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06. April: Das Verhör [by NoirAngel]

OneshotAllgemein / P12 / Gen
06.04.2020
06.04.2020
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4.151
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06.04.2020 4.151
 
Tag der Veröffentlichung: 6. April
Zitat: "Die Schwierigkeit beim Katz- und Mauspiel ist zu wissen, wer die Katze ist." (Jagd auf roter Oktober)
Titel der Geschichte: Das Verhör
Autor: NoirAngel
Hauptcharaktere: Erik Croft, Brandon Feller
Kommentar des Autors: Ich hatte mit diesem Zitat ein bisschen zu kämpfen und hatte von Anfang an mehrere Idee, bei denen ich aber jedes Mal unsicher war, ob sie passen. Bis zu dieser Idee. Auch hier gab es ein paar Schwierigkeiten beim Schreiben, ich bin aber jetzt, nach der Fertigstellung, doch zufrieden damit. Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen^^



~



„Mr. Feller. Kommen Sie bitte mit.“ Ich stehe von dem unbequemen Stuhl auf, auf dem ich die letzte halbe Stunde verbracht habe, und folge dem Mann. Unruhig rutsche ich mein Jackett zurecht. Noch bin ich mir ja offiziell noch nicht sicher, was sie von mir wollen.

Die Nachricht, dass ich wegen einer dringenden Angelegenheit befragt werden soll, kam erst heute Morgen. Ich war gerade dabei den Bericht meines letzten Einsatzes zu schreiben, als einer meiner Kollegen zu mir kam und meinte, ich müsste sofort zu einer Befragung. Natürlich habe ich mich sofort auf den Weg gemacht, aber bisher hat mir noch niemand gesagt, was genau los ist.

„Setzen Sie sich.“ Gehorsam lasse ich mich auf dem genauso unbequemen Stuhl nieder. „Agent Croft kommt gleich zu Ihnen.“ Und schon ist der Mann weg und ich allein. Ich versuche es mir bequem auf dem Stuhl zu machen, doch vergebens. Agent Croft. Wegen dem bin ich hier. Er soll innerhalb der Befragung das gestehen, weswegen ich auf dem Papier verdächtigt werde. Ich muss meine sämtlichen schauspielerischen Fähigkeiten nutzen, denn es gibt nur diesen einen Versuch.
Die Tür geht auf. Ab jetzt zählt es. Ich stehe auf, um den Mann zu begrüßen, der den Raum betritt. Ich habe zwar nicht den Ruf, mich an Protokolle und Höflichkeiten zu halten, aber manchmal weiß ich schon, was sich gehört.

„Agent Feller“, begrüßt mich der Mann mit tiefer und ernster Stimme, während er meine Hand schüttelt.

„Agent Croft, nehme ich an“, antworte ich. Der Mann nickt und rutscht seine Brille zurecht, bevor er sich hinsetzt. Auch ich nehme wieder Platz. Nervöser als vorher.

Ich muss nervös sein, denn selbst wenn man Agent Croft nicht persönlich kennt, dann weiß man wenigstens, dass es kein gutes Zeichen ist, wenn man zu ihm gerufen wird. Er ist in der Internen und dafür zuständig, wenn ein Agent etwas versaut hat. Und zwar so richtig. Es ist also kein Vergnügen zu ihm gerufen zu werden.

Agent Croft schaltet das Aufzeichnungsgerät an, bevor er sagt: „Also: Sie wissen, warum Sie hier sind?“ Croft schaut mich durchdringend an. Ich schüttle den Kopf. Hoffentlich durchschaut er meine Lügen nicht.

„Dann lassen Sie uns anders anfangen. Sie erinnern sich doch sicherlich an den Auftrag in Edinburgh.“

Ich nicke. „Natürlich. Da sollten wir diese Terroristen beschatten und herausfinden, was sie planen“, fasse ich die Mission kurz zusammen. Es war natürlich komplizierter. Diese Terroristen gehörten zu einem der größten Verbrechernetzwerke von ganz Großbritannien und das Ministerium hatte mitbekommen, dass sie einen Anschlag auf das Parlament in Edinburgh planen. Doch niemand wusste, wann genau. Das sollten drei Kollegen und ich herausfinden. Typische Beschattungsarbeit, ohne Action. Nicht so wie James Bond. Doch etwas war schiefgelaufen. Jemand hatte uns verraten. Jemand hatte diesen Männern erzählt, dass wir sie beobachten und so wurden wir angegriffen und der Anführer der Terroristengruppe konnte fliehen. Das Attentat wurde zwar verhindert, weil die wussten, dass wir sie auf dem Schirm hatten, aber eigentlich sollte der Anführer festgenommen werden, um ihn weiter zu befragen. Jetzt läuft der immer noch frei rum und plant vielleicht das nächste Attentat.

Agent Croft mustert mich weiter eindringlich. „Sagt Ihnen der Name Andrew Osorio etwas?“ Natürlich kenne ich den Namen. Das ist der Mittelsmann, mit dem unser Verräter alles ausgemacht hat. Naja, Croft hatte mit ihm alles verhandelt, denn er ist der Verräter. Ich schüttle aber den Kopf. Natürlich kenne ich den Mann nicht. Croft zieht eine Augenbraue hoch, als würde er mir nicht glauben. Auch er ist gut im Lügen, sonst hätte er uns nicht die ganze Zeit an der Nase rumgeführt.
„Wo waren sie am 23. Februar dieses Jahres?“ Seine Stimmlage ist etwas härter geworden.

„Der 23. Februar ...“, murmle ich und denke nach. Was weiß ich denn, wo ich an dem Tag war? Ich hatte mich ja auf den 20. eingeschossen. Und selbst das ist fast zwei Monate her. „Ich, ähm ...“ Der 23. Ich schließe die Augen, um erstens besser nachdenken zu können und zweitens nicht in die strengen Augen von Croft sehen zu müssen. Bis zum 20. Februar hatte ich Urlaub und gleich am ersten Tag kam die Besprechung wegen Edinburgh. Danach musste ich mich vorbereiten. Das heißt also, ich war in London, wahrscheinlich im Konferenzraum, um mit meinen Kollegen zu planen. Und da fällt es mir ein. „Am 23. war die Videokonferenz mit zwei Kollegen aus Edinburgh. Das war gleich morgens. Danach haben Jory, Banter und ich uns bis nachmittags mit der Planung beschäftigt. Wir sind noch was essen gegangen und danach bin ich nachhause.“

„Wo sind Sie essen gegangen? Sind Sie danach sofort nachhause und was haben Sie dort gemacht?“
„Ähm, wir sind zu dem Asiaten um die Ecke“, sage ich sogar recht schnell, weil ich mich noch genau daran erinnere, dass ich mein Essen sehr lange nicht bekommen habe. „Und danach bin ich sofort nach Hause. Keine Umwege. Und dort habe ich einen Film geschaut und mit meinem besten Freund telefoniert.“

Crofts Blick bleibt hart. Und er hat immer noch Fragen an mich: „Ihr Freund: Wie heißt er? Über was haben Sie gesprochen?“

„Phillip Locks. Er wohnt in Manchester. Wir haben nichts Besonderes besprochen.“ Unruhig spiele ich mit meinem Jackettärmel herum. Ich hoffe, dass ich nicht übertreibe mit der Unsicherheit. Eigentlich ist das mit Phillip ein privates Gespräch gewesen, aber ich weiß genau, wenn ich meinem Gegenüber nicht erzähle, über was, wird er solange nachfragen, bis er es weiß. Ich kenne das. Ich war selbst schon oft genug an Crofts Platz gewesen. „Seine Frau lässt sich von ihm scheiden und er brauchte jemanden mit dem er mal drüber reden kann. Zumal es auch um das Sorgerecht für das Baby geht. Wollen Sie es genauer wissen?“

Croft schnaubt und schüttelt den Kopf. Ich lasse meinen Blick ab und zu mal zur Tischplatte schweifen. Das dürfte in dieser Situation eigentlich kein ungewöhnliches Verhalten sein. Croft mimt den Beamten, der nach dem Verräter sucht, aber sehr gut. Das ist ein richtiges Verhör. Und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, er sucht wirklich nach dem Verräter.

„Sie haben immer noch keine Ahnung, warum Sie hier sind, oder?“ Als ich aufblicke, liegt auf Crofts Zügen ein leicht süffisanter Ausdruck, der mir gar nicht gefällt. Ich mag es nicht, wenn man so von oben herab auf mich schaut. Zumal nichts an dieser Situation lustig sein sollte.
„Sollte ich die haben?“, frage ich zurück. Crofts Grinsen wird breiter.

„Ich habe Ihnen alle Informationen gegeben, die Sie brauchen.“

Ich lasse mir einen Moment Zeit, bevor ich sage: „Sie meinen doch nicht etwa, dass ich …, dass ich die Infos zu unserer Mission an diese Terroristen weitergegeben habe?“ Ungläubig starre ich den Mann vor mir an.

„Das hat ja lange gedauert.“ Croft stützt sich mit den Armen auf den Tisch ab und noch immer liegt dieser süffisante Ausdruck auf seinem Gesicht. Noch einmal schiebt er seine Brille zurecht. „Ja, genau das tue ich: Ich glaube, Sie sind derjenige, der uns verraten hat.“

Es herrscht Schweigen in diesem kleinen Raum. Ich starre weiter auf die Tischplatte. „Alle anderen aus ihrem Team kommen nicht in Frage. Jory und Banter haben lückenlose Alibis und wir konnten mit hundertprozentiger Sicherheit feststellen, dass sie es nicht waren. Da bleiben ja nur noch Sie. Denn Sie, Agent Feller, sind der Einzige, der außer ein paar wenigen anderen Zugang zu diesen Informationen hatte und dessen Unschuld wir eben nicht nachweisen konnten. Also frage ich Sie jetzt mal direkt: Haben Sie die Informationen weitergeleitet?“

„Nein, natürlich nicht!“

„Warum sind Sie dann so nervös? Wenn Sie nichts zu verbergen haben, dann müssen Sie nicht so nervös sein.“

„Ich habe nichts zu verbergen. Und ich habe diese Informationen nicht weitergeleitet!“

„Der Name Andrew Osorio sagt Ihnen wirklich nichts?“

„Nein, warum sollte -“

„Osorio ist der Mittelsmann, der zwischen dem MI6 und den Terroristen steht. Er kriegt Infos von einem Agenten von hier und gibt sie an diese Gruppe weiter. Sie müssen ihn kennen!“

„Nein.“ Ich kenne diese Taktik. Er lässt mir keine Zeit, mir Gedanken über die Situation zu machen, und will mich so zu einem Fehler verleiten. Blöd nur, dass ich keine Fehler machen kann, weil ich nichts getan habe. „Ich kenne keinen Osorio und ich habe keine Informationen rausgegeben.“

„Machen Sie es uns doch nicht so schwer. Wenn Sie gestehen, wird das die Strafe mildern und Sie ersparen mir zusätzlich die Zeit, mich mit Ihnen zu beschäftigen.“

„Ich habe nichts getan.“

Croft lehnt sich kopfschüttelnd zurück und verschränkt die Arme. „Warum machen Sie es sich so schwer?“

Ich sage nichts darauf. Es ist besser jetzt nichts mehr zu sagen, denke ich. Ich würde mich nur wiederholen. Und vielleicht wirft er mir das wieder vor. Sie wiederholen den gleichen Wortlaut immer wieder. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass Sie sich die Antworten zurechtgelegt haben. Nein, darauf lasse ich mich nicht ein. Aber Schweigen ist auch nicht so gut, oder? Kann er mein Schweigen als Einknicken ansehen? Möglich wäre es. Ich spüre wieder Nervosität in mir aufsteigen. Obwohl ich weiß, was eigentlich los ist, bin ich trotzdem nervös. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht wieder mit einem meiner Kleidungsstücke herumzuspielen. Gespannt schaue ich zu Croft, der mich unverändert mit seinem süffisanten Grinsen ansieht, und warte, dass von ihm noch etwas kommt.

Aber er schweigt. Unbeirrt starrt er mich an. Oh nein, jetzt zieht er die Nummer ab. Er weiß genau, dass ich nervös bin – auch wenn ihm der eigentliche Grund nicht bekannt ist - und dass es das Ganze für mich noch viel unerträglicher macht, wenn nicht geredet wird, weil ich mir in der Zeit Gedanken machen kann. Ich kenne diese Spielchen. Ich habe sie ja oft genug selbst angewandt. Die Frage ist nur, ob er erst mal rausgeht oder mich weiterhin anstarrt. Er bleibt.

Ich versuche seinem Blick standzuhalten und mir nicht anmerken zu lassen, wie mich diese Situation fertig macht, doch je mehr Zeit verstreicht, desto nervöser werde ich. Ich will diese Mission einfach nicht vermasseln. Wenn ich es nicht schaffe, dann können wir ihm gar nichts nachweisen. Und allein wegen dieses süffisanten Grinsens will ich ihn drankriegen.

Verdammt! Ich werde immer nervöser. Das ist doch alles nicht wahr! Ich finde seinen Blick inzwischen richtig unangenehm und meine Finger fangen an mit dem Stoff meiner Kleidung herumzuspielen. Was er wohl gerade denkt? Ich meine, er weiß, dass ich unschuldig bin und dass er gerade einen Unschuldigen verhört und beschuldigt. Und er sieht so aus, als würde er es genießen. Dieses Arschloch. Aber ich darf mich nicht von meinen Gefühlen leiten lassen. Ich muss so tun, als würde ich wirklich in dieser Situation stecken. Er ist aber ein guter Agent. Befragungen sind echt sein Ding, sein Blick ist wirklich unangenehm.

Ich schaue ihm zum ersten Mal nun nicht ins Gesicht. Ich mache das unbewusst und in dem Moment, in dem ich das realisiere, bereue ich es. Naja, warum eigentlich? Es passt zu meiner Rolle.
Weitere Zeit verstreicht. Ich weiß nicht, wie viel. Es kann weniger als eine Minute sein, oder deutlich mehr. Es fühlt sich nach einer Ewigkeit an. Wenn man so nervös ist, kann man die Zeit nicht mehr richtig einschätzen.

„Wollen Sie wirklich nicht reden?“, durchbricht Croft die Stille. „Sie würden endlich alles loswerden und wir müssten nicht mehr hier sitzen, Agent Feller.“ Sein Lächeln wird ein bisschen freundlicher. Einladender.

Ich schüttle den Kopf. „Ich habe nichts zu gestehen, weil ich nichts getan habe!“ Er weiß es ja eigentlich. Er wird mich weiter beschuldigen.

Agent Croft schüttelt nur enttäuscht den Kopf. Ich wusste es. „Kommen Sie schon. Die haben Ihnen sicherlich etwas für die Informationen angeboten, oder nicht? Andere Informationen oder Schutz oder Geld.“ Er hat den Blick eines Vaters, der gerade mit seinem Sohn tadelt. Ich hasse es. „Vielleicht haben Sie sie ja mit etwas erpresst, das ist auch möglich.“

Ich verdrehe die Augen und verschränke die Arme. Diese ganze Situation ist lächerlich und mich nervt diese gespielt nette Stimme und sein gespielt nettes Auftreten, obwohl er mich gerade des Verrates beschuldigt. Es ist wirklich so, als würde er es schönreden wollen, damit ich gestehe. Und er meint wohl, mich wie ein Kind zu behandeln, würde helfen. Tut es nicht. Es provoziert mich eher. Ich muss aufpassen, nicht zu trotzig zu wirken, sonst könnte er noch Verdacht schöpfen. Immerhin werde ich des Verrats beschuldigt.

Croft seufzt theatralisch auf. „Also, was haben sie Ihnen angeboten? Das Geld ja anscheinend nicht. Wir konnten nichts Ungewöhnliches in Ihrem finanziellen Verhalten feststellen.“ Die haben meine Finanzen durchsucht? Natürlich. „Und Informationen, die Sie von denen erhalten hätten, hätten Sie sofort bei höherer Stelle gemeldet, um den Ruhm einzuheimsen. Und da sich diese Terroristen ausschließlich auf Angriffe auf Politiker beschränken, schließe ich den Schutz auch aus. Dann bleibt folglich nur die Erpressung.“ Er schaut mich fast stolz an, als ob er wie Sherlock Holmes das Rätsel gelöst hat. Hat er aber nicht. Im Gegenteil: Da ich nichts getan habe, sind seine ganzen „Überlegungen“ für den Arsch!

„Also die Erpressung“, Croft schaut mir direkt in die Augen, „Erst dachten wir, dass es da nicht viel gibt, mit dem man Sie erpressen könnte. Sie wurden als Teenager mal angezeigt, weil sie in ein leerstehendes Haus eingebrochen sind, und Sie haben den ein oder anderen Strafzettel wegen zu schnellem Fahren, aber das alles war uns ja schon immer bekannt. Wir hätten Sie ja sonst nicht eingestellt.“ Wie er immer von wir spricht. Für ihn gibt es kein wir mehr.

Crofts Blick wechselt vom Vater zum süffisanten Arschloch. Er weiß was, das ich noch nicht weiß. Zumindest meint er das. Es gibt nämlich tatsächlich etwas, womit man mich erpressen könnte. Theoretisch. Die Erinnerungen kommen wieder hoch. Diese Nacht vor zwei Jahren. Er meint hundertprozentig das. Jetzt ist es an der Zeit richtig nervös zu spielen. Nervös beginne ich auf meiner Unterlippe zu kauen, höre aber sofort damit auf, aber am Blick meines Gegenübers sehe ich, dass er es gesehen hat.

„Sie wissen also von was ich spreche.“ Sein Gesichtsausdruck wird schadenfroh. Er genießt diese Macht, die er gerade hat. „An den Mord.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen“, bringe ich hervor. Es klingt selbst für meine Ohren nicht überzeugend. Gut so.

„Jetzt geht das wieder los“, seufzt Croft. „Sie haben jemanden umgebracht, verdammt! Nein, nicht irgendjemand, sondern Ihren damaligen Kollegen. Und Sie erinnern sich daran.“
Er weiß also wirklich Bescheid. „Es war ein Unfall“, murmle ich.
„Ein Unfall? Sie haben ihn erschossen!“

„Er ist mir direkt in den Schuss gelaufen.“ Ich seufze. Leugnen hat keinen Sinn, also sollte ich alles erzählen. Obwohl es schon längst raus ist, wird mir immer noch richtig schlecht, wenn ich nur daran denke. Ich habe es nur einmal erzählt. Und in dieser Situation würde jeder das erzählen. Zumal er es eh weiß, tue ich also besser daran, ihn jetzt nicht anzulügen. Außerdem habe ich schon angefangen.
„Okay, ist ja schon gut. Ich erzähle Ihnen, was damals passiert ist.“ Ich starre auf die Tischplatte. Der Kloß in meinem Hals wird noch größer. Obwohl es dafür keinen Grund gibt. „Wir hatten diesen Einsatz. Es war dieser Dieb. Der, der bereits mehrere Banken, Museen und Juweliere überfallen hat. Er war bewaffnet, als wir ihn verfolgten. Er hat auf uns geschossen. Es war klar, dass er entweder entkommt oder stirbt. Wir haben ihn bis in, in diese Straße verfolgt. Er saß fest.“ Ich schließe die Augen. Ich habe diese Nacht noch so klar vor Augen. „Er hat auf uns geschossen, natürlich haben wir das Feuer erwidert. Mein Partner, Diaz, war vor mir. Ich habe geschossen. Eigentlich hätte der Schuss den Dieb treffen müssen, aber Diaz stand plötzlich vor mir. Es hat, hat ihn getroffen. Er war sofort tot.“ Ich breche ab, weil Croft den Rest eigentlich kennen sollte. Der Dieb ist abgehauen, als ich nach Diaz gesehen habe und da der tot war, bin ich ihm hinterher. Ich wollte das Arschloch wenigstens noch kriegen. Das hat leider auch nicht funktioniert, weil der Komplizen hatte. Ich habe im Bericht nur in einer Sache gelogen: Ich habe geschrieben, dass der Dieb Diaz erschossen hat und nicht ich. Das war dumm, aber ich hatte damals vor den Konsequenzen Angst.

„Ja, stimmt. Nur eine kleine Änderung im Protokoll und schon müssen Sie keine Konsequenzen wegen des Todes Ihres Partners ertragen. Schon schlau.“ Croft stützt sich mit den Ellenbogen auf dem Tisch ab. „Und damit haben die Terroristen Sie erpresst. Deswegen haben Sie die Informationen weitergegeben.“

„Das habe ich nicht!“ Ich schaue zu Croft auf. Ich glaube, ich würde mir die Angst und Nervosität abkaufen, wenn ich er wäre. Zumal das bei der Geschichte mit Diaz meine echten Gefühle waren. „Das damals war ein Fehler und ich gebe ihn jetzt gerne zu und Sie können mich deswegen gerne bestrafen, aber das mit den Terroristen war ich nicht!“

Croft schüttelt wieder den Kopf. Und dann beugt er sich plötzlich vor und schaltet das Aufzeichnungsgerät aus. Jetzt geht‘s richtig los. Endlich. Bis jetzt war es nur Vorgeplänkel, aber jetzt beginnt das Spiel erst wirklich.

„Wissen Sie, was passieren wird, wenn das rauskommt, dass Sie Diaz getötet haben?“, fragt Croft mich. Ich schüttle nur den Kopf. Antworten werde ich ihm nicht. „Damals wäre Ihnen nicht wirklich was passiert. Er ist Ihnen in den Schuss gelaufen. So was passiert. Ein paar Monate Innendienst, psychologische Untersuchungen und ein paar Praxisprüfungen, aber sonst nicht wirklich was. Aber jetzt …? Sie haben gelogen. Sie haben einen falschen Bericht geschrieben. Und Sie haben fast zwei Jahre darüber die Klappe gehalten. Das wird heute mehr Konsequenzen haben.“
Er grinst mich an. Dumm nur, dass es selbst jetzt keine Konsequenzen für mich hat, denke ich, tue aber trotzdem geschockt und verängstigt.

„Und wissen Sie, was noch besser ist?“ Er beugt sich wieder zu mir vor, seine Augen funkeln. „Nur ich weiß es momentan und ich habe Ihr Geständnis aufgezeichnet. Und das allerbeste: Ich bin auch für ihr Strafmaß zuständig. Natürlich muss das noch mal abgenickt werden, aber man vertraut mir. Wenn ich sage, dass Sie eine Gefahr darstellen und weggesperrt werden müssen, dann wird man das machen.“

Es herrscht wieder Stille. Croft mustert mich mit seinem fiesen Grinsen. Er droht mir. Das ist schon mal gut, denn das kann man gegen ihn benutzen. Es fehlt aber noch was.

„Ich sehe Sie sind verwirrt.“ Ich bin gut darin, meine Gefühlslage zu fälschen. „Sie fragen sich bestimmt, was das alles soll. Dafür fehlt Ihnen aber eine letzte Information.“ Er steht auf und geht zu einem kleinen Tisch, der in einer Ecke steht. Der ist mir bisher nicht aufgefallen. Auf dem Tisch liegen zwei Akten. Croft nimmt sich eine, kehrt zum Tisch zurück und wirft sie mir hin. Ich schaue darauf. Das ist das Logo des MI6. „Machen Sie sie ruhig auf.“

Nach einem kurzen Moment öffne ich die Akte. Da sind Personendaten. Ich blättere sie durch. Zwei kenne ich. Die waren schon im Fall Edinburgh in der Akte. Das sind Terroristen. Aber es ist nicht die Akte von damals. Auf dem Blatt, dass die Mission und die Umstände näher beschreibt, steht ein anderes Datum. Es ist in der Zukunft, nur vier Monate entfernt. Auf dem Blatt, auf dem die Agenten stehen, die an der Mission beteiligt sind, steht auch mein Name.

„Ich glaube, Sie verstehen jetzt, worauf das alles hinauslaufen wird.“ Ich schaue zu Croft, der wieder vor mir auf dem Stuhl sitzt und vor sich hin grinst.

„Sie waren das“, murmle ich. Jetzt ist so eine Beschuldigung durchaus passend. „Sie haben uns verraten!“ Croft zuckt lächelt mit den Schultern und nickt dann. „Sie sind der Verräter!“

„Und Sie haben keine Beweise für diese Behauptung.“ Ich starre ihn an. Da liegt er leider falsch. Ich habe ihn bereits in der Hand. Aber vielleicht bekomme ich noch eine Aussage aus ihm raus. „Und selbst wenn Sie damit zu einer höheren Stelle wollen: Wem wird man wohl glauben, wenn Sie keine eindeutigen Beweise haben? Ihnen? Einem normalen Agenten? Oder mir? Ich arbeite schon lange bei der Internen.“ Sein Grinsen wird breiter. „Und wie eben schon erwähnt: Ich kann Sie schneller als Sie es für möglich halten von der Bildfläche verschwinden lassen. Das ist kein Problem.“

Ich bin gerade ein bisschen sprachlos. Er ahnt wirklich von nichts. Und er ist sich wirklich in seiner Sache sicher, dass ihn niemand drankriegen wird. Aber da liegt er falsch und das Lächeln wird ihm schon bald vergehen.

Bevor ich weiter drüber nachdenken kann, meint Croft: „Und weil ich Sie ja so schön in der Hand habe, würde ich sagen, dass Sie mir einen Gefallen tun können. Sie sind bei dieser Mission dabei. Sie werden mir immer schön brav Bericht erstatten, was gerade besprochen wird und was Ihr Team vorhat.“

„Und wenn ich das nicht mache?“, frage ich trotzig, auch wenn ich weiß, was die Antwort ist.
„Dann werde ich sie wegsperren lassen. Ich habe ja Ihre Aufnahme.“ Er deutet auf das Aufzeichnungsgerät.

Okay, ich muss jetzt schlau vorgehen, wenn ich noch möchte, dass er es laut ausspricht. Inzwischen nicht mehr notwendig, aber meinem Ego würde es gut tun. Er soll es aussprechen, dass er die Informationen an die Terroristen weiterleitet. Ich fahre mir übers Gesicht. Ich muss ja immer noch den Erpressten mimen, der jetzt sein Land verraten soll. Es wäre zu naiv von mir, ihn einfach zu fragen, was er mit den Daten macht, denn es ist klar. Er wird sie weiterreichen.

„Ich weiß, dass das vielleicht sehr überraschend für Sie kam, aber ich bin mir sicher, dass wir hervorragend zusammenarbeiten werden.“ Dieses Arschloch. Wie dreist kann man sein?

Ich muss es irgendwie versuchen, sonst beendet er das Gespräch womöglich. „Nehmen wir mal an, ich mach das.“ Croft zieht belustigt die Augenbraue hoch. „Nehmen wir an, ich mach das und gebe Ihnen die Infos. Was machen Sie dann? Geben Sie sie an diesen, wie war sein Name? Osario weiter?“ Hoffentlich lockt ihn das aus der Reserve.

„Osorio ist der Name. Und was ich mit den Daten mache, kann Ihnen herzlich egal sein.“
Verdammt! Irgendwie … „Und was dann?“, frage ich, als mir diese Idee gekommen ist. „Ich nehme an, die Mission wird wieder schief laufen, weil „irgendjemand“ uns verraten hat.“

„Wie kommen Sie denn auf die Idee? Natürlich kann das passieren, aber ich helfe Ihnen ja nur bei dem Fall. Wenn Sie auf meine Person andeuten wollen ...“ Ach verdammt! Warum sagt er es nicht einfach? Ich will nur ein: Ich leite die Daten weiter von ihm und ich hätte, was ich wollte. Aber nein, er macht es mir ja extra schwer.

Nun ja, dann vielleicht nicht. Wenn ich es weiter probiere, ziehe ich die Sache unnötig in die Länge. Ich glaube, ich beende das Gespräch jetzt vielleicht doch besser. Denn ich bezweifle auch, dass er es jemals in diesem Gespräch sagen würde.

„Ich glaube, Sie haben alles verstanden? Dann würde ich dieses Gespräch nämlich jetzt gerne beenden.“ Croft nimmt die Akten vom Tisch und sieht mich eindringlich an. Sein Gesichtsausdruck ändert sich aber, als er sieht, dass ich lächle. Ich muss kein Spiel mehr treiben.

„Ja, wir sind hier fertig, Agent Croft.“ Und schon geht die Tür auf und zwei weitere Agenten treten ein. Erschrocken schaut Croft auf. „Sie sind verhaftet wegen Hochverrats.“ Einer der dazugekommenen Agenten holt Handschellen heraus.

„Sie haben nichts gegen mich in der Hand“, versucht es Croft, aber er klingt wenig überzeugend.
Ich lächle noch breiter und nehme den Anstecker von meinem Jackett und zeige ihm die Kabel dahinter. „Kamera“, sage ich. „Sie haben sich verraten, als Sie genickt haben. Pech gehabt würde ich sagen.“ Die Agenten haben Croft die Handschellen angelegt und zerren ihn hoch. Fassungslos starrt er mich an. „Sie sollten nächstes Mal vielleicht eine Durchsuchung durchführen, bevor sie jemanden befragen. Aber ach ja, für Sie wird es keine nächste Untersuchung geben!“
Croft wirft mir einen bösen Blick zu. „Sie-“

„Abführen!“ Die Agenten führen Croft ab. Ich bleibe noch einen Moment sitzen und genieße diesen Sieg. Der hat nämlich nicht nur zur Folge, dass mein Ansehen enorm gestiegen ist und ich vielleicht befördert werde, nein, ich bin einen Konkurrenten los. Und ich bin sicher Osorio bezahlt mehr, wenn er erfährt, dass sein eigentlicher Informant verhaftet wurde.

Ich stehe auf und rutsche mein Jackett noch zurecht, bevor ich mich wieder an die Arbeit mache.





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Dies war eine wirklich interessante Geschichte von NoirAngel. Das Szenario war gut gewählt. Das Zitat hat da super gepasst. Wirklich toll.

Eure lula-chan
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