Hinter dem Horizont

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
OC (Own Character)
08.04.2020
23.05.2020
18
20.370
6
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
23.05.2020 1.165
 
17. Kapitel
Bucheckerpfote und Sperlingsfell gingen langsam an einem Donnerweg entlang. Die Verletzung des Schülers hatte sich als nicht allzu schlimm erwiesen, worauf er darauf bestanden hatte, langsam weiterzugehen.
„Wenn wir Wasserpfote gefunden haben“, hatte er gesagt, „können wir uns Zeit lassen. Sie weiß ja was zu tun ist.“ Seine Mentorin hoffte, dass die junge Kätzin bereits erfahren genug war, um genau zu wissen, was zu tun war. Aber nach vier Monden Ausbildung sollte das eigentlich schon der Fall sein.
„Sperlingsfell“, fragte der Schüler, „Wieso ist es in der Blattleere so kalt?“
„Bucheckerpfote“, antwortete sie, „du hast doch mittlerweile hoffentlich gelernt, dass ich bei solchen Themen nicht viel mehr weiß als du.“ Noch nie hatte sie so auf die Fragerei reagiert. Es kostete sie ein wenig Überwindung, zuzugeben, dass sie, die ihrem Schüler etwas beibringen sollte, auf diese Fragen keine Antworten wusste. Aber sie fühlte sich nun trotzdem besser.
„Es macht Spaß, mit dir darüber nachzudenken“, meinte er.
„In Ordnung“, schnurrte Sperlingsfell. „Vielleicht ist die Sonne müde? Sie wandert in der Blattleere nie über den ganzen Himmel. Und wir bekommen die Wärme ja von ihr.“
„Ich weiß nicht, in der Blattleere war ich noch so klein“, überlegte der Getigerte. „Aber ich kann die Sonne verstehen. Nur nimmt sie sich ganz schön viel Zeit, um sich auszuruhen.“
Ein leises Wimmern holte die beiden Katzen in die Gegenwart zurück. Überrascht sahen sie sich an. Das Geräusch kam hinter einem stinkenden, bunten Baumstumpf hervor. Bucheckerpfote ging ohne zu Zögern auf das Zweibeinerding zu. Sperlingsfell wollte ihn ermahnen, er solle besser aufpassen, aber dann war Bucheckerpfote bereits dahinter verschwunden.
„Sperlingsfell! Da ist ein Junges!“, rief er. Seine Mentorin war sofort bei ihm. Ein Junges allein im Zweibeinerort?
Tatsächlich. Ein höchstens zwei Wochen alter, winziger hellgrauer Kater mit weißen Pfoten hockte zusammengekauert zwischen dem Baumstumpf und einem stinkenden etwas und starrte die zwei ängstlich aus seinen großen, noch blauen Augen an.
„Hallo, Kleiner. Wo sind denn deine Eltern?“, miaute Sperlingsfell. Natürlich mussten sie ihm helfen. Der Zweibeinerort meinte es nicht gut mit ihr, ständig passierte irgendetwas, was ihren Aufenthalt hier noch mehr verlängerte.
Das Junge duckte sich und maunzte: „Papa hat gesagt ich darf auf keinen Fall in die Nähe von der Fremden geraten.“
„Wo ist denn dein Papa?“, fragte Bucheckerpfote. Doch der Hellgraue antwortete nicht, sondern duckte sich noch tiefer. „Wir können dir helfen, ihn zu finden.“
Plötzlich gab Sperlingsfell einen erschrockenen Laut von sich, weil sie scharfe Zähne an ihrem Schwanz spürte. Mit gesträubtem Fell wirbelte sie herum und fuhr die Krallen aus. Vor ihr stand eine graue Kätzin und funkelte sie aus wütenden, blauen Augen an. Ihr rechtes Ohr war zerfetzt und an vielen Stellen konnte die Kätzin Narben erkennen.
Mit einem Kampfschrei sprang die Graue auf die Gefleckte zu, doch Sperlingsfell wich geschickt aus und schlug die Angreiferin an der Schulter, sodass der Flug jäh endete.
„Wieso greifst du uns an? Wir haben dir nichts getan!“, fauchte die Kriegerin empört. Die Fremde schien etwas erwidern zu wollen.
„Mama!“, maunzte das Junge da und stürmte zwischen Bucheckerpfotes Beinen hindurch zu der Grauen. Es schmiegte sich schnurrend an sie.
Die Mutter legte schützend den Schwanz um ihren Sohn und knurrte: „Ach ja?“
„Wir wussten doch nicht...“, begann Bucheckerpfote, doch die Graue schnitt ihm das Wort ab.
„Verschwindet! Und zwar sofort!“ Sperlingsfell atmete tief durch. Wieso hörte sie ihr einfach nicht zu? Doch sie antwortete nicht, sondern ging weiter und winkte ihren Schüler zu sich. Verschwinden aus diesem Zweibeinerort, das wollte sie auch. Sie wäre lieber etwas schneller gegangen, doch Bucheckerpfote sollte ja sein Bein schonen.
„Schon wieder eine aggressive Katze hier“, bemerkte der Schüler. Seine Mentorin hatte ihm von dem Braunen erzählt. „Vielleicht gehören sie zusammen.“
„Gut möglich“, miaute Sperlingsfell. „Vielleicht sollte ich mich von der Grauen und ihren Jungen fernhalten. In Ordnung, mache ich.“
Die beiden Katzen liefen schweigend weiter. Die Schwanzspitze der Kätzin brannte nun beinahe unerträglich, weil die Mutter des Jungen sie ja gebissen hatte. Sie sehnte sich danach, dem Lärm, dem Gestank und der aggressiven Bevölkerung des Zweibeinerortes zu entfliehen. Wie lang würde es wohl dauern, bis sie nicht mehr von diesen großen, grauen Felsen umgeben sein würde?

„Schau mal, da ist eine Katze“, miaute Bucheckerpfote irgendwann. Sperlingsfell hatte keine Lust auf weitere Begegnungen, trotzdem folgte sie dem Blick ihres Schülers. Eine kleine, schneeweiße Katze hockte auf einem Felsvorsprung vor einem Eingang in einen Zweibeinerbau.
„Lasst uns lieber weitergehen“, drängte die Gefleckte.
„Wir könnten sie fragen, wie lange es noch dauert, bis wir draußen sind“, beharrte Bucheckerpfote. Doch sie konnten nicht länger diskutieren, denn die hellblauen Augen der Weißen blickten nun zu ihnen und sie sprang auf.
Die Kätzin kam auf sie zugetrabt. Sie war nicht sehr viel älter als Bucheckerpfote, sehr zierlich gebaut und das lange, schneeweiße Fell war sehr ordentlich gepflegt. Sperlingsfell tippte darauf, es mit einem Hauskätzchen zu tun zu haben. Immerhin scheinbar keine streitsüchtige Streunerin.
„Hallo! Wer seid ihr?“, fragte sie, als sie bei den beiden angekommen war.
„Wir sind Sperlingsfell und Bucheckerpfote. Sei gegrüßt“, antwortete die Kriegerin höflich.
„Was für merkwürdige Namen! Aber ich will ja nicht unhöflich sein“, meinte das Hauskätzchen fröhlich und zuckte mit den Ohren. „Ich bin Amaliana und wohne in dem Haus dort.“ Amaliana deutete auf das Zweibeinernest, vor dem sie bis eben gesessen hatte. „Und wo wohnt ihr?“
Die Weiße war der Gefleckten sympathisch. Vor allem, weil beim Gedanken an Hauskätzchen immer Käse vor ihrem inneren Auge erschien und die hier war eindeutig besser.
„Wir wohnen ganz weit weg“, erzählte Bucheckerpfote. „Wir sind auf einer Mission. Wir müssen meine Schwester finden und ihr dann dabei helfen, ihren Auftrag zu erfüllen. Dafür müssen wir vielleicht bis zu den Bergen hinter dem Zweibeinerort.“ Was ich nicht hoffe. Amaliana machte große Augen.
„Ich war noch nie weiter als am Ende vom Ort. Das Gebirge sieht von dort aus wirklich riesig aus. Aber vielleicht kann ich ja ein bisschen mit euch mitkommen?“ Sperlingsfell wollte schon ablehnen, aber ihr Schüler kam ihr zuvor.
„Wenn du schnell laufen kannst, gerne! Vielleicht kannst du uns den schnellsten Weg aus dem Zweibeinerort in Richtung Sonnenuntergang zeigen.“ Kommt gar nicht in Frage!, wollte sie erwidern, doch sie hielt sich zurück. Vielleicht war das gar keine so schlechte Idee. Schnell vorankommen war momentan sowieso nicht möglich und einen Führer durch dieses Labyrinth, in dem sie nur die grobe Richtung kannten, konnten sie gut gebrauchen.
So gingen sie also zu dritt weiter. Amaliana meinte, wenn man sich beeilte, konnte man morgen Abend zum Ende des Ortes kommen. Bucheckerpfote und sie erzählten sich gegenseitig von ihren verschiedenen Lebensweisen.
Sperlingsfell dachte währenddessen nach. Vielleicht hatte Wasserpfote den Zweibeinerort umrundet? Auch ihre neue Begleiterin hatte sie nicht gesehen. Wenn diese Vermutung nicht stimmt, dann haben wir ein Problem. Was, wenn der Heilerschülerin etwas zugestoßen war und sie an ihr vorbeigelaufen waren?
Sie musste wieder an den AstClan denken. Vor allem an Johannisbeerpelz. Wieso denke ich immer an Johannisbeerpelz?
Bin ich etwa in ihn verliebt? Diesen Gedanken musste sie erst einmal verarbeiten.
Naja, ich hätte nichts dagegen.
Review schreiben