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Nightblue - finde mich

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
09.04.2020
22.07.2021
12
36.062
3
Alle Kapitel
12 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
16.02.2021 3.799
 
Ausnahmsweise ein kleines Vorwort
Dank den lieben Reviews von Johanna-Chan habe ich einige Textstellen verbessern können, vor allem im vorhergehenden Kapitel. Wer es also vor dem 16.02.21 gelesen hat, dem empfehle ich kurz zurück zu springen um auf dem neuesten Stand zu sein.
Lieben Dank für deine Mühen, Johanna.

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«Miss Holbrook, vielen Dank dass sie uns Empfangen. Mein Name ist Shane Bennett und das ist mein Bruder Sam»

Die Frau mit hochgestecktem weissem Haar nickte lediglich und trat zur Seite, um ihnen den Weg frei zu machen. Sie schien nicht verwundet ihren Besuch erst so lange Zeit nach der telefonischen Ankündigung zu sehen. Shane trat ein während Sam wieder einmal zur Salzsäure erstarrte.

«Möchten sie nicht eintreten junger Mann?» verwundert sah sie zwischen den beiden hin und her.

«Sam schieb deinen Hintern hier rüber» Shanes stimme war zu einem zischen geschrumpft.

Als der weiterhin nicht reagierte trat er die beiden Schritte zu seinem jüngeren Bruder zurück, packte ihn an den Schultern «Was ist nur los mit dir?»

«Sie… Sie sieht aus wie Elia. Die Augen. Das…»

«Reiss dich zusammen. Ich spüre, dass es dich mitnimmt, hab schliesslich oft genug mit Dad gearbeitet, um dich lesen zu können aber jetzt komm. Es wird Zeit Amelias Granny zu einem Abenteuer zu überreden» damit schob er Sam vor sich her in den erstaunlich modern eingerichteten Wohnraum.

«Miss Holbrook…»

«Achwas… ich bin Abby. Ich fühle mich auch ohne die Anrede schon alt genug» meinte sie unkompliziert und wies ihnen an sich auf eines der Sofas zu setzen.

Shane schmunzelte und konnte Sam auf einmal verstehen. Wenn die Enkelin von Abby auch nur ein bisschen ihres Charmes geerbt hatte, war es wahrscheinlich ein leichtes ihr zu verfallen.

«Gut Abby… weisst du warum wir hier sind?»

«Mich würde zuerst interessieren, wie ihr hier hereingekommen seid. Die Bluthunde meines Sohnes sind für gewöhnlich unerbittlich»

Shane gab ihr die Kurzfassung des Ablenkungsmanövers, dass erstaunlich reibungslos funktioniert hatte.

Abby begann tatsächlich zu Kichern, ein Geräusch das keiner von beiden von einer alten Frau erwartet hatten, vor allem nicht in Begleitung von einem so hinterhältigen Grinsen.

«Das geschieht den Holzköpfen recht! Und Shane? Die Nummer dieses Freundes musst du mir geben, falls ich die beiden wieder einmal loswerden möchte»

Selbst Sam konnte seine Mundwinkel nicht mehr nach unten ziehen bei der entspannen Stimmung.

«Also dann Jungs, was hat euch hierhergeführt?»

Shane versuchte ihr eine etwas abgeschwächte Version der Ereignisse zu erzählen, schliesslich war es das Ziel die Oma zu retten, nicht sie in ein frühes Grab zu treiben. Abby jedoch winkte mit traurigen Augen ab.

«Ich will die Details gar nicht wissen, nicht auszudenken was dieser Hurensohn mit meinem kleinen Mädchen alles angestellt hat, aber dass da nur ein blaues Auge war kannst du dem Weihnachtsmann erzählen. Die Frage ist, was werden wir jetzt tun?»

Ihr Gesichtsausdruck liess die jungen Männer erahnen, dass ihr Leben in Wohlstand einen Preis gehabt hatte, ebenso einen wie Elia ihn nun zu zahlen gedachte. Genauso, wie sie die Entschlossenheit darin sahen, ihrer Enkelin diesen Weg zu ersparen.

«Das… wissen wir noch nicht so genau» meinte Shane und sah verlegen zu Sam. Irgendwie hatte er keines Falles damit gerechnet, dass eine Dame dieses Alters, mit diesem Gesellschaftlichen stand sich darauf einlassen würde sich  von zwei ihr völlig Fremden in den Sonnenuntergang fahren zu lassen. Von daher wies sein Plan von hier an erhebliche Lücken auf, wenn er denn überhaupt vorhanden war.

«Ich wüsste da was…» meldete Sam sich zum ersten Mal zu Wort seit sie die Wohnung betreten hatten «Wir bringen dich nach Greenbay, in das Altersheim in dem unsere Mamma arbeitet, da wärst du in Sicherheit und gut versorgt. Diese Aktion darf dich nicht in Gefahr bringen»







Sam prallte hart gegen die Bürowand, als Shane ihn mit zu viel Schwung aus dem Wohnzimmer beförderte. Kaum war die Türe hinter ihm ins Schloss gefallen legte der ältere der Brüder erst richtig los.

«Das wagst du nicht, hast du mich verstanden?!» Spie er seinem kleineren Ebenbild entgegen.

«Und warum nicht? Ich weiss eine Lösung für eines der Probleme, such du eine für das zweite und lass mich in Ruhe telefonieren» entgegnete der jedoch verdächtig gelassen. Es schien als hätten sie während der letzten Minuten ihr Temperament ausgetauscht.

Das Smartphone flog in hohem Bogen davon, landete jedoch verhältnismässig leise einige Meter weiter auf dem dicken Teppich.

«Ich sagte, du sollst es lassen» das Funkeln in Shanes Augen hätte jeden vernünftigen Menschen dazu gebracht zu tun was er verlangte. Sam jedoch dachte nicht im Traum daran seinem Bruder diesmal schon wiedergewinnen zu lassen.

«Nenne mir einen Grund, der dir das recht gibt, mir diesbezüglich etwas vorzuschreiben» übertrieben lässig lehnte er sich an die Wand in seinem Rücken, verschränkte die Arme und fixierte Shane so kalt wie möglich.

«Einen Grund? Ich brauche keinen Grund, um dir zu verbieten Mom da noch weiter hinein zu ziehen. Verdammt noch mal, dass wir sie überhaupt einweihen mussten ist schon Risiko genug» der Versuch so leise wie möglich zu sein scheiterte kläglich. Keiner der Beiden war besonders geübt darin sich zu beherrschen.

«Ach, so ist das also. Dem feinen Herr Ganoven ist es zu Riskant unsere Mutter da mit hinein zu ziehen? Und was war damals, als du mit ihren Zugangsdaten, ich würde sagen Kiloweise, Medikamente aus dem Altersheim geklaut und selbst eingeworfen oder verkauft hast? Oder als sie für dich vor Gericht gelogen hat? Oder… oh das hätte ich beinahe vergessen als sie sich deinetwegen mit Jerome's Mutter geprügelt hat?»

Shane sah aus als würde er Sam spätestens beim nächsten Atemzug den Hals umdrehen. Der hielt es trotz des nicht unerheblichen Risikos nicht für nötig sich zurückzuhalten.

«Wenn Mom deine Scheisse ausbaden muss ist es in Ordnung, aber ich darf sie nicht ein Mal um etwas bitten? Du misst mit zweierlei Mass Shane und das weisst du! Mir wäre es auch lieber ich läge noch neben Elia in diesem Motelbett aber wahrscheinlich wir sie gerade erneut von diesem… diesem Arschloch» Krampfhaft versuchte er seine Tränen zurück zu halten «Geschlagen, Erpresst oder noch schlimmeres während wir hier unnötige Diskussionen führen. Ich ruf jetzt Zuhause an, du gehst da rein und tüftelst mit Abby und Tony einen Plan aus wie wir sie ohne Polizeiaufruhr hier herausschaffen. Und damit Basta!» er würdigte Shane keines Blickes mehr und ging zum Fenster um sein Handy aufzuheben. Es wurde Zeit, dass er sich nicht mehr von allen auf der Nase herumtanzen liess.





«Dafür schuldest du mir was, Kleiner. Nur dass das klar ist»

Tony hatte das unmögliche möglich gemacht, einfach nur weil er es konnte. Sam hatte selbst einige Worte mit ihm gewechselt und der Gangsterboss, oder was auch immer er war, hatte ihm versichert, dass Shane keinen Preis dafür zahlen musste. Hoffentlich konnte man dem Wort eines Typen vertrauen, der so ohne weiteres eine ganze Feuerwehrwache korrumpieren konnte.

Wenig später hatte Shane mit seinen Zigaretten den Feueralarm ausgelöst und die bestochene Feuerwehrtruppe war mit Sirenen und Blaulicht auf den Hof gebraust in der festen Absicht, dass bei den darauffolgenden Unruhen eine der Bewohnerinnen Spurlos verschwand.

«Gar nichts ist klar, aber das können wir ohne Zeugen klären sobald Fynn und ich wieder zuhause sind» erwiderte Sam stoisch, konnte es kaum erwarten, dass Shane ihn endlich am Flughafen absetzten würde. Am Nachmittag im Park, hatte er tatsächlich geglaubt in Shane wieder so etwas wie seinen Bruder zu erkennen, den grossen Bruder zu dem er immer aufgesehen hatte. So konnte man sich täuschen, Shane war noch immer derselbe arrogante Mistkerl wie die letzten Jahre.

«Ihr jungen Männer solltet auf eine alte Frau wie mich hören» warf Abby von der Rückbank ein «Hört auf euch zu streiten. Schneller als ihr euch vorstellen könnt, seid ihr ebenso faltig und grau wie ich und wisst nicht mehr, weshalb ihr euch vor Jahrzehnten überhaupt zerstritten habt».

Keiner der beiden erwiderte etwas auf ihren Ratschlag, doch sie stritten sich auch nicht weiter. Diese Diskussion zwischen ihnen hielt ohnehin schon viel zu lange an, um sich einfach so klären zu lassen.

In wenigen Minuten würden sie den Flughafen erreicht haben und Sam noch heute Abend nach New Orleans zurückgekehrt sein. Shane würde, mehrere Fahrzeugwechsel inklusive, mit der schwarzen Passagierin bis nach Greenbay fahren. Einmal über den verfluchten Kontinent. Sam wusste nicht was er sonst noch tun würde, sollte selbst all das nicht ausreichen um Elia da heraus zu holen.







Fynn war in der Abwesenheit seiner Brüder nicht untätig, obwohl das regnerische Wetter eher dazu einlud sich Zuhause mit einem guten Buch und einer Decke vor den Kamin zu setzten. Stundenlang sass oder stand er vor dem Hotel, um den blonden Politiker möglichst nicht zu verpassen und zu verhindern, dass dieser Elia fortschaffen könnte. Währenddessen hatte er, Shanes Anweisungen entsprechend, einen möglichst vernünftigen Fluchtplan ausgearbeitet. Der Mittlere der Bennet Brüder war zwar in Sachen krimineller Tätigkeiten nicht halb so bewandert wie der älteste, dafür zählten sich davonschleichen und Heimlichtuereien zu seinen Fachgebieten. Den Gedanken daran, weshalb er so gut darin war, sich unbemerkt aus dem Staub zu machen verdrängte er so schnell er gekommen war. Wenigstens einer von ihnen sollte einen klaren Kopf bewahren und das war zurzeit bestimmt nicht Sam. Die Hilfe von Shanes zwielichtigen Freunden war dabei natürlich ebenfalls eine grosse Hilfe gewesen.

Der stieg soeben auf der gegenüberliegenden Strassenseite aus einem Taxi, suchte mit seinem Blick die stehenden Autos ab bis er den rostigen Ford ausfindig machen konnte. Fynn startete den Motor und fädelte sich in den mässigen Nachmittagsverkehr ein, er würde am vereinbarten Ort auf den kleinen und das Mädchen warten. Die Details hatte er ihm vorab aufs Handy geschickt, blieb nur zu hoffen, dass alles reibungslos ablief.

Sam verschaffte sich währenddessen mit der gefälschten Generalkarte Zutritt zu den Personalräumen auf der Hinterseite des Hotels. Hastig zerrte er den Blaumann aus seinem Rucksack den Fynn organisiert hatte, knallte unsanft gegen die Spinde als er beim hektischen hineinschlüpfen über die eigenen Füsse stolperte. Den Werkzeuggurt schnallte er nur nachlässig um seine Hüften während er schon durch die nächste Tür ins Treppenhaus gelangte. Fünfter Stock, dann nach rechts. Bei dem ganzen Emotionalen Desaster vom letzten Mal hätte er beinahe nicht mehr genau zu sagen vermocht wo sich ihr Zimmer befand. Sein Herz blieb beinahe stehen als ihm in der dritten Etage zwei Zimmermädchen entgegenkamen, die beachteten ihn jedoch kaum, waren zu sehr damit beschäftigt sich über eine unbeliebte Kollegin aus zu lassen. Nicht, dass Sam davon etwas mitbekommen hätte da er schwer damit beschäftig war in dem Versuch unschuldig aus zu sehen.

Im richtigen Flur angekommen sah er sich hektisch nach links und rechts um, rannte über den Flur und entsperrte die Zimmertüre mit der Generalkarte. Im Inneren erwartete ihn dieselbe abgestandene Luft wie beim letzten Mal, wirke diesmal noch erdrückender, weil er wusste was hier passiert war. Er trat an das Bett heran, ohne das Elia ihn bemerkt hätte. Auch nach mehrmaligem ansprechen und rütteln an ihrer Schulter wachte sie einfach nicht auf. Panik begann sich in seinen Adern aus zu breiten, liess seinen Atem noch hektischer werden als ohnehin schon. Nein. Nein, er durfte einfach nicht zu spät sein. Es konnte nicht… ein leises Schnarchen liess seine Wahnvorstellungen in sich zusammenbrechen wie ein Kartenhaus. Elia liess sich zwar noch immer nicht wecken, ihr Atem und ihr Puls waren dafür einigermassen regelmässig, wenn auch flach. Er stopfte die wenigen Habseligkeiten die er sehen konnte in den leeren Rucksack, die Schuhe fanden zuoberst Platz. Gerade als er das Laken fester um ihren Körper schlang um sie dann hoch zu heben erklang das klicken des Türschlosses. Er erstarrte mitten in der Bewegung, liess den schlaffen Körper dann wieder auf das Bett gleiten und presste sich mit dem Rücken gegen die Wand neben der Türe. Was sollte er jetzt bloss tun? Er gab keinen anderen Weg aus dem Zimmer und wenn George Alarm schlagen könnte wäre alles umsonst gewesen.

Entschlossen griff er nach der unterarmlangen Metallfigur die den Nachttisch zierte, erzitterte vor der eigenen Courage. Wenn er das tun würde, wäre er endgültig willkommen in Shanes Kreisen. Ein gewalttätiger Schläger, vielleicht sogar ein Mörder, so etwas konnte schliesslich gewaltig daneben gehen. Lange Zeit um darüber nach zu denken hatte er nicht denn die Schritte kamen näher. Glücklicherweise waren die Luxuriösen Zimmer ebenso unverschämt gross wie die Preise vermuten liessen. Die Schlafzimmertüre schwang auf, gewährte ihm nur einen kurzen Blick auf hellblondes Haar bevor er blindlings zuschlug. Die Haut an Georges Stirn platzte augenblicklich auf, das Blut malte ein bizarres Muster an die verspiegelte Wand hinter ihm doch er ging nicht zu Boden. Starrte seinen Angreifer nur an, unverhohlene Wut in den Augen. Sam starrte zurück, einerseits zu Tode erschrocken über sein Handeln anderseits fest entschlossen erneut zu zuschlagen sollte es nötig werden. George machte einen Schritt auf ihn zu, Sam riss den Arm hoch um das unfassbare zu wiederholen da geriet sein Gegner ins taumeln und knallte das Gesicht voran auf dem Marmorboden auf. Die Kriminelle Ader schien wohl doch in der Familie zu liegen, denn anstatt die Figur angeekelt weg zu werfen und panisch die Fluch zu ergreifen hastete er ins Badezimmer, wickelte sie in ein Handtuch bevor er sie ebenfalls in den Rucksack quetschte. Dann jedoch gab es nur noch einen Gedanken, raus hier!







Keine zehn Minuten später erschien Sams Kopf auf der schmalen Treppe die von der Angestellten Tiefgarage auf die Strasse hinter dem Hotel führte. In seinen Armen hing Elia und er hatte sichtlich Mühe, dass ihm die offensichtlich bewusstlose junge Frau nicht aus den Händen glitt. Obwohl anders vereinbart stieg Fynn aus und öffnete die Türe hinter dem Fahrersitz damit Sam seine wertvolle Fracht ablegen konnte. Fynn hatte schon immer ein sehr feines Gemüt und der Zustand in dem sich Elia befand liess ihm augenblicklich die Galle hochkommen. Jede freie Stelle Haut die er erblickte war mit Hämatomen in verschiedenen Farbstadien übersäht, die Haare offensichtlich mit Blut verklebt. Schnell wandte er sich ab und setzte sich mit zittrigen Knien zurück auf den Fahrersitz, versuchte seinen rebellierenden Magen mit tiefen Atemzügen zu beruhigen.

«Fynn worauf wartest du, gibt Gas!»

«Was?»

«Wir müssen hier weg, Elia muss in ein Krankenhaus. Jetzt!»

Ohne etwas zu erwidern besann Fynn sich auf seine Aufgabe bei diesem Teil ihrer Flucht und setzte den Wagen in Bewegung.

Einige Zeit später, als sie immer noch im Stadtverkehr feststeckten, schreckte Elia aus ihrer Bewusstlosigkeit, sah sich hektisch um versuchte zu begreifen, wo sie war.

«Sam, was…» Ihre Stimme klang noch immer so lädiert wie vor zwei Tagen, mehr ein heiseres Krächzen als den Klang den er gewöhnt war. Die Angst war trotzdem nicht zu überhören, kein wunder so wie er sich vor ihrem letzten Abschied benommen hatte.

«Elia, es ist alles gut. Abby ist in Sicherheit und du auch, wir bringen dich in ein Krankenhaus»

«Nein… nein, nein, nein, nein, nein kein Krankenhaus» presste sie panisch hervor, gefolgt von einem Hustenanfall der Sam noch mehr verängstigte.

«Sieh dich an Elia, du musst zu einem Arzt»

«Nein! Sobald ich meinen Namen irgendwo nenne, und das muss ich im Krankenhaus wegen der Versicherung, steht George auf der Matte. Darauf kannst du Gift nehmen» Sie presst eine Hand auf die Brust, versuchte irgendwie genügen Luft zu bekommen.

«Aber…» Sam sah Hilflos zu seinem Bruder der jedoch lediglich mit den Schultern zuckte.

«Er hat mich nicht so übel erwischt, dass ich sterbe. Bringt mich einfach hier weg»

«Okay…» Sam betrachtete sie zweifelnd, doch er wusste, dass sie recht hatte. George würde sie finden, selbst wenn er für einige weitere Stunden bewusstlos sein sollte. Er war sich zumindest ziemlich sicher ihn nicht getötet zu haben.

«Fynn du hast es gehört. Auf direktem Weg nach Hause»

«Zu Befehl, kleiner Bruder» auch wenn er einen scherzhaften Ton anschlug, sah er wie übel die kleine zugerichtet war und wie sehr ihr Anblick Sam verstörte. Sein eigener Magen revoltierte schliesslich auch obwohl er sie nicht kannte.

«Sammy-Lee gib ihr wenigstens die Aspirin und was zu trinken»

«Was?»

«Aspirin, Wasser» wiederholte er nachdrücklich.

Wortlos begann Sam in seinem Rucksack herum zu kramen und hielt ihr die Tabletten sowie die Flasche entgegen.  Beim Versuch sie zu öffnen glitten ihre Finger kraftlos vom Deckel ab und so sehr wie ihre Finger zitterten würde sie wohl auch die Aspirin nicht aus der Verpackung bekommen.

«Wie dumm von mir, entschuldige» damit nahm er ihr beides wieder ab, öffnete die Flasche und drückte eine Tablette aus dem Blister. Versuchte zu ignorieren dass sie vor seinen Händen zurückzuckte. Sie spülte sie hinunter, trank die Wasserflasche gierig aus.

«Hast du nichts stärkeres?» dabei wies sie auf das Getränk.

Fynn sah im Rückspiegel wie sein Bruder bedauernd den Kopf schüttelte und ein gemurmelter Spanischer Fluch von Elias Seite kam.

«Sam, im Handschuhfach hat es eine Flasche Scotch, aber ich komme da nicht ran, wenn ich fahre»

Er lehnte sich zwischen den beiden Sitzen nach vorne und streckte sich, bis er die fast volle Schnapsflasche aus dem Fach holen konnte.

«Wenn Dad wüsste, dass du in seinem Auto Schnaps bunkerst…»

«Ich glaube er ist zurzeit unser kleinstes Problem» aber er musste schmunzeln. Ihr Vater hätte ihnen die Ohren langgezogen, wenn er es denn noch könnte.

Elia trank das Hochprozentige ebenso gierig wie zuvor das Wasser, bis Sam ihr die Flasche regelrecht aus den Händen riss.

«Das reicht!»

«Sag mal spinnst du! Gib sie wieder her…» protestierte sie lautstark und hängte noch ein paar wüste Beschimpfungen an als Sam sich lediglich von ihr Weg drehte und zum Fenster hinaus sah. Die Schimpftirade endete in einem weiteren Hustenanfall von dem sie sich erst erholte als sie die Stadt hinter sich liessen.





Es war schon lange Dunkel als Fynn gähnte und Sam darum bat das Steuer zu übernehmen. Er fuhr rechts ran und sie tauschten die Plätze, Elia schlief schon seit Stunden. Ab und an schreckte sie auf, bekam ein paar weitere schlucke Scotch, einzig um kurz darauf in die tiefe Dunkelheit zurück zu gleiten. Sie fuhren weiterhin schweigend in Richtung Norden, wenigstens hatte es endlich aufgehört zu schneien. Was wäre denn auch ein passenden Gesprächsthema für solch eine Situation? Da konnte wahrscheinlich nicht einmal ein Herr Knigge persönlich weiterhelfen. Das Radio hatten sie schon vor einer Weile ausgemacht, weil der übermotivierte Nachtmoderater krampfhaft versuchte gute Stimmung zu verbreiten, während die fröhliche Musik ihre Situation zu verhöhnen schien.

Kurz vor Milwaukee wurde Elia unruhig, wand sich auf ihrem Sitzt und murmelte immer wieder

«Lass mich los, das wirst du büssen…» oder «Nein… Komm mir nicht zu nahe…» in einem Ton aus dem die Verzweiflung beinahe greifbar schien.

«Sam… wo bist du?» «Ich flehe dich an… finde mich…»

Fynn sass wie erstarrt auf der Rückbank bis Sam ihn anschnauzte.

«Jetzt schnall dich schon ab und nimm sie in den Arm. Sie ist zu betrunken um zu merken, dass nicht ich es bin»

Mehr als zögerlich schnallte der ältere sich ab und rutschte näher an die schlafende heran, zog sie unbeholfen an seine Brust. Ihre Hände suchten Tastend nach etwas an dem sie sich festhalten konnte bis er seine Finger um die ihren schloss.

«Shht… Ich bin da, beruhige dich» Murmelte er beruhigend in ihr Haar.

Die Situation war ihm mehr als unangenehm, so viel nähe und Emotion. Er würde die nächsten Nächte kein Auge mehr zu tun. Elia dagegen presste sich im Schlaf so fest wie möglich gegen den warmen Körper neben sich der ihr Sicherheit versprach. Nach einem gemurmelten «Sam… ich liebe dich» beruhigte sie sich endlich und erschlaffte in Fynns Armen.



«Kleiner… Ich weiss ja nicht was du mit ihr gemacht hast, dass sie dir derart verfallen ist aber nach den Aktionen der letzten Tage… Dad wäre mächtig Stolz auf dich»

Sam wusste nicht was er darauf Antworten sollte. Ihr Vater war schon so lange tot und im Gegensatz zu seinen Brüdern konnte er sich viel weniger an Ihn erinnern. Ohnehin bezweifelte er, dass sein Dad es gutgeheissen hätte einen wildfremden mit fragwürdiger Kunst bewusstlos zu schlagen und danach einfach liegen zu lassen.

«Wie lange fahren wir noch?» wollte Fynn einige Zeit später wissen.

«Etwa vier Stunden. Denkst du Tessa ist schon da?»

«Ich hoffe es»

Kurz nach der Abfahrt in New Orleans hatte er ihr Bescheid gegeben. So wie es sich anhörte liess sie alles stehen und liegen um sofort in ihr Auto zu springen.

Vorsichtshalber hatte er sie gebeten niemanden zu informieren und ihr Handy zurück zu lassen. Er wusste nicht welche Möglichkeiten George zur Verfügung standen um Elia zu finden aber je weniger Risiko desto besser.



Beide Brüder konnten kaum mehr ihre Augen offenhalten als Sam endlich in den zugeschneiten Schotterweg einbog der zu ihrer Farm führte. Wäre Sam nach den unzähligen Monaten unter anderen Umständen hierher zurückgekehrt, hätte er vor lauter Nervosität wahrscheinlich sofort das Weite gesucht kaum, dass das alte Haus in Sicht kam. Doch anstelle dem Fluchtinstinkt nach zu geben drückte er das Gaspedal so weit durch, wie es die schlecht befestigte Strasse zuliess. Es war an der Zeit die alten Geschichten hinter sich zu lassen.

Schon bevor Sam überhaupt die Chance hatte den Wagen zum Stehen zu bringen stürmte Tessa, gefolgt von Shane und Helena aus dem Haus. Unter der Anleitung einer laut fluchenden Tessa brachten die älteren Brüder Elia ins Haus, die bewusstlos in ihren Armen hing. Während sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf die junge Frau richtete, die für so viel Wirbel gesorgt hatte schloss Helena ihren jüngsten Sohn in ihre Arme, strich ihm beruhigend über sein Haar.

«Ciao Sammy, das Mädchen ist ja furchtbar zugerichtet. Dir ist aber nichts passiert, mein kleiner?»

Die Tränen liefen unaufhaltsam über seine Wangen, während die Schluchzer seinen Körper erzittern liessen,

«Mamma, es war so furchtbar. Allein wenn ich daran denke was er ihr alles angetan hat… würde ich….» Hilflos ballte er seine Hände zu Fäusten, versuchte den Tränenstrom zu unterbrechen.  Es gelang ihm nicht, schon gar nicht, wenn er daran dachte seiner Mutter von seinen Moralischen Absturz zu berichten.

«Conosco, mia cara*, aber nun geht es um Melissa. Alles andere kann warten»

«Si Mamma, per favore, vai da lei»*

Sie küsste ihn auf die Stirn wie sie es früher immer getan hatte und folgte den anderen um sich um Elias Verletzungen zu kümmern.

Sam liess sich mit zittrigen Knien auf die Stufen der Veranda fallen, lehnte seinen Kopf an den Pfosten des Treppengeländers dessen Farbe noch genauso rissig war wie vor vier Jahren, als er zuletzt hier war. So viel Leben wie heute, gab es seit langer Zeit nicht mehr in diesem Haus und fast glaubte er sein Dad würde jeden Moment aus der Scheune kommen und ihm im Vorbeigehen über den Kopf streichen. Wie in längst vergangenen Tagen und über die Gedanken an die Vergangenheit schlief er ein wo er war. Zuhause.



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*Ja ich weiss mein Liebling

*Ja Mama, bitte geh zu ihr
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Hoffentlich folgen bald wieder öfter Updates, denn meine Muse ist zurückgekehrt.
Wie immer freue ich mich über Konstruktive Reviews:)
Liebe Grüsse
C.
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