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Die Miko und ihr Hund

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Tragödie / P18 / Gen
Inu-Yasha Kaede Kikyou
05.04.2020
13.02.2021
3
5.147
3
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
07.04.2020 1.977
 
Wie ihr bestimmt bereits bemerkt habt, spielt dieser Oneshot nicht im originalen Universum von Rumiko Takahashi. So habe ich manche Hintergründe abgeändert, wie beispielsweise, dass Dämonen kein Licht aushalten - was nun so im Manga/Anime gar nicht vorkommt. Je mehr ich schrieb, desto mehr löste ich mich von meinem eigentlich Konzept, weshalb zum Schluss eine ganz eigene Welt entstand. In einer gewissen Weise hatte mich der Film Bird Box zu dieser Geschichte inspiriert, auch wenn der Inhalt ein vollkommen anderer ist, aber ich wollte eine ähnliche Atmosphäre erschaffen.

Während das erste Kapitel sehr ähnlich zum Beitrag aus dem Jahreskalender war, werdet ihr wohl nun die ersten Unterschiede vorfinden. :)



Die Miko und ihr Hund
by littlejolie


Als sich der Sturm gelegt hatte, kehrte die Ruhe zum Higurashi-Schrein zurück. Nun hüllte ihn die Dunkelheit gänzlich ein. Einsam zirpten die Sommergrillen im meterhohen Gras, aber keiner leistete ihnen Gesellschaft. Selbst das Mondlicht hatte sich in den Schatten der Erde zurückgezogen. Es war eine klare Nacht, die die vergangenen Ereignisse mit tiefer Finsternis begrub, als hätten sie nie stattgefunden.

Kikyou traute der trügerischen Ruhe nicht. Es schien zu still für eine Welt, in der Dämonen nur bei Dunkelheit heraustraten. Etwas sagte ihr, dass bald ein neuer - wesentlich verheerender - Sturm heraufziehen würde. Immer wieder sah sie aus dem Fenster, um sich zu versichern, dass sich keine fremde Gestalt dem Schrein näherte. Doch inzwischen fielen ihre Augenlider im Sekundentakt zu und sie musste sich regelrecht dazu zwingen, länger wach zu bleiben. In den letzten Tagen schlief Kikyou kaum, sondern reinigte noch zur späten Stunde die Wunden des Hundes, den sie inmitten der Dämonenschar fand.

Vorsorglich zündete Kikyou wieder ein Räucherstäbchen an, da die meisten inzwischen fast ganz heruntergebrannt waren. Die Miko begann, leise ihre Gebete aufzusagen, um so böse Geister fern halten zu können. Bald würde das Morgenlicht sie in seine strahlende Sicherheit wiegen, aber bis dahin durfte sie sich keine Fahrlässigkeit erlauben.

Ein tiefes Knurren riss sie aus ihren Gedanken. Kikyou wand sich an den Hund, den sie hinter sich auf eine niedrige Holzpritsche gebettet hatte: "Entweder du hörst auf, zu meckern oder aber ich werde den Weihrauch-Bann gegen die vollwertigen Dämonen aufheben." Sie war zu übermüdet, als dass sie ihren Unmut verstecken wollte. Der Hund knurrte ständig, sobald sich die Miko in seiner Nähe befand.

Konsequent zündete Kikyou weitere Weihrauchkerzen an und bemerkte erst jetzt - als mehr Licht das Zimmer erhellte - dass sich rote Flecken auf dem Verband des Hundes gebildet hatten. Die Wunde musste sich erneut geöffnet haben. Kikyou seufzte und griff nach den Ölen aus Johanniskraut wie auch schon die Tage zuvor. Wieder knurrte der Hund und zeigte keinerlei Einverständnis, als sich sie ihm näherte. Immer wieder wand er sich aus dem Griff der Miko und versuchte, von der Holzliege aufzuspringen, brach jedoch vorher kraftlos zusammen.

"Halt still, du dummer Köter!", entgegnete Kikyou gereizt und löste langsam den Verband, "Oder du wirst an den Folgen einer Blutvergiftung sterben."

Vorsichtig tropfte sie die ätherischen Öle auf ein abgekochtes Stück Stoff, ehe sie dieses auf die Wunde legte und mit weiteren Tüchern festband. Der Rüde schien deutliche Schmerzen zu haben, hielt nun aber still. Er presste sein Gebiss starr zusammen.

Kein Mondlicht fiel wie sonst durch die Fensterläden und so strichen Kikyous Fingerspitzen in dunkler Einsamkeit durch das weiche Fell des Hundes. Er hatte seinen Kopf in den Schoß der jungen Frau gelegt. "Inu Yasha. Ein Halbdämon, der das Shikon no Tama seines Vaters stahl", begann Kikyou leise, "Was macht er wohl im Wald des Higurashi-Schreins? Ist er wirklich so töricht, dass er das letzte bisschen Menschlichkeit aufzugeben versucht, das ihm bleibt? Will er zu so einem Monster werden, das sein eigenes Aussehen im Licht des Blitzes nicht ertragen kann?"  

Seine Iriden wirkten so traurig in diesem Moment, dass sie unmöglich einem Tier entstammen konnten. "Kennst du die Antwort, Hund?", fragte Kikyou. Sie sah noch etwas in diesen dunklen Augen. War es etwa Angst?

Kikyou wollte die Geschichte hinter dem Juwelenraub erfahren und es sah fast so aus, als wäre der Hund bereit, seine tierische Gestalt zu verlieren, um die Wahrheit zu erzählen – sie wurden jedoch jäh unterbrochen.

Kaede stürzte atemlos in das Zimmer und lies die Tür hinter sich laut ins Schloss fallen. "Kikyou! Kikyou, komm schnell!", rief sie hektisch, "Die Dämonen haben das Dorf angegriffen." Sie stützte sich auf ihren Oberschenkeln ab, um so besser nach Luft ringen zu können, ehe sie weitersprach: "Shako wurde schwer verletzt... Alle Häuser sind zerstört... Es gibt Tote."

Da war er. Ihr Sturm kehrte zurück. In einer stillen Mondfinsternis.

"Die Dämonen sind völlig außer sich, weil sie das Shikon no Tama nicht finden können", fügte Kaede hinzu, doch ihre Schwester war bereits aus dem Zimmer gerannt. Sie griff nach einer Feuerfackel und der Schatulle, in der sie ihre Heilkräuter aufbewahrte. Nur der Hund auf der Holzpritsche hatte die Worte des kleinen Mädchens gehört.


xXx



"Ich mag ihn nicht", entgegnete Kaede und schob beim Sprechen die Unterlippe hervor, als wäre sie noch immer ein Kleinkind. Sie nippte an ihrer Teetasse. "Der Hund ist gruselig.“

"Wieso das?", fragte Kikyou und packte abwesend ein paar getrocknete Kräuter in eine Holzschatulle, die sie später ins Dorf mitnehmen würde. Shakos Wunden bereiteten ihr noch immer Sorgen und selbst die seltenen Ringelblüten aus den nährstoffreichen Böden des südlichen Landes halfen nur bedingt. Glücklicherweise hatten die Dämonen schnell begriffen, dass sich das Shikon no Tama nicht im Dorf befand, sodass nicht noch weitere Bewohner verletzt wurden. Die Schäden an den Hausdächern und die Angst in den Herzen der Menschen blieben dennoch.

"Schwester, hast du seinen Blick gesehen? Er starrt einen immer direkt an", begann Kaede erneut und deutete mit zwei Fingern auf ihre eigenen Augen, "Nicht wie ein Hund, der sein Herrchen beobachtet - sondern wie ein Mensch seine Gegenüber.“

"Kaede, du hast zu viel Fantasie!", Kikyou lachte, doch ihre Stimme klang belegt. Kaede spürte das etwas mit diesem Hund nicht stimmte. Sie kannte ihr Schwester zu gut, als dass sie eine einfache Lüge nicht erkennen würde.

Doch ein dumpfer Laut unterbrach ihr Gespräch abrupt. Es klang, als würde man die Fenster mit einem Griff zu hektisch aufziehen wollen.

Kikyou hörte schlagartig damit auf, die getrockneten Kräuter zu sortieren und sprang auf; zog sich noch nicht einmal ihre Tabi an, obwohl man sich in dem alten Holzboden leicht Splitter in die Fußsohlen einziehen konnte. Sie eilte zu dem kleinen Zimmer, das sich an der nördlichen Stirnseite des Schreins befand und in dem sie den Hund untergebracht hatten. Kaede schüttelte nur den Kopf. Seit der vergangenen Mondfinsternis schien ihre Schwester geradezu paranoid.

Als Kikyou das Abstellzimmer betrat, lag nicht länger ein Hund mit langem, weichem Fell auf der Holzpritsche. Sie sah kein Tier, das jämmerlich aufheulte, weil der Schmerz seinen Körper lähmte und dessen Augen so traurig wirkten, dass Kikyous Herz einen Moment anhielt.

Ein Mann stand nun vor ihr.

Er füllte den Raum mit seiner kräftigen Statur so sehr aus, dass die vier Wände noch enger wirkte, als sie es ohnehin schon waren. Sein weißes Haar war ein wenig zerzaust. Aus golden leuchtenden Augen starrte er sie an. Kikyou konnte selbst jetzt den verletzten Hund in ihm sehen. Er besaß noch immer diesen traurigen Blick.

"Es ist dort in der Schatulle, Inu Yasha", sie wusste, wonach er suchte und so wollte sie es noch nicht einmal beim Namen nennen. Kikyou zeigte auf eine hölzerne Truhe, in die in filigraner Handarbeit kleine Kirschblüten geschnitzt waren.

Im nächsten Moment war Inu Yasha an das Regal herangetreten, in der sich die kleine Schatulle befand. Augenblicklich wollte er diese augenblicklich öffnen, doch schreckte zurück. Einige Male pustete er auf seine Finger, mit denen er das Holz berührt hatte, aber versuchte es dann erneut. Wieder musste er zurücktreten, weil der Schmerz nicht zuließ, dass er die Schatulle öffnen konnte. Inu Yasha fluchte laut.

"Du wirst sie nicht berühren können. Sie ist aus Sandelholz. Das wirkt auch bei Halbdämonen", fügte Kikyou hinzu - erst nach dem er seine Hand einige Mal hin und her schüttelte, als hätte er sich an der Truhe verbrannt. Sie sah wehleidig auf jenen Halbdämonen, der vergeblich versuchte an das Shikon no Tama zu gelangen, um seine Menschlichkeit endgültig zu verlieren.

"Kannst du dich noch an die Frage erinnern, die du mir in der Nacht der Mondfinsternis gestellt hast?", fragte er nun. Der Zorn schien aus Inu Yashas Zügen verschwunden. Aber Kikyou schwieg weiterhin. Sie konnte sich daran erinnern - klar und deutlich - dennoch wollte sie die Worte noch einmal aus seinem Mund hören.

Weil Kikyou noch immer keiner Antwort gab, wiederholte Inu Yasha nun selbst ihre Frage: "Was macht ein Halbdämon, der das Shikon no Tama gestohlen hat, im Wald des Higurashi-Schreins?“

In den Nächten, in denen Kikyou bei ihm saß, hatte sie sich oft vorgestellt, wie seine Stimme klingen mag. War sie genauso menschlich wie der Blick in seinen Iriden? Jetzt war es merkwürdig, diese tatsächlich zu hören.

"Ich schätze, der Halbdämon hat seinen naiven Wunsch, ein vollwertiger Yōkai zu werden, aufgegeben", fuhr Inu Yasha fort und schob die Fenster so weit auseinander, dass er nun leicht hinaussteigen konnte. Er spürte die Tautropfen auf den Grashalmen an seiner Fußsohle, als er seinen ersten Schritt hinaustrat.

Vor wenigen Wochen lag er auf einer Waldlichtung und sah den Tod heraneilen. Kikyou hatte ihn gerettet und verbrachte seitdem jede Nacht an seiner Seite, um über ihn zu wachen. Wenn sie dachte, er würde schlafen, fuhr sie mit ihren feinen Fingern durch sein Fell. Inu Yasha erinnerte sich auch an das kleine Mädchen, das ihm trotz ihres Argwohns jeden Morgen eine Schale mit sauberem Brunnenwasser hingestellt hatte. Er konnte die Menschlichkeit, die man ihm schenkte, nicht vergessen. Inu Yasha wollte sie nicht länger ablegen. Viel mehr wuchs in ihm Stolz, dass er sich von jenen Dämonen aus dem nördlichen Gebirge unterschied. "Behalt du es. In deinen Händen wird es Gutes tun können.“

"Wieso?", fragte Kikyou und griff nach seinem Arm. Sie zog so fest daran, dass Inu Yasha fast über den Fensterrahmen zurück ins Zimmer stolperte. Kikyou wollte ihn unter keinen Umständen gehen lassen, auch wenn sie gewusst hatte, dass dieser Tag kommen würde.

Doch Inu Yasha hielt dagegen an. Er musste an die Dorfbewohner denken, deren Häuser zerstört wurden. Die Menschen, die wegen seiner Torheit verletzt wurden. Nein, er konnte nicht auch noch Kikyou in Gefahr bringen, wenn er länger im Higurashi-Schrein verharrte. Sein Körper spannte sich an.

Er löste ihre Hände, die sich in sein rotes Kariginu gekrallt hatten - ganz vorsichtig, um sie dabei nicht zu verletzen. Kikyou hatte inzwischen zu weinen begonnen und so strich der Halbdämon die Tränen, die sich ihre Wangen hinabbahnten, mit seinem Daumen behutsam davon. Sie schluchzte laut, als Inu Yasha auch den letzten Finger von sich löste und endgültig aus dem Fenster stieg.

"Bleib hier, du wirst dort draußen sterben, wenn dich die Dämonen finden!", rief sie ihm panisch hinterher. Kikyou erinnerte sich selbst ein wenig an Kaede während des Gewitters. Aber nun konnte sie die Angst, die ihre Schwester damals um sie gehabt haben musste, verstehen. Kikyou schrie weiter, bat ihn zurückzukehren.

Doch Inu Yasha zog weiter. Mit jedem Schritt wurde seine Silhouette kleiner, bis sie letztendlich gänzlich im Wald des Higurashi-Schreins verschwand.

Kikyou verlor ihren Halt und musste sich am Fensterrahmen stützen, um nicht vollkommen in sich zusammen zu sacken. Sie bemerkte in ihrem Kummer nicht, dass die Tür zum Abstellzimmer einen Spalt weit geöffnet war. Kaede stand dahinter und hatte das ganze Gespräch mitverfolgen können. Auch sie starrte dem Halbdämonen hinterher - aber nicht mit Trauer sondern Wut. Inuyasha war Schuld daran, dass das Dorf zerstört wurde. Dies würde sie ihm nicht verzeihen können.
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