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Zuhause

GeschichteFamilie / P12
Saruhiko Fushimi
08.04.2020
30.08.2020
16
16.522
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26.07.2020 1.197
 
Neun Uhr morgens. Die Rush-Hour der Arbeiter und Schüler war abgeflaut, weshalb sich in der S-Bahn nur wenige Fahrgäste befanden. Fushimi saß an einem Fensterplatz und schaute hinaus auf das Meer. Die Morgensonne brachte das Wasser zum glitzern.

Das gestrige Feuerwerk verlieh dem Abend einen wirklich schönen Abschluss. Nachdem die Kinder in ihren Kindersitzen saßen bot ihm Munakata an, ihn mit dem Auto zum Wohnheim zu fahren, bevor er zu seinem Elternhaus fahren würde. Ob der fortgeschrittenen Zeit überlegte Fushimi nicht lange und nahm das Angebot dankend an. Allerdings wunderte sich Fushimi darüber, dass Munakata nicht auch zum Wohnheim fuhr. Andererseits wusste er nicht, wie groß Munakatas Zimmer war und ob da überhaupt zwei Kinder Platz gefunden hätten. Seine Grübelei musste deutlich sichtbar gewesen sein, denn Munakata erklärte, dass seine Eltern am nächsten Morgen wieder zurück wären und so hätten sie gemeinsam frühstücken können. Zudem meinte sein Bruder, ihre Eltern würden ihn bald nach dem Ausweis fragen, wenn er sich weiterhin so selten zeigen würde. Dies stellte erneut familiäre Probleme dar, deren Existenz Fushimi bisher verborgen blieben. Als Munakata weitersprechen wollte, vergewisserte er sich zunächst durch einen Blick in den Rückspiegel, dass die Kinder fest schliefen.
„Bevor die Schiefertafel zerstört wurde, spürte ich, dass es bald mit mir zu Ende gehen würde. Es fiel mir zunehmend schwerer, meine Kräfte unter Kontrolle zu halten.“ Was du nicht sagst, dachte Fushimi. Die doppelte Belastung durch die macht der blauen Aura und zugleich die Eindämmung der Radiationen der Schiefertafel anstelle des verstorbenen goldenen Königs hätte jeden anderen auseinander gerissen.
„Je näher der Tag unseres letzten Gefechts gegen den grünen Clan rückte, desto eher fand ich mich mit dem Gedanken ab, den nächsten Tag nicht mehr zu erleben.“ An einem Zebrastreifen hielt er den Wagen an, um einen alten Mann mit Rollator die Straße überqueren zu lassen.
„Mein Ziel lag klar vor meinen Augen und weder Furcht noch Sorge hätten mich von meinem eingeschlagenen Weg abbringen können. Dennoch konnte ich es nicht verhindern, gewisse Dinge zu bedauern, die ich wohl nicht mehr erleben würde.“ Das ließ Fushimi aufhorchen.
„Die Silberhochzeit meiner Eltern hätte ich nicht mehr erlebt. Ich wäre beim runden Geburtstag meines Bruders nicht dabei gewesen oder ich hätte die Feier für die Beförderung meiner Schwägerin versäumt. Besonders quälte mich der Gedanke, Umi und Kai nicht aufwachsen sehen zu können. Ihre Schulfeste, Abschlussfeiern, vielleicht deren Examina und wie sie ihre eigene Familie gründen. So viele kleine Dinge, die für das große Ganze unerheblich sind, jedoch für einen Menschen – egal, für wie wichtig oder unersetzlich er sich halten mag – am Ende den kostbarsten Schatz darstellen. An jenem Tag wurde mir bewusst, wie viele dieser unersetzlichen Momente ich bereits versäumt hatte und was ich noch alles verlieren würde.“ Diese bedrückende Stimmung, die sein sonst so schelmischer König in ihren Gesprächen verbreitete, gefiel Fushimi überhaupt nicht. Was erwartete er jetzt von ihm? Er dachte nach, konnte aber nicht die richtigen Worte finden.

Sein König überraschte ihn, als er seinen Blick von der Straße abwandte und ihn mit einem Lächeln direkt ansah.
„Welch ein Glück, dass ein gewisser Jemand sein Leben riskierte und mir durch seinen Mut die Chance gab, meine Fehler wieder in Ordnung zu bringen.“ Fushimi schnalzte mit der Zunge, drehte sein Gesicht zum Fenster und lief rot an. Das Ganze nicht unbedingt in dieser gewünschten Reihenfolge.
„Würdest du wenigstens an jedem Schaltjahr deine Arbeit machen müsste ich nicht immer das Chaos aufräumen, dass du hinterlässt“, grummelte er. „Und schau gefälligst nach vorne, bevor du uns alle umbringst.“
„Das wäre in der Tat ein äußerst unzufriedenstellender Abschluss für so einen erfreulichen Abend.“ Da war er wieder, dieser schelmische Unterton. Schon viel besser.

Während der restlichen Fahrt informierte Fushimi seinen König über den aktuellen Betrag der Wettsumme zwischen dem roten, blauen und silbernen Clan. Die Clans wetteten darüber, wann Kusanagi endlich Awashima einen Antrag machen würde. Da Munakata und Anna bis zu einem gewissen Grad in die Zukunft sehen konnten, stimmten die beteiligten Clans während eines gemeinsamen Treffens mit lediglich zwei Gegenstimmen über den Ausschluss dieser notorischen Schummler ab. Der silberne König war ein durchtriebener Kerl, jedoch basierten seine Vorhersagen auf die schlichte Anwendung von Wahrscheinlichkeitsrechnung – also nicht der Rede wert. Die Clans setzten zudem darauf, dass sein Clansman Kurosuke ihn sowieso dazu zwingen würde, fair zu spielen. Neko hatte sich dagegen über die Jahre mit Awashima angefreundet, weshalb sie durch den „Bro-Code“ daran gehindert war, die zwei verliebten Trottel durch etwaige Sinnestäuschungen an dem von ihr bestimmten Tag verloben zu lassen. Als Munakata an jenem Abend erstmals vom „Bro-Code“ hörte fragte er in der Runde, ob dieser geeignet sei, den gleichen moralisch-bindenden Imperativ auch bei Damen zu begründen. Um eine Debatte über die Universalität des kategorischen Imperativs des großen Philosophen Immanuel Kant und dessen grundsätzlicher Analogiefähigkeit auf den Post-Modernen „Bro-Code“ zu umgehen, schalteten sich Eric und Goto ein. Sie erklärten, dass Surfer den Begriff „Dudette“ für Frauen verwendeten und dass das schon seine Richtigkeit habe. Diese Argumentation schien den blauen König zu überzeugen. Oder es lag an den sieben Old Fashioneds, die in Kooperation mit Kamo und Kamamoto an ihn weitergereicht wurden, die seine natürliche Neugierde etwas gedämpft hatten.
Douhan mischte ebenfalls mit, indem sie sich die Buchhaltung und die Organisation der Wette unter dem Nagel riss. Sie verzichtete freiwillig auf ihr Stimmrecht, sicherte sich im Gegenzug die Auskehr der finalen Wettsumme in Höhe von 10 % als Entschädigung für ihre Aufwendungen ab. Nach dem jetzigen Stand entsprach der auszukehrende Betrag dem Monatsgehalt eines Beamten im mittleren Dienst.

Als Munakata sein Fahrzeug vor Scepter 4s Tor zum stehen brachte, verabschiedeten sich die zwei Männer. Munakata meinte noch: „Morgen ist dein letzter Urlaubstag. Nutze ihn doch, um etwas nachzuholen, dass du schon lange vor dich hingeschoben hast und du diese Untätigkeit später bereuen wirst.“ Fushimi wollte schon aus dem Fahrzeug steigen, als der blaue König hinzufügte: „Sollte mir zu Ohren kommen, dass das Ergebnis des Honshiki-Programms vor Beendigung des Urlaubs abgerufen werden sollte, ist die vakante Stelle in der Gleichstellungsabteilung noch die Beste, die zur Auswahl steht. Dir einen feinen Resturlaub, Fushimi-kun.“

Ein lautes Piepsen riss Fushimi aus seinen Gedanken. Die Anzeige der S-Bahn wies die Haltestelle aus, bei welcher er aussteigen wollte. Draußen konnte er das Rauschen der Wellen hören und in der Luft lag der Duft des Meeres. Bevor er sein Ziel erreichte, machte er noch einen kleinen Abstecher in einem Blumenladen. Die Verkäuferin half ihm bei der Auswahl der Schnittblumen für einen Blumenstock.
Als er den Strand erreichte hielt er einen Moment inne, um sich zu orientieren. Anschließend setzte er den Weg fort. Im weichen Sand waren kaum Muscheln zu sehen, dafür huschten kleine Krabben Richtung Meer. Am Himmel flogen Seemöwen und durch ein lautes Platschen machten sich Kormorane durch ihren Tauchgang bemerkbar.
Langsam näherte er sich seinem Ziel. Die dunklen Felsen waren auf dem hellen Sand kaum zu übersehen.
Als Fushimi zum stehen kam, richtete er den Blick nach unten. Er ging in die Knie, um den Blumenstock abzulegen. In seinem Kopf hörte er den Satz „Alles wird gut!“. Ein trauriges Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht.

„Hallo, Totsuka-san.“

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„Fushimi-kun?“
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