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When the night is darkest 1 – Verletzt

von Tilajasar
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Het
Caboose Greaseball OC (Own Character) Pearl Rusty
06.04.2020
26.04.2020
23
26.530
1
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15.04.2020 1.321
 
Als sie zwanzig Minuten später wieder in Naiva einfuhren, hatte Rustys Zugkraft noch nicht nachgelassen. Er kam zum Stehen und grinste Liz an.
„Siehst du, ich bin fast wieder so gut in Form wie früher.“
Liz musste lächeln, denn sie sah sehr wohl, dass er mächtig außer Atem war.
„Fast“, betonte sie und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er sich auf den Oberschenkeln abstützte. „Ruh dich lieber etwas aus, bevor wir weiterfahren.“
„Nein, nicht nötig. Mir geht’s gut. Ich muss nur etwas langsamer fahren.”
„Bist du sicher? Nicht, dass du auf halbem Weg zusammenbrichst.”
„Ich schaffe das, vertrau mir“, sagte Rusty mit Nachdruck und richtete sich wieder auf.

Von dem was sie bisher mitbekommen hatte, war sie sich auch ziemlich sicher, dass er die Strecke nach Victoria schaffen würde. Dennoch wünschte sie, sie könnte ihn abhalten zu fahren. Aber Becca hatte schon recht, das würde das Unvermeidliche nur hinauszögern und letzten Endes vielleicht alles nur noch schlimmer machen.
„Gut, Rusty. Wir werden es versuchen. Setz dich hin und ruh dich aus während ich meine Rückfahrt organisiere.”
Als Rusty sie überrascht ansah, fügte sie lächelnd hinzu: „Wenn du erst zu Hause bist, wirst du mich wohl kaum wieder zurück nach Naiva ziehen, oder?”
„Stimmt“, gab er zu aber irgendwie schien er mit den Gedanken woanders zu sein, denn er lächelte nicht.

-

Als Liz verschwunden war fuhr Rusty zur nächsten Bank und ließ sich darauf nieder. Er hatte sich so gefreut wieder nach Hause zu kommen und jetzt, wo sein Wunsch endlich in Erfüllung gehen sollte, fühlte er sich alles andere als glücklich. Im Gegenteil. Er spürte einen Anflug von Traurigkeit, ja fast eine depressive Stimmung. Warum? Weil er Pearl gegenüber treten müsste und nicht wusste wie sie reagieren würde? Das war bestimmt einer der Gründe. Oder weil er Greaseball wiedersehen würde? Aber der Gedanke daran verursachte eher ein physisches Unbehagen. Da war noch etwas anderes. Er spürte es ganz deutlich aber das durfte doch nicht sein. Er konnte sich doch nicht so traurig fühlen, nur weil er sich von Liz verabschieden musste. Rusty schloss die Augen. Verdammt, er hatte sich zu sehr an ihre Anwesenheit gewöhnt.

-

Liz hielt vor der Bank und beobachtete Rusty einen Moment. „Schläfst du?“
Er öffnete die Augen und sah sie an, wie er es nie zuvor getan hatte. Sie fühlte sich fast ein bisschen unwohl unter seinem Blick. „Ist alles ok?“, fragte sie.
Er schüttelte den Kopf als ob er einen ungewollten Gedanken vertreiben wollte. „Ich hab nur… auch, ist egal.“ Er lächelte und stand auf. „Bist du bereit um mit dem Champion zu fahren?“
„Wenn der Champion seinen Grenzen kennt“, kicherte Liz. Sie war sehr froh, dass Rusty noch immer in guter Stimmung war. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht ergriff sie seine Kupplungsringe. „Fertig.“
„Halt dich fest!” Er stieß ein fröhliches Pfeifen aus und fuhr zügig los.

---

Sie hatten schon weit über die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als Rusty langsamer wurde. Zuerst bemerkte es Liz gar nicht. Sie genoss die Fahrt. Es geschah nicht oft, dass sie ohne Zeitdruck, ohne zu einem Unfallort zu müssen, unterwegs war. Als sie Rustys Erschöpfung bemerkte waren sie schon recht langsam geworden.
„Machen wir eine Pause“, schlug sie vor aber er schüttelte den Kopf.
„Nicht hier auf dem Hauptgleis… Dort vorn… gibt’s ein Abstellgleis.“ Er zeigte irgendwo nach vorn.
Liz stimmte zu. So fuhren sie langsam zur Gabelung und bogen auf das Nebengleis ab. In der Ferne endete das Gleis zwischen den Bäumen, aber so weit schaffte es Rusty nicht mehr. Schon wenige Meter hinter der Gabelung kam er zum Stehen.
„Tut mir leid… ich kann nicht mehr“, entschuldigte er sich und sank zu Boden.
„Alles ok?”, fragte Liz besorgt. Sie hatte nicht erwartet dass er sogar zu schwach zum Stehen war.
Rusty saß einfach da und atmete schwer. Erst als sie ihre Frage wiederholte nickte er.
„Lass mich das überprüfen“, forderte Liz und ging neben ihm in die Hocke.
„Nein! … nicht nötig“ Er versuchte Abstand von ihr zu gewinnen, als ob sie ihm wehtun würde.
Liz fühlte sich ein wenig vor den Kopf gestoßen und richtete sich wieder auf. „Wenn du meinst“, sagte sie langsam und ließ sich ein Stück entfernt nieder ohne ihn aus den Augen zu lassen. Sie merkte, dass er Schwierigkeiten hatte sich aufrecht zu halten.
„Manchmal kann man sich im Liegen besser erholen.“
Sofort legte Rusty sich hin. Liz musste lachen.
„Was ist so lustig?“
„Nichts. Ruh dich aus!“
Rusty schloss die Augen und erwiderte nichts mehr.

Nachdem sie ihn noch einen Moment beobachtet hatte, schaute Liz sich um. Das Nebengleis musste schon vor einiger Zeit aufgegeben worden sein. Überall wuchsen Gras und niedrige Büsche. Dennoch konnte sie von hier aus das Hauptgleis gut sehen. Als sie in Richtung Victoria blickte, spürte sie einen Anflug von Traurigkeit.
„Es ist nicht mehr weit bis zu deinem Zuhause“, sagte sie leise. Rustys Atmen war jetzt kaum noch zu hören. Liz fragte sich, ob er eingeschlafen war.
„Weißt du, ich werde dich vermissen“, sagte er plötzlich.
Überrascht drehte sie sich zu ihm um. Er lag noch immer da wie zuvor, Arme und Beine ausgestreckt, die Augen geschlossen, als hätte er nie ein Wort gesagt.
Liz überlegte noch, wie sie jetzt reagieren sollte, da öffnete er die Augen. Er hatte sie schon unzählige Male zuvor angesehen aber dieses Mal war es anders. Leider verstrich der Moment viel zu schnell. Rusty seufzte und setzte sich wieder auf.
Liz sah zu Boden. „Ich werde dich auch vermissen“, äußerte sie ihre Gedanken.
Als sie zu ihm blickte, schaute er sie wieder so seltsam an, als ob sich in seinem Inneren ein Kampf abspielte. Sie fühlte sich stärker denn je zu ihm hingezogen. Warum starrte er sie so an? Konnte es sein, dass er dasselbe empfand wie sie? Sie spürte wie ihr Herz schneller zu schlagen begann.

-

Rusty konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er wusste nicht, wie er sich in diese Situation gebracht hatte. Es war alles so unwirklich. Er saß da und starrte Liz an, die seinen Blick erwiderte und langsam auf ihn zu kroch. Er fürchtete sich vor dem was geschehen könnte und doch sehnte ein Teil von ihm es herbei. Eine leise Stimme flüsterte ihm zu, dass das nicht richtig war, dass er etwas sagen sollte, etwas tun müsse, um Liz aufzuhalten, aber sie war kaum zu hören. Sein Herz schlug viel zu laut. Als Liz ihn erreicht hatte, streckte sie langsam ihre Hand aus. Er wich nicht zurück, obwohl die Stimme in seinem Kopf jetzt beinahe schrie. Ihre sanfte Berührung fühlte sich so gut an. Er schloss die Augen. Als er spürte, wie ihre Lippen die seinen berührten, hatte er das Gefühl zu explodieren. Er wollte sie gerade umarmen, da ließ ihn das Geräusch eines herankommenden Zuges wieder zu Sinnen kommen. Hastig wich er zurück.

-

Liz verstand nicht, warum er plötzlich so panisch zurückwich. Er hatte doch gerade ihren Kuss erwidert, aber jetzt war sein Gesicht von Angst gezeichnet.
„Tut mir leid”, entschuldigte sie sich, „ich…“
„Wen haben wir denn da?”, erschreckte sie eine tiefe Stimme von hinten. Liz wandte sich um. Es war der Diesel von Rustys Yard, der gerade hinter ihr zum Stehen kam.
„Unser verloren geglaubter Dampfer und seine neue Flamme“, fuhr er an Rusty gewandt fort und machte eine drohende Geste. Liz suchte Rustys Blick aber er starrte nur auf Greaseball und schwieg.
„Ich glaube es nicht, Rusty!”, ertönte jetzt eine entsetzte weibliche Stimme. Liz drehte sich wieder um und sah, dass der Diesel einen von Rustys Personenwagen gezogen hatte, Dinah, wenn sie sich richtig erinnerte. „Was machst du hier? Pearl…”
„Wir haben genug gesehen!”, unterbrach sie Greaseball und war dabei Kehrt zu machen.
„Wartet!” Liz stand auf. „Lasst uns das erklären.”
Greaseball blickte sie mit gefährlich funkelnden Augen an. „Da gibt’s nichts zu erklären, Süße.” Er schaute noch einmal voller Verachtung in Rustys Richtung, dann drehte er sich um. „Komm Dinah, jetzt hast du was zu erzählen!“
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