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When the night is darkest 1 – Verletzt

von Tilajasar
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Het
Caboose Greaseball OC (Own Character) Pearl Rusty
06.04.2020
26.04.2020
23
26.530
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20.04.2020 1.443
 
Rusty stand schnell auf. Sein Herz begann heftig zu schlagen, als die Tür langsam geöffnet wurde.
Im Schein des Mondlichts betrat Pearl vorsichtig die Scheune.
„Rusty?“, fragte sie leise.
„Ich bin hier.“
Da ihre Augen noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt waren, konnte sie ihn anscheinend nicht sehen. Er erkannte zwar ihre Silhouette, jedoch nicht ihren Gesichtsausdruck. So konnte er nur hoffen, dass sie lächelte, ebenso wie er. Am liebsten hätte er sie sofort in die Arme genommen, aber er musste zuerst einiges erklären.  
„Pearl, es tut mir so leid, was geschehen ist.“
„Oh, Rusty…”, hörte er sie sagen, als ob sie das schwer verletzt hatte.
„Ich wollte dir nicht wehtun. Wenn du wüsstest was ich die letzten Tage durchgemacht habe…“
„Erzähl es mir!”, sagte sie mit brüchiger Stimme und ließ sich an der Seitenwand der Scheune nieder.
Weil auch er keine Kraft mehr hatte länger stehen zu bleiben, tat er es ihr auf der gegenüberliegenden Seite gleich. So trennten sie nur wenige Meter und doch hatte Rusty das Gefühl als sei er ihr so fern wie nie.

„Ich fange am Anfang an… du hattest mich an diesem Morgen so wütend angeschrien, das werde ich nie vergessen. Nach meiner Tour bin ich dann nochmal rausgefahren. Ich wollte nachdenken, bevor ich wieder mit dir reden und alles erklären wollte.“ Er verstummte, denn was er jetzt sagen würde, hatte er ja aus gutem Grund bisher verheimlicht. Was würde sie von ihm denken, wenn er ihr von seinen Begegnungen mit den Dieseln erzählen würde? Sie würde ihn für einen Schwächling halten. Aber er war Greaseball nun einmal körperlich unterlegen, war es immer gewesen.
Er holte tief Luft und fuhr mit möglichst fester Stimme fort. „Ich war schon ein ganzes Stück von Victoria weg, als Greaseball plötzlich mit seiner Gang auftauchte. Zuerst machten sie sich nur lustig, aber dann wurden sie ziemlich brutal. Das war nicht das erste Mal, aber so kräftig zugetreten hatte Greaseball noch nie. Ich weiß nicht, was an dem Abend in ihn gefahren war.“
„Oh Rusty…”, hörte er Pearls mitleidvolle Stimme. „Er hat dich verletzt?“
„Ja, ziemlich schwer.” Ein Schauder durchlief Rusty als er daran dachte, wie er um sein Leben fürchtend in der Dunkelheit gelegen hatte.
„Ich bin dann in der Reparaturhalle in Naiva wieder aufgewacht. Ein Zug muss mich gefunden haben. Ich bin auch zuvor schon mal dort gewesen.“
„In der Reparaturhalle?”, fragte Pearl ungläubig. „Bei Liz?“
„Ja, aber, oh, nein, nein, nein, nicht wegen ihr!” Rusty verstand plötzlich wie seine Worte auf Pearl wirken mussten. „Das war Zufall. Ich war schon in verschiedenen Reparaturhallen… meist bin ich nicht mehr weit gekommen, nachdem Greaseball fertig war.“
„Was hat Greaseball damit zu tun?“, fragte Pearl verwirrt.
„Greaseball ist an allem schuld! Er hat gedroht dass er euch etwas antut, wenn ich erzähle, dass er mich zusammenschlägt. Also musste ich heimlich in Reparatur gehen. Deshalb konnte ich dir auch nicht sagen, warum ich über Nacht nicht nach Hause gekommen bin.“
„Weil du demoliert in einer Reparaturhalle lagst?“, fragte Pearl mit misstrauisch mitleidvoller Stimme.
„Meist war es nicht ganz so schlimm”, musste er zugeben. „Aber prinzipiell, ja.”
„Oh Rusty, das hättest du mir sagen müssen!”
„Ja, das weiß ich jetzt auch. Es war feige von mir es nicht zu tun.“ Er seufzte und wartete auf ihre Reaktion, aber sie schwieg. Was sollte er jetzt noch sagen? Alles was er über die folgenden Tage in Naiva erzählen konnte, trug nicht gerade zu seiner Entlastung bei.

Pearl fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Weinte sie? Ihre Stimme klang brüchig als sie die entscheidende Frage stellte. „Was ist mit Liz?“
Rusty fühlte sich hin und hergerissen. Er wusste, dass es das Beste wäre, wenn er ihr nicht die ganze Wahrheit erzählte, aber er wollte sie auch nicht mehr anlügen.
„Sie ist der Reparaturwagen von Naiva”, begann er. „Sie hatte mich schon vorher einmal repariert. Aber dieses Mal ging es mir sehr schlecht. Sie hat mir geholfen. Sie war die Einzige mit der ich während der drei Tage reden konnte.“
„Du hast dich in sie verliebt?“ Es klang mehr wie eine Feststellung als eine Frage.
„Nein!”, rief er, aber er wusste sofort, dass Pearl ihn durchschaute. „… Ja, vielleicht, ein bisschen…“, gab er kleinlaut zu. „Aber das wollte ich nicht. Ich weiß auch nicht… es ist einfach passiert. Ich habe es am Anfang gar nicht gemerkt. Und als ich es gemerkt habe, war es schon zu spät.“
„Also ist es wirklich wahr?“, schluchzte Pearl.  
„Was meinst du?”
„Du willst unsere Beziehung beenden.“ Sie schluchzte so laut, dass er ihre Worte kaum verstehen konnte.
„Nein!”, rief er entgeistert und sprang auf. Er konnte nicht länger mit ansehen, dass Pearl so traurig war. Er rollte zu ihr, setzte sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schulter. Er hoffte sie so trösten zu können, aber sie lehnte sich nicht an ihn.
„Ich liebe dich, Pearl”, versicherte er. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie traurig ich war, als du mich nicht in Naiva besucht hast. Ich hatte schon befürchtet, dass du das ernst gemeint hast, was du an dem Morgen gesagt hast… dass du mich nicht mehr wiedersehen willst.“
„Aber das ist kein Grund mich gleich zu betrügen!“, schleuderte Pearl ihm entgegen. „Dinah hat gesehen, dass du sie geküsst hast!”
„Ich habe doch schon gesagt, dass mir das leid tut.” Hörte sie ihm nicht zu oder glaubte sie ihm nicht? „Das war eine komische Situation, ich wusste nicht, was ich tat. Ich habe das nie gewollt. Ich wünschte es wäre nie passiert.“ Als er den letzten Satz ausgesprochen hatte, spürte er, dass das nicht wahr war. Er schloss die Augen und versuchte seine Gefühle für Liz zu verdrängen.
„Pearl, ich liebe dich und nur dich. Du bist mein Leben. Ich möchte mit dir zusammen sein. Das musst du mir glauben!”
Jetzt endlich lehnte Pearl ihren Kopf an seine Schulter. „Rusty, ich möchte dir glauben.” Es klang so als gäbe es noch ein Aber, jedoch sprach Pearl nicht weiter. So saßen sie eine Weile Seite an Seite zusammen und Pearl beruhigte sich langsam wieder.

Rusty hätte glücklich sein können, schien es doch so, als hätte sie ihm vergeben. Aber er spürte eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen, die nie zuvor da gewesen war. Das gefiel ihm nicht.
„Bist du wirklich so sauer auf mich gewesen, dass du mich nicht besuchen wolltest?“, fragte er, um die unangenehme Stille zu beenden.
Sie sah ihn überrascht an. „Es wusste doch niemand wo du warst. Du bist an dem Nachmittag einfach verschwunden. Sogar Greaseball hat nach dir gesucht.“
Rusty lachte auf. „Greaseball wusste genau wo ich war.”
„Wirklich?”
„Pearl, ich habe doch erzählt, dass er mich überfallen hat.” Rusty nahm seinen Arm von ihrer Schulter. „Glaubst du mir nicht?“
„Doch”, antwortete sie schnell aber es klang nicht überzeugt. „Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Es gab Gerüchte, dass ihr zusammen an der Küste gesehen wurdet.“
„Was? Das kann nicht sein!” Rusty war sprachlos. Wer erzählte so einen Blödsinn? „Ich war die ganze Zeit über in Naiva!“
„Bei Liz?” Pearls Tonfall gefiel Rusty nicht.
„Ja, natürlich. Sie ist der Reparaturwagen und jemand musste mich reparieren.”
Pearl nickte, sagte aber nichts. Rustys Unbehagen wuchs. Er spürte deutlich, dass sie ihm nicht glaubte aber er verstand nicht warum. „Du kannst die Züge in Naiva fragen… wenn du mir nicht glaubst”, fügte er traurig hinzu.
Sie sah ihn an. Es war zu dunkel um ihr Gesicht deutlich zu sehen, aber irgendwie wirkte sie zutiefst betrübt. „Versteh mich nicht falsch, Rusty. Ich möchte dir wirklich glauben. Aber mein Verstand lässt das im Moment nicht zu. Es ist zu viel geschehen in den letzten Tagen. Ich muss erst mit Greaseball sprechen.“

Rusty starrte sie an. Er konnte nicht glauben, dass sie das wirklich gerade gesagt hatte. „Er wird das doch niemals zugeben. Und dann glaubst du ihm und nicht mir?“
„Rusty.” Pearls Stimme hatte einen seltsamen Unterton. „Mach es nicht schwerer für mich als es schon ist.” Sie stand langsam auf und er tat es ihr gleich. „Ich muss jetzt gehen. Ich komme morgen Vormittag wieder.” Sie drehte sich einfach um und war drauf und dran davonzufahren. Das durfte sie nicht. Er würde sie verlieren, wenn dies geschah, dessen war er sich plötzlich ganz sicher.
„Pearl!“ Er ergriff ihren Arm aber bevor er sie noch bitten konnte zu bleiben, riss sie sich los.
„Fass mich nicht an!“, schrie sie. Jedoch schien sie ebenso überrascht von ihrer Reaktion zu sein wie er. „Es tut mir leid“, flüsterte sie schnell und war schon verschwunden.
Rusty stand noch einen Moment wie versteinert da, dann brach er zusammen. Er merkte nicht, dass sich draußen noch jemand anderes aus dem Staub machte.
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