, das weiß sie. Aber erst müssen wir alles andere aus dem Weg geräumt haben, bevor wir endlich in Frieden leben können.“

Jamie zuckte etwas verloren mit den Schultern. „Gut. Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Dann machen wir es eben etwas später. Wir können ja trotzdem schon mal mit den Planungen anfangen“, meinte sie dann zuversichtlich.

Vincent merkte, dass er sie nicht von ihrem Vorhaben abbringen konnte. „Danke Jamie“, sagte er deshalb. „Es ist wirklich eine ganz wunderbare Idee.“

 „Was hast du vor?“ lenkte Jamie vom Thema ab.

 „Ich wollte noch mit Geoffrey Schach spielen“, antwortete Vincent.

 „Dann bist du auf dem Weg zu deiner Kammer?“ fragte Jamie.

Vincent nickte.

 „Gut. Ich glaube, eines der Kinder war vorhin mit einer Nachricht für dich gekommen. Sie müsste in deiner Kammer liegen.“

Vincent eilte zu seinem Zimmer von einer inneren Unruhe erfüllt. Solange Marjories Verbleib nicht geklärt war, würde diese Unruhe bleiben. Das wusste er.

Die Nachricht war von Jacob, und was er las, ließ seine Unruhe nicht abklingen. Es hatte einen Amoklauf in der Carnegie Hall gegeben, und Catherines Freundin Jenny Aronson war davon betroffen. Er kannte diese Frau nur durch Catherines Erzählungen, und doch konnte er ihren Schmerz nachempfinden. Er wusste, wie furchtbar es war, einen über alles geliebten Menschen zu verlieren. Die Nachricht besagte, dass Catherine und Jacob über Nacht bei ihrer Freundin bleiben würden. Er fühlte einen Stich der Enttäuschung, dass er seine Familie heute nicht würde sehen können. Doch er verstand Catherines Besorgnis um ihre Freundin. Er konnte sie förmlich spüren. Vincents Gedanken überschlugen sich, und er hörte in sich hinein. Konnte er das wirklich spüren oder bildete er sich nur ein, er könne Catherines Sorge fühlen. Er war sich nicht sicher, und je mehr er versuchte, in sich hinein zu horchen, desto unsicherer wurde er. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Konnte dieses Band zwischen Catherine und ihm neu entstehen, jetzt wo sie zurück war und sie sich Tag für Tag näher kamen?

Vincent sank ratlos auf seine Liege, gleichzeitig erfüllt von Hoffen und Bangen.


New York; Wohnung von Jenny Aronson; Catherine, Jacob

Als Jacob zurück in Jenny Aronsons Appartement kam, fand er seine Mutter in der Küche vor. Die Ausstattung war vom Allerfeinsten. Die Freundin seiner Mutter gehörte nicht gerade zu den Ärmsten.

 „Ganz schön luxuriös“, murmelte er.

Catherine, die gerade den Kühlschrank inspiziert hatte, drehte sich zu ihm um. „Nun ja, ich nehme an, dass Jennys Verlag genug abwirft“, meinte sie.

 „Kanntest du ihren Mann?“ fragte Jake.

 „Nein. Wir sind uns nie begegnet. Ich weiß nur, dass sie sich erst spät kennen gelernt und geheiratet haben. Ich hatte zu Jenny fast keinen Kontakt mehr. Soweit ich weiß, war ihr Mann Ingenieur.“ Catherine verstummte und hoffte, dass Jacob nicht weiter nachfragen würde, wann und in welchen Fällen sie Kontakt zu Jenny gehabt hatte. Sie war sich nicht sicher, wie er auf ihre Antworten reagieren würde.

 „Hast du das Gästezimmer gefunden?“ fragte ihr Sohn stattdessen.

 „Ja. Und Bettzeug. Damit können wir es dir auf dem Sofa bequem machen“, antwortete Catherine erleichtert. „Ich konnte auch diesen Anwalt erreichen. Er kommt morgen Vormittag her, um alles Notwendige mit Jenny zu besprechen.“

 „Willst du so lange bei ihr bleiben?“ fragte Jake.

 „Ich werde sie morgen früh fragen. Das Wichtigste ist, dass sie jetzt erst einmal schläft“, antwortete Catherine.

 „Ich habe uns etwas zu essen besorgt“, sagte Jacob und stellte eine Tüte vom Chinesen auf den Tisch.

 „Das ist gut. Der Kühlschrank gibt nämlich nicht viel her.“ Das stimmte nicht ganz. Catherine war erleichtert, dass sie nicht selbst irgendetwas machen musste nach diesem Tag. „Konntest du eine Nachricht in die Tunnel schicken?“

Jake nickte. „Ja. Einer der Helfer wohnt hier in der Nähe. Er kümmert sich darum, dass sie bei Pa ankommt.“

 „Du kennst dich gut aus, nicht wahr“, sagte Catherine. Als Jake sie fragend ansah, erklärte sie es ihm. „Ich meine, an wen du dich wenden kannst und wer Bescheid weiß über die Tunnel.“

Jake lächelte leicht, während er sich die Jacke auszog. „Das ist so, wenn man in den Tunneln aufwächst.“

Catherine sah ihn einen Moment nachdenklich an. „Dann hast du es nicht vermisst, nicht oben aufgewachsen zu sein.“

Jake kramte in der Tüte vom Chinesen und beförderte nach und nach das Essen auf den Tisch. „Na ja“, meinte er nebenbei, „es hätte vieles einfacher gemacht, wenn ich natürlich von Anfang an zu einer normalen Schule gegangen wäre. So musste ich ein bisschen tricksen, als ich mich beim FBI bewarb.“

 „Inwieweit?“ fragte Catherine.

 „Ich bin zuerst natürlich mit den anderen Kindern in den Tunneln unterrichtet worden. Von Mary. Du kanntest doch Mary?“ fragte Jake.

Catherine nickte wehmütig. „Ja, auch Mary kannte ich einst.“

 „Später, als ich älter wurde, meinte Pa, ich solle zu einer normalen Schule oben gehen. Zu dem Zeitpunkt war es mir eigentlich noch egal, aber Pa meinte, es wäre wichtig.“ Jake fuhr in seiner Erzählung fort. „Also wurde ich bei einer New Yorker High School angemeldet. Als Erziehungsberechtigte wurde…“ Jacob zögerte auf einmal.

 „Wer?“ fragte Catherine nach. „Wer hat als Erziehungsberechtigter fungiert?“

 „Weißt du, Diana hatte sich angeboten. Ihre Adresse war dann meine offizielle Adresse, die wir bei der Schule angaben.“ Jake traute sich nicht, seiner Mutter in die Augen zu sehen. Sie wusste, wieviel ihm Diana bedeutet hatte. Sie war wie eine Mutter für ihn gewesen.

 „Dann hat sie sich also um dich gekümmert, als du zur High School gingst.“ Catherines Stimme klang neutral und verriet nichts von ihren Gefühlen.

 „Ja.“ Jetzt sah er Catherine an, die ihn nachdenklich anblickte.

 „Und was war, als sie gestorben ist?“ fragte seine Mutter.

Es folgte ein Moment der Stille.

 „Sie kam bei einem Einsatz ums Leben.“ Jake blickte vor sich hin. „Da ging ich schon zum College. Danach…“, er brach für einen Moment ab.

Catherine wartete geduldig ab. „Was war danach?“ fragte sie sanft.

Er schüttelte den Kopf, als wolle er so unliebsame Erinnerungen loswerden. „Ich war furchtbar wütend“, sagte er nur.

 „Auf die Männer, die sie umgebracht haben“, versuchte Catherine ihrem Sohn zu helfen.

 „Natürlich“, antwortete Jacob, „und auf alle anderen.“

 „Wen meinst du mit allen anderen?“ fragte seine Mutter.

Jacob verzog unwillig das Gesicht. Es war ihm anzusehen, dass er am liebsten gar nichts mehr erzählt hätte. Er hatte schon zu viel gesagt.

Catherine wartete geduldig. Sie war sich nicht sicher, ob er ihr schon genug vertraute, um seine Gedanken und Gefühle mit ihr zu teilen.

 „Ich war wütend auf dich“, brachte Jacob dann hervor.

Überrascht sah seine Mutter ihn an. „Wieso? Ich war doch für euch tot.“

 „Ja“, sagte er dann. „Du warst tot, aber durch das, was Pa mir von dir erzählt hatte, vermisste ich dich trotzdem irgendwie. Ich war wütend auf Diana, weil sie genauso wie du, ihr Leben wiederholt aufs Spiel gesetzt hatte. Und ich war wütend auf Pa, weil ihm Dianas Tod so wenig auszumachen schien.“

 „Denkst du das wirklich?“ fragte Catherine.

Jake fuhr fort, das Essen auszupacken. Er überlegte. „Ich weiß es nicht genau“, meinte er dann. „Er war betroffen von ihrem Tod, aber nicht am Boden zerstört.“

 „Aber er wusste, dass du an Diana Bennett gehangen hast und dir ihr Tod sehr nahe ging“, meinte Catherine.

 „Ja, er wusste das schon. Er machte sich große Sorgen um mich, aber es ist noch etwas anderes“, meinte er dann und sah seiner Mutter direkt ins Gesicht. „Mir wurde damals erst so richtig bewusst, dass er Diana nie wirklich geliebt hatte. Er hatte nie die gleichen Gefühle wie sie sie gehabt hatte. Sie hätte mehr verdient. Verstehst du?“

Catherine nickte langsam. „Ich verstehe“, entgegnete sie leise. „Und deshalb diese Wut auf mich.“

Jacob wandte den Blick ab. „Es tut mir leid. Das ist nicht fair dir gegenüber, das weiß ich inzwischen.“

Catherine lächelte wehmütig. „Es ist schon in Ordnung.“

Jacob schüttelte den Kopf. „Nein, ist es nicht.“ Er konnte seiner Mutter nicht alles erzählen, aber er wollte nicht, dass sie dachte, er würde irgendeinen Groll gegen sie hegen. „Ich war in deiner Wohnung in Berlin“, erzählte er. „Ich habe dich dort gespürt wie nie zuvor.“

Damit erinnerte er Catherine an die Tatsache, dass er sie spüren konnte, so wie es einst Vincent gekonnt hatte. „Ich habe deine Einsamkeit gespürt in dieser Wohnung. Ich habe sie gefühlt.“

Catherine fühlte sich unangenehm berührt, dass er so viel von ihr wahrgenommen hatte. „Es war nicht so schlimm, wie du vielleicht denkst.“

Jetzt sah ihr Jacob direkt in die Augen. „Doch das war es. Ich habe es gefühlt.“

Ohne ein weiteres Wort setzte er sich hin. Catherine setzte sich zu ihm, und schweigend aßen sie zusammen.


New York; diverse Straßen; der Attentäter

Es war dunkel geworden in New York. Zum Glück, dachte sich der Unbekannte, während er ziellos durch die dunklen Gassen streifte. Die Anonymität der Großstadt schützte ihn, obwohl die Polizei fieberhaft nach ihm suchte. Alle suchten ihn. Sollten sie ruhig.

Als er an den vergangenen Abend zurück dachte, erfüllte ihn Zufriedenheit. Er hatte es allen gezeigt. Die Großmäuler, die ihn sonst nur ausgelacht hatten, waren reihenweise vor ihm in die Knie gegangen. Seine Waffen hatte er weggeschmissen. Jetzt trug er nur noch eine Pistole bei sich. Er hatte Hunger, traute sich aber nicht, an irgendeinen Hot-Dog-Stand zu gehen und sich etwas zu kaufen. Womöglich würde ihn jemand erkennen, dachte er wirr. Vermutlich würde sofort jemand mit dem Finger auf ihn zeigen und die Polizei auf ihn hetzen. Nein, nein. Natürlich konnte er auch nicht zurück nach Hause. Da war niemand mehr. Sein Zuhause war tot. Ein Kichern stahl sich auf die Lippen. Denen hatte er es zuerst gezeigt. Während dieser Gedanken schlurfte er weiter durch die Gassen. Kurz zuckte er zusammen, als er von Ferne eine Polizeisirene wahrnahm. Er durfte nur nicht in die belebten Gegenden gehen. Er würde im Dunkeln bleiben. Da würde ihn niemand finden.


New York; ein Keller eines Hauses; Marjorie

Marjorie lag am Boden und fror entsetzlich. Die Kälte hatte sie vollkommen durchdrungen. Sie wusste nicht, wie lange sie bewusstlos auf dem Boden des Kellers gelegen hatte. Sie hatte jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Alles was sie noch fühlte, waren der Schmerz und die Kälte. Alles tat ihr weh. Ihr Exmann war nicht zimperlich gewesen. Nach einigen leichten Schlägen ins Gesicht, war er grober geworden, nachdem sie nichts gesagt hatte. Irgendwann hatte er sie in Ruhe gelassen. Sie wusste nicht warum. Hatte sie ihm womöglich doch etwas verraten, ohne es bemerkt zu haben. Sie hatte keine genauen Erinnerungen mehr daran.

Mühsam versuchte sie, trotz der Schmerzen aufzustehen. Sie hatte Hunger und Durst. Sie befand sich in einem Kellerraum, so viel wusste sie. Sie schluchzte und stützte sich mühsam an der Wand ab. Durch ein winziges Fenster drang etwas Licht von der Straßenlaterne herein, so dass sie sich umsehen konnte. Erneut entrang sich ein Schluchzen ihren Lippen. Vorsichtig tastete sie sich an der Wand entlang bis zur Tür. Ihre Hände waren aufgeschürft, aber sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie das passiert war. Sie keuchte laut. Ihr war schwindlig. Endlich stand sie vor der Tür. Sie drückte die Klinke herunter und rüttelte daran, doch es war vergeblich. Verschlossen. Mutlos sank sie neben der Tür zu Boden. Timothy, ihr Exmann würde zurückkommen. Dessen war sie sich sicher. Sie schloss die Augen, nur um sie im nächsten Moment wieder zu öffnen. Sie blickte auf die Wand am Fenster. In der Ecke führte ein Rohr von oben und durch den Boden weiter hinab. Schlagartig breitete sich Hoffnung in ihr aus.


New York; diverse Straßen; der Attentäter

Die dunkle Gestalt duckte sich kurz hinter ein paar Mülleimern. Durch die Ritzen zwischen zwei Mülltonnen beobachtete er, wie langsam ein Streifenwagen vorbei fuhr. Verflixt. Sie waren überall. Zielsicher ging die Hand zu der Waffe, die er sich im Rücken unter dem Pullover, den er trug, in die Hose gesteckt hatte. Als der Polizeiwagen in die nächste Seitenstraße abgebogen war, erhob er sich. Unsicher sah er sich um. Wohin sollte er jetzt gehen? Er entschloss sich für die Richtung, aus der der Streifenwagen gekommen war. Er atmete schwer. Er musste irgendwo einen Unterschlupf finden. Er ging bis zur nächsten Straßenkreuzung und bog in eine Seitenstraße ab. Alles war dunkel bis auf den Schein der Straßenlaternen. Aus den bewohnten Häusern drang schwacher Lichtschein. Es war nicht die beste Gegend. Hells Kitchen. Plötzlich kam ihm ein Fahrzeug entgegen. Das Licht der Scheinwerfer blendete ihn. Zu spät bemerkte er, dass die Polizei offensichtlich zurückgekehrt war. Er fluchte laut, machte auf dem Absatz kehrt und flüchtete um die nächste Ecke. Er musste weg und zwar so schnell wie möglich. Rechts von ihm tauchte ein unbeleuchtetes Haus auf. Einige Stufen führten hoch zur Eingangstür. Seitlich daneben führte eine Treppe hinab in den Keller. Er sprang kurz entschlossen die Stufen hinab und rüttelte an der Tür. Sie war verschlossen, aber ziemlich alt. Er nahm kurz Anlauf und warf sich dagegen. Beim zweiten Ansturm gab die Tür nach. Er betrat einen dunklen Gang und drückte die Tür zurück an die Wand, damit von außen niemand sah, dass sie aus den Angeln gerissen war. Vorsichtig tastete er an der Wand entlang. Von irgendwoher vernahm er ein monotones Klopfen. Es hörte sich an, als würde irgendein Gegenstand auf ein Rohr geschlagen. An der Wand konnte er einen Lichtschalter fühlen, doch er wagte es nicht, es einzuschalten. Womöglich war es von außen zu sehen. Als er langsam weiter ging, wurde das Klopfen lauter. Plötzlich flammte Licht auf. Erschrocken fuhr er zusammen und sah, dass er sich in einem schmutzigen Kellergang befand, von dem Türen seitlich abgingen. Schon hörte er vor sich Schritte. Ganz offensichtlich kam jemand die Stufen zum Keller hinunter. Hektisch sah er sich um.


New York; Polizeirevier; Dick Spencer; Dale Evans (Polizei-Detectives)

Müde betätigte Dick Spencer den Kaffeeautomaten. Geduldig wartete er, bis die braune Brühe in den Becher gelaufen war. Vorsichtig nahm er das heiße Getränk und nippte daran. Dann balancierte er den Becher zurück in sein Büro und zu seinem Schreibtisch. Er musste wach bleiben. Alle Stationen waren in höchster Alarmbereitschaft. Fieberhaft suchte die Polizei nach dem Täter, der am vergangenen Abend im Foyer der Carnegie Hall um sich geschossen und ein Massaker angerichtet hatte. Als die Rettungskräfte und die Polizei endlich eingetroffen waren, hatte sich ihnen ein Bild des Grauens gezeigt. Tote und Verletzte lagen herum. Vom Täter jedoch keine Spur. Zunächst war es darum gegangen, die Verletzten sofort in die anliegenden Krankenhäuser zu bringen. Obwohl die Polizei eine Großfahndung herausgegeben hatte, war die Suche bislang erfolglos geblieben.

Dick Spencer knirschte mit den Zähnen. Sie mussten diesen Irren finden, bevor er noch mehr Unheil anrichten konnte.

 „Hey Dick, gibt es irgendwas Neues?“ Dale Evans, sein Kollege, kam gerade ins Büro.

Dick schüttelte den Kopf. „Nein, bislang sind keine neuen Meldungen gekommen. Nichts Besonderes jedenfalls.“

 „Der Kerl scheint wie vom Erdboden verschluckt“, meinte sein Kollege.

Missmutig nickte Dick Spencer. „Wir kriegen ihn schon. Er macht bestimmt einen Fehler.“

 „Die Frage ist, was jemanden dazu treibt, einfach wahllos Menschen zu erschießen.“ Dale Evans schüttelte ratlos den Kopf, als könne er es immer noch nicht fassen.

 „Total durchgedreht“, meinte Dick Spencer. „Irgendein Irrer, bei dem im Leben etwas schief gelaufen ist.“

 „Oder jemand, der aus religiösen Motiven meint, alle Menschen, die nicht demselben Glauben angehören, vernichten zu müssen“, vermutete Dale.

Dick Spencer nickte zustimmend und starrte aus dem Fenster. Er versank wieder in Trübsinn. Das Telefon schreckte ihn auf.

 „Ja hallo“, meldete er sich, plötzlich wieder hellwach.

 „Eine Polizeistreife hat einen Verdächtigen beobachtet in der 47th Straße West.“ Die Stimme quäkte grell durch den Hörer.

 „Haben sie ihn überprüft?“ fragte Dick Spencer.

 „Nein. Der Kerl ist davon gelaufen. Doch die Beschreibung passt zu der, die wir von dem Attentäter haben.“

 „Okay. Dale und ich fahren rüber und sehen uns die Sache mal an“, antwortete Dick. Er legte auf. „Eine Polizeistreife hat einen Verdächtigen beobachtet, auf den die Beschreibung des Attentäters passt.“

 „Wo?“ fragte Dale Evans.

 „47th West, Ecke 9th Avenue“, antwortete Dick Spencer und griff schon nach seiner Jacke.


New York; in den Tunneln; Vincent und Geoffrey, Pascal

Vincent und Geoffrey spielten gemeinsam Schach. Vincent hatte Schwierigkeiten, sich auf das Spiel zu konzentrieren.

 „Du bist nicht bei der Sache“, tadelte Geoffrey ihn.

Vincent sah den Mann vor sich freundlich an. „Du hast Recht. Verzeih mir.“

 „Ich möchte den Sieg nicht von dir geschenkt bekommen“, meinte Geoffrey. Er kannte Vincent, seitdem er als Junge in die Tunnel gekommen war. Deshalb wusste er, dass sein einstiger Lehrer viel besser spielen konnte, wenn er sich konzentrierte.

 „Verzeih mir“, wiederholte Vincent.

 „Du vermisst sie, nicht wahr“, meinte Geoffrey. „Du wärst jetzt lieber bei ihr.“

Vincent nickte. „Natürlich. Auch wenn ich unsere Schachpartien sehr genieße, gibt es jetzt Dinge, die mir wichtiger sind.“

 „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich kann das gut verstehen.“ Geoffrey erhob sich bei diesen Worten. „Ich freue mich für dich, aber trotzdem möchte ich keinen geschenkten Sieg. Deshalb würde ich vorschlagen, wir vertagen die Partie auf ein anderes Mal.“

Vincent lächelte den Mann dankbar an. „Du hast Recht. Das wäre besser.“

Plötzlich erklang hektisches Klopfen auf den Rohren.

Geoffrey, der schon halb auf dem Weg hinaus war, blieb abrupt stehen. „Hörst du das?“

Vincent wandte, für einen Moment wieder in seine Gedanken versunken, den Kopf in Geoffreys Richtung. Beide lauschten gespannt.

 „Pascal hat einen Notruf erhalten. Komm“, sagte Vincent und zusammen eilten sie in Richtung der Rohrkammer.

Pascal erwartete sie bereits. „Die Nachricht kommt von Marjorie. Aber leider kann ich nicht sagen, woher sie genau kommt.“

Gemeinsam lauschten sie auf den Notruf.

Pascal hielt sein Stethoskop an das Rohr. „Irgendwo südlich vom Central Park“, murmelte er halblaut.

 „Dann folge ich dem Klopfen in diese Richtung“, meinte Vincent.

 „Ich komme mit“, bot sich Geoffrey sofort an.

In diesem Moment hörte das Klopfen auf.


New York; ein Keller eines Hauses; Marjorie, Timothy (ihr Exmann)

Marjorie kannte einige Codes. Ihr Vater hatte sie ihr vor vielen Jahren beigebracht, als er als Helfer die Menschen in den Tunneln unterstützt hatte. Deswegen kannte sie den Code für einen Notruf. Auf dem Boden hatte sie eine Stange gefunden. Nicht ideal, aber sie konnte damit auf das Rohr klopfen und hoffte, dass irgendjemand von den Leuten dort unten es hören würde. In ihrer Tätigkeit vertieft, bemerkte sie nicht, wie sich die Tür in ihrem Rücken öffnete.

 „Du Miststück“, tönte es grob. „Was machst du da?“

Hart wurde sie an der Schulter herumgerissen und mit einem Schlag zu Boden geworfen. Sie krümmte sich vor Schmerzen. Angstvoll blickte sie zu der Gestalt, die über ihr stand.

 „Was soll das?“ fragte ihr Exmann scharf. „Sag endlich, wo dieses Bild ist.“

Starr vor Entsetzen konnte sie ihn nur stumm ansehen.

Er hob die Stange auf und deutete auf ein Tablett, das er auf einem der Regale an der Wand abgestellt hatte. „Da. Trink etwas. Vielleicht hilft das deinem Gedächtnis auf die Sprünge.“ Dann verschwand er wieder zur Tür hinaus. Stumm sah Marjorie ihm nach. Was sollte sie nur tun? Mühsam rappelte sie sich wieder auf und tastete nach dem Tablett. Ein Glas Wasser und eine Scheibe Brot. Wie im Kerker, dachte sie kurz und griff dann zu. Sie hockte sich auf den Boden. Sie konnte nur warten und hoffen.


New York; ein Keller eines Hauses; Timothy (Marjories Exmann), der Attentäter

Marjories Exmann verschloss sorgfältig die Tür hinter sich. Er wandte sich um, achtete jedoch nicht auf seine unmittelbare Umgebung. So bemerkte er nicht, dass sich aus dem Schatten hinter ihm eine Gestalt löste und ihn verfolgte. Er ging die Stufen zum Parterre hinauf und durch einen Flur zu seiner Wohnung. Als er die Tür öffnete, tippte ihm jemand von hinten auf die Schulter.

 „Hey, Mister.“

Überrascht drehte er sich um. Danach spürte er nichts mehr. Die Gestalt zog den leblosen Körper durch die geöffnete Tür in die Wohnung hinein.


New York; diverse Straßen; Dick Spencer; Dale Evans, zwei Polizisten im Streifenwagen

 „Verflixt nochmal. Er muss hier irgendwo sein“, sagte der Polizist in dem Streifenwagen.

 „Und ihr seid wirklich sicher, dass er aussah wie der Attentäter?“ Dick Spencer grummelte in sich hinein. Womöglich hatten er und Dale den Weg vom Revier umsonst gemacht.

 „Ich wette meine Schwiegermutter darauf, dass es der Typ war“, meinte der Polizist wieder.

 „Wir wissen es nicht hundertprozentig genau“, schaltete sich jetzt der andere Polizist ein, der mit ihm auf Streife gewesen war. „Wir haben ihn nur einmal kurz gesehen. Danach hat er sofort auf dem Absatz kehrt gemacht und ist davon gerannt.“

 „Das war der Mistkerl“, widersprach sein Partner. „Ein Weißer mit dunklen Haaren. Er trug Jeans und eine schwarze Lederjacke. Das ist die Beschreibung, die von dem Kerl aus der Carnegie Hall durchgegeben wurde.“

 „Ich bin mir nicht sicher“, meinte der andere Polizist. „Es ist dunkel, und jetzt ist er wie vom Erdboden verschluckt.“

Sie fuhren mit dem Streifenwagen durch die Straßen. Dick Spencer guckte missmutig. Dale, der hinter ihm saß, klopfte dem Polizisten, der fuhr, auf die Schulter.

 „Haltet mal an“, forderte er sie auf. „Lass uns einfach zu Fuß durch die Straßen laufen“, wandte er sich an Dick. „Vielleicht fällt uns was auf.“

Dick Spencer brummte mürrisch, stieg aber dann aus.

 „Sollen wir auf euch warten?“ fragte einer der Streifenpolizisten.

 „Nein, dreht einfach weiter eure Runden und haltet die Augen offen.“ Dick hoffte, dass die Botschaft ankam. Er hasste es, wenn sich zwei Partner nicht einig waren in ihrer Beurteilung. Dale Evans stand auf dem Bürgersteig und blickte prüfend in beide Richtungen der Straße.

 „Da drüben wollen sie den Kerl gesehen haben“, meinte er zu Dick und deutete mit der Hand in die eine Richtung.

Der Streifenwagen entfernte sich langsam von ihnen.

 „Ich glaube nicht, dass wir hier ernsthaft irgendjemanden finden. Wenn das wirklich der Attentäter war, ist er längst über alle Berge.“ Dick Spencer blieb pessimistisch, folgte aber bereitwillig seinem Kollegen, der den Bürgersteig entlang ging und jede Mülltonne inspizierte.

Dick schaute sich die Häuser an. Besonders vornehm schien es hier nicht zu sein. Sie gingen die Häuserblocks entlang, ohne etwas Besonderes festzustellen.

Als sie an der nächsten Straßenkreuzung ankamen, seufzte Dale Evans laut. „Vermutlich hast du Recht. Falscher Alarm.“

In diesem Moment hörten sie einen dumpfen Knall. Ihre geschulten Ohren stuften es als Pistolenschuss ein.

 „Verdammt, wo war das?“ Dick Spencer blickte sich suchend um. Auf der nächtlichen Straße war niemand zu sehen.

 „Es hörte sich an, als ob es irgendwo in einem der Häuser gewesen wäre“, meinte Dale.

Beide Männer gingen die Straße zurück und schauten suchend an den Häuserfassaden empor. Dick fühlte sich äußerst unwohl. Auf dem Bürgersteig befanden sie sich wie auf dem Präsentierteller.

 „Nichts zu sehen“, meinte er zu seinem Kollegen.

 „Wir könnten Verstärkung anfordern und die Häuser durchsuchen“, schlug Dale vor.

Dick Spencer schüttelte resigniert den Kopf. „Kannst du wirklich mit Sicherheit behaupten, dass es ein Schuss war? Vielleicht hat nur irgendjemand etwas fallen lassen. Wir haben niemanden gesehen. Wenn wir nur aufgrund unserer Vermutungen jetzt Verstärkung anfordern, hören wir uns genau so blöd an, wie die beiden Deppen in dem Streifenwagen vorhin.“

Dale Evans verstand und ließ die Schultern hängen. Entmutigt gingen sie zu ihrem eigenen Fahrzeug zurück.


New York; in den Tunneln; Vincent, Geoffrey, Pascal

 “Es hat aufgehört”, bestätigte Pascal überflüssigerweise, was alle bemerkt hatten.

Atemlos lauschten sie gebannt auf das Rohr. Doch nichts.

 „Verdammt!“ fluchte Geoffrey.

 „Nichts mehr.“ Pascal nahm das Stethoskop von dem Metall.

 „Wer hält in der Richtung Wache?“ fragte Vincent.

 „Lucas, soweit ich weiß“, antwortete Pascal.

Vincent wollte schon los eilen, doch Pascal hielt ihn zurück. „Warte, ich schicke eine Nachricht zu ihm. Das geht schneller.“

Also wartete Vincent geduldig auf die Kommunikation über die Rohre. Lucas antwortete schnell.

 „Er ist sich sicher, dass es Marjorie war“, sage Pascal.

 „Kann er den Bezirk eingrenzen, von wo die Nachricht kam?“ fragte Vincent.

Pascal sandte die Nachricht über die Rohre. Eine Bestätigung kam sofort.

 „Hells Kitchen“, sagte Geoffrey laut, der die Antwort verfolgt hatte. „Aber er weiß nicht genau, von wo dort.“

Vincent nickte nachdenklich. „Das hilft uns nicht wirklich weiter.“

 „Wenn wir es nicht eingrenzen können, nutzt das Suchen auch nichts“, meinte Geoffrey. „Wir müssten es zumindest auf ein paar Blocks eingrenzen, um irgendetwas zu unternehmen.“

 „Also können wir gar nichts machen“, meinte Pascal.

 „Halte weiter die Ohren auf“, wies ihn Vincent an. „Und gib eine Meldung an alle Wachposten, auf einen Notruf zu achten, der über die Rohre kommt. Ich werde versuchen, morgen so schnell wie möglich mit Jacob Kontakt aufzunehmen. Vielleicht kann er etwas herausfinden.“

Pascal und Geoffrey nickten ihm zu.


New York; in einem Haus in Hells Kitchen; der Attentäter

Der Eindringling ging suchend durch die Wohnung. Hier hatte er keine Hemmungen, Licht anzumachen. Schnell fand er die Küche und etwas zu essen und zu trinken. Er hatte einen Mordshunger. Heißhungrig aß er ein Stück Brot und Käse. Er fand eine Flasche Coke und trank sie fast in einem Zug leer. Dann marschierte er mit der geöffneten Flasche zurück in den Flur, wo er den Körper des Typen liegen gelassen hatte. Das kümmerte ihn nicht. Er hatte ihm zunächst eins über den Schädel gezogen und ihm dann im Flur der Wohnung eine Kugel verpasst. Eine Ratte weniger, dachte er bei sich. Er begab sich in den Wohnraum und knipste den Fernseher an. Die Nachrichten brachten Neuigkeiten über den Anschlag. Er kicherte in sich hinein. Sie würden ihn nicht finden. Hier war er erst einmal sicher. Irgendwann fielen ihm die Augen zu.




New York; Wohnung von Jenny Aronson; Catherine, Jacob

Catherine schlief unruhig im Gästezimmer von Jennys Wohnung. Mehrmals stand sie in der Nacht auf und sah nach Jenny, doch ihre Freundin schlief tief und fest. Die Beruhigungstabletten taten ihre Wirkung, wofür Catherine dankbar war. Sie hatte sich Nachtwäsche aus Jennys Schrank geliehen. Als sie am Wohnraum vorbei ging, hörte sie ihren Sohn leise schnarchen. Das brachte sie zum Lächeln, trotz der ernsten Lage. Hoffentlich wurde der Attentäter schnell gefunden. Zusammen mit Jacob hatte sie die Nachrichten verfolgt. So froh sie darüber war, dass Jenny schlief, so schwer schien es für sie selbst zu sein, Schlaf zu finden. Sie fühlte eine innere Unruhe, konnte aber nicht sagen weshalb. Rastlos wälzte sie sich hin und her. Catherine dachte an Vincent. Ob er heute Nacht im Park war. Oder schlief er jetzt. Sie wusste so wenig über den Mann, zu dem er geworden war, nachdem sie aus seinem Leben verschwunden war. Was hatte ihm Diana Bennett wirklich bedeutet. Sie musste an das Gespräch vom Abend mit ihrem Sohn denken. So sehr es auch schmerzte, dass eine andere Frau Jacob näher gestanden hatte, als sie selbst es als Mutter vermocht hatte, so war sie froh, dass jemand für ihn da gewesen war. Doch wie stand es um Vincent?

Jacob meinte, er hätte Diana nicht geliebt, doch sie wusste, dass Vincent kein Mann war, dem andere Menschen gleichgültig waren. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Diana Bennett all die Jahre die Mutterrolle für Jacob übernommen hatte, ohne dass es Vincent berührt hätte. Irgendwann fiel sie erschöpft von ihren Gedanken in einen unruhigen Schlaf.

Sie träumte. Sie ging durch die Tunnel und suchte nach etwas. Dabei sah sie sich immer wieder um, als fürchtete sie, verfolgt zu werden. Dann begann sie zu laufen. Sie lief bis sie in Vincents Kammer kam, doch er war nicht da.

 „Vincent“, rief sie im Traum. „Wo bist du?“

Endlich kam er in die Kammer.

 „Wo warst du? Ich habe dich gesucht“, sagte sie zu ihm.

 „Ich weiß“, antwortete er. „Ich bin auf der Suche nach Jacob. Er muss uns helfen.“

 „Uns?“ fragte Catherine.

 „Ja uns“, sagte Vincent, und plötzlich tauchte hinter ihm eine andere Frau auf.

Erschrocken fuhr Catherine aus dem Schlaf hoch.


 „Du bist schon auf?“ fragte Jacob seine Mutter, als er die Küche in Jenny Aronsons Wohnung betrat. Völlig unbefangen reckte er sich nur mit T-Shirt und Boxershorts bekleidet.

Catherine nahm es nur am Rande wahr. Sie saß am Tisch und blätterte in der Zeitung. Sie blickte auf. „Möchtest du eine Tasse Kaffee?“ fragte sie ihren Sohn.

Jacob nickte und betrachtete seine Mutter, die bereits fertig angezogen war. „Du hast nicht zufällig die Wohnung verlassen, ohne mir Bescheid zu geben?“ fragte er.

Sie lächelte leicht über seinen strengen Tonfall. „Reg dich nicht auf. Die Zeitung lag auf der Fußmatte vor der Wohnungstür.“ Sie schenkte ihm Kaffee ein. „Ich wollte fertig sein, wenn Jenny aufwacht und mich braucht“, erklärte sie weiter.

Jake nickte und ärgerte sich über seinen eigenen Tonfall. Er wollte nicht so barsch ihr gegenüber sein. Irgendwie gelang es ihm nie ganz, sein Misstrauen abzulegen. Während er nach Worten suchte, um das Gespräch in normale Bahnen zu lenken, reichte Catherine ihm den Kaffee.

 „Ist schon gut“, sagte sie leise zu ihm. „Du musst nichts sagten, wenn du nicht möchtest.“

Wieder schoss Ärger in ihm hoch ausgelöst durch eine ungewohnte Unsicherheit. Woher wollte sie wissen, ob er etwas hatte sagen wollen oder nicht.

Sie setzte sich wieder. „In der Zeitung gibt es nichts Neues zu dem Anschlag.“

 „Das ist auch nicht zu erwarten“, versuchte Jake eine normale Kommunikation zu beginnen. „Entweder haben sie den Typen noch nicht, und wenn sie ihn haben, werden sie mit Sicherheit nicht sofort damit an die Öffentlichkeit gehen.“

 „Wäre das nicht besser, um die Leute zu beruhigen“, meinte Catherine. Dann gab sie sich einen Ruck. „Ich weiß, du willst mich nicht allein lassen, aber…“

 „Da hast du, verdammt nochmal, recht“, antwortete Jake sofort.

Sie lächelte ihn leicht an angesichts seiner offensichtlichen Gereiztheit. „Du solltest mit deinem Vater sprechen. Ich glaube, er braucht deine Hilfe.“

Verblüfft sah Jake sie an. „Woher willst du das wissen?“

Sie starrte auf die Seiten der Zeitung, ohne wirklich etwas zu lesen. „Ich kann es dir nicht genau sagen. Ich glaube, er möchte dich um etwas bitten.“

Argwöhnisch sah Jake seine Mutter an. „Ist das ein Trick, um mich aus der Wohnung zu befördern?“

Jetzt blickte Catherine ärgerlich auf. „Ganz bestimmt nicht“, erwiderte sie ernst. „Wann wirst du mir endlich vertrauen?“

Einen Moment lang breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus. Jake hielt seinen Kaffee in der Hand und wusste nicht, was er sagen sollte. War seine Mutter sauer auf ihn?

 „Ich werde hier in der Wohnung bleiben bei Jenny“, sagte Catherine leise. „Jedenfalls solange, bis ihr Anwalt eingetroffen ist.“

 „Es tut mir leid“, sagte Jake. Verlegen suchte er nach Worten. „Es liegt wohl an meinem Beruf.“

Catherine nickte ihm ernst zu. „Oder daran, dass du mich nicht kennst. Ich verstehe das.“

Ihre Stimme klang niedergeschlagen, und am liebsten hätte Jacob irgendetwas getan, um sie aufzumuntern. Doch ihm fiel nichts ein. „Dann gehe ich zu Pa und frage, was los ist.“

Erneut ging ein Ruck durch Catherine. „Ich habe es geträumt“, erklärte sie ihrem Sohn.

Jake öffnete für einen Moment den Mund, als wolle er etwas sagen, schloss ihn aber sofort wieder. Er trank seinen Kaffee, überflog kurz die Zeitung und zog sich dann an. Die Befangenheit zwischen ihm und seiner Mutter wich nicht. Als er sich auf den Weg machen wollte, wusste er nicht, was er sagen sollte.

 „Pass auf dich auf“, sagte Catherine zu ihm.

Besorgt sah Jake seine Mutter an. „Das sollte ich eigentlich zu dir sagen.“ Er zögerte einen Augenblick, bevor er fortfuhr. „Ich will nicht, dass dir etwas passiert. Bitte lass dir von diesem Anwalt an der Tür den Ausweis zeigen. Am besten wäre, dass deine Freundin wach ist, wenn er auftaucht, um…“

Catherine unterbrach ihn leicht lächelnd. „Mir wird nichts passieren. Sonst weiß niemand, dass ich überhaupt hier bin. Außerdem bin ich jahrelang allein…“

Jetzt wurde sie von ihrem Sohn unterbrochen. „…allein mit solchen Situationen zurecht gekommen. Ich weiß. Aber jetzt musst du das nicht mehr.“ Hastig drückte Jake ihr einen Kuss auf die Wange und verschwand durch die Tür nach draußen.

Verblüfft sah Catherine ihm nach.

 „Cathy?“ Die Stimme hinter ihr klang matt. Sie drehte sich um.

 „Jenny“, rief sie und eilte zu ihrer Freundin.


New York; PKW; Jake; Gerry Fisher

Jake eilte zu dem Wagen, den er am Abend vorher noch in der Tiefgarage des Gebäudes geparkt hatte. Versehentlich hatte er sein Handy im Auto liegen gelassen. Als er auf das Display nach eingegangen Nachrichten schaute, stellte er fest, dass es in der Tiefgarage offenbar keinen Empfang gab. Er setzte sich ins Auto und fuhr los. Er wollte irgendwo in der Nähe des Central Parks halten und dort den Tunneleingang nehmen. Das ging am schnellsten. Während der Fahrt draußen auf den belebten Straßen meldete sich sein Smartphone zum Zeichen, dass jetzt Nachrichten eingingen. Fast im selben Augenblick klingelte es. Jake betätigte die Freisprecheinrichtung.

 „Ja, hallo“, rief er laut und deutlich.

 „Chandler, wo stecken Sie, verflixt nochmal.“ Die barsche Stimme seines Chefs klang durch das Innere des Wagens.

Alarmiert fragte Jake zurück. „Wieso? Ist etwas passiert?“

 „Ich versuche, Sie schon seit heute Nacht zu erreichen. Wo sind Sie jetzt?“

Fieberhaft überlegte Jake. „Ich bin in der Stadt unterwegs.“ Das war zumindest nicht gelogen.

 „Sie sind nicht in der Wohnung Ihrer Mutter?“ fragte Gerry Fisher.

 „Nein. Warum?“ fragte Jake zurück.

 „Ist Ihre Mutter bei Ihnen?“ fragte sein Chef weiter.

Nervös betrachtete Jake die Freisprechanlage. Aus irgendeinem Grund wollte er nicht auf diese Frage antworten. „Sagen Sie mir doch einfach, was los ist, Gerry“, forderte er seinen Chef auf. „Warum sind Sie so aufgebracht?“

 „In das Appartement Ihrer Mutter wurde letzte Nacht eingebrochen“, rückte Gerry Fisher endlich mit der Sprache heraus. „Es ist erst bei einem Rundgang des Nachtwächters aufgefallen. Niemand sonst will etwas bemerkt haben.“

 „Wie ist das möglich?“ fragte Jake sofort. „Es muss doch irgendeiner etwas gesehen haben.“

 „Die Tür war aufgebrochen worden und es sah ziemlich schlimm aus. Als ob der- oder diejenigen etwas suchten“, berichtete Gerry Fisher weiter. „Der Wachmann hat mich sofort kontaktiert, und ich habe zwei von unseren Jungs hingeschickt. Da wir von Ihnen und Ihrer Mutter nichts gesehen hatten, dachten wir schon, man hätte sie entführt. Oder schlimmer noch, man hätte sie beide eliminiert und Ihre Leichen beiseite geschafft.“

Jake verstand jetzt, warum sein Chef so aufgebracht war. „Sie brauchen sich keine Sorgen machen. Es geht uns gut. Denken Sie, es war wieder jemand von der Mafia, der meine Mutter umbringen wollte?“

 „Schwer zu sagen. Kann schon sein“, meinte Gerry Fisher. „Möglicherweise sollte dieses Durcheinander in der Wohnung nur dazu dienen, es wie einen Einbruch aussehen zu lassen. Wann sind Sie denn mit Ihrer Mutter zurück.“

 „Ähm“, Jake überlegte fieberhaft. „Wir haben noch etwas in der Stadt zu erledigen. Ich kann nicht genau sagen, wann wir zurück sind. Ich melde mich dann bei Ihnen, Gerry.“

 „Sie sind mir noch eine Erklärung schuldig, wo Sie letzte Nacht waren“, verlangte Gerry Fisher.

 „Das erkläre ich Ihnen später“, meinte Jake unbestimmt. „Bis dann.“ Mit diesen Worten beendete er das Gespräch.

Jake beruhigte sich damit, dass es besser gewesen war, seinem Chef nicht zu viele Informationen zu geben. Schließlich wussten sie nicht, wer sonst noch beim FBI vertrauenswürdig war.

Instinktiv war er weitergefahren. Kurz überlegte er, ob er umkehren sollte zu seiner Mutter. Die Gefahr, in der sie sich befand, war anscheinend nicht gebannt. Andererseits wollte sie bei ihrer Freundin bleiben, und niemand sonst, außer seinem Vater wusste, wo sie sich zurzeit aufhielt. Er entschied sich dafür, zuerst mit seinem Vater zu reden und gab Gas.


New York; in dem Tunnel unter dem Central Park; Vincent und Jacob

 „Wir haben gestern einen Notruf erhalten. Aus ‚Hells Kitchen‘.“ Vincent kam sofort zur Sache, nachdem sein Sohn atemlos und nervös von dem Einbruch in Catherines Wohnung erzählt hatte. „Wir vermuten, dass die Nachricht von Marjorie kam.“

Jacob runzelte die Stirn. „Seid ihr sicher.“

 „Was Marjorie betrifft, ja“, antwortete Vincent. „Wir haben es nur nicht geschafft, die Botschaft genau zu lokalisieren.“

Sie standen am Tunneleingang unter dem Central Park. Jake lief unruhig auf und ab. Er fühlte sich wie auf heißen Kohlen und wollte so schnell wie möglich zu seiner Mutter zurück.

 „Ich dachte, du könntest bei der Polizei nachhören, ob vielleicht in den letzten beiden Tagen etwas Verdächtiges in der Gegend beobachtet wurde.“ Vincent verstand die Unruhe seines Sohnes. Er fühlte sich selbst nicht wohl bei dem Gedanken, dass Catherine auf sich allein gestellt war.

 „Pa, eigentlich will ich so schnell wie möglich zurück. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Einbruch in Moms Appartement. Ich bin nur hier, weil…“ Jetzt stockte er kurz, ehe er fortfuhr. „…, weil Mom mich darum gebeten hat.“

Fragend schaute Vincent seinen Sohn an.

 „Sie sagte, sie hätte geträumt, dass du meine Hilfe brauchst“, erzählte Jake weiter.

Verblüfft sah Vincent ihn an, als könne er es nicht wirklich glauben. „Hat sie das wirklich gesagt?“ fragte er.

Jacob nickte. „Ja. Ich wollte ihr heute Morgen zunächst nicht glauben.“

Schwer atmend lehnte sich Vincent mit dem Rücken an die Tunnelwand.

Besorgt sah Jacob seinen Vater an. „Pa, ist alles in Ordnung?“

Langsam nickte Vincent und fasste unwillkürlich nach der Rose in dem Lederbeutel, die er immer um seinen Hals trug und die Catherine ihm vor so vielen Jahren geschenkt hatte. Konnte es möglich sein, fragte er sich. Konnte dieses Band zwischen ihnen neu entstehen? Oder war es womöglich die ganze Zeit bestehen geblieben und nur die Ereignisse und die Entfernung hatten es ihm unmöglich gemacht, es bewusst wahrzunehmen. Vielleicht hatte das menschliche, rationale Wissen um ihren vermeintlichen Tod ihm die Sicht verstellt für die irrationalen, aber dennoch möglichen Dinge im Leben. Er atmete schwer ein und aus.

Ursprünglich hatte er heute Morgen durch einen Helfer eine Nachricht zu Jacob bringen lassen wollen. Dann hatte sich Jacob selbst über die Rohre gemeldet, dass er im Tunnel unter dem Central Park wäre und ihn dringend sprechen müsste.

 „Pa, was denkst du?“ fragte Jacob ihn erneut.

Vincent sah seinem Sohn in die Augen. „Ich denke so langsam, dass alles möglich ist. Ich hatte gestern Abend bereits entschieden, dir heute eine Nachricht zu schicken. Und nun stehst du hier.“

Jacob stutzte kurz. „Du meinst, diese Verbindung zwischen Mom und dir…“

Vincent nickte. „Vielleicht kommt alles zurück.“

Jake dachte pragmatisch. „Was machen wir jetzt? Ich kann mich natürlich bei der zuständigen Polizei erkundigen, aber…“

 „Wir müssen Marjorie helfen“, stellte Vincent fest. „Leider ist keine weitere Nachricht von ihr gekommen, um den Bezirk weiter einzugrenzen. Ich schicke Danny und Geoffrey zu deiner Mutter. Catherine kennt die beiden, und ich kann verstehen, dass sie ihrer Freundin beistehen will.“

 Jacob nickte. „Das ist besser, als noch jemanden vom FBI einzuschalten. Dabei hätte ich irgendwie ein schlechtes Gefühl. Auf dem Weg zum Polizeirevier fahre ich kurz beim Moms Appartement vorbei und sehe mir an, was dort genau passiert ist“, informierte Jake seinen Vater über seine weiteren Pläne. „Bitte schick Danny und Geoffrey so schnell wie möglich zu Mom. Dann fühle ich mich wohler.“

Vincent nickte ihm zu und verschwand durch die Geheimtür in die Tunnel.


New York; Catherines Appartement; Jake (Jacob) und ein Unbekannter

Jake eilte zurück in den Park. Dabei musste er aufpassen, dass ihn niemand aus der großen Tunnelöffnung kommen sah. Schließlich war es heller Tag, und er konnte auf unnötige Fragen gut verzichten.

Bis zum Appartement seiner Mutter war es zum Glück nicht weit und er beschloss, vom Tunnel direkt zu Fuß hinüber zu gehen. Er erwartete, draußen vor dem Gebäude einen Wachposten vom FBI anzutreffen, doch vergebens. Auch im Foyer war niemand zu sehen. Keine Polizei, die darauf hingedeutet hätte, dass es in dem Gebäude einen Einbruch gegeben hatte. Er fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben. Die Wohnungstür zum Appartement war aufgebrochen worden. Die Tür hing schief in den Angeln. Vorsichtig trat Jacob in die Wohnung und besah sich das Chaos. Wer immer es gewesen war, hatte ganze Arbeit geleistet. Die Einrichtungsgegenstände waren zum Teil zertrümmert worden. Gegenstände verstreuten sich auf dem Boden. Er ging weiter und sah in die Küche und in das Schlafzimmer. Er musste schlucken. Das Bett war von Kugeln durchsiebt worden. Grimmig knirschte er mit den Zähnen. Die Kerle hatten nur eine Absicht gehabt.

In diesem Moment hörte er ein Geräusch von der Eingangstür. Alarmiert wandte er sich um und duckte sich hinter den nächsten Schrank.

Er hörte nichts. Oder fast nichts. Seine geschulten Ohren vernahmen leise Schritte, die er nur durch eine fast lautlose Vibration spürte. Vorsichtig spähte Jake um die Ecke des Schrankes. Im Wohnraum sah er einen Mann mit gezückter Waffe suchend herum gehen. Die Waffe war mit einem Schalldämpfer versehen, und die dunkle Kleidung ließ nur eine Vermutung in Jake aufkommen. Das war ein Profikiller.

Vorsichtig tastete Jake nach seiner eigenen Waffe. Das Gefühl des Griffs in seiner Hand verlieh ihm Sicherheit. Trotzdem hämmerte sein Puls bis zum Anschlag. Er wusste, dass solche Leute rücksichtslos vorgingen und keine Skrupel kannten, auch Unbeteiligte zu töten, wenn sie dadurch ihren Auftrag erledigen konnten. Und er wusste noch etwas. Er musste diesen Kerl aufhalten. Vorsichtig lugte er ein weiteres Mal um die Ecke und erschrak. Von dem Typ war nichts mehr zu sehen. Langsam richtete Jacob sich aus der Hocke auf, in den Händen hielt er seine Waffe. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Schritt für Schritt ging er zur Tür, die in den Wohnraum führte. Langsam spähte er hinein. Der Kerl schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Im nächsten Moment bekam er einen Schlag auf den Arm, so dass er seine Waffe fallen ließ. Aus der Ecke hinter der Tür löste sich eine Gestalt und zielte auf ihn. Instinktiv duckte Jake sich und rammte seinem Gegner den Kopf in den Bauch. Beide Männer stürzten zu Boden. Jake versuchte dem Kerl die Waffe aus der Hand zu entwinden. Ein Ächzen und Stöhnen durchdrangen den Raum. Zusammen rollten sie herum. Nun war der Kerl über ihm und versuchte erneut, mit der Waffe auf ihn zu zielen. Mühsam gelang es Jake, den Arm seines Gegners von sich weg zu drehen. Ihm wurde bewusst, dass einer von ihnen beiden sterben würde, und er wollte nicht derjenige sein. Der Kerl griff ihm mit der anderen Hand an die Kehle und drückte zu. Während er um Luft rang, begriff Jake, dass er sich in einer aussichtslosen Lage befand. Es war nur noch ein kurzer Moment, bis seine Kraft erlahmen würde. Kurz dachte er an seinen Vater und dann an seine Mutter. Heiße Wut stieg in ihm hoch. Der Kerl würde als nächstes seine Mutter töten, und er war der einzige, der ihn aufhalten konnte. Ein animalisches Gebrüll entrang sich seiner Kehle, ohne dass er sich wirklich dessen bewusst war. Erschrocken von diesem seltsamen Laut hielt sein Gegner für den Bruchteil einer Sekunde inne. Diesen Moment nutzte Jake und fuhr mit scheinbar unmenschlicher Kraft hoch. Er entwand sich dem Griff und schleuderte den Kerl mit brutaler Kraft von sich. Mit dem Gebrüll eines Löwen stürze er sich auf den Killer. Vor Jakes Augen legte sich ein roter Schleier, und nichts blieb außer dieser Wut und dem Trieb zu töten.


New York; Wohnung von Jenny Aronson; Catherine, Jenny Aronson, Geoffrey, Danny, Robert Dalton

Catherine brachte ihre Freundin Jenny dazu, ein paar Bissen zu essen und eine Tasse starken Kaffee zu trinken. Jenny wirkte noch immer apathisch. Mehrmals schaute sie sich suchend in der Wohnung um, als würde sie erwarten, dass ihr Mann jeden Moment auftaucht. Dann ließ sie niedergeschlagen den Kopf hängen. Catherine wusste, wie es war einen geliebten Menschen zu verlieren. Sie fühlte mit ihrer Freundin.

 „Kennst du diesen Anwalt schon lange, diesen Robert Dalton?“ fragte sie.

Jenny nickte langsam. „Er ist ein Freund von Linus und war sein Anwalt, noch bevor wir uns kennenlernten. Deshalb wurde er sozusagen unser Anwalt. Nach und nach habe ich ihm meine Sachen gegeben, und inzwischen kümmert sich seine Kanzlei auch um die rechtlichen Angelegenheiten des Verlages.“

 „Dann kannst du ihm also vertrauen?“ fragte Catherine.

 „Ja, natürlich. Bobby ist wirklich sehr kompetent, insbesondere wenn es um juristische Dinge geht, die kein normaler Mensch versteht.“ Jenny wurde lebendiger in ihren Ausführungen, wofür Catherine dankbar war.

Trotzdem wollte sie in Ruhe abwarten und sich selbst ein Bild von diesem Anwalt machen. „Möchtest du allein mit ihm reden oder…“

Jenny fasste sie unwillkürlich am Arm. „Nein, nein. Bitte bleib“, sagte sie. Im nächsten Augenblick lag Jenny verkrampft an Catherines Schulter. „Ich bin so froh, dass du da bist.“ Sie schniefte, und Catherine reichte ihr ein Taschentuch. „Das ist Schicksal“, redete Jenny weiter. „All das ist Schicksal, nicht wahr. Danke dass du hier bist.“

Catherine hielt ihre Freundin in den Armen. Als Jenny sich einigermaßen gefangen hatte, setzten sie sich wieder, und Catherine schenkte ihr noch eine Tasse Kaffee ein. In diesem Augenblick läutete es an der Tür.

 „Ich geh schon“, sagte Catherine und erhob sich.

Kurz warf sie einen Blick auf die Uhr. Der Anwalt war sehr pünktlich. Erwartungsvoll öffnete sie die Tür und hielt verblüfft inne, als sie zwei Männer in der Tür stehen sah, die sie freundlich anlächelten. Sie kannte beide. Den einen, Jakes Freund aus den Tunneln, erst seit kurzem. Den anderen schon sehr lange.

 „Hallo, guten Morgen Catherine“, begrüßte Geoffrey sie und umarmte sie spontan.

Catherine war solche Nähe zu Menschen nicht mehr gewohnt, fühlte sich aber deshalb umso mehr gerührt.

 „Hallo Mrs. Chandler“, begrüßte Danny sie zurückhaltender.

 „Catherine bitte“, bat sie ihn. „Was macht ihr hier. Ist irgendetwas passiert?“

 „Nein“, beschwichtigte Geoffrey sofort, „es ist alles in Ordnung. Wir haben womöglich einen Notruf von der Helferin erhalten, die vermisst wird. Vincent hat Jacob gebeten zu helfen.“

Catherine nickte verstehend. „Und ihr?“

 „Wir sind zu deinem Schutz da“, erklärte Danny.

 „Also kümmern sich Jacob und Vincent um das Auffinden von Marjorie?“ fragte Catherine.

Beide Männer nickten.

 „Jacob will niemanden vom FBI informieren, um dich zu beschützen. Er befürchtet wohl, dass noch mehr…“ Geoffrey ließ den Satz offen.

 „Ich verstehe“, antwortete Catherine. „Möchtet ihr hereinkommen?“

 „Wir wollen nicht stören“, meinte Danny zurückhaltend. „Vincent hat erzählt, was mit deiner Freundin passiert ist.“

 „Ihr stört nicht. Aber Jenny weiß nichts über die Tunnel“, erklärte Catherine. „Ihr Anwalt ist unterwegs hierher, und ich wollte solange bei ihr bleiben.“

 „Dann sollten wir uns besser aufteilen“, meinte Geoffrey. „Geh du mit in die Wohnung, ich bleibe hier auf dem Flur.“ Er deutete Danny an, mit hinein zu gehen.

Catherine fühlte sich etwas befangen und ließ Danny eintreten.

 „Mach dir keine Sorgen. Wir passen schon auf dich auf“, sagte Geoffrey zu ihr und ging zu dem kleinen Tisch mit den zwei Stühlen, die im Flur standen.

Catherine nickte ihm zu und schloss die Wohnungstür.

 „Catherine, was ist los?“ Jenny Aronson erhob sich und kam in den Flur. „Wer ist das?“ fragte sie mit Blick auf Danny.

 „Ich bin der Personenschützer von Mrs. Chandler“, stellte sich Danny professionell vor. Er machte sogar einen Diener.

 „Ach“, meinte Jenny.

 „Jacob hat ihn geschickt“, erklärte Catherine. „Ich hoffe, es ist in Ordnung für dich.“

 „Ja, natürlich“, meinte Jenny langsam.

In ihrem Zustand nahm sie nicht wirklich wahr, dass der Mann vor ihr nicht gerade wie ein FBI-Agent aussah.

 „Mein aufrichtiges Beileid, Mrs. Aronson“, sagte Danny in förmlichem Tonfall.

Wieder nickte Jenny. „Möchten Sie Kaffee?“ fragte sie dann automatisch.

Danny lächelte freundlich. „Nein danke.“

 „Wollen Sie…“, jetzt stockte Jenny.

Danny nickte verstehend Catherine zu. „Ich suche mir einfach einen Platz. Am besten, ihr beachtet mich gar nicht.“

Catherine nickte kurz zurück und hoffte, Danny würde das unausgesprochene ‚Danke‘ in ihren Augen erkennen.


 “Was soll das heißen. Das Geld ist weg?” Jenny saß verstört auf der Couch.

Direkt neben ihr saß Catherine und hielt mitfühlend ihre Hand. Ihnen gegenüber saß Robert Dalton, der Anwalt. Vor sich hatte er ein paar Unterlagen ausgebreitet. Er war pünktlich gewesen und hatte Jenny sein tiefstes Beileid und Mitgefühl bekundet. Ihm war anzusehen, dass er selbst damit zu kämpfen hatte, dass ein guter Freund von ihm bei diesem schrecklichen Attentat ums Leben gekommen war. Und er fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut angesichts der Tatsachen, die er Jenny gerade mitgeteilt hatte. Unruhig schob er die Papiere vor sich hin und her.

 „Linus hatte ein paar Transaktionen getätigt“, meinte Robert Dalton.

 „Was für Transaktionen?“ fragte Jenny konsterniert. „Er hat alles immer mit mir besprochen.“

 „Er hat in ein paar Risikogeschäfte investiert“, antwortete Robert Dalton. Er atmete tief durch bevor er weitersprach. „Er hat ein wenig gezockt, um es genau zu sagen.“ Der Anwalt hielt für einen Moment inne, weil er nicht wusste, wie er es schonend rüberbringen sollte. „Die Firmen, in die er investiert hatte, sind entweder Pleite gegangen oder haben deutlich an Wert verloren.“

 „Aber…“, stammelte Jenny, „wie ist das möglich?“

 „Ich dachte, er hätte mit dir darüber gesprochen.“ Robert Dalton seufzte. „Anscheinend hat er das nicht.“

 „Das bedeutet, das Privatvermögen der beiden ist weg?“ fragte Catherine bestimmt.

 „So gut wie. Das Vermögen beläuft sich geschätzt noch auf etwa zwei- oder dreitausend Dollar. Ich hatte Linus auf den Ernst der Lage aufmerksam gemacht. Euer Appartement ist mit einer Hypothek belastet. Und dein Verlag…“

 „Was ist mit Jennys Verlag?“ fragte Catherine.

Robert Dalton blickte nervös nach unten.

 „Robert, was ist mit meinem Verlag?“ Jennys Stimme klang nervös und alarmiert.

 „Dein Verlag wurde als Bürgschaft für die entstandenen Verluste bei der Bank angegeben.“ Robert Dalton ahnte, was das bedeutete.

 „Aber davon weiß ich nichts“, empörte sich Jenny. „Ich müsste doch von so etwas wissen. Ich habe nichts dergleichen unterschrieben.“

Der Anwalt atmete tief durch und zog dann ein Blatt Papier aus seinen Unterlagen.

Catherine erkannte es mit ihrem geschulten Blick als Bürgschaftsunterlage. Sie nahm es und überflog kurz den Inhalt.  „Jenny, hier steht, dass du dich verpflichtest, mit deinem gesamten Vermögen für mögliche Verluste, die durch Aktiengeschäfte entstehen, aufzukommen.“

 „Das…, das kann nicht sein. Das habe ich nicht unterschrieben.“ Hilflos blickte Jenny von einem zum anderem. „Dann hat jemand meine Unterschrift gefälscht.“

Catherine wechselte einen kurzen Blick mit Robert Dalton. Beiden war klar, dass Jenny mehr zu verkraften hatte, als den Tod ihres Mannes. Sie musste auch erkennen, dass er nicht immer ehrlich zu gewesen war. Catherine brachte Robert Dalton zur Tür.

 „Sie kümmern sich um Jenny?“ fragte der Anwalt.

Catherine nickte. „Und Sie kümmern sich darum, wie Jenny aus diesem Schlamassel herauskommt.“

 „Das wird schwer genug.“ Der Anwalt seufzte erneut. „Ich werde mich erst einmal um die Beerdigung kümmern und dann um die Rettung des Verlags.“

Beide verabschiedeten sich einvernehmlich voneinander.

Draußen auf dem Flur saßen Danny und Geoffrey zusammen an dem kleinen, runden Tisch. Das brachte Catherines Gedanken zurück zu ihren eigenen Angelegenheiten. Es machte sie nervös, dass sie nichts von ihrem Sohn hörte. Sie hatte das Gefühl, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.

 “Hat sich Jacob bei euch gemeldet?” fragte Catherine.

Geoffrey und Danny schüttelten ihre Köpfe.

 „Denkst du, er ist in Schwierigkeiten?“ fragte nun Geoffrey.

Catherine wollte schon verneinen, besann sich dann aber. Geoffrey lebte seit seiner Kindheit in den Tunneln. Er gehörte zur Familie. Sie musste endlich ihr Misstrauen ablegen und den Menschen, die sie beschützten, vertrauen.

 „Es hört sich vielleicht merkwürdig an, aber ich habe irgendwie das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist“, sagte sie offen.

Danny zückte sein Handy. „Ich ruf ihn an.“ Kurz darauf meldete er. „Kein Empfang. Entweder hat er sein Handy ausgeschaltet oder er befindet sich gerade irgendwo, wo er keinen Empfang hat.“

Geoffrey nickte Catherine beruhigend zu. „In den Tunneln gibt es keinen Empfang. Deswegen sind wir dort nach wie vor sicher, trotz der modernen Technik.“

Catherine nickte ihm zwar zu, war aber dennoch nicht beruhigt. Sie wollte nicht überbesorgt reagieren, trotzdem machte sie sich Sorgen. Stunden waren inzwischen vergangen. Aufgrund ihrer Verletzungen legte sich Jenny wieder hin, nachdem der Anwalt gegangen war.


New York; Auto im Stau; Joe Maxwell

Joe Maxwell trommelte nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. Er stand im Stau und fluchte innerlich. Er war auf dem Weg zu Jenny Aronson, obwohl er eigentlich keine Zeit hatte. Zunächst hatte er es nicht glauben wollen, als er ihren Namen unter den Verletzten des Amoklaufes in der Carnegie Hall gelesen hatte. Als Staatsanwalt von New York liefen die Ermittlungen, die den Anschlag betrafen, über seinen Tisch. Der Bürgermeister von New York und die gesamte Bevölkerung drängten auf eine schnelle Aufklärung und Festnahme des Täters. Zusammen mit seinen engsten Mitarbeitern war er seit dieser Tragödie damit beschäftigt, Licht in die Angelegenheit zu bekommen. Deshalb hatte er sich um das zweite Problem nicht selber kümmern können, das heute Morgen aufgetaucht war. In Catherines Wohnung war eingebrochen worden. Glücklicherweise war sie selbst nicht anwesend gewesen, wie er im Nachhinein von einem FBI-Agenten erfahren hatte. Ihr Sohn hatte sich gemeldet und mitgeteilt, dass seine Mutter in Sicherheit sei. Trotzdem war Joe Maxwell beunruhigt. Um Catherine war vieles geheimnisvoll, und er wusste, dass sie nie wirklich ganz offen zu ihm gewesen war. Das Telefon klingelte, und Joe drückte sofort den Knopf der Freisprechanlage.

 „Maxwell“, blaffte er.

 „Mr. Maxwell, ich weiß, wir sollten Sie nur in dringenden Fällen anrufen, aber es gibt etwas Wichtiges.“ Anna Stanton, seine Assistentin war am Telefon.

 „Hat es mit dem Amoklauf zu tun?“ fragte er in das Gerät hinein.

 „Nein“, antwortete Anna Stanton.

 „Dann kann es nicht so wichtig sein“, sagte er barsch.

 „Doch Mr. Maxwell“, sagte seine Assistentin. „Es geht um das Appartement von Catherine Chandler.“

Plötzlich stellten sich bei Joe die Nackenhaare auf. „Ist irgendetwas mit Mrs. Chandler? Oder ihrem Sohn?“

 „Soweit ich weiß nicht. Aber vom zuständigen Polizeirevier hat jemand angerufen. In Mrs. Chandlers Appartement wurde eine Leiche entdeckt.“

 „Wie bitte?“ fragte Joe Maxwell ungläubig. „Heute Morgen hatte es sich doch nur um einen Einbruch gehandelt und jetzt…“

 „Ja“, unterbrach ihn Anna Stanton. „Der Wachmann hat bei seinem Routinegang gemerkt, dass die defekte Eingangstür offen stand. Als er in der Wohnung nachsah, hat er die Leiche entdeckt. Soll schlimm aussehen. Ich dachte, Sie wären sowieso schon unterwegs zu Ihrer Bekannten. Vielleicht wollen Sie dort vorbei fahren?“

Joe überlegte nicht lange. Er sah, wie sich der Stau vor ihm auflöste. „Ist gut Anna. Danke, dass Sie mich informiert haben.“


New York; Catherines Appartement; Joe Maxwell, ein Detective der Polizei

 „Es sieht wirklich übel aus“, meinte der Ermittler vor Ort.

Joe nickte ernst. „Haben Sie irgendetwas von Mrs. Chandler gehört?“

 „Nur das, was wir von diesem Typ vom FBI wissen, Gerry Fisher. Ihr Sohn ist bei ihr, und sie ist in Sicherheit. Wir wissen aber nicht, wo sie sich zurzeit aufhält.“

Joe Maxwell nickte grimmig. Innerlich verfluchte er diese Geheimniskrämerei, die Catherine um ihr Privatleben machte. Wenn er sie das nächste Mal traf, würde er ein ernstes Wort mit ihr reden. Nichtsdestotrotz schien es diesmal richtig von ihr gewesen zu sein abzutauchen. Joe stand in Catherines Appartement und blickte auf den Toten, der grauenhaft zugerichtet war. Er sah aus, als wäre er von einem wilden Tier angefallen worden.

 „Gibt es schon irgendetwas von der Spurensicherung?“ fragte er.

Der Detective schüttelte den Kopf. „Es gibt natürlich Fingerabdrücke, aber die von Mrs. Chandler und ihrem Sohn. Und das ist ja nun nicht ungewöhnlich, weil beide in dieser Wohnung leben.“

 „Und was ist mit den Spuren von letzter Nacht?“ fragte Joe weiter.

 „Darum hat sich das FBI gekümmert“, antwortete der Kriminalexperte.

 „Und warum ist jetzt keiner von denen hier?“ fragte Joe Maxwell.

 „Wir haben versucht diesen Gerry Fisher zu erreichen. Leider geht er im Moment nicht ans Telefon und…“

 „Das geht so alles nicht“, unterbrach Joe den Mann. „Was sagt denn der Wachmann?“

 „Der steht noch unter Schock. Er hatte sich gewundert, dass die Wohnungstür ein Stück weit offen stand. Als er die Wohnung betrat, hat er das Opfer gesehen.“

 „Hier ist eine Waffe mit Schalldämpfer“, rief ein Polizist, der den Fußboden nach verdächtigen Gegenständen absuchte.

Vorsichtig wurde die Waffe in einen Plastikbeutel verpackt.

 „Die Balkontür ist nur angelehnt“, sagte ein weiterer Polizist und schob die Tür nach draußen auf. Joe und der Detective folgten ihm hinaus. Ein Stuhl lag umgestürzt am Boden. Die Männer sahen über die Brüstung hinunter auf die belebte Stadt. Joe ging zur Seite. Dort stand ein alter Strauch, dessen Zweige abgeknickt waren. Er blickte nach oben hinauf in Richtung Dach.

 „Denken Sie der Täter, oder was immer es auch war, ist über das Dach abgehauen?“ fragte der Detective.

Nachdenklich nickte Joe. „Gut möglich. Man müsste schon sehr beweglich sein, aber es ist auf jeden Fall machbar.“

 „Was sollen wir jetzt weiter unternehmen?“ fragte der Detective.

 „Schaffen Sie die Leiche zur Obduktion, um die genaue Todesursache zu ermitteln. Durchsuchen Sie die Wohnung noch einmal sehr gründlich. Und versuchen Sie, diesen FBI-Mann, diesen Gerry Fisher zu erreichen.“ Joes Anweisungen waren klar und eindeutig.

Der Kriminalinspektor nickte ihm zu.

Mit einem letzten Blick auf den grauenvollen Tatort verließ Joe Maxwell die Wohnung. Auf dem Weg zurück zu seinem Auto überlegte er, wie er Catherine erreichen konnte. Verdammt. Sie musste mit ihm zusammen arbeiten. Sie wusste doch, dass sie ihm vertrauen konnte. Er überlegte kurz, zurück in sein Büro zu fahren und selber Kontakt zum FBI aufzunehmen, aber dort hatte die Suche nach dem Amokläufer höchste Priorität. Also entschied er sich, seinen ursprünglichen Plan umzusetzen.


New York; in einem Keller eines Hauses; Marjorie

Marjorie wankte zwischen wachen Momenten und Bewusstlosigkeit. Sie zitterte. Es war so furchtbar kalt. Timothy war nicht noch einmal erschienen. Sie hatte Hunger und Durst. Und es war still. In den Momenten, wo sie wach war und nicht vor sich hin dämmerte, rasten die Gedanken wild durch ihren Kopf. Was war, wenn er nicht zurückkäme. Sie würde sterben. Hier unten in diesem Keller. Kalte Angst kroch in ihr hoch. Vergeblich hatte sie den Keller nach einem anderen Gegenstand abgesucht, mit dem sie hätte auf das Rohr klopfen können. Sie saß auf dem kalten Boden, den Kopf an die Wand gelehnt. Der unangenehme Geruch von Urin durchzog den Raum. Zunächst hatte sie nach Timothy gerufen, als sie ein dringendes Bedürfnis verspürt hatte. Als er nicht kam hatte sie sich nicht anders zu helfen gewusst, als in einer Ecke des Raumes zu urinieren.

Die Zeit verschwamm in ihrer Erschöpfung. Immer öfter verlor sie sich in einem Zustand der Abwesenheit. Sie dämmerte dahin und bekam kaum mit, wie draußen auf dem Gang jemand entlang ging. Erst als eine Tür laut ins Schloss fiel, erwachte sie aus ihrer Lethargie. Hatte sie das nur geträumt? Sie rappelte sich auf. Ihre kalten Glieder wollten dem Verstand nicht mehr gehorchen, und so dauerte es seine Zeit, bis sie endlich an der Tür stand.

 „Hallo“, rief sie zaghaft mit krächzender Stimme.

Sie wollte sich bemerkbar machen und fürchtete doch gleichzeitig, dass ihr Exmann zurück käme und noch wütender auf sie wäre.

Es nutzte nichts. Sie brauchte Hilfe, oder sie würde hier sterben.

 „Hallo“, rief sie diesmal lauter. „Ist da irgendjemand?“

Stille. Erschöpft lehnte Marjorie den Kopf an die Tür. Dann hörte sie einen Schlüssel und wieder Schritte. Mit beiden Händen hämmerte sie nun an die Tür.

 „Hallo! Hört mich irgendjemand? Hilfe!“

Niemand konnte an der Kellertür vorbei gehen, ohne das laute Rufen zu hören.


New York; Wohnung von Jenny Aronson; Catherine, Joe Maxwell, Geoffrey, Danny

Irritiert blieb Joe Maxwell stehen, als er aus dem Aufzug trat. Er hatte eigentlich direkt zu Jennys Wohnung gehen wollen, aber ihm wurde der Weg verstellt von einem großen, dunkelhaarigen Mann Ende dreißig oder Anfang vierzig schätzungsweise.

 „Zu wem möchten Sie bitte?“ fragte der Mann.

 „Ich bin auf dem Weg zu Jenny Aronson“, antwortete Joe verblüfft.

 „Und wer sind Sie?“ wurde er prompt weiter gefragt.

Jetzt wurde es Joe zu bunt. Er zückte seinen Ausweis, der ihn als New Yorker Staatsanwalt auswies. „Die Frage ist, wer Sie sind?“ Herausfordernd schaute er den Mann an.

In diesem Moment öffnete sich die Tür zu Jennys Appartement.

 „Joe“, rief Catherine überrascht.

 „Cathy. Wer ist dieser Kerl hier?“ Verblüfft sah Joe sie an.

Catherine erfasste die Situation sofort, wollte aber nicht lange Erklärungen im Flur abgeben. „Komm erstmal herein.“ Sie winkte Joe hinein. „Es ist alles in Ordnung, Geoffrey“, sagte sie zu dem Mann.

Zögernd folgte Joe ihr und betrat Jennys Wohnung. Kurz sah er sich noch einmal zu dem Mann um.

 „Zieh doch deine Jacke aus“, forderte Catherine ihn auf.

Noch immer überrascht gehorchte Joe ihr. „Wie lange bist du schon hier?“

 „Seit gestern“, antwortete Catherine.

 „Wo ist Jenny?“ fragte Joe.

 „Sie ruht sich aus. Sie hat eine Gehirnerschütterung“, informierte Catherine ihn.

 „Dieser Typ da draußen….“

 „Er passt auf mich auf“, unterbrach Catherine ihn.

 „Ist er vom FBI?“ fragte Joe weiter.

 „Nein“, kam es knapp von Catherine.

 „Aber…, ist er Polizist?“

 „Nein, auch das nicht“, antwortete Catherine.

 „Aber…“ Joe wollte schon aufbrausen.

 „Joe“, sagte Catherine jetzt klar und deutlich. „Mit dem Mann ist alles in Ordnung. Er ist ein Freund. Genau wie Danny.“ Damit deutete sie auf den blonden Mann, der auf der Couch in einer Zeitschrift blätterte.

Nun stand er auf und gab Joe höflich die Hand. „Guten Tag, Sir.“

Misstrauisch sah Joe den Kerl an und schüttelte automatisch dessen Hand.

Kurz sah Danny zu Catherine. „Ich geh mal nach draußen zu Geoffrey.“ Verständnisvoll nickte er ihr zu.

Als die Tür hinter Danny ins Schloss gefallen war, wies Catherine zur Couch. „Setz dich doch, Joe.“

Mit einem weiteren misstrauischen Blick in Richtung Tür, durch die Danny verschwunden war, setzte er sich.

 „Ich nehme an, du wolltest zu Jenny“, begann Catherine das Gespräch. „Wie hast du es erfahren?“

 „Ich habe ihren Namen auf der Liste der Verletzten gesehen. Und den ihres Mannes unter den Opfern.“ Joe blickte ernst. „Wie geht es ihr?“

 „Nicht gut“, antwortete Catherine. „Sie ist natürlich traumatisiert. Dazu der Tod ihres Mannes und…“

 „Und was noch?“ fragte Joe nach.

 „Ihr Anwalt war heute da, aber das ist eine andere Geschichte.“ Catherine wollte Joe nicht alle Einzelheiten erzählen.

Das brachte Joe wieder zu seinem anderen Problem zurück. Suchend sah er sich um. „Wo ist dein Sohn? Sollte er nicht auf dich aufpassen.“

 „Das hat er auch. Wir waren beide letzte Nacht hier, weil ich Jenny nicht allein lassen wollte.“ Catherine spürte wieder dieses Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war. „Wieso fragst du? Ist irgendetwas passiert?“

 „Dann weißt du es also nicht?“ fragte Joe zurück.

Das unangenehme Gefühl wuchs in Catherine. „Was weiß ich nicht? Joe, was ist los? Ist irgendetwas mit Jacob?“

Joe schüttelte automatisch den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste. Ich habe ihn bei dir vermutet. Letzte Nacht wurde in deinem Appartement eingebrochen. Das FBI hat sich darum gekümmert. Heute Morgen hat einer von denen mit deinem Sohn deswegen telefoniert, aber nur die Aussage erhalten, dass du in Sicherheit wärst.“

 „Jacob musste heute Morgen etwas erledigen“, antwortete Catherine ausweichend. „Aber da ist noch mehr, nicht wahr?“

Joe nickte ernst und schilderte in knappen Worten von dem Toten, der in ihrer Wohnung entdeckt wurde.

 „Die Polizei steht vor einem Rätsel. Der Tote wurde bestialisch zugerichtet, als wäre er von einem Tiger angefallen worden“, schloss er seine Beschreibung.

Catherine starrte betroffen vor sich hin und schwieg. Dabei rasten tausend Gedanken durch ihren Kopf.


New York; in einem Haus in Hells Kitchen; der Attentäter

Er hatte lange geschlafen, was kein Wunder war, wo er doch fast zwei Tage am Stück wach gewesen war. Erst war er auf der Couch vorm Fernseher eingeschlafen. Irgendwann war er durch die unbequeme Haltung aufgewacht. Er hatte den Fernseher ausgeschaltet, um nicht unnötig die Nachbarn auf sich aufmerksam zu machen. Letztendlich wusste er ja nicht, was für Angewohnheiten der Typ gehabt hatte, der hier gewohnt hatte und der jetzt kalt und tot im Flur herum lag. Müde taumelte er durch die Räume bis er das Schlafzimmer gefunden hatte. Er streifte sich nur kurz die Schuhe ab und ließ sich auf das Bett fallen. Er war so furchtbar müde.

Als er erwachte, war es Tag, und durch die Fenster drang helles Licht in die Wohnung. Ein unangenehmer Geruch stieg in seine Nase. Irritiert schnüffelte er. Dann fielen ihm die Ereignisse der vergangenen Nacht ein. Der Polizeiwagen, seine hastige Flucht in einen Keller. Der Typ, den er tot gemacht hatte. Kam der Gestank von ihm?

Er wälzte sich vom Bett. Er musste dringend pissen. Danach schlurfte er in die Küche in der Hoffnung, dass der Kühlschrank noch etwas hergab. Viel war nicht mehr da. Er trank etwas Saft aus dem Pappkarton. Damit ging er ins Wohnzimmer und sah aus dem Fenster. Die Wohnung befand sich im Erdgeschoss, so dass er auf den Bürgersteig blicken konnte.

Irritiert registrierte er, dass mehrere Personen vor dem Haus standen und wild gestikulierten. Ein älterer Mann redete mit Händen und Füßen und deutete dann auf das Haus. Reflexartig drehte er sich vom Fenster weg und verbarg sich in der Ecke zur Wand, von wo er weiter das Geschehen draußen beobachtete. Die Menschen schienen aufgeregt zu sein. Immer wieder deuteten einige in Richtung des Hauses. Als er genauer hinsah, bemerkte er, dass die Leute auf den Kellereingang sahen. Ihm brach der Schweiß aus. Hatte irgendjemand letzte Nacht beobachtet, wie er die Tür eingetreten hatte. Oder hatte ihn jemand im Flur beobachtet, als er den Typen kalt gemacht hatte? Seine Atmung wurde hektisch. Er musste hier weg.

Draußen vor dem Haus standen die Leute, und es schienen immer mehr zu werden. Als dann ein Streifenwagen die Straße entlang kam und vor dem Haus hielt, stockte ihm der Atem. Sie wollten zu ihm.

 „Fuck!“ rief er laut. Dann griff er zu seiner Waffe.


New York; Polizeirevier; Jake (Jacob) Chandler, Dick Spencer

 “Sind Sie nicht der FBI-Agent, der in dem Kunstfälschungsfall ermittelt hat?” Dick Spencer schaute den Mann vor sich neugierig an.

 „Ja, das ist richtig“, antwortete Jacob und reichte dem Polizisten die Hand.

Der schaute noch immer etwas verwundert auf die legere Kleidung seines Gegenübers. „Wir kennen uns.“

 „Ja, Sie haben die Kameraaufzeichnungen aus dem Museum ausgewertet.“ Jake dankte seinem guten Gedächtnis.

 „Nun. Sind Sie dienstlich hier?“ fragte Dick Spencer zweifelnd und wunderte sich noch immer, dass Jake als FBI-Agent nicht in Anzug und Krawatte erschienen war, sondern Jeans, Shirt und Lederjacke trug. „Oder…“

 „Mehr oder weniger“, antwortete Jake ausweichend. „Ich weiß, Sie sind sicherlich mit Hochdruck auf der Suche nach dem Amokläufer.“

 „Darauf können Sie Gift nehmen“, antwortete Dick Spencer.

 „Wie sieht es denn aus?“ fragte Jake, um durch Konversation das Eis zu brechen. „Gibt es schon eine heiße Spur?“

Dick Spencer schüttelte resigniert den Kopf. „Im Moment nicht. Der Kerl scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Alle verfügbaren Kräfte sind im Einsatz.“ Abrupt schwieg er wieder. „Das ist natürlich vertraulich“, setzte er dann hinzu.

Jake nickte verstehend. „Ich weiß. Deshalb bin ich eigentlich gar nicht hier.“

 „Weshalb dann?“ fragte Dick Spencer neugierig.

 „Gab es letzte Nacht irgendetwas Besonderes im Bezirk Hells Kitchen?“ fragte Jake direkt. „Irgendeine Ruhestörung durch Klopfzeichen oder dergleichen“, erklärte er weiter.

Dick Spencer sah ihn irritiert an. „Wir hatten einen Einsatz dort, mein Partner und ich, weil eine Streifenwagenbesatzung meinte, den Attentäter gesehen zu haben.“

 „Wo war das genau?“ fragte Jake.

Der Polizist nahm die Karte heraus und zeigte es Jake. „Aber wir haben nichts Verdächtiges gesehen.“

 „Wirklich?“ fragte Jake misstrauisch. „Sie haben nichts gesehen und nichts gehört?“

Dick Spencer zuckte kurz zusammen, als ihm etwas einfiel. „Doch“, antwortete er.

In diesem Moment klingelte das Telefon.


New York; Wohnung von Jenny Aronson; Catherine, Jenny Aronson

Catherine war dankbar, dass sich jemand von Jennys Verlag meldete. Obwohl Joe nicht viel Zeit gehabt hatte, war er geblieben, bis Jenny aufgewacht war. Die beiden wechselten ein paar Worte miteinander. Man konnte Joe sein Bedauern anmerken und auch seine Hilflosigkeit.

 „Wir kriegen den Mistkerl“, versprach er Jenny, bevor er ging und klang doch alles andere als überzeugt dabei.

 „Macht ihn fertig.“ Jennys Stimme klang matt bei dieser Antwort.

Sobald Joe fort war, rief Jenny ihre Assistentin an. Celia Jenkins erklärte sich sofort bereit, zu Jenny nach Hause zu kommen, als sie erfuhr, dass ihre Chefin zu den Verletzten von dem Attentat gehörte. Sie warteten gemeinsam auf das Eintreffen von Celia Jenkins. Catherine saß wie auf heißen Kohlen. Sie wollte weg. Sie wusste nicht, wo ihr Sohn geblieben war. Und sie musste unbedingt zu Vincent, weil sie fürchtete, er könnte etwas mit dem Toten in ihrer Wohnung zu tun haben. Sie hatte Jenny nichts davon erzählt. Ihre Freundin war viel zu verletzbar durch den erlittenen Schicksalsschlag.

 „Du möchtest sicherlich nach Hause“, meinte Jenny. Ihre Stimme klang schon fester, und sie fing an, pragmatisch zu denken. Sie griff nach Catherines Hand. „Ich bin dir unendlich dankbar, dass du die letzten Stunden für mich da warst. Ich hätte nicht gewusst, was ich allein hätte tun sollen.“ Sie zögerte kurz. „Vielleicht hätte ich mir etwas angetan.“

 „Rede nicht so einen Unsinn“, beschwor Catherine sie.

Die Freundinnen umarmten sich kurz.

 „Doch ich weiß, dass…“ Abrupt brach Jennys Stimme ab. Sie schüttelte sich, als wolle sie auf diese Weise den Schrecken abschütteln, der ihr widerfahren war. Dann sagte sie gefasst: „Celia wird bei mir bleiben. Sie ist eine treue Seele und im Verlag schon durch Dick und Dünn mit mir gegangen.“

 „Bist du sicher?“ fragte Catherine.

Jenny nickte. „Ja. Dann kannst du nach Hause und dir frische Sachen anziehen und dich um…“ Sie brach abrupt ab.

Catherine fragte sich, wieviel Jenny vielleicht ahnte von ihrem verwickelten und komplizierten Leben. „Ich kann mich um meinen Sohn kümmern“, sagte sie dann einfach nur.

Mit auf einmal wachen und neugierigen Augen sah Jenny sie an. „Ja. Dein Sohn. Du hast ihn nie erwähnt bei den wenigen Malen, wo wir Kontakt zueinander hatten in den vergangenen Jahren.“

 „Nein“, antwortete Catherine und wandte den Blick ab. „Das ist eine lange Geschichte.“

 „Eine, die du mir irgendwann einmal erzählst?“

Catherine blickte ihre Freundin an. „Vielleicht irgendwann.“ Doch sie glaubte selbst nicht daran.

Dann klingelte es an der Tür. Celia Jenkins kam und Catherine verließ mit Geoffrey und Danny das Haus ihrer Freundin.


New York; in den Tunneln; Vincent

Vincent spürte eine innere Unruhe in sich. Das war nicht verwunderlich angesichts der Neuigkeiten, die Jacob ihm mitgeteilt hatte. Geoffrey und Daniel waren natürlich sofort aufgebrochen, um Catherine zu beschützen. Vincent verfluchte seine Untätigkeit. Er konnte nur warten. Als er es müde wurde, durch die Tunnel zu streifen und Pascal ihn, genervt von seiner sichtlichen Unruhe, aus der Rohrkammer schickte, setzte er sich in seine Kammer und hoffte, Shakespeare würde ihn von seinen Sorgen abbringen. Doch die Unruhe blieb. Er musste darauf vertrauen, dass Geoffrey und Daniel auf Catherine aufpassen würden. Aber warum hörte er nichts von Jacob? Vincent legte das Buch zur Seite und versuchte seine Sinne zu aktivieren. Er bemühte sich, jenen Teil in sich zu erreichen, der ihn unterschied von allen anderen, so wie es sein Äußeres tat. Er versuchte, seinen Sohn zu fühlen, so wie er es immer gekonnt hatte. Früher. Doch nichts. Jacob blieb für ihn verborgen in einer Art und Weise, wie Vincent es noch nie zuvor erlebt hatte. Er wusste nicht, was sein Sohn dachte oder fühlte in diesem Moment. Er konnte noch nicht einmal sagen, wo er sich gerade aufhielt, und das war etwas absolut Neues. Noch einmal horchte Vincent in sich hinein, doch es blieb alles dunkel. Hatte er das Band zu seinem Sohn endgültig verloren? Verzweifelt schloss er die Augen.

Plötzlich setzte er sich wieder aufrecht in dem Lehnstuhl auf, denn er spürte etwas. Jemand wollte zu ihm, doch es war nicht Jacob. Er musste nicht nachdenken. Sein Instinkt sagte ihm sofort, dass es Catherine war. Und in diesem Augenblick wurde Vincent klar, dass er das Band zu seinem Sohn verloren hatte und dafür die Verbindung zu Catherine neu erwachte. Eilig nahm er seinen Mantel und verließ die Kammer.


New York; Haus in Hells Kitchen; Jake (Jacob) Chandler, Dick Spencer, Polizisten, mehrere Leute, Marjorie

 „Ein Streifenwagen ist bereits auf dem Weg dorthin“, sagte Dick Spencer hektisch zu Jake. Beide eilten zu einem Fahrzeug.

 „Sind Sie sicher, dass es dieselbe Gegend von gestern Abend ist, wo Sie meinten, einen Schuss gehört zu haben?“ fragte Jake.

Sie stiegen in den Wagen, den Dick Spencer sofort startete.

 „Ja. Ganz sicher. Allerdings will ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es wirklich ein Schuss war“, erklärte er.

Gerade als Dick Spencer dem FBI-Agenten hatte erzählen wollen, was er und sein Partner Dale am Abend zuvor in Hells Kitchen erlebt hatten, war der Anruf gekommen. Aus dem Keller eines Wohnhauses waren die Hilferufe einer Frau vernommen worden. Als Dick die Adresse gehört hatte, war ihm klar, dass es genau die Stelle gewesen war, wo er und Dale den Verdächtigen verfolgt hatten. Während der Fahrt setzte er Jacob Chandler über alles, was passiert war, in Kenntnis.

Es war nicht schwer, das Haus in der betreffenden Straße zu finden. Als Dick Spencer und Jake Chandler in die Straße einbogen, sahen sie bereits eine Menschentraube auf dem Bürgersteig stehen. Zwei Streifenwagen standen davor. Dick hielt sein Fahrzeug hinter dem letzten Streifenwagen an, und die beiden Männer stiegen aus. Zwischen den Menschen standen zwei Polizisten, die versuchten, die Leute zu beruhigen.

 „Dick Spencer vom zuständigen Polizeirevier“, sagte der Kriminalbeamte und hielt seine Dienstmarke hoch. Auch Jake zückte seine Dienstmarke, doch keiner achtete darauf.

 „Was ist hier los?“ fragte Dick Spencer einen der Streifenpolizisten.

 „Zwei von uns sind unten im Keller“, antwortete eine Polizistin. „Die Tür vom Keller war aufgebrochen und jemand will eine Frau um Hilfe rufen gehört haben. Deswegen wurden wir informiert.“

 „Sie sollten die Leute auf Distanz halten, solange nicht klar ist, was in dem Keller ist“, meinte Dick. Dabei wusste er selbst, wie schwer es war, die Gaffer auf Abstand zu halten. Schon hatten einige ihre Handys gezückt und filmten die Kellertür und die Polizisten.

 „Sie sagten zwei von Ihnen sind schon unten?“ fragte Jake noch einmal.

Die Polizistin nickte.

 „Kommen Sie“, sagte Jake zu Dick Spencer. „Machen wir uns lieber selbst ein Bild.“

Als sie durch die zerborstene Tür gingen, empfing sie ein trübes Licht. In dem dunklen Gang stand ein weiterer Polizist.

Dick hielt ihm seine Dienstmarke entgegen. „Haben Sie schon irgendetwas gefunden?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Aus einem der Kellerräume ruft eine Frau, aber die Tür ist verschlossen.“ Er nickte mit dem Kopf weiter in den Gang hinein zu seinem Kollegen, der vor einer Tür stand.

 „Bleiben Sie ruhig“, rief dieser laut durch die verschlossene Tür. „Wir sind von der Polizei. Wir holen Sie hier raus.“

Sicherheitshalber versuchte Jake selbst, die Tür zu öffnen, doch sie war zu.

 „Irgendjemand hier im Haus sollte doch die Schlüssel zu diesem Keller haben“, meinte Dick.

 „Soweit ich weiß stehen alle draußen auf dem Bürgersteig“, sagte der andere Polizist.

 „Dann sollten Sie mal nach dem Schlüssel fragen“, meinte Dick genervt.

Die beiden Polizisten nickten und begaben sich nach draußen.

Jake rüttelte derweil kräftig an der Tür.

 „Hören Sie mich?“ erklang eine schwache Stimme aus dem Raum dahinter.

Jake erkannte sie trotzdem. „Marjorie“, schrie er jetzt laut. „Bist du das?“

Für einen Moment herrschte Stille. Dann erklang ein schwaches „Ja.“

 „Verflixt“, murmelte Jake halblaut vor sich hin. Dann rief er laut. „Bleib ruhig, Marjorie. Wir holen dich da raus.“

Neugierig kam Dick Spencer zu Jake. „Kennen Sie die Person da drin?“

 „Ja“, antwortete Jake und sah sich suchend in dem Kellergang um. „Helfen Sie mir, irgendetwas zu finden, womit wir die Tür aufbrechen können.“

 „Vielleicht sollten wir lieber warten, ob nicht einer von den Anwohnern den Schlüssel hat.“ Noch bevor er den Satz beendet hatte, begriff Dick Spencer, dass er einen Fehler gemacht hatte. „Shit“, sagte er laut.

Jake nickte ihm zu. „Derjenige mit dem Schlüssel wird wohl kaum hier auftauchen und zugeben, dass er eine Frau eingesperrt hat.“

Jake rüttelte an den anderen Türen. Die zweite öffnete sich. Er betätigte den Lichtschalter und sah sich um. Zum Glück fand er ein Brecheisen. Eiligst lief er damit zurück, um Marjorie zu befreien.

 „Helfen Sie mir“, forderte er den Kriminalexperten auf.

Zusammen hebelten sie mit dem Brecheisen an der Tür herum.

 „Die ist ganz schön stabil“, meinte Dick Spencer, als sie kurz abließen.

 „Versuchen wir es nochmal“, meinte Jake. „Vielleicht kann ich sie dann eintreten.“

Zusammen versuchten sie es so lange, bis die Tür mit einem Ächzen und lauten Knacken nachgab. Das Schloss hielt zwar noch, doch die Tür hatte sich so weit verzogen, dass sie leicht nachgeben müsste.

 „Marjorie“, rief Jake wieder lauter. „Geh ein Stück von der Tür weg.“

 „In Ordnung“, kam es schwach zurück.

Mit voller Kraft trat Jake die Tür ein, die polternd zu Boden fiel. Jake betrat den Raum, aus dem ein fauliger und unangenehmer Geruch drang. In der Ecke kauerte eine Gestalt.

 „Marjorie!“ Er eilte zu ihr. „Geht es dir gut?“

Schmutzig und halb erfroren schaute sie ihn an. Es dauerte einen Moment, bis sie ihn erkannte. „Jacob. Wie…“ Sie brach ab.

Jake hob sie behutsam an. „Komm mit. Wir müssen dich in ein Krankenhaus bringen.“ Er zog seine Jacke aus und streifte sie ihr über.

 „Aber…“, stammelte Marjorie. „Timothy.“

 „Was?“ fragte Jake während sie zusammen an Dick Spencer vorbei gingen, der entsetzt die Frau ansah.

 „Timothy, mein Exmann. Er…“ Erneut brach sie ab.

 „Hat er dich hierher gebracht?“ fragte Jake.

Sie nickte fast unmerklich, dem ein schwaches „Ja“ folgte.

 „Wie heißt der Kerl?“ fragte Dick Spencer und zückte schon sein Handy, um die Daten weiter zu geben.

Gemeinsam gingen sie durch den Keller auf die Außentür zur Straße, um ins Freie zu gelangen. Kurz bevor sie die Tür erreichten, drangen auf einmal laute Schreie von der Straße zu ihnen. Dann hörten sie Pistolenschüsse.

 „In Deckung!“ schrie jemand laut. Vermutlich einer der Polizisten.

Es folgen weitere Schüsse. Automatisch duckten sich die drei im Keller zusammen.  


New York; in den Tunneln; Catherine, Geoffrey, Danny, Vincent

 “Was ist, wenn Jacob in der Zwischenzeit zurück zu der Wohnung deiner Freundin kommt?” fragte Geoffrey.

Catherine antwortete nicht sofort. Zielstrebig ging sie durch die schwach erleuchteten Tunnel zu dem inneren bewohnten Bereich.

 „Er wird wissen, dass ich nicht mehr dort bin“, antwortete sie.

Geoffrey und Danny folgten ihr, was nicht einfach war. Catherine legte ein Tempo vor, das man bei einer Frau ihres Alters nicht vermutet hätte. Als sie den inneren Bereich erreicht hatten und an einen der Wachen vorbei kamen, spürte Catherine, dass Vincent ihnen entgegen kam. Sie dachte nicht weiter darüber nach. Es gab anderes, dass ihre Gedanken vollkommen beherrschte.

Warum nur hatte er das getan. Es musste einen vernünftigen Grund dafür geben, dass Vincent in ihrer Wohnung gewesen war. Hatte er vielleicht einen Eindringling überrascht? Hatte er sich Sorgen gemacht? Es nützte nichts, weiter zu grübeln. Sie musste ihn selbst fragen.

Die beiden Männer schwiegen hinter ihr und versuchten, mit ihr Schritt zu halten. Als sie den beiden erklärt hatte, dass sie sofort zu Vincent musste, hatten sie zwar fragend und ratlos geschaut, waren dann aber mit ihr zum nächsten unauffälligen und sicheren Eingang in die Unterwelt gegangen. Danny hatte kurz etwas sagen wollen, aber Geoffrey hatte ihn mit einer Hand auf dem Arm davon abgehalten. Er kannte Catherine und wusste, dass es wichtig sein musste, wenn sie so vehement darum bat.

Sie bogen um die nächste Tunnelecke, und da kam ihnen Vincent entgegen.

Statt einer Begrüßung oder Umarmung sagte Catherine nur: „Ich muss mit dir sprechen.“

 „Ist etwas mit Jacob?“ fragte Vincent alarmiert, weil er sich Sorgen um seinen Sohn machte.

Irritiert hielt Catherine einen Moment inne. „Nicht das ich wüsste. Ich habe ihn seit heute Morgen nicht mehr gesehen, als er sich auf den Weg zu dir gemacht hat.“

Vincent stutzte. „Komm mit in meine Kammer.“ Er nickte Danny und Geoffrey kurz zu. „Danke für eure Hilfe.“

Die beiden Männer spürten, dass das Paar allein sein wollte. Sie nickten den beiden zu und entfernten sich dann.

 „Ich dachte, du würdest wissen, wo Jacob gerade ist“, sagte Catherine, während sie gemeinsam zu Vincents Kammer gingen.

Vincent sah sie merkwürdig von der Seite her an. Ihm war aufgefallen, dass sie ihn bislang noch nicht berührt hatte und auch nicht seine Hand nahm. „Ich kann ihn nicht mehr spüren.“

Erschrocken hielt Catherine inne. „Wie meinst du das?“ Die Angst war ihr deutlich anzumerken. „Denkst du, ihm ist etwas zugestoßen?“

 „Ich weiß es nicht“, antwortete Vincent resigniert. Sie waren beide stehen geblieben, und Vincent schaute ihr tief in die Augen. „Ich kann ihn nicht mehr fühlen. Ich weiß nicht, wo er zurzeit ist.“

 „Aber?“ fragte Catherine, die merkte, dass da noch mehr war.

 „Catherine, ich kann dich spüren.“ Vincent sah die Frau, die er liebte, ernst an. „Ich habe gemerkt, dass du auf dem Weg zu mir bist. Jacob hat mir erzählt, du hättest geträumt, dass ich seine Hilfe brauche. Und tatsächlich hatte ich gestern Abend beschlossen, ihn heute zu benachrichtigen und ihn um Hilfe bei der Suche nach Marjorie zu bitten.“

 „Das heißt, du…“ Catherine verstummte, als sie begriff.

 „Es sieht so aus, als wäre unser Band zurück. Ich kann dich fühlen. Dafür ist das Band zu ihm…“ Vincents Stimme brach ab.

Langsam gingen sie weiter. Catherine begriff, dass eine Veränderung in ihrer Beziehung vor sich ging. In der Beziehung zwischen ihr und Vincent, aber auch zwischen Vincent und seinem Sohn. Etwas Merkwürdiges geschah, das sich nicht erklären ließ.

In Vincents Kammer angekommen, erinnerte sie sich daran, warum sie eigentlich hergekommen war.

 „Warum warst du heute in meinem Appartement und hast einen Mann umgebracht?“ fragte sie unvermittelt. Ihre Worte waren hart. Sie sah es an Vincents Reaktion, der sie fassungslos ansah. „Ich meine, du wirst einen Grund gehabt haben, da bin ich sicher.“

 „Catherine, ich…“ Vincent wich ein paar Schritte von ihr zurück. „Ich war heute nicht in deinem Appartement.“

 „Joe hat erzählt…, es hat einen Toten in meiner Wohnung gegeben, der…, und da dachte ich an dich.“ Sie brach völlig verwirrt ab.

Vincent begriff. „Hat er gesagt, wer der Tote ist?“ fragte er nervös.

Catherine schüttelte den Kopf. „Nein. Wieso?“

Vincent begann unruhig auf und ab zu gehen. „Jacob erzählte mir heute Morgen von einem Einbruch letzte Nacht. Er wollte vorbei fahren und nachsehen, was passiert war.“

Entsetzt sahen sich beide an.


New York; Haus in Hells Kitchen; Jake Chandler, Dick Spencer, Polizisten, Marjorie, der Attentäter

Jake schob Marjorie in eine Ecke des dunklen Kellers. „Bleib hier und rühr dich nicht von der Stelle.“

Ängstlich nickte Marjorie und beobachtete dann, wie Jake mit dem anderen Mann durch die Außentür ins Freie ging. Doch sie kamen nur die halbe Treppe hoch, als ihnen die Kugeln um die Ohren flogen. Beide zückten ihre Waffen.

 „Verflixt, was ist da los?“ rief Dick Spencer laut.

Als eine kurze Feuerpause eintrat, sah Jake über den Treppenrand hinaus. Zwei Personen lagen auf dem Bürgersteig und rührten sich nicht. Die Polizisten und die meisten Schaulustigen hatten hinter einem der Streifenwagen Deckung genommen und blickten gebannt auf die Wohnung im Erdgeschoss.

Dick blickte über Jakes Schulter. „Was ist los?“ rief er den beiden Polizisten hinter dem Streifenwagen zu.

 „Wir wollten ins Haus um nach den Schlüsseln für die Kellertür zu fragen. Da hat auf einmal jemand aus dem Fenster im Erdgeschoss geschossen.“

 „Rufen Sie Verstärkung“, befahl Dick. „Wo sind die anderen beiden?“

 „Die sind rein“, antwortete die Polizistin wieder.

Kaum hatte sie es gesagt, erklangen aus dem Inneren des Hauses Schüsse.

Jake winkte Dick Spencer mit sich. „Kommen Sie. Vielleicht finden wir den Weg durch den Keller ins Treppenhaus des Hauses.“

Dick Spencer warf noch einen Blick zurück und sah, dass die Polizistin gerade über Funk Verstärkung anforderte.

 „Marjorie, bleib hier in Deckung“, sagte Jake zu der verängstigten Frau.

Sie nickte und zitterte. Hörte der Alptraum denn niemals auf?

Die beiden Männer eilten durch den Kellergang. Am Ende fanden sie eine Treppe, die hinauf führte ins Erdgeschoss. Ein Flur tat sich vor ihnen auf, an dessen Ende einer der Polizisten leblos am Boden lag. Davor stand eine Tür offen, und innerhalb der Wohnung waren Stimmen zu hören. Leise schlichen Jake und Dick Spencer zu dem Verletzten. Dick fühlte nach dem Puls und schüttelte dann bedauernd den Kopf. Jake stand bereits mit dem Rücken zur Wand neben der Tür und deutete Dick an, ihm zu folgen. Gemeinsam betraten sie die Wohnung.

 „Geben Sie auf. Sie haben keine Chance.“ Das musste der andere Polizist sein.

Dick und Jake schlichen sich langsam an die Stimmen heran, die aus einem der Räume kamen. Im Flur stolperten sie fast über eine leblose Person, die dort lag. Beiden war der Ernst der Lage bewusst.

 „Ihr kriegt mich nicht“, ertönte jetzt eine hektische Stimme. „Ich mach euch alle kalt.“

Bei diesen Worten stürmten Jake und Dick in den Raum. Das plötzliche Auftauchen weiterer bewaffneter Männer, ließ den Verrückten abdrücken. Jake und Dick schossen sofort. Nicht nur einmal, sondern mehrmals, bis der Attentäter zusammensank und sich nicht mehr rührte. Der andere Polizist hielt sich den Arm. Jake lief zu dem Attentäter mit gezückter Waffe. Dann beugte er sich herunter und drehte den Kerl auf den Rücken.

 „Tot“, sagte er zu den beiden anderen.

 „Ist es schlimm?“ fragte Dick den Polizisten.

 „Ich werde es überleben“, antwortete er. „Was ist mit meinem Partner?“

Dick schüttelte traurig den Kopf als Antwort.

 „Verdammt“, rief der Polizist aus. Dann wankte er zu dem toten Mörder. „Wer zum Teufel ist dieser Typ?“

Draußen fuhren weitere Polizeiwagen mit lauter Sirene vor. Jake schob seine Waffe ins Halfter zurück. Er musste zu Marjorie und sie in Sicherheit bringen.

 „Sie hätten vielleicht letzte Nacht auf ihr Gefühl hören sollen“, meinte er zu Dick Spencer, als er an ihm vorbeiging.

Dick nickte ernst und folgte Jake hinaus.


Ein Großaufgebot von Polizei war gekommen und ein Sondereinsatzkommando. Auch Rettungsfahrzeuge waren vor Ort. Jake holte Marjorie aus dem Keller und brachte sie zu einem der Sanitätswagen. Die Polizei übernahm die Spurensicherung. Jake und Dick Spencer mussten Fragen beantworten. Jake überließ es hauptsächlich dem New Yorker Kriminalbeamten, den Ablauf der Ereignisse zu schildern. Nervös sah er auf die Uhr. Es war später Nachmittag und eigentlich hätte er längst wieder zurück bei seiner Mutter sein wollen.

Es stellte sich heraus, dass Marjories Exmann Timothy in dem Haus im Erdgeschoss gewohnt und sie entführt und eingesperrt hatte. Da Marjorie Jake kannte war es verständlich, dass Jake sich aus Sorge über Marjories Verschwinden bei Dick Spencer gemeldet hatte. Er ging zusammen mit der Frau ins Innere des Hauses, wo sie die Leiche ihres Exmannes identifizieren musste. Danach brach sie zusammen. Jake brachte sie zurück zu einem Krankenwagen, der sie ins nächste Krankenhaus bringen sollte. Bevor das Fahrzeug losfuhr, rief Marjorie ihn noch einmal zurück.

 „Was ist?“ Er beugte sich fragend zu der völlig erschöpften Frau hinunter.

 „Es war wegen dem Bild“, flüsterte sie leise, ohne dass es noch jemand mitbekam. „Er hatte irgendwie mit den Leuten zu tun, die an das Bild wollten. Ich war es, die es in die Tunnel zu Vincent geschickt hat.“

Jake legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. „Ich weiß, Marjorie. Ruh dich jetzt aus. Ich kümmere mich um alles Weitere.“

Er nickte den Leuten von der Ambulanz zu.

Als er aus dem Krankenwagen stieg, erwartete ihn Dick Spencer. „Raten Sie mal, wer der andere Typ mit der Waffe war?“

 „Sie werden es mir mit Sicherheit gleich sagen“, meinte Jake.

 „Der durchgeknallte Amokläufer aus der Carnegie Hall“, antwortete Dick Spencer.

Überrascht sah Jake den Ermittler an. „Was? Wie kommt der denn hierher?“

 „Wahrscheinlich ist er auf der Flucht vor der Polizei hier herum gelaufen. Dale und ich waren gestern Abend auf der richtigen Spur gewesen.“ Dick Spencer wirkte zerknirscht und bedrückt. „Hätten wir die Hinweise ernster genommen, wäre das alles nicht passiert.“

 „Machen Sie sich keine Vorwürfe“, meinte Jake. „Das konnte niemand ahnen.“

 „Wie geht es Ihrer Bekannten?“ fragte Dick.

 „Sie ist stark mitgenommen durch die letzten Tage unten im Keller, und ich glaube sie hat einen Schock.“ Jake sah sich um. Die Spurensicherung war am Werk. Der Attentäter hatte noch einen der Passanten auf dem Bürgersteig mit in den Tod gerissen. „Brauchen Sie mich hier noch?“

 „Ich glaube nicht. Sie werden irgendwann ihre Aussage machen müssen“, meinte Dick Spencer.

 „Sie wissen ja, dass Sie mich über das FBI erreichen können“, sagte Jake. „Ich mache mich besser auf den Weg zu meiner Mutter.“

Verstehend nickte Dick Spencer und deutete auf seinen Wagen. „Soll ich Sie irgendwohin bringen?“

 „Danke. Nicht nötig“, lehnte Jake ab.

Natürlich wollte er schnellstens zu seiner Mutter, weil er wusste, dass sie weiterhin in Gefahr war, aber vorher musste er noch seinem Vater Bescheid geben, dass Marjorie in Sicherheit war. Er rief sich ein Taxi und verschwand.


New York; in den Tunneln; Vincent, Catherine, Jacob

 “Komm mit”, sagte Vincent nur knapp und eilte los.

 „Wo willst du hin?“ fragte Catherine, während sie hinter ihm her lief.

 „Zu Geoffrey. Er soll mit Danny und dir ins Appartement gehen. Ich komme über den Balkon.“

 „Es ist noch nicht dunkel“, widersprach Catherine und hielt ihn am Arm fest.

Vincent blieb stehen und sah sie aufgebracht an.

 „Es ist zu gefährlich für dich“, sprach Catherine weiter. „Lass mich mit Geoffrey und Danny nachsehen. Dann kann ich Joe anrufen, ob sie schon etwas über den Toten herausgefunden haben.“

Vincent wollte zunächst etwas sagen, nickte dann aber resigniert. Spontan umarmten sie sich. Dann nahm er sie bei der Hand. Als sie um die nächste Ecke bogen, blieben sie abrupt stehen, als ihr Sohn vor ihnen stand.

 „Mom“, sagte Jake überrascht. „Was tust du hier?“

 „Ich…“, begann Catherine, dann nahm sie seine legere Aufmachung wahr.

 „Geht es dir gut?“ fragte Vincent und fasste seinen Sohn an beiden Schultern.

 „Ja, natürlich“, antwortete Jake und sah abwechselnd von seinem Vater zu seiner Mutter.

 „Wir haben uns Sorgen um dich gemacht“, sagte Catherine. „In meinem Appartement wurde eine Leiche gefunden und…“

 „Ich weiß“, antwortete Jake kurz. „Ich habe gute Neuigkeiten. Marjorie ist wohlauf. Wir haben sie gefunden. Sie war von ihrem Exmann entführt worden.“

 „Weswegen denn?“ fragte Catherine.

Jetzt sah Jacob zum ersten Mal seinen Vater an. „Du hattest Recht. Sie hatte die Zeichnung von euch beiden in die Tunnel geschickt.“ Kurz berichtete Jake seinen Eltern, was passiert war und was er in Erfahrung gebracht hatte. „Sie ist jetzt im Krankenhaus und wird dort behandelt.“

Zu dritt gingen sie langsam zurück zu Vincents Kammer.

 „Warum bist du hier?“ fragte Jake seine Mutter.

 „Joe Maxwell war bei Jenny gewesen und hatte mir von dem Toten erzählt und…“, antwortete Catherine.

 „Denkst du, du kannst eine weitere Nacht bei deiner Freundin schlafen?“ fragte ihr Sohn.

 „Ihre Assistentin aus dem Verlag ist bei ihr. Ich dachte, wir fahren zu meinem…“

Sie wurde unterbrochen. „Mom, in deinem Appartement sieht es schlimm aus. Außerdem bist du dort nicht mehr sicher.“ Ihr Sohn sah sie ernst an.

Prüfend musterte Catherine ihren Sohn. „Vielleicht könntest du kurz mit mir hin, damit ich mir ein paar Sachen holen kann.“

 „Sag mir einfach, was du brauchst, dann hole ich es dir“, sagte Jacob barsch.

 „Wenn ich Joe richtig verstanden habe, ist der Tote längst wegeschafft worden“, wandte Catherine ein, „und außerdem bin ich nicht so zart besaitet, dass…“

 „Mom, die werden nicht Ruhe geben, bist du tot bist.“ Jakes Stimme war laut geworden.

 „Jake“, sagte Vincent scharf zu seinem Sohn.

 „Pa, es ist ernst“, sagte Jake diesmal ruhiger.

Catherine sah, wie Jacob zitterte, doch sie wagte nicht, ihn darauf anzusprechen. „Dann bleibe ich heute Nacht hier.“

 „Ja, das ist das Beste“, bestätigte Vincent und sah fragend zu seinem Sohn.

Der nickte nur und starrte auf den Boden. Mit dem Fuß malte er Kreise in den Staub, als wäre er mit seinen Gedanken woanders.

 „Jacob?“ fragte Catherine sanft. „Ist alles in Ordnung?“

Jacob nickte als Antwort abwesend. Dann sah er auf. „Ich muss nochmal weg und etwas erledigen. Macht euch keine Sorgen.“ Damit eilte er hinaus.


New York; Hotel; Rebekka Rose, Jake (Jacob) Chandler

 “Hallo, Jake.” Rebekka wirkte erstaunt. “Ich…, ich hatte nicht mit dir gerechnet.“ Sie stand nur mit einem Bademantel bekleidet in ihrem Hotelzimmer.

 „Ich weiß. Ich hätte vielleicht vorher anrufen sollen“, sagte er, doch er sah ihr nicht in die Augen.

 „Ist irgendetwas passiert?“ fragte Rebekka. „Ich habe von diesem schrecklichen Amoklauf in den Nachrichten gehört.“

 „Ja“, meinte Jake abwesend. „Eine schlimme Sache.“ Er sah sich im ganzen Raum um, als suche er irgendetwas.  „Wir müssen reden.“

 „Ja?“ Hoffnungsvoll schaute Rebekka ihn an. „Geht es deiner Mutter gut?“

 „Ja, ja“, antwortete Jake belanglos.

 „Was ist denn los? Ich meine, ich habe mich an die Anweisungen gehalten und das Hotel nicht verlassen.“ Fragend sah sie den Mann vor sich an.

Jake gab sich innerlich einen Ruck. „Ich habe gute Neuigkeiten für dich. Die Ermittlungen, die dich betreffen, sind abgeschlossen. Es wird dir nichts mehr zur Last gelegt.“ Er machte eine kurze Pause und lachte dann gekünstelt. „Das heißt, du kannst nach Hause.“

Verwirrt sah Rebekka ihn an. „Nach Hause?“

 „Ja, zurück nach Deutschland. Und das sofort.“ Jake sah stoisch an ihr vorbei.

 „Aber…, ich dachte, das ginge alles nicht so schnell.“ Sie fühlte sich von der Entwicklung regelrecht überrollt.

 „Wir wussten doch alle, dass du unschuldig bist.“ Jetzt sprach Jake zu ihr wie zu einem Kind. „Mit der Aussage meiner Mutter und meiner eigenen, war das kein Problem. Das habe ich dir gleich gesagt.“

 „Aber…“, stammelte Rebekka unsicher. „Ich meine, wenn du möchtest, dann bleibe ich noch.“

Jake schwieg einen langen Moment. „Rebekka, wir sollten es nicht länger hinausziehen. Es ist am besten, wenn du noch heute Abend abreist…“

 „Heute Abend?“ Entsetzt sah sie ihn an. „Aber…, Jake ich habe mich in dich verliebt…“

Jakes Miene wurde hart. „Es tut mir leid“, sagte er jetzt schroff, „aber mir war nicht bewusst, dass du mehr in unsere Affäre hinein interpretiert hast.“

 „Affäre“, echote Rebekka matt, „ich dachte…“

Jake wand sich innerlich, behielt aber nach außen die schroffe Fassade bei. „Ich habe ein Flugticket für dich besorgt. Glaub mir, das FBI sieht dich nach der ganzen Geschichte am liebsten auf dem Weg zurück nach Deutschland. Also pack am besten sofort deine Sachen. Ich bringe dich zum Flughafen.“

Noch immer schockiert sah sie ihn an. „Du meinst das wirklich ernst, nicht wahr.“

Jake nickte grimmig. „Es ist aus, Rebekka.“


New York; in den Tunneln; Vincent, Catherine

Catherine und Vincent blieben ratlos zurück. Zunächst blickten sich beide fragend an ohne ein Wort zu wechseln. Dann zog Vincent Catherine innig in seine Arme.

 „Du machst dir Sorgen um ihn, nicht wahr“, murmelte sie leise an seiner Schulter.

Vincent atmete tief durch. „Etwas stimmt nicht mit ihm. Er ist so anders als früher.“

Sacht löste Catherine sich von ihm und sah ihn an. „Meinst du, weil er jetzt so abrupt gegangen ist, ohne uns zu sagen warum?“

Verwirrt von den widerstreitenden Gefühlen schüttelte Vincent den Kopf. „Ich weiß es nicht.“

 „Du hast Angst um ihn, weil du das Band zu ihm verloren hast“, stellte Catherine fest.

 „Vielleicht“, antwortete Vincent. „Es ist fast so wie bei dir damals und was dann passierte…“

 „Psst.“ Catherine unterbrach ihn, indem sie ihm den Zeigefinger auf die Lippen legte. „Denk nicht daran. Es muss einen rationalen Grund dafür geben. Damals warst du krank geworden und hast deshalb das Band zu mir verloren. Jetzt bei Jacob ist das anders.“

Vincent sah die Frau vor sich an. „Ich kann fühlen, dass du dir Sorgen machst. Catherine, ich kann dich fühlen, aber ihn nicht mehr. Warum?“

Hilflos blickte sie ihn an. „Vielleicht durch mein Auftauchen. Ich weiß es nicht. Es war immer eine besondere Gabe von dir, die Jacob in gewisser Weise von dir geerbt hat. Und du hast mir erzählt, dass du schon länger nicht mehr alles von ihm wusstest.“

Ratlos sah Vincent vor sich hin. „Dieses Band zu Jacob ist schleichend gegangen.“ Nachdenklich nahm er Catherines Hand. „Vielleicht muss ich das akzeptieren, wie vieles anderes, was nicht zu ändern ist.“ Zusammen gingen sie Hand in Hand durch die Tunnel. „Ich bringe dich zum Gästezimmer. Dann hole ich von Olivia Kleidung, falls du dich umziehen möchtest.“ Vincents tiefe, schöne Stimme drang durch die Tunnel. Er würde später mit seinem Sohn reden. „Wir müssen entscheiden, wie es weiter gehen soll, solange dein Appartement nicht bewohnbar ist. Und…“

 „…solange wir nicht wissen, wer sonst noch beim FBI ein falsches Spiel spielt“, meinte Catherine. Sie hielt inne und schüttelte müde den Kopf. „Vincent, ich bin das alles so leid.“

Vincent strich ihr sacht über die Schultern. „Du bist müde. Es war ein langer Tag.“

 „Ich sollte Jenny Bescheid geben, damit sie sich keine Sorgen macht.“

 „Danny kann ihr eine Nachricht bringen“, meinte Vincent.

Dankbar nickte Catherine. „Ja, das wäre gut. Ich möchte ihr gerne helfen und bei ihr sein, wenn die Beerdigung ihres Mannes ist.“

 „Jetzt komm. Du solltest dich ausruhen.“ Vincent wollte sie schon mit sich ziehen, als sie ihn zurück hielt.

 „Bitte bring mich zu dir, Vincent. Ich möchte heute Nacht nicht alleine sein.“

Schweigend sahen sie sich einen endlosen Moment lang an. Dann zog er sie an sich und Arm in Arm gingen sie zu seiner Kammer.


New York; Catherines Appartement; am Abend; Jacob Chandler

Jacob Chandler schaute in die Flammen und beobachtete, wie das Feuer sich durch den Stoff fraß. Seine blutbefleckte Kleidung wurde ein Opfer der Flammen, genauso wie das Smartphone des Fremden mit der Ortungsapp darauf, die dazu gedient hatte, sein eigenes Handy aufzuspüren. Jake griff in die Innentasche seiner Jacke und holte sein Telefon hervor. Seit heute Mittag war es ausgeschaltet. Nachdenklich betrachtete er es. Dann warf er es zu den anderen Sachen in die Flammen. Das Appartement seiner Mutter verfügte über einen Kamin. Noch bevor er zu seinen Eltern in die Tunnel gegangen war, hatte er den Hausservice beauftragt, die Tür möglichst sofort zu ersetzten. Er atmete tief und gleichmäßig. Bilder stiegen vor ihm auf, die er am liebsten verdrängen wollte.

Rebekkas schreckgeweitetes Gesicht, als er ihre Beziehung für beendet erklärt und sie am Flughafen abgesetzt hatte. Es war besser so, sagte er sich und ignorierte den schmerzhaften Stich in der Brust bei diesem Gedanken.  


Er dachte zurück an heute Mittag, an den Kampf mit dem Killer und dann war da ein blinder Fleck in seiner Erinnerung, die erst wieder einsetzte, als er wie aus einem tiefen Rausch erwacht war.

Jake konnte nicht sagen, ob nur Minuten oder gar Stunden vergangen waren. Er hatte sich gefühlt, als wäre er bewusstlos gewesen. Er konnte sich zunächst nicht daran erinnern, wo er sich befand. Ihm war, als hätte irgendetwas Fremdes von ihm Besitz ergriffen. Er stützte sich mühsam auf und merkte, dass unter ihm ein Körper lag. Er sah unter sich und wich entsetzt zurück.

Der Mann, auf dem er gelegen hatte, oder das was von ihm noch übrig war, sah furchtbar zugerichtet und entstellt aus. Blankes Entsetzen zeichnete sich auf den starren Gesichtszügen mit den toten Augen ab. Der Körper des Mannes war regelrecht aufgeschlitzt worden. Tödlich war die aufgerissene Kehle gewesen. Und überall war Blut. Jake sah auf seine Hände. Blut. Das Blut seines Gegners, der auf dem Teppich des Wohnzimmers lag und mit toten, leeren Augen an die Decke starrte.

Jake wurde schwindelig, als er begriff, was das bedeutete. Er konnte sich nicht erinnern. Die letzten Minuten waren wie ausgelöscht aus seiner Wahrnehmung. Er setzte sich auf und sah sich im Appartement seiner Mutter um. Der umgestürzte Wohnzimmertisch war Zeuge eines erbitterten Kampfes auf Leben und Tod.

Langsam kam die Erinnerung zurück. Der Einbruch letzte Nacht in die Wohnung seiner Mutter. Er hatte nachsehen wollen, was tatsächlich passiert war. Das Auftauchen des Fremden. Ein Profikiller, der ihn hatte töten wollen. Jacob stand auf und wankte in Richtung Badezimmer. Noch einmal blickte er zurück auf den Toten, und die Erinnerung stieg in ihm hoch. Die Erinnerung an eine unglaubliche Wut, die ihn erfüllt hatte. Er war so furchtbar wütend gewesen. Dieser Mann hatte ihn töten wollen. Und danach hätte er seine Mutter getötet. Bei dem Gedanken daran fühlte Jake etwas Dunkles in sich, das ihn mit sich ziehen wollte. Er zwang sich, tief und gleichmäßig zu atmen. Er musste sich beherrschen. Im Bad sah er im Spiegel sein Gesicht. Nichts Ungewöhnliches war darin zu erkennen. Das Gesicht eines normalen, gesunden dreißigjährigen Mannes blickte ihm entgegen. Und trotzdem meinte Jake eine Veränderung zu sehen. Er drehte den Wasserhahn auf. Seine Hände waren voller Blut doch ansonsten schienen sie völlig normal zu sein. Er atmete tief durch und wusch sich die Hände und dann das Gesicht. Dann ging er zurück in den Wohnraum. Jake setzte sich auf das Sofa und starrte auf den Toten. Er stellte keine Bedrohung mehr da, aber nach ihm würden andere kommen. In die Totenstille, die ihn umgab, vernahm er das Summen seines Handys.

Er griff in seine Tasche. Sein Chef versuchte ihn zu erreichen, wie er am Display erkennen konnte. Er legte es zur Seite. Er wollte jetzt mit niemanden sprechen.

 „Denk nach, Jake“, murmelte er zu sich selbst.

Er musste etwas unternehmen. Abrupt stand er auf. Er kniete sich zu dem Killer hinab und fand in der Innentasche des Jacketts das Smartphone des Fremden. Darauf befand sich eine App zur Ortung anderer Geräte. Dieses Handy diente dazu per GPS sein eigenes Handy zu orten. Sofort schaltete er beide Handys aus.

Er atmete schwer und sah an sich herab. Seine Kleidung war ramponiert und blutbefleckt. Eilig sprang er die Treppe zur Galerie hoch und zog sich um. Dann nahm er eine große Mülltüte und stopfte die Handys und seine blutbefleckte Kleidung hinein. Damit eilte er durch das Treppenhaus hinab in den Keller. Es war Tag, und die meisten Bewohner des Appartementhauses waren zur Arbeit. Er glaubte nicht, dass er irgendjemandem begegnen würde. Mit dem Müllbeutel verschwand er durch den Schacht die Leiter hinab, wo ein Durchbruch in der Wand zu den Tunneln führte. Seine exzellenten Augen kamen auch ohne Lampe in der Dunkelheit zurecht. Noch etwas, dass er offensichtlich von seinem Vater geerbt hatte. In einer Sackgasse deponierte der den Müllbeutel, wo er ihn später wiederfinden würde.


Langsam kam Jake zurück in die Gegenwart. Seine Mutter war in den Tunneln in Sicherheit. Er musste sich nicht beeilen. Seine Eltern hatten einander wiedergefunden.

Sorgfältig stocherte er mit den Schürhaken in der verlöschenden Glut herum, um sicher zu gehen, dass alles restlos verbrannte. Danach wusch er sich die Hände. Diese Hände, auf die er jetzt sah, hätten das Gemetzel an dem Mann heute Mittag nicht anrichten können. Und doch meinte Jake auf einmal die Klauen seines Vaters erkennen zu können. Und als er in den Spiegel über dem Waschbecken in sein Gesicht blickte, erschien ihm das brüllende Antlitz seines Vaters wie ein Ebenbild. Erschrocken wich er vor sich selbst zurück.


 *1) Robert Frost: The Road not taken – Übersetzung Walter A. Aue
Copyright of translations: Walter A. Aue 2016
 
 
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