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Nightblue - finde mich

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
09.04.2020
22.07.2021
12
36.062
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22.07.2021 3.911
 
Ciao! Man kann es glauben oder nicht, ein neues Kapitel hat es in die Digitalisierung geschafft!
Vielen Dank für die Herzen und Sterne seit dem letzten Mal.
Aber jetzt, zurück nach Greenbay ->

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Elia sass auf der Bank unter der grossen Eiche hinter dem Farmhaus. Tessa hatte gemeint etwas Sonne würde ihr trotz der Kälte guttun und dabei die Einwände ihrer Freundin gepflegt überhört.

«Sammy-Lee jetzt geh schon raus und setzt dich zu ihr. Ich weiss, dass sie bisher kaum reagiert hat, aber du kannst jetzt nicht einfach aufgeben»

Sämtliche Hausbewohner standen hinter ihm, während er sie durch das Küchenfenster beobachtete.

«Deine Familie hat recht Sammy-boy, schwing deinen Hintern da raus» verpasste Tessa auch ihm einen Verbalen Schubser in die gewünschte Richtung. Sie war die ganze Zeit betont fröhlich, doch selbst ihr sah man an, dass sie, langsam aber sicher, nicht mehr weiterwusste. Seit ihrer Ankunft hatte Elia sich so weit wie möglich abgekapselt, vor allem Sam gegenüber verhielt sie sich kühl.

«Was hat es eigentlich mit diesem Sammy-boy auf sich?» erkundigte sich Shane, das fragte er sich schon seit die junge Frau seinen Bruder zum ersten Mal so angesprochen hatte.

«Bevor ich euch DAS erkläre gehe ich lieber an die frische Luft» erwiderte Sam ungerührt, warf Tessa jedoch einen warnenden Blick zu, bevor er sich seine Jacke überwarf und in den Schnee hinaustrat.





«Elia, erkennst du mich?»

Nur langsam drehte sie ihm das Gesicht zu, und wie immer musste Sam sowohl seine Wut wie auch die Tränen unterdrücken. Die Schwellungen klangen langsam ab, dafür waren die blauen Flecken auf ihrer hellen Haut überdeutlich zu sehen. Sie nickte nur leicht als Antwort auf seine Frage.

Auffordernd hielt er ihr die Hand hin

«Komm ich will dir etwas zeigen und… wenn du so tust als ob es dir gefällt, lässt Tessa dich vielleicht mal einen Tag lang in Ruhe»

Einzig die Aussicht darauf einmal nicht bemuttert zu werden und sei es nur für ein paar Stunden liess sie ihre Hand in seine legen. Er umschloss ihre Finger mit seinen, sagte nichts dazu, dass die ihren kälter als Eiszapfen waren. Sie erhob sich vorsichtig, ging langsam neben ihm her.

«Ich war lange nicht mehr hier, bestimmt vier Jahre. War immer mit dem Truck von Dad unterwegs, um an Geld zu kommen damit wir die Farm behalten können»

Sie sah ihn von der Seite an, spürte dass er ihr etwas verheimlichte und fragte doch nicht weiter nach. Nicht wirklich jedenfalls.

«Deine Heimat ist dir wichtig»

Das war der erste Satz den sie zu ihm sagte seit sie ihm, oder besser gesagt Fynn, im Auto ihre Liebe gestanden hatte. Sam war dermassen überrumpelt, dass er völlig vergass, dass er für gewöhnlich nicht über sein Zuhause oder gewisse Teile seiner Vergangenheit sprach.

«Mhm… sehr viel. Dad ist hier begraben und bevor ich Truck fahren konnte habe ich jeden Tag hier verbracht»

«Sam, ich…» erstaunt sah er sie an, auch wenn sie seinen Blick nur ganz kurz erwiderte «Ich habe mich noch nicht bei dir, bei euch, bedankt. Für alles»

Auch wenn sie sich nicht wirklich wohlfühlte tat es gut zu sprechen nach all den Tagen, in denen sie das Schweigen ihr engster Vertrauter war.

«Das brauchst du auch nicht. Ich mein…du weisst, dass ich dich mag. Da war es diskussionslos klar, dass meine Familie mitmacht und Tessa musste ich auch nicht unbedingt hierher zerren, wie du dir sicher vorstellen kannst»

Es war zwar kein lächeln aber bei seinen Worten zuckten zumindest ihre Mundwinkel kurz nach oben. Heute schien ein guter Tag zu sein.

«Wie hast du mich gefunden, Sam?»

Diese Frage beschäftige sie ständig, wenn sie nicht gerade von bösen Erinnerungen heimgesucht wurde. Wie hatte er sie finden können?

«Zufall, purer Zufall. Die von Weylan’s waren viel schneller fertig als angenommen mit den Räumungsarbeiten weshalb ich einen Tag nach diesem Empfang bereits im Süden war. Meyers, ein Trucker dem ich schon öfters begegnet bin, hielt mir den Zeitungsartikel über euch unter die Nase weil er dich heiss fand. Ich habe dich auf dem Foto beinahe nicht erkannt. Das was in deiner Nachricht stand konnte ich nicht glauben und als Tessa meinte du würdest ihn nie freiwillig Heiraten mussten wir uns etwas einfallen lassen. In dem Artikel stand in welchem Hotel ihr untergekommen wart also…»

«Hast du alles stehen und liegen gelassen, deine Familie zusammengetrommelt, meine Granny entführt und dich mehrfach Strafbar gemacht. Einfach so» es war ihr unbegreiflich weshalb er all das getan hatte. Natürlich war sie unfassbar froh und dankbar doch das änderte nichts daran, dass sie es nicht wirklich verstand.

Mittlerweilen waren sie weiter spaziert hatten den schmalen Waldstreifen hinter sich gelassen der das Farmhaus vom Seeufer trennte. Vor ihnen lag, so weit das Auge reichte, der gefrorene Lake Michigan.

«Hast du geglaubt was in meiner Nachricht stand? Dass ich dich nur angelogen habe, um etwas Spass zu haben?» sie fühlte sich unwohl dabei ihm diese Frage zu stellen doch sie geisterte schon seit längerem in ihrem Kopf herum.

Er blieb bei einem Steg stehen, sah lange auf das zugeschneite Eis hinaus.

«Nein. Ich wollte es nicht wahrhaben, deshalb war ich ja auch in Minneapolis und hab Tessa kennengelernt oder sie hat mich gefunden, wie du willst aber…. che cosa mai*. Als ich dann das Foto von dir sah in der Zeitung, so unglücklich und verschlossen. Das war nicht die Melissa die ich kennen gelernt habe»

«Vielleicht kommt sie nie wieder zurück, das Mädchen aus dem Motel» flüsterte Elia leise.

Sam ging einige Schritte auf den Steg hinaus, setzte sich auf die Bank die wohl irgendwer regelmässig von den Schneemassen befreite. Nur zögerlich folgte sie ihm, liess sich neben ihm auf das morsche Holz sinken. Die Stille zwischen Ihnen war angenehm, wie sie es schon von Anfang an gewesen war.

«Weisst du, ich bin sicher sie ist bereits hier…» fing er an, sah erneut über das Eis in die Ferne bevor er weitersprach «erstarrt unter einer dicken Eisschicht um alles Erlebte zu verarbeiten, und irgendwann, wenn es an der Zeit ist, dann kommt der Frühling und lässt sie noch viel schöner erstrahlen als sie es vor ihrem Winterschlaf gewesen ist»

Nur mit Mühe, konnte sie die Tränen zurückhalten, die sich ihr bei seinen Worten sofort in die Augen stahlen. Kein Ton kam über ihre Lippen als sie etwas erwidern wollte, irgendetwas das Sam, seinem Wesen und seinen Taten gerecht wurde. Stattdessen Griff sie nach seiner Hand und verschränkte ihre Finger mit den seinen. Er brauchte nichts zu sagen, denn das Lächeln, dass sich dabei auf sein Gesicht legte erzählte alles, das sie wissen musste. Sie sassen solange dort, bis Elia anfing zu zittern und Sam ihr für den Rückweg kurzerhand und ohne zu zögern seine Jacke umlegte.

Er half ihr, die schweren Stiefel aus zu ziehen, bevor er sie bis zu ihrer Zimmertüre begleitete. Bereits im Begriff zu gehen hielt sie ihn mit einer Hand auf die sie vorsichtig auf seinen Unterarm legte. Allein diese Berührung kostete sie eine menge Überwindung.

«Hast du nicht etwas vergessen?» hauchte sie und es kam ihr vor, als ob es noch nie so schwer war fünf Worte aus zu sprechen. Er sah sie an, versuchte zu begreifen was sie meinen könnte als sie bereits den letzten Rest ihres Mutes zusammenkratze.

«Helden, bekommen immer einen Kuss»

Sie küsste ihn auf die Wange und war mit einem leisen «Gute Nacht Sam» hinter der Türe verschwunden bevor er recht begreifen konnte was passierte.



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Es hatte mehrere Stunden gedauert bis George sich aus seiner Bewusstlosigkeit befreien konnte. Sein Schädel hatte sich angefühlt als ob ein ganzer Konvoi von LKW`s darüber hinweg gefahren wären. Er hatte sich aufgesetzt und gegen die Wand gelehnt, das leere Zimmer betrachtet und erstaunlich lange für die Erkenntnis gebrauch, dass etwas nicht stimmte. Dass seine gar nicht mehr so vorlaute Verlobte verschwunden war. Irgendjemand hatte das kleine Luder befreit und ihm bei der Gelegenheit eins übergezogen. Er war sich sicher, dass es dieser Sam war nach dem sie so verzweifelt geschrien hatte, wenn sie denn einmal genügend Luft dazu gehabt hatte. Leider waren die schwarz weiss Bilder der Überwachungskameras viel zu körnig um darauf etwas genaueres erkennen zu können und seine eigenen Erinnerungen liessen ihn kläglich im Stich. Der Schlag gegen den Kopf war ihm wahrlich nicht gut bekommen.

Ein verdammter Indianer hatte Hand an seine Verlobte gelegt und das würde er über kurz oder lang bitter bereuen. Er würde die beiden finden, selbst wenn sie sich am Ende der Welt versteckten. Seine Wut war am Abend des Empfanges mit ihm durch gegangen als er begriff, dass Amelia einen anderen Mann ihm vorziehen wollte. Niemand demütigt einen George Armstrong auf diese Art ohne die Konsequenzen dafür zu spüren zu bekommen. Seine beiden Ermittler waren bereits seit jenem Abend an der Sache dran, in der heutigen Zeit hinterliess jeder irgendwo Spuren. Man musste sie nur finden. Seine Jagd hatte begonnen.

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«Elia, du bist schon seit Stunden da drin, wir kommen zu spät» klopfte Sam wiederholt an die Badezimmer Türe.

«Die Werbung dauert sowieso mindestens eine viertel Stunde» kam die gelassene Antwort. Einen Tonfall der erst seit einigen Tagen in ihre Stimme zurückgekehrt war, die Anspannung und die Furcht immer mehr daraus tilgten.

«Ich weiss und die habe ich in meinem Zeitplan bereits abgerechnet»

In dem Moment ging die Türe auf, Elia schob sich an ihm vorbei, griff nach der Handtasche die Tessa ihr geliehen hatte und blieb verwundert bei der Haustüre stehen.

«Ich dachte wir müssen uns beeilen?» meinte sie mit einem scheuen lächeln das Sam noch mehr die Sprache verschlug als ihr Aussehen. Er stand noch immer vor dem Badezimmer und bemühte sich seinen Mund nicht sperrangelweit offen stehen zu lassen.

«Äh… ja klar. Komm, gehen wir»

Ganz Gentleman wie immer half er ihr in den Mantel, bevor er sich seine Jacke griff und durch den Schnee zum Auto marschierte. Während der Fahrt zum Kino von Greenbay schwiegen beide und genossen den Sonnenuntergang über den verschneiten Hügeln.

Seit der Rückkehr aus New Orleans waren mehrere Wochen vergangen. Tessa hatte sich aufopferungsvoll um ihre beste Freundin gekümmert war jedoch letzte Woche an die Uni zurück gegangen. Elia hatte zwar Bedenken wegen George doch Tessa hielt nichts davon sich von diesem Idioten den Notenschnitt versauen zu lassen. Ausserdem hatte Elia ihm nie etwas von ihrer Freundschaft zu Tessa erzählt, und noch weniger von Theresa Maria Fernandez. War eine Freundschaftliche Beziehung zu jemandem mexikanischer Abstammung in ihren Kreisen mindestens ein Fauxpas wenn nicht sogar eine Schande für die Familie.

Sie hatte jeden Tag mit jemandem einen Spaziergang über die Farm gemacht und dabei viel über die einzelnen Familienmitglieder erfahren. Sogar Shane, dessen anfängliche Abneigung sich noch nicht wirklich gelegt hatte, begleitete sie einige Male. Der älteste der Brüder war Zimmermann und hatte ihr gezeigt wo und wie er eines Tages das neue Wohnhaus bauen würde. Fynn, der offiziell der Farmer war, jobbte nebenbei auch in derselben Firma in der Shane sein Geld verdiente. Die Tage an denen er sie begleitete waren ihr die liebsten da er sie mit zu den Tieren nahm, verstanden diese ihr Leid auch ohne Worte. Vor allem das Verhältnis zu Helena war Kühl geblieben was eigentlich so gar nicht zu der temperamentvollen Italienerin passen wollte. Elia verstand weshalb und war viel zu Dankbar um nachtragend zu sein. Sie machte sich, wahrscheinlich berechtig, sorgen um ihren jüngsten Sohn und wollte ihn schützen.

Dann war da noch Sam. Die vertraute Art, mit der sie vor ihrer übereilten Abreise aus dem Motel, miteinander umgegangen waren wollte sich einfach nicht wieder einstellen. Es fühlte sich an als ob sie an den gegenüberliegenden Ufern eines Flusses standen, ohne eine Möglichkeit zueinander zu gelangen. Sie hatte sich so oft bei ihm bedankt und entschuldigt bis er sie wütend angefahren hatte sie solle endlich den Mund halten. Elia war daraufhin wie so oft in letzter Zeit in Tränen ausgebrochen weswegen Sam dann wieder ein schlechtes Gewissen hatte. Meist sassen sie händchenhaltend auf der alten Bank beim See und starrten schweigend über das Wasser, denn in den letzten Tagen war es wärmer geworden. Nicht  wärmer im Sinne von Warm aber immerhin soweit, dass das Wasser in Ufernähe sowie rund um den Steg sich hatte von dem Eis befreien können.

«Elia?»

Sam berührte sie vorsichtig am Arm um sie bloss nicht zu erschrecken.

«Wir sind da, bist du wirklich bereit?»

Alle hatten bedenken geäussert wegen der Menschenmengen in einem Kino doch Elia hatte es satt ständig nur auf der Farm zu sitzen und in dumpfem Grübeln zu versinken. Letzte Woche war sie mit Helena in dem kleinen Lebensmittelgeschäft des Ortes um sich wieder an andere Menschen zu gewöhnen. Deshalb sagte sie nun, überzeugter als sie selbst war:

«Ja. Lass uns gehen»

Sam eilte sum den Wagen herum um ihr mit einer übertrieben tiefen Verbeugung und einem gestelzten «My Lady» beim Aussteigen behilflich zu sein. Das kleine, aber echte Lächeln, dass dabei über ihr Gesicht huschte war Balsam für seine Seele.

Anstatt seine ausgestreckte Hand zu ergreifen hakte sie sich bei ihm unter, um die wenigen Meter zum Kino zurück zu legen. Und selbst wenn der Körperkontakt durch all die Kleidung kaum erwähnenswert war fühlte Elia sich hin und her gerissen. Allein seine Anwesenheit gab ihr das nötige Selbstvertrauen, um in das gut gefüllte Kino Foyer zu treten, andererseits war seine Nähe das was ihr von allem am meisten Angst einjagte.

Die drei Brüder waren in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft in Green Bay beinahe die schlimmste Belastung gewesen, alleine die Anwesenheit eines Mannes hatte sie in eine reglose Puppe verwandelt, um bloss nicht bemerkt zu werden. Vor allem Shane mit seiner lauten und ungehobelten Art hatte sie mehrmals regelrecht in Panik verfallen lassen. Schmerzhafter als all die Körperlichen Blessuren und die andauernde Angst waren nur die Alpträume aus denen sie beinahe jede Nacht schreiend und völlig verschwitzt hochschreckte. Helena hatte oft Nachtschicht und seit Tessa zurück nach Minneapolis fuhr, fehlte es in diesen Momenten an Weiblicher Gesellschaft.

Shane mühte sich gar nicht erst aus dem Bett, geschweige denn in ihr Zimmer. Bei Sam standen die Dinge anders. Bei ihm hatte sie meist das Gefühl, er würde auf dem Boden vor ihrer Türe wache halten so schnell wie er jeweils durch eben jene hereinstürmte, zumindest solange bis sie ihn gebeten hatte es nicht mehr zu tun. Sie konnte seinen leidenden Gesichtsausdruck in diesen Momenten nicht ertragen

Seither war Fynn derjenige der meist die restliche Zeit der Nacht an ihrem Bett verbrachte, ihr Geschichten erzählte, um die grausamen Erinnerungen fern zu halten.

Darum verfolgte sie ein weiteres Bild bis in ihre Träume: Sams enttäuschter und verletzter Ausdruck als er begriff, dass sein Bruder ihr helfen kann, ihr nahe sein darf auf eine Art, die ihr zu dem Zeitpunkt nicht möglich war ,ihm zu gestatten.

Ein Stoss, der sie unschön im Rücken traf riss sie aus den Trüben Gedanken die bis dahin erfolgreich von dem Gedränge abgelenkt hatten. Sams eindrückliche Statur sorgte immerhin dafür, dass die meisten versuchten einen Minimalen Abstand zwischen sich und dem grimmig dreinschauenden langhaarigen zu halten. So kam es auch dass sie es tatsächlich zu ihren Sitzen schafften bevor endgültig das Licht ausging. So sehr sich Elia auch versuchte auf dem Film zu konzentrieren, liessen ihre Nerven sie kläglich im Stich. Die Dunkelheit, das Murmeln der anderen und nicht zuletzt das laute Stöhnen der Protagonistin bei einer mehr als Detaillierten Sexszene kosteten sie alle Beherrschung, selbst Sams Hand hatte sie losgelassen um das Zittern ihrer Hände zu verbergen.

In der lang ersehnten Pause steuerte Elia die Bar an kaum hatte Sam sich zu den Toiletten verabschiedet. Während sie die erste Bloody Mary in grossen Zügen leerte fiel ihr zum ersten Mal auf, dass das Kino einem Hollywoodstreifen entsprungen sein könnte. Der rote abgelaufene Teppich und die Messingdetails erinnerten an Tage in denen die Räumlichkeiten wirklich Chic gewesen waren. Die verstaubten Plakate zeugten ebenso von Glorreicheren Tagen wie die veraltete Popcornmaschine. Die Football Mannschaft der hiesigen Highschool und die dazugehörenden Cheerleader schien das jedoch wenig zu stören denn sie amüsierten sich im Loungebereich ganz hervorragend. Zumindest wenn man dem Gegröle und dem durch die Gegend fliegenden Popcorn Glauben schenken wollte. Sie tauschte das Leere Glas mit schlechtem Gewissen gegen ein volles in der Hoffnung endlich ihre Nerven unter Kontrolle zu bekommen. Sie wollte Sam endlich wieder näherkommen können, ihn endlich nicht mehr verletzen, weil sie ihn ständig von sich stiess, manchmal seine Nähe kaum ertragen konnte.

«Na du, soll ich dir einen ausgeben?» fragte ein Typ der sich viel zu nah neben ihr an den Tresen lehnte.

«NEIN. Und jetzt lass mich» stiess sie viel zu erschrocken aus und kippte den nächsten Drink auf Ex hinunter.

Sie fragte sich wann endlich die Wirkung des Alkohol einsetzen würde und wo Sam nur blieb.

Der Fremde rückte noch näher, so nahe, dass sein Alkohol Atem sie in schockstarre versetzte.

Brandy. George hat nach Brandy gerochen als er … als…

«Nana, Mädchen so geht mach doch nicht mit einem Mann um» tadelte er sie in einem Ton, der ihn George immer ähnlicher werden liess. Sie wandte sich ab, wollte der Situation entfliehen, der Panik Herr werden die ihr Herz rasen und ihre Lungen versagen liess. Als er sie am Arm packte versetzte ihr Gehirn alles in ihrem Körper in den Fluchtmodus. Die Welle der Wut überschwemmte ihr Bewusstsein wie eine Sturmflut, sie hob die Faust und schlug ihm mitten ins Gesicht. Das satte Knacken wurde von lauten Flüchen abgerundet die Elia nicht mehr hörte weil sie den Überraschungsmoment genutzt und davon gerannt war. Wohin wusste sie nicht, Hauptsache weg, weg in die dunkle kälte ausserhalb. Am liebsten wäre sie soweit gelaufen, bis selbst ihre Ängste und die Kälte in ihrem inneren sie nicht mehr finden konnten.





Blitzschnell erfasste Sam die Situation als er endlich von der Toilette kam. Warum musste er auch ausgerechnet heute so lange anstehen! Elia war nirgends an der Bar zu sehen, dafür stand dort ein Kerl mit blutüberströmtem Shirt der über die Weiber im Allgemeinen fluchte. Shit.

So schnell er konnte rannte er hinaus, spürte instinktiv, dass sie sich nicht mehr im Gebäude aufhielt.

«Elia!» schrie er so laut er konnte «Amelia!» die Strasse war Menschenleer. Niemand ausser der Gruppe jugendlicher neben dem Kinoeingang die genüsslich einen Joint kreisen liessen.

«Habt ihr eine junge Frau gesehen? Jeans, Karohemd, lange braune Haare?»

«Was ist dir die Info Wert?» entgegnete einer der Jungen frech und bedauerte sein vorschnelles Mundwerk noch in derselben Sekunde.

Sams ohnehin schon blankliegenden Nerven liessen ihn durchdrehen. Er packte den jüngeren am Kragen seiner Jacke, presste ihn hart gegen die Wand in dessen Rücken. Sein Gesicht kaum mehr eine Handbreit vom anderen entfernt war es ein leichtes zu erkennen, dass sein Auftreten Wirkung zeigte.

«Ich rufe nicht die Cops, das ist es mir wert» zischte er ihm zu, drückte ihn noch härter gegen den Beton.

«Komm, ist schon gut. Lass ihn los. Sie ist in da lang und etwa bei der dritten Querstrasse rechts weg» gab ihm einer der anderen die gewünschte Information. Ebenso ruckartig wie er den vorlauten Bengel zuvor gepackt hatte liess er ihn wieder los. So schnell seine Beine ihn trugen rannte er in die angegebene Richtung, rief erneut ihren Namen. Immer und immer wieder.

Eine gefühlte Ewigkeit später fand er sie, zusammengekauert in einer dunklen Seitengasse. Sie zitterte erbärmlich, ob vor Kälte oder weil ihr Körper von herzzerreissenden Schluchzern erschüttert wurde wusste er nicht. Es war ohnehin nicht wichtig. Langsam, Schritt für Schritt trat er auf sie zu, sprach beruhigend auf sie ein in dem Versuch sie nicht noch mehr zu verängstigen. Zu seiner grossen Erleichterung warf sie sich ihm jedoch beinahe in die Arme als er sich endlich neben ihr niederkniete.

Kurzerhand hob er sie hoch, machte sich auf direktestem Weg auf zu seinem Auto. Sie musste sofort raus aus der Kälte.

«Es tut mir leid, ich hätte dich nicht alleine lassen dürfen.» hauchte er gegen ihr Haar «das wollte ich nicht. Es hätte doch…» die Worte ein schöner Abend wollten einfach nicht über seine Lippen. Er hätte darauf bestehen müssen, Zuhause zu bleiben. Das alles war seine Schuld.

Mit hastigen Bewegungen setzte er sie auf den Beifahrersitz, rannte zur anderen Seite, drehte die Heizung auf und zerrte aus den Untiefen des alten Wagens eine Decke hervor.

«Es tut mir leid, das ist alles meine Schuld. Ich hätte..,»

«Ach Sam, hör auf dich meinetwegen zu quälen» sie wischte sich mit dem Ärmel die Nase ab, schniefte erneut «ich  wollte schliesslich um jeden Preis hierher. Er hat mich angemacht und mir ist ne Sicherung durchgebrannt. Konnte keiner von uns beiden Wissen, muss keinem von uns beiden leidtun, Okay?» Sie rutschte näher zu ihm, legte ihre Hände in seinen Nacken strich leicht durch die feinen Härchen.

«Wir haben uns bisher nur geküsst, kennen uns kaum und trotzdem bist du mir gefolgt um mich zu retten. Warum?» wollte sie wissen, legte ihre Stirn dabei an seine Brust um seinen forschenden Blicken zu entgehen. Sie musste es wissen, musste wissen ob er sie liebte bevor…

«Ich wäre um die ganze Welt gelaufen wenn es nötig gewesen wäre um dich zu retten» auch seine Hand fand ihren Weg in Elias Haare, strichen beruhigend durch die rotbraunen strähnen.

«Aber… warum?» der Kloss in ihrem Hals wollte alle weiteren Worte daran hindern aus ihr heraus zu kommen.

«Seit dem ersten Abend bei Peter,,, hast du…»

«Sag es» ihre Stimme war kaum mehr ein Flüstern.

«Ich bin in dich verliebt, zufrieden?» stiess er aus, die Stimme etwas erhoben, weil er es nicht ausstehen konnte dermassen in die Ecke gedrängt zu werden. Die letzten Wochen waren auch an seinen Nerven nicht Spurlos vorbeigezogen.

«Beschissene Scheisssituation!» fauchte Elia immer noch sehr leise «Ich mag dich Sam, wirklich sehr. Aber die ganze Situation… ich kann das nicht. Wir sollten nicht…»

«Was?! Warum nicht, also ich meine»

«Sam, du willst dir was kommt nicht antun. Nicht für eine fast Fremde, nicht wenn es den Rest deines Lebens betrifft. Du musst mich gehen lassen…» es war nicht zu überhören, dass Elia den Kampf gegen die Tränen für ein weiteres Mal verloren hatte. Es schnürte Sam das Herz zu, doch er konnte nicht begreifen was sie da sagte.

«Du hattest ein Traumatisches Erlebnis von dem ich nicht einmal ahnen kann, wie schlimm es für dich war, aber das wird doch besser. Irgendwann. Wir können dir Hilfe holen, du kannst eine Therapie machen. Ich dränge dich zu nichts nur… wirf nicht weg was wir haben könnten»

«Sam. Es wird nie wieder gut werden, es wird mich jeden Tag für den Rest meines Lebens verfolgen»

«Das… es wird…» er war Sprachlos. Was sollte man schon in solch einer Situation sagen, das nicht auf irgendeine Art falsch war. Die Verzweiflung, sie trotz allem, doch noch zu verlieren erfasste jede Zelle seines Körpers und verwandelte sich Augenblicklich in Abgrundtiefen Hass als ihre nächsten Worte in seinen Verstand sickerten.

«Ich bin Schwanger»

«Was!?» hastig packte er sie an den Armen schob sie so weit von sich weg um ihr in die Augen sehen zu können. Nein, das durfte einfach nicht sein. Ohne es zu wollen hatte er sie angeschrien und bekam Postwendend die Quittung dafür. Sie befreite sich ruckartig aus seiner Umklammerung, sah ihn mit vor Wut auflodernden Augen an.

«Bist du Taub oder was?! Er hat mich geschwängert!!»


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Ein bisschen Drama gefällig? Sam und Amelia ist es noch nicht vergönnt glücklich in den Sonnenuntergang zu reiten, aber wird ihr wankelmütiges Verhältnis diesen erneuten Tiefschlag überstehen?
Hoffentlich bis Bald
C.



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*che cosa mai = Wie auch immer.
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