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Die Miko und ihr Hund

GeschichteDrama, Tragödie / P16 / Gen
Inu-Yasha Kaede Kikyou
05.04.2020
13.02.2021
3
5.157
3
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
05.04.2020 2.109
 
Vielleicht habt ihr den Text als einen Beitrag zum Jahreskalender 2020, der von der lieben lula-chan ins Leben gerufen wurde, bereits in diesem Fandom gesehen. Dabei handelt es sich um ein Projekt, bei dem jeder Tag ein Zitat aus Film & Fernsehen sowie aus der Literatur bekommt. Die Aufgabe des Autors liegt nun darin, das entsprechende Zitat entweder wortwörtlich oder sinngemäß in eine Geschichte zu verpacken. So habe ich ursprünglich einen Oneshot zu dem Zitat "Leute können sich ändern oder sie sterben, bevor sie es tun. Entweder das eine oder das andere“ aus Naruto für den 24. März verfasst.

Um den Kalender extern weiterzuführen, verlinke ich euch noch den vorherigen und folgenden Beitrag. Es lohnt sich, auch dort einmal vorbei zu schauen! :)



Jedoch muss ich gestehen, dass sich das Ende ein wenig vom ursprünglichen Original unterscheiden wird. So habe ich beschlossen, noch ein weiteres Kapitel hinzuzufügen und dieser Geschichte eine andere Richtung zu verleihen. Seid gespannt! Auch habe ich den Oneshot der Übersicht wegen weiter unterteilt und werde die folgenden Kapitel im Laufe der nächsten Wochen hochladen. Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen! :)



Die Miko und ihr Hund
by littlejolie


Es geschah nur selten, dass Dämonen aus ihrer Dunkelheit hervortraten. Für gewöhnlich verbrachten sie ihr Leben im steinernen Inneren der nördlichen Gebirge. Es war einsam zwischen den vielen Stalagnaten, aber unter dem hellen Licht der Sonne konnten sie nicht leben. Es ließ ihre Haut zu Staub zerfallen, kaum dass sie mit diesem in Berührung kamen. Nur nachts traten sie vereinzelt hervor.

Aber die Dämonen sehnten sich nach der Sonne und der Schönheit, die sich ihnen nur am helllichten Tag offenbarte. Sie wollten wissen, wie die Welt und ihre eigene Gestalt aussahen - unwissend, dass sie selbst keinerlei Anmut besaßen.

Wenn es nun aber an manchen Tagen stürmte und die Erde für einen Moment von Blitzen erleuchtet wurde, kamen die Dämonen zu Scharen aus ihren Höhlen. Sie wussten, dass das Licht zu kurz erstrahlte, als dass es sie in diesem Falle verbrennen könnte. Nur manchmal überschätzten sie sich und traten zu nah an einen der einschlagenden Blitze.

Ein Gewitter zog am Horizont auf.

Dunkle Wolken verdeckten die Mittagssonne, die sonst zu dieser Uhrzeit über ihrem Zenit stand. Kikyou beobachtete gelangweilt die Regentropfen, die gegen das dünne Fenster aus Papier fielen. Sie saß im Lotussitz auf zwei dünnen Kissen und lauschte, wie der Wind um das Dach des Schreins fegte. Ihr Brustkorb bewegte sich ruhig auf und ab.
Während eines Sturmes war es zu gefährlich, die vier Wände des Eigenheims zu verlassen, weswegen ihr nichts anderes übrig blieb, als die Stunden bis zum nächsten, sonnigen Morgen mit Meditationsübungen herumzuschlagen. Sie seufzte. Immerhin war sie zwischen dem Rauch der Sandelholzstäbchen sicher vor bösen Geistern.

Es klirrte plötzlich. Porzellan an Porzellan.

Kikyou hatte sich so auf das Zusammentreffen der einzelnen Wassertropfen konzentriert, dass sie nun erschrocken zusammenzuckte. Fast hätte sie befürchtet, dass das gute Porzellan des ehemaligen Shinshoku zerbrochen wäre, doch ihre Schwester hatte lediglich die keramischen Unterteller mit zu viel Schwung abgesetzt. Auf ihren mahnenden Blick stellte Kaede die zwei dampfenden Teebechern nun wesentlich vorsichtiger ab.

Es blitzte erneut. Das Gewitter war in der Zwischenzeit nähergekommen.

Kikyou verbeugte sich abschließend und faltete die Sitzkissen wieder sorgfältig zusammen. Ihre Schwester hatte sich neben sie gekniet und die restliche Meditation stumm beobachtet.

"Man erzählt sich, dass die Dämonen im Wald kämpfen würden", berichtete Kaede von den Geschichten, die sie gestern in der naheliegenden Gemeinde erfahren hatte, "Einer ihrer Söhne habe ihr kostbarstes Kleinod gestohlen. Die Dämonen wären sehr darüber erzürnt, die Macht darüber verloren zu haben.“

"Kaede, du solltest weniger den Märchen aus dem Dorf zu hören und lieber die Norito-Gebete üben. Diese kannst du noch immer nicht auswendig", antwortete Kikyou. Sie starrte während des Sprechens kontinuierlich auf den schmalen Spalt zwischen den Papierfenstern; wirkte ganz abwesend.

Kaede folgte dem besorgten Blick ihrer Schwester in die Richtung des angrenzenden Waldes. In den wenigen Sekunden, in denen ein Blitz auf die Erdoberfläche einschlug, konnte sie die Umrisse der Dämonen zwischen den Rotkiefern erkennen. Sie hatten nichts Menschliches mehr an sich. Ihr Aussehen erschreckte Kaede jedes Mal aufs Neue. Vorsichtig schob das junge Mädchen ihre Handflächen über die Augen, sodass sie nur noch zwischen den Fingern hindurchsehen konnte. Von draußen vernahm sie die bestürzten Schreie derjenigen Dämonen, die erstmals ihr abstoßendes Spiegelbild auf der Reflexion einer Pfütze sahen.

Kikyou hatte ihren Blick noch immer nicht von dem schauervollen Ereignis abgewandt. Dort draußen geschah etwas. Das konnte sie deutlich in ihren Fingerspitzen fühlen. Die Schwingungen hatten ihr harmonisches Gleichgewicht verloren und waren nun von Aggressivität gezeichnet. Böse Geister schienen am Werk zu sein. Ihre Schwester besaß unwissentlich Recht: Es wütete tatsächlich ein Kampf zwischen Dämonen. Aber Kaede war zu jung, um ihre eigenen Worte verstehen zu können.

Die Luft schien geradezu elektrisch geladen und Kikyou konnte das vergossene Blut in der klaren Nachtluft vernehmen. Zunehmend baute sich die Spannung auf. Mit jedem Donner stieg sie und entlud sich schlagartig in weiteren Blitzen.

Aber mit einem Mal war ein weiterer Schrei zwischen dem Rhythmus aus Groll und Licht zu hören. Er hob sich deutlich von den vorherigen ab; war so menschlich, dass ihn kein Dämon ausstoßen konnte. Jemand bat um Hilfe mit der letzten Kraft, die er dazu aufbringen konnte.

"Hörst du das nicht, Kaede?", fragte Kikyou und öffnete das Fenster noch ein weiteres Stück, als könnte sie so die Hilferufe besser verstehen. Einige Regentropfen fielen in den Raum und bildeten eine Pfütze auf dem hölzernen Boden.

Doch Kaede konnte nichts Auffälliges außer dem Donnerschall und dem Lärm der Dämonen vernehmen. "Was meinst du?", erkundigte sie sich. Sie war sogar näher an das Fenster herangetreten und hatte ihr Ohr auf dessen Oberfläche aus Papier gelegt, musste sich jedoch eingestehen, dass sie nicht die geringste Ahnung besaß, wovon ihre Schwester sprach.

Wieder ertönte der Aufschrei und dieses Mal klang er noch verzweifelter als zuvor. Wie die Blitze, die draußen in der kalten Frühlingsnacht tobten, durchschnitt er die Luft. Er fuhr Kikyou regelrecht durch Mark und Bein. "Na, das!", sie zeigte in die Richtung, in welcher der Wald in die zerklüftete Felsenlandschaft des Nordens überging. Es war so deutlich zu vernehmen, dass sich Kikyou tatsächlich wunderte, wie Kaede dies entgehen konnte.

Aber Kaede schüttelte nur resigniert den Kopf. Inzwischen wägte sie sogar ab, ob Kikyous Sinne nicht doch schon von den unzähligen Räucherstäbchen vernebelt wären. "Das sind doch nur die Dämonen", antwortete sie daraufhin beschwichtigend und zog langsam den Spalt zwischen den Fenstern zu.

Doch Kikyou hielt eifrig dagegen an und schob nun die Türen auf der nördlichen Stirnseite des Gebetsraumes auf. Das Gefühl, das jemand nach ihr rief, wollte sie schlichtweg nicht verlassen. "Nein, das ist etwas anderes!"

Der Wind wurde stärker und riss beinahe die Fenster aus ihren Angeln. Es fiel Kaede schwer, diese noch an ihre ursprüngliche, geschlossene Position zu ziehen. Immer wieder schoben die Luftströme sie zurück. Wenn Kaede nicht bald alles schloss, würde der Sturm das Innere des Meditationsraumes verwüsten. Selbst die schweren Regalen mit den geistlichen Niederschriften drohten gefährlich zu wanken. "Kikyou, bitte mach das Fenster zu! Es regnet schon rein", bemühte sich das junge Mädchen erneut, aber ihre Schwester hörte ihr schon gar nicht mehr zu. Sie rannte zu der Kommode, die für die Kleidung der Miko vorgesehen war und holte mit schnellen Griffen ihre weißen Tabi hervor, um sich diese über die nackten Füße zu ziehen.

Kurz hielt Kikyou inne. Da war noch etwas. Unter der Verzweiflung der Hilferufe lag eine andere, weitere Kraft, die sich in ihrer Reinheit von Jeglichem unterschied, was sie jemals gespürt hatte. Klar und anziehend, sodass man sie von sich aus begehren wollte. Wie ein roter Faden wand sie sich durch die jahrtausendalte Existenz der Welt, als bestände die irdische Entstehung selbst in dieser geheimnisvollen Kraft. Sie musste ihr folgen. "Ich werde nachsehen!“

Kikyou entzündete eine der in Öl getränkten Fackeln - in der Hoffnung, so Dämonen auf ihrem Weg durch den Wald fern halten zu können. Ihren Bogen und einen Köcher voll spitzkantiger Pfeile legte sie sich leichthändig über die rechte Schulter. Anschließend verbeugte sich die Miko und sprach ein leises Gebet aus, ehe sie die Türschwelle übertrat.

Ein letztes Mal drehte sich Kikyou um und versuchte dabei den Blick ihrer Schwester aufzufangen. "Ich passe schon auf mich auf. Kaede, bleib du aber hier und verlasse das Haus nicht. Hörst du?", sprach Kikyou ruhig und griff nach den Händen des jüngeren Mädchens, das ihr unweigerlich bis zur Türschwelle gefolgt war.

Kaede wollte ihre Schwester nicht in das unheilvolle Gewitter gehen lassen und umschloss ihre Finger ein Stück fester. Sie konnte wirklich nicht nachvollziehen, was Kikyou dazu bewegte, sich freiwillig in Gefahr zu begeben. Am liebsten hätte Kaede sie die ganze Nacht über festgehalten, doch im nächsten Moment stoß Kikyou sie unvermittelt von sich. Ihre Schwester hatte sich so heftig von ihr losgerissen, dass sie in das Innere des Schreins gestoßen wurde. Kaedes Rücken schmerzte von dem abrupten Sturz und sie musste sich sehr zusammenreißen, nicht in Tränen auszubrechen.
"Kikyou! Kikyou, komm zurück!", schrie sie ihr schluchzend hinterher, aber ihre Schwester hörte sie nicht mehr. Der Donner hatte Kaedes Rufe verschlungen.

Kikyou rannte immer weiter, bis letztendlich auch ihr roter Hakama zwischen den Rotkiefernstämmen verschwand. Sie wusste nicht, wohin genau ihr Weg führte, folgte lediglich der Kraft, die sie sicher durch den Sturm leitete.

Der Regen durchnässte ihre Kleidung und ließ die dunklen Haare unangenehm im Nacken kleben. Mit jedem Schritt, den Kikyou tat, drohte sie tiefer in den nassen Waldboden einzusinken. Sie hielt die Fackel noch immer fest in ihren Händen, obwohl diese schon wenige Minuten nach ihrem Aufbruch erloschen war. Nur ein glühender Strumpf blieb übrig, dessen Licht gerade noch dazu ausreichte, die animalischen Blicke in ihrer unmittelbaren Nähe zu erkennen. Dämonen versteckten sich hinter jedem Baumstamm und warteten auf eine Gelegenheit, in der Dunkelheit die junge Frau gänzlich umhüllen würde.

Die bösartige Energie verdichtete sich schlagartig vor ihr. Kikyou trat auf eine Lichtung inmitten des Waldes. Die ersten Ausläufer des nördlichen Gebirges waren zu sehen. Sie schien ihr Ziel gefunden zu haben. Überall waren Dämonen. Sie wetzten ihre Krallen aneinander, bohrten ihre Kiefer tief in das Fleisch der anderen. Im feuchten Gras lagen zerstückelte Gliedmaßen.
Auf einmal ging es ganz schnell.

Einer der Dämonen hatte die Miko am Rande der Lichtung entdeckt. Kikyou wollte nach ihrem Bogen greifen, doch wurde schmerzhaft zu Boden gerissen. Sie spürte, wie Blut auf ihr weißes Hemd fiel und konnte noch nicht einmal sagen, ob es sich dabei um ihr eigenes handelte. Ein Yōkai hatte sich auf sie gestürzt und begrub sie gänzlich mit seinem insektenartigen Chitinpanzer. Tausend Arme schienen um ihren Körper zu greifen und sie ersticken zu wollen. Kikyou bekam keine Luft mehr und ihre Sicht verschwamm bereits. War dies ihr Ende? Starb man so leicht durch Dämonenhand?

Plötzlich schlug ein Blitz auf die Lichtung ein. Es wurde für einen Moment still, als wollte die Zeit nicht länger fortschreiten.

Donner folgte. Der Geruch von versengtem Fleisch erfüllte die Luft.
Nur langsam lösten sich die Dämonen aus ihrer Starre, als würde der Schmerz nicht sofort ihre Nervenbahnen hinaufwandern. Sie ließen sie von der jungen Miko ab und flüchteten eilend in die Richtung des Shinan-Flusses, um ihre verbrannte Haut im kalten Nass abzukühlen.
Das Feuer züngelte allmählich durch das Geäst und kämpfte rauchend gegen den Regen an. Die Schreie der Dämonen wurden lauter, erbitterter. Nur ein weißer Körper blieb leblos im Gras liegen.

Langsam versuchte Kikyou, wieder aufzustehen, benötigte allerdings einige Anläufe. Sie rang noch immer nach Atem und so fiel ihr jede Bewegung schwerer als sonst. Es fühlte sich so an, als lägen die Hände der Dämonin noch immer an ihrer Kehle.

Kikyou näherte sich dem Körper schwerfällig und erkannte einen Hund, der starr auf dem Boden lag. Sein Fell war blutverschmiert und eine klaffende Wunde zeichnete sich über seiner Bauchdecke ab. Zuerst dachte Kikyou er wäre bereits tot, doch sein Brustkorb hob sich bei genauerem Hinsehen unscheinbar. War er es, der sie gerufen hatte? Ein Hund? Diese anziehende Kraft strahlte noch immer, schien so nah wie nie. Er musste es gewesen sein.

Kikyou beugte sich über den Hund, um seine Verletzungen genauer betrachten zu könne. Sie musste ihn so schnell wie möglich zum Schrein bringen, ehe er vor ihr auf dem feuchten Waldboden verstarb.

Als Kikyou den Hund vorsichtig hochhob, fiel ein Stein auf den Erdboden. Sein violetter Glanz spiegelte sich auf den Wassertropfen, die seine Oberfläche bedeckten. Das Shikon no Tama.
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