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Lieben heißt...

OneshotFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
08.04.2020
08.04.2020
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Eine Kleinigkeit inspiriert von "Der perfekte Mann". Viel Spaß!

Disclaimer: Tonio und Julia gehören mir nicht.

Lieben heißt...

"Lieben heißt, man will, dass es dem anderen gut geht."

Tonios Worte zu Joachim Stegmeyer spuken die ganze Zeit in meinem Kopf herum, obwohl ich mich eigentlich auf das Gespräch mit meiner Klientin Hanna Stegmeyer vorbereiten muss. Vermutlich habe ich es nicht hören sollen, doch ich habe jedes Wort vernommen. Tonio findet immer die richtigen Worte. Das liebe ich an ihm und habe gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, denn ich bin mit Felix zusammen, aber er ist nicht Tonio. Der reißt mich aus meinen Gedanken.

"Ich ruf mal bei den Benedektinerinnen an, vielleicht bringe ich sie da unter." Ich schaue ihn an. "Ist halt ruhiger als im Frauenhaus", ergänzt er, während er sich auf die Straße konzentriert. "Und da gibt's einen Garten." Ich wende mich wieder nach vorn.
"Ja, einen großen", antworte ich und denke an die wunderschönen Blumen, Kräuter und Gemüsesorten, dort wird Frau Stegmeyer sich wohlfühlen. Für einen Moment fahren wir weiter, bis Tonio an einer roten Ampel halten muss. "Ist nicht alles schlecht in der Kirche", sagt er dann und schaut weiter auf die Straße, während ich mich wieder zu ihm drehe.
"Ich weiß, sonst wären wir nicht hier." Meine Antwort meine ich genau so. Wir sind ein gutes Team. Daraufhin wendet Tonio den Kopf zu mir. Für einen Moment zu lang schauen wir uns an, aber beide sagen wir kein Wort mehr.

Schweigend setzen wir den Weg zum Krankenhaus fort. Die ganze Zeit gehen mir Tonios Worte nicht aus dem Kopf. Obwohl ich weiß, was er in dem Moment meint, frage ich mich aber auch, ob sie noch eine weitere Bedeutung haben. Tonios Verhalten hat sich verändert, seitdem er Felix und mich gesehen hat. Mir ist klar, dass er mir aus dem Weg gehen muss. Insgeheim hat er mir schon so oft zu verstehen gegeben, was in ihm vorgeht, wenn er es auch nicht offen ausspricht.

Ich weiß, dass Tonio nicht sein Leben leben kann wie ich, aber ich frage mich, wie er es leben würde, wenn er nicht durch die Kirche gefesselt wäre. Sicherlich ist das Priesteramt seine Berufung, aber ihn kann ich mir auch in so vielen anderen Berufen vorstellen, es müssen nur Menschen eine große Rolle spielen. Im Moment kommt er mir sehr abgeklärt vor, nicht so durcheinander wie noch Tage zuvor. Für ihn hoffe ich, dass sich alles zum Guten wendet, dass er sich seiner sicher ist.

Ich selber bin mir nicht sicher. Felix hat es insgeheim auf den Punkt gebracht, als er mich mit Tonios Blicken und unserem Verhalten aufgezogen hat. Wir sind wie ein altes Ehepaar. Ich kenne niemanden so gut wie ihn, kann seine Stimmungen deuten, auch wenn ich mir manchmal wünsche, nicht zu wissen, was in ihm vorgeht. Ich vermute, dass Tonio sich mit dem Satz, dass nicht alles in der Kirche schlecht ist, nur selbst bestätigen will, aber das spreche ich wie so viele andere Dinge, die mir durch den Kopf gehen, nicht an. Mir steht es nicht zu, mich in sein Leben einzumischen.

Das Krankenhaus kommt näher. So sehr ich das Schweigen mit Tonio sowie die Zeit zum Nachdenken genieße, so wird sie gleich enden. Es ist so vertraut, wie wir im Auto sitzen. Wir müssen die Stille nicht mit belanglosen Wörtern füllen. So ist es, wenn man angekommen ist, aber bei Tonio kann ich nicht Zuhause sein. Von diesem Gefühl bin ich mit Felix noch weit entfernt, aber ich kenne ihn auch nicht ansatzweise so gut und lange wie Tonio. Warum ich im Auto gesagt habe, dass ich ihn liebe, kann ich mir nicht erklären. Denn das Gefühl, das ich mit dem Wort verbinde, habe ich bislang nur bei einem Mann gespürt, mit dem ich seit Jahren eine einzigartige und besondere Verbindung habe.

Wieder werde ich jäh aus meinen Gedanken gerissen, als Tonio am Krankenhaus hält. Ich will noch nicht aussteigen, will dieses Gefühl der Verbundenheit, das ich gerade spüre, nicht aufgeben. Wir betrachten den unspektakulären Parkplatz durch die Frontscheibe. Mir kommt es so vor, als ob er etwas sagen will, doch kein Wort passiert seine Lippen.

"Ich schau mal nach Frau Stegmeyer", ergreife ich schließlich das Wort. "Danke für's Bringen." Schlagartig dreht er sich zu mir und schaut mich aus seinen braunen Augen an, so wie Felix es beschrieben hat. Ich versuche, seinen Blick zu deuten.
"Du musst nicht danke sagen. Ich würde alles für dich tun." Tonios Worte sind so aufrichtig. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll und schweige. "Soll ich dich begleiten?", fragt er schließlich.
"Nein. Das mach ich allein, aber ich melde mich später."

Beim Aussteigen schaue ich ihn ein letztes Mal an, ehe ich die Tür schließe. Auf dem Weg drehe ich mich noch einmal um und winke ihm zu, was er mit einem Nicken quittiert. Er sieht traurig aus. Meine Gedanken über Tonio schiebe ich beiseite und werde professionell, als ich das Zimmer von Hanna Stegmeyer betrete. Lange unterhalten wir uns und versuchen, die Ereignisse des Tages zu sortieren. Glücklicherweise hat Felix schon die Polizei informiert, so dass ich ihr auch bei diesem Gespräch zur Seite stehe. Ich stärke sie, so gut es mir möglich ist. Anschließend bringen die Polizisten uns ins Koster. Tonio hat dort auf die Schnelle ein Zimmer organisiert. Wir sitzen noch eine Weile zusammen. Sie erzählt so viel, dass ich die meiste Zeit nur zuhöre. Spät abends fahre ich schließlich mit dem Taxi nach Hause.

Einerseits bin ich müde, andererseits noch zu aufgewühlt, um überhaupt an Schlaf zu denken. Ich kann zu Felix gehen, sein Fernseher läuft noch, aber er ist nicht die Gesellschaft, die ich im Moment brauche. Ich gönne mir einen Augenblick Ruhe, dann will ich Tonio informieren. Ein Anruf ist der einfachste Weg, aber ich brauche nach diesem Tag noch Luft und Bewegung. So rede ich es mir schön, als ich den Wohnungsschlüssel und meine Jacke ergreife. Langsam laufen ich durch den Ort und genieße die kühle Nchtluft auf meiner Haut. Sichtlich entspannt erreiche ich das Pfarrhaus. Es brennt noch Licht in der Küche, daher klopfe ich an das Fenster und hoffe, Franz nicht zu wecken.

Tonio kommt nur in Boxershorts zum Fenster. Als er mich sieht, wird ihm seine Kleidung bewusst und er zieht sich rasch die Gardine vor den Körper. Ich muss lachen, denn ich erinnere mich an eine ähnliche Szene. Er deutet zur Tür und ich gehe hin. Einen Augenblick später öffnet Tonio sie, zuvor hat er aber ein Shirt und eine Jogginghose angezogen.

"Was sollen die Leute denken, Julia", fragt er mich, als ich eintrete. Darauf habe ich keine Antwort. Wahrscheinlich werden sie das Falsche denken, aber darauf nehme ich keine Rücksicht. Ich folge Tonio in die Küche und setzte mich auf die Eckbank, während er unruhig stehen bleibt. Ich spüre im Raum eine Spannung, die ich so nicht kenne.
"Lass sie denken, was sie wollen", erwidere ich schließlich, was für mich einfach zu sagen ist, obwohl ich Tonio und seine Angst vor allem nach dem Rücktritt von Pfarrer Semmer verstehe.
"Für dich ist immer alles so einfach, wie ein Spiel. Ich stehe unter Beobachtung!" Er reagiert viel zu stark auf meine Aussage und bestätigt meine Vermutung, dass er im Moment mit so viel mehr als meiner Anwesenheit kämpft. Bei der Schlacht mit seinen Dämonen bin ich ihm aber keine Hilfe sondern vielmehr eine Last.
"So meine ich das nicht, aber wir arbeiten zusammen, deshalb bin ich hier. Ich will mich nicht mit dir streiten, ich will mit dir reden." Für einen Moment herrscht Stille zwischen uns. Tonio macht keine Anstalten, das Wort zu ergreifen. "Hast du ein Bier?", frage ich daher, um das Schweigen zu brechen.

Daraufhin geht er zum Kühlschrank und holt zwei Flaschen heraus. Eine gibt er mir, die andere behält er. Endlich setzt er sich zu mir auf die Bank, so dass ich ihn anschauen kann. Ich trinke einen Schluck. Dann erzählte ich ihm vom Rest des Tages. Wir reden über Joachim Stegmeyers Behauptung, alles aus Liebe gemacht zu haben. Gleichzeitig schwirren mir Tonios Worte von heute morgen durch den Kopf, die nicht zu der Beziehung der Stegmeyers passen, aber sie treffen auf ihn zu.

Ich frage mich wieder und wieder, ob er das so gemeint hat. Wenn ich mir vorstelle, hier jeden Abend zu sitzen, mit Tonio den Tag zu besprechen oder einfach die freie Zeit zu genießen. Dann wird es mir gutgehen. Mit Tonio muss ich nicht reden, ich kann genauso gut die Stille erleben und meinen Gedanken nachhängen.

Tonios Worte vom Vormittag sind allgegenwärtig. Ich will, dass es ihm gut geht, aber ich habe nicht das Gefühl, dass das im Moment der Fall ist. Er hadert ständig mit sich, auch in diesem Augenblick. Das ist ganz klar. In seiner Küche unter vier Augen muss er nicht vorspielen, der starke, standhafte Pfarrer der Gemeinde zu sein. Diese Seite zeigt er selten, aber auch ihn hat der Tag mehr mitgenommen, als er zugibt.

"Juli", beginnt er. Ich horche auf. Was jetzt kommt, ist für ihn wichtig, das ist mir schon jetzt klar. "Ich weiß nicht, ob ich das noch kann." Neugierig höre ich ihm zu und schaue ihn an, sage jedoch nichts. Ich will ihn nicht unterbrechen, er spricht so bedächtig. "Eigentlich weiß ich schon genau, dass ich es nicht mehr kann. Ich habe nur Angst." Für mich ergeben seine Worte Sinn, obwohl es zusammenhangslose Sätze zu sein scheinen. Tonio führt einen Monolog, den er wahrscheinlich schon mehrfach mit sich selber geführt hatte. Dabei ist er auf mich fixiert, schaut mich die ganze Zeit über an, fast so als ob ich sein Anker bin. "Ich habe mit Pfarrer Semmer aus Neuhofen gesprochen. Er ist allein und kein Pfarrer mehr. Ich will nicht allein sein, aber als Pfarrer bin ich einsam. Und ich weiß nicht, ob ich das noch sein kann oder will." Die Verzweiflung in seiner Stimme ist nicht zu überhören, daher unterbreche ich ihn nun doch.
"Du bist nicht allein, Tonio. Ich werde immer zu dir halten, egal wie du dich entscheidest." Er lacht gekünstelt.
"Du bist mit Felix zusammen, wirst über kurz oder lang eine Familie gründen. Ich bin dann nur noch eine ferne Erinnerung." Die Worte tun mir in der Seele weh.
"Das ist ungerecht. Du bist ein Teil von mir, du bist der Maßstab, an dem sich alle Männer messen müssen. Du bist der Grund, warum ich keine Beziehung halten kann." Die ganzen aufgestauten Gefühle suchen den Weg an die Oberfläche. "Und was meintest du heute, als du sagtest: Lieben heißt, man will, das es dem anderen gut geht?", frage ich. "Meinst du mir geht es gut, wenn es mit dir immer dieses Wechselbad der Gefühle ist?" In seinem Blick suche ich etwas, ein Zeichen. "Wir küssen uns, du sorgst für meine Kündigung. Ich soll mein Leben leben und doch kommst du zu mir. Du willst gehen und bleibst. Du brauchst Abstand und suchst die Nähe. Du kannst nicht bei mir sein und bist bei mir. Du zweifelst, hast aber Angst dazu zu stehen. Sag mir, wie ich dir helfen kann. Ich weiß es nicht." Alles, was sich während unserer Zusammenarbeit aufgestaut hat, platzt aus mir heraus. Dieses ewige Heranziehen und Wegschieben ist auch für mich anstrengend.
"Ich weiß es doch auch nicht, aber ich habe verdammt große Angst, einen Fehler zu machen." Tonio senkt das erste Mal den Blick und fährt sich mit der Hand durch das Gesicht. Daraufhin ergreife ich sie. Erstaunt schaut er mich wieder an, um kurz darauf den Blick zu unseren Händen gleiten zu lassen. Währenddessen reibe ich sanft mit meinem Daumen über seine Fingerkuppen.
"Was willst du, Tonio? Das ist das Entscheidende." Meine Stimme ist nicht mehr aufgewühlt sondern ganz ruhig, doch er antwortet nicht. Stattdessen starrt er ganz gebannt auf unsere Finger.
"Dich. Ich wollte immer nur dich." Es muss schwer für ihn sein, sich das einzugestehen. Doch so geht es nicht nur ihm. "Im Priesterseminqr war ich ständig kurz davor, alles hinzuschmeißen, für uns. Seit du wieder hier bist, denke ich jeden Tag darüber nach. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich kleine, perfekte Ebenbilder von uns, die zu großartigen Erwachsenen heranwachsen. In meiner Zukunft sehe ich nur uns." Endlich steht er zu seinen Gefühlen und schaut mich wieder an. "Warum bist du hierher gekommen, Juli?", fragt er mich direkt.
"Weil ich wissen will, was du gemeint hast... Wenn du willst, dass es mir gut geht, dann musst du an meiner Seite sein.", antwortet ich ebenso direkt.

Für einen Moment ist es vollkommen still im Raum, nur unser Atem ist zu hören. Dann überrascht er mich, als er mich zu sich in seine Arme zieht. Die Umarmung ist so fest. Ich bin Zuhause, hier gehöre ich her. So fühle ich mich nur in seiner Gegenwart. Das war schon früher so und wird auch für immer so bleiben. Der Augenblick währt nicht lange, dann schiebt er mich von sich. Wieder spielt er Katze und Maus mit mir. Ich kann nicht mehr und will protestieren, doch bevor ich die Möglichkeit habe, bleibt mir die Luft weg. Stürmisch presst er seine Lippen auf meine, küsst mich, als ob es kein morgen gibt. Ich bin überrascht, aber das verfliegt wie ein Wimpernschlag und ich gebe mich der Liebkosung hin. Wir verschmelzen miteinander, bis wir wieder Luft holen müssen, um uns gleich darauf wieder dem leidenschaftlichen Kuss hinzugeben. Zwei Jahre aufgestaute Gefühle liegen in diesen zärtlichen und gleichzeitig fordernden Berührungen. So lebendig und geliebt fühle ich mich nur in Tonios Armen. Das ist mehr, als ich je erhofft habe. Das ist alles, was ich brauche. Das ist Tonio, mein Herz. Mir geht es gut mit ihm an meiner Seite, ich liebe.
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