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Nightblue - finde mich

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
09.04.2020
22.07.2021
12
36.062
3
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12 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
15.11.2020 2.365
 
Hallo liebe Leser*innen

Willkommen bei meiner ersten hier veröffentlichten Geschichte, sie begleitet mich schon seit gut zwei Jahren und ist jetzt so weit endlich gelesen zu werden. Für konstruktive Kritik habe ich stets ein Offenes Ohr und freue mich daher über jegliche Art der Rückmeldung.

Aus anscheinend gegebenem Grund verweise ich hier darauf dass das Copyright und alle Rechte ©2020 bei Carina de Alvaro liegen.
Jegliches Kopieren oder anderweitige Verwendungen sind nur mit Schriftlicher Genehmigung meinerseits gestattet.

Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Damit viel vergnügen mit dem Prolog von

Nightblue - finde mich


Tommy’s nachtblaue Augen starrten ihr aus dem gewaltigen Spiegel entgegen und zum ersten Mal seit Jahren fühlte es sich an, als ob er direkt neben ihr stünde. Um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, senkte sie rasch die Lieder. Das Bild in ihrem Inneren liess sich nicht so leicht aussperrenwie das grelle Licht des Badezimmers. Ihre Erinnerung wollte ihr glauben machen, dass er bei ihr war, tröstend einen Arm um ihre Schulter legte und einen Kuss auf die Schläfe hauchte. «Warum genau jetzt, Tommy? Warum spukst du ausgerechnet heute in meinem Kopf herum?» Wie immer verhallten die geflüsterten Worte ohne eine Antwort und als sie die Augen aufschlug, war sie allein im Badezimmer. Einige wenige Tränen bahnten sich nun doch einen Weg über die sorgfältig geschminkten Wangen. «Scheisse!» Der dunkelrote Parfümflakon der ihr am nächsten stand zerschellte Sekunden später an der steinernen Wand. «PUTA MIERDA!» Der Marmor liess ihre Worte höhnisch abprallen, warf sie ihr fast wie ein Echo erneut entgegen.
«Miss?» ein leises, beinahe schüchternes Klopfen folgte.
Amelia reagierte nicht, krallte sich mit aller Kraft an den Rand des Waschbeckens.
Atme. Ein und wieder aus.Das sollte kein Problem sein. Ein und wieder aus.
Nach einigen tiefen Atemzügen beruhigte sich ihr Herzschlag etwas und sie schreckte hoch,als diesmal ein lauteres Pochen von der Türe kam.
«Miss, ist bei Ihnen alles in Ordnung?» Die Silhouette von Annie erschien im Türrahmem. Dem Gesicht des Dienstmädchens war anzusehen, dass ihr die Situation nicht geheuer war.
Ruckartig senkte Amelia den Kopf, um die Jüngere die verräterischen Tränenspuren nicht sehen zu lassen.
«Ja, nur ein kleines Missgeschick. Es tut mir leid.» Am liebsten hätte sie geschrien, sie solle sie in Ruhe lassen und dem ersten Glasfläschchen gleich das zweite folgen lassen, doch es stand zu viel auf dem Spiel, um sich erneut einen solchen Fauxpas zu erlauben.
«Das muss es nicht, Miss. Ich werde das beseitigen, sobald ich ihnen beim Ankleiden geholfen habe. Sind sie bereit?» Das schmale Lächeln, das über ihre Lippen huschte,sollte wohl aufmunternd wirken.
Bin ich bereit? War ich das jemals, geschweige denn, hat es bisher jemals jemanden interessiert? Nein, zu beiden Fragen.
Doch Amelia kannte ihre Pflichten, solange sie in ihrem Eltern hausverweilte und so gab sie die einzig richtige Antwort.
«Natürlich, ich bin gleich bei dir Annie. Warte bitte draussen.»
«Wie sie wünschen, Miss» Das Dienstmädchen lehnte die Türe lediglich an, natürlich nicht, ohne vorher einen höflichen Knicks zu machen.
Amelia brauchte eine Weile, um die verkrampften Finger vom Waschbeckenrand zu lösen. Erst dann hob sie den Blick, bevor sie hastig ein paar Taschentücher aus der mit aufwendigen Schnitzereien verzierten Holzbox zerrte.
Es wäre wohl zu ordinär, die Dinger in der Kartonschachtel dorthin zu stellen, in denen sie auch verkauft wurden, oder? Aber reg dich nicht wieder über Nichtigkeiten auf, du brauchst deine Nerven heute noch.
Ermahnte sie sich, während sie versuchte, die Tränenspuren zu beseitigen.
Aubrey würde sie lynchen, wenn sie ihr Kunstwerk von Makeup wegen nichtiger Sentimentalitäten ruinierte. So wie immer hatte sie sich kaum wiedererkannt, als ihr die Visagistin ihrer Mutter mit einem süffisanten «Voilà» den Handspiegel überreichte. Von der Stirn bis zum Dekolleté war keine einzige Pore mehrauszumachen, dafür stachen die mit Rouge betonten Wangen unangenehm ins Auge. Wenigstens ihre nachtblauen Augen kamen durch den silbernen Liedschatten gut zur Geltung. Miteinem letzten tiefen Seufzer entliess sie alle Luft aus ihrem Körper, bevor sie das Lächeln aufsetzte, das alle erwarteten und zu Annie hinaustrat.
Sie sprachen nicht weiter miteinander während Amelia fachmännisch in den dunkelgrünen Samt gehüllt wurde. Jede Märchenprinzessin wäre beim Anblick des pompösen Kleides vor Neid erblasst, während Amelia sich schon jetzt danach sehnte,den schweren Stoff wieder ausziehen zu dürfen. Das Oberteil war so enganliegend, dass es ihr das Atmen schwer machte und dazu auch hochgeschlossen. Es schickte sich nicht,an Weihnachten zu viel Haut zu zeigen. Der Rock selbst war nicht allzuweit ausgestellt, hatte dafür eine kleine Schleppe und war in feinen Mustern mit silbernen Perlen und Pailletten bestickt.  Schon bevor sie die ebenfalls silbernen Schuhe anzog war ihr bereits zu warm, doch es hätte kein Argument gegeben,das ihre Mutter erweicht hätte,ein anderes Kleid auszusuchen. Wenigstens war der Absatz der Schuhe kaum der Rede wert. Natürlich nur, weil sie sonst grösser gewesen wäre als ihr Begleiter, nicht etwa aus Mitgefühl ihren Füssen gegenüber. Annie legte ihr zum Schluss das smaragdbestückte Silbercollier um, bevor sie sich mit einem erneuten Knicks wortlos verabschiedete.  Das Bankett würde bald beginnen und es gab wie immer noch alle Hände voll zu tun, die zusätzliche Arbeit wegen des Wutausbruchs im Bad nicht mitgerechnet. Amelias Finger strichen über das kühle Metall, erinnerte sich an den Moment als ihre Granny es ihr das erste mal umlegte, zu einer Zeit in der die Liebe einer Grossmutter noch jedes Problem hatte lösen können.
Der Weihnachtsball auf dem Anwesen ihrer Eltern war eine Konstante im Kalender der kalifornischen Upperclass und jeder, der etwas von sich hielt, gierte geradezu nach einer Einladung. Mehrere Wochen verwendete ihre Mutter allein darauf, die Gästeliste zu erstellen und wäre es ihr möglich gewesen, hätte Amelia gerne auf ihre Karte verzichtet. Doch, welch ein Wunder, es war natürlich undenkbar, dass das einzige Kind der Gastgeber mit Abwesenheit glänzte.

Gemässigten Schrittes betrat sie das kleinste der drei Esszimmer, es war nämlich auch nicht ladylike wenn man sich beeilte, da kam man lieber zu spät.
«Du siehst zauberhaft aus, Kind» und auch wenn man es bei solchen Worten erwarten konnte, lag weder Wärme noch Ehrlichkeit in der Stimme ihrer Mutter. Sie war höchstens zufrieden, dass sich ihre sonst oftmals widerborstige Tochter wenigstens heute nahtlos in das perfekte Friede-Freude-Eierkuchen Weihnachtsambiente einfügte. Mit Hilfe des Butlers in weihnachtlich roter Livree, setze sie sich gegenüber ihrer Mutter an den Tisch.
«Danke, Mama. Du hast dich mit dem Kleid selbst übertroffen» und auch wenn Amelias Stimme die erwartete Liebenswürdigkeit vorgaukelte, war allen Anwesenden klar, dass das kein Kompliment sein sollte. Wie zu erwarten ergriff darauf gleich ihr Vater das Wort.
«Junges Fräulein, ich hoffe für dich, dass du dich wenigstens an Weihnachten zu benehmen weisst! Jeder mit Rang und Namen wird heute in dieses Haus kommen, sogar der Vizepräsident hat sich angekündigt, also lass deine Spielchen und verhalte dich wie es sich für eine Dame aus unseren Kreisen gehört» Sein Ton war ernst und schneidend, duldete keinen Widerspruch und wie immer schwang die altbekannte Drohung mit, ohne dass er sie erneut aussprechen musste.
Amelia senkte den Blick ergeben auf die strahlend weisse Tischdecke und schluckte hart. Sie würde alles tun, um ihre Granny zu schützen.
«Ja, Vater»
Ohne sie weiter zu beachten gab er dem diskret an der Seite stehenden Butler das Zeichen, das Essenaufzutragen.
In unangenehmem Schweigen nahmen sie die Suppe zu sich und auch wenn Amelia sich sicher war, dass Ezra in der Küche eine geschmackliche Meisterleistung gezaubert hatte, schmeckte die orangene Flüssigkeit für sie mehr als fade.
«Janis?», sprach sie den aufmerksamen Butler an,«Für mich bitte nichts mehr, ich bin satt»
Das war eine glatte Lüge,denn selbst wenn das enge Kleid zugelassen hätte, dass sie den Hauptgang und das Dessert ebenfalls zu sich nahm, ihre Nervosität und die daher rührende Übelkeit machten ihr einen Strich durch die Rechnung.
«Vater, darf ich den Tisch verlassen? Ich würde gern in den Garten bevor wir die Gäste empfangen.»
Einzig eine kleine Handgeste signalisierte ihr,dass er sie gehört hatte und die Bitte gewährt wurde.
Janis war sofort zur Stelle, um sie vom Tisch bis zur geöffneten Terrassentüre zu geleiten. Siebedankte sich lediglich mit einem leichten Lächeln, alles andere hätte die direkte Missbiligung ihres Vaters nach sich gezogen. Der Butler, der schon seit drei Jahrzehnten in den Diensten der Cunninghams stand, war eben nur ein Bediensteter, kein Mensch mit Würde. Oder Gefühlen.

Eine sanfte Brise machte die brütende Hitze im Garten etwas erträglicher, auch wenn sie gegen das beengende Gefühl des Kleides nur wenig auszurichten vermochte. Die Zypressen und Pinien waren mit unzähligen Lichterketten und Kugeln geschmückt worden, jede davon bis ins kleinste Detail passend zum Rest der Dekoration. Amelias Kleid inklusive. Dieses Jahr war die Farbwahl ihrer Mutter auf grün, silber und weiss gefallen, durchbrochen von feinen kupferfarbenen Akzenten. Die meisten würden es als den perfekten Weihnachtstraum beschreiben, aber alles was Weihnachten ausmachen sollte,fehlte. Zusammen sein mit den Menschen die man liebte, Ausgelassenheit, Freude. Es hatte kein glückliches Fest der Liebe mehr für Amelia gegeben seit dem Wegzug aus Texas vor über zehn Jahren. Gemächlich schritt sie zu dem höchsten der Nadelbäume, setzte sich auf die Bank direkt darunter, atmete tief ein und aus. Der Schrecken der Erinnerungen aus dem Badezimmer von vorhin sass ihr noch immer im Nacken; es war nie ein gutes Zeichen,wenn Tommy sich in ihre Gedanken stahl.
Wovor willst du mich diesmal warnen?Du könntest dich gerne einmal genauer ausdrücken als wortlos zu erscheinen und wieder zu verschwinden.
Und auch wenn ihr Gefühl ihr dazu riet,so schnell und weit wie möglichdavonzulaufen,blieb sie wie erstarrt auf der Bank sitzen, bis Annie ihr mitteilte,dass die ersten Gästevorfuhren. Sie würde das Schauspiel für einen weiteren Abend aufrechterhalten, was waren schon ein paar Stunden im Tausch gegen ein Leben?

«Ach Kindchen, Sie sehen bezaubernd aus!»
Bevor Amelia sich bedanken und das Kompliment erwidern konnte,zog Miss Schuhmaker sie in eine leichte Umarmung. Das schwere und zugleich ätzend süsse Parfum der älteren Dame raubte ihr fast den Atem, während sie weiterhin versuchte,überzeugend zu lächeln.
«Sie sind zu gütig Miss Schumaker, sie wissen doch,dass meine Mutter kein Detail ungeachtet lässt,wenn es um das Fest der Liebe geht. Ihr Kleid ist von Gaultier? Ich habe es erst vor einigen Tagen in der Boutique bewundert. Es ist bestimmt ein Einzelstück, nicht wahr?»
Ein stolzes Lächeln zierte das faltige Gesicht, liess den Ausdruck darin weniger überheblich wirken. «Natürlich. Ich habe ihnen gestattet,es für einige Tage zu Werbezwecken auszustellen. Wie würde das denn aussehen, wenn hier plötzlich jemand anderes mit demselben Kleid stehen würde. Das wäre ein Desaster,das ihrer Mutter bestimmt nicht recht wäre.»
Amelia musste sich ein Grinsen verkneifen als sie sich vorstellte, wie deren Gesicht bei solch einer Schlagzeile in der morgigen Zeitung wohl aussehen würde. Doch anstatt sich weiter an ihrer Schadenfreude zu ergötzen,wandte sie sich schnell wieder an Miss Schumaker.
«Gott bewahre, welch ein Fiasko das wäre. Sie haben Gaultier bereits persönlich getroffen?»
Es interessierte sie nicht die Bohne, dass ihr Gegenüber vor gut vierzig Jahren den noch jungen Monsieur Gaultier persönlich in Frankreich getroffen hatte. Vor allem nicht da Miss Schumaker ihr diese Geschichte jedes Mal erzählte, wenn sie ein neues Kleid der Design-Ikone ergattern konnte. Sie unterhielt sich lediglich meist länger mit der älteren Dame, weil es nicht schwer war,ihr Interesse vorzuheucheln;Sie hörte sich selbst viel zu gerne reden.
Miss Schumaker war gerade dabei, ihr das Paris der achtziger Jahre ausschweifend zu schildern,als jemand klangvoll mit Besteck gegen eines der Kristallgläser schlug. Als wäre gerade eine königliche Fanfare erklungen, verstummten alle Gespräche Augenblicklich. Selbst die Stimme von Miss Schumacker.

«Meine sehr verehrten Gäste, bevor wir uns den erlesenen Köstlichkeiten des Buffets zuwenden können, möchte ich mir erlauben, einige Worte an sie zu richten. Als erstes möchte ich meiner wunderbaren Frau,Anne-Sophie,dafür danken, dass sie, auch dieses Jahr, wieder dafür gesorgt hat, dass unser Heim für dieses Fest so wunderbar hergerichtet wurde.»
Und wie jedes Jahr streckte er seine linke Hand aus, woraufhin meine Mutter die drei Treppenstufen zu ihm hinaufschritt, begleitet von leisem Klatschen.
«Es war ein gutes Jahr für uns alle, und darauf möchte ich mit Ihnen anstossen. Aber bevor wir alle unsere Gläser erheben,möchte ich meine bezaubernde Tochter Amelia bitten,ebenfalls zu uns zukommen».
Amelia entschuldigte sich bei ihrer Gesprächspartnerin und ging gemässigten Schrittes zu ihren Eltern, stellte sich eine Stufe unter ihnen hin und lächelte. Die Kameras der wenigen ausgesuchten Pressevertreterbegannen zu klicken und das Blitzlicht blendete sie unangenehm.
«Wie sie alle wissen, bin ich ein Freund von Traditionen. Das Andenken unserer Ahnen zu ehren ist eine der wichtigsten Aufgaben, die uns übertragen wurde,aber jede Tradition wurde zu einem Zeitpunkt zum ersten Mal ausgeführt und so geschieht es auch heute. Mit Freude übergebe ich daher das Wort meinem Schützling und guten Freund Mr. Armstrong. George,komm nach vorne!»

Amelia lief ein kalter Schauer über den Rücken,als ihr Vater sie davon abhielt,mit ihm und ihrer Mutter zu den anderen Gästen zu gehen. Mit leisen, aber harschen Worten hiess er sie,unten an der Treppe stehenzubleiben. Alleine. Zumindest so lange,bis George zu ihr trat und einen kurzen Kuss auf ihre Wange hauchte. Jetzt gerade war sie froh über die Unmengen von Makeup, da sie verhinderten,dass jemand sah, wie ihr gerade jegliches Blut aus dem Gesicht wich.

Nein, Gott, bitte nicht!

George strich sich einmal über sein perfekt frisiertes, hellblondes Haar. Eine Angewohnheit, die er immer an den Tag legte vor einer wichtigen Rede.
«Ladies und Gentlemen, es ist mir, so wie ihnen allen auch, eine grosse Ehre,dieses Fest insolch illustrer Gesellschaft verbringen zu dürfen. Maxwell, Anne-Sophie,meinen herzlichen Dank, dass ihr uns alle als eure Gäste empfangt und mir die Ehre erweist, hier vor Ihnen allen stehen zu dürfen. Ebenso wie mein Freund und Mentor bin auch ich ein grosser Verfechter von Traditionen und daher hatte ich vor einigen Wochen eine ernste Unterhaltung mit Maxwell. Zu meinem grossen Glück hat er meinem Vorhaben zugestimmt und daher»,er wandte sich zu Amelia um und fiel auf ein Knie, «möchte ich um deine Hand anhalten. Amelia Melissa Cunningham,würdest du mir die Ehre erweisen und meine Frau werden?»
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