Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Das Sandkorn, das dachte es wäre ein Berg

GeschichteFantasy / P6
05.04.2020
05.04.2020
1
2.094
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
05.04.2020 2.094
 
Es war einmal eine Sandkornwelt mit Milliarden von Sandkornbewohnern. In diese Welt wurde ein Sandkorn in eine reiche Familie geboren. Niemals erfuhr es auch nur den geringsten Mangel. Stets war von allem mehr als genug da.

Als eines Tages der Vater des Sandkornes starb, hinterließ er gewaltige Schätze und all dies hatte er seinem Sohn hinterlassen.
Das Sandkorn triumphierte und dachte: „Ja! Nun bin ich so reich wie mein Vater es war. Ich besitze Land und viele Häuser. Ich kann prunkvolle Kutschen, Gold und Edelsteine mein Eigen nennen. Die Schatztruhen sind voll.“
Doch in seinem Inneren war das Sandkorn nicht zufrieden. „Ich will mehr“, dachte es. „Ich will reicher sein als mein Vater es je war. Ich will das reichste Sandkorn des Landes werden.“

Es war längst schon zu einem schlauen Geschäftsmann herangereift und wusste wie man aus einer Schatztruhe voller Gold, zwei Truhen voller Gold machen konnte.
Es log und betrog und bestach andere Sandkörner. So wurde es reicher und reicher. Längst schon war die Schatzkammer seines Vaters zu klein geworden und es ließ ein neues und gewaltiges Schatzhaus errichten.

So kam es, dass es tatsächlich zum reichsten Sandkorn des Landes wurde. In seinem neu errichteten Landsitz dachte es nach: „All mein Besitz ist nicht genug“, dachte es. „Ich will mehr. Ich will König werden. Ich will der Herrscher über alle Sandkörner des Landes sein. Gold allein reicht mir nicht. Ich will Macht. Noch mehr als ich es schon habe.“
Es umgab sich mit anderen reichen und mächtigen Sandkörnern des Landes und vergab mehr als großzügige Geschenke. So begann es im ganzen Lande für sich selbst zu werben. Es log und versprach, es versprach und log, denn es war sicher, dass die Millionen Sandkörner des Landes seine Lügen nicht durchschauen konnten, weil es mächtige Sandkörner hinter sich wusste, die es unterstützten.

Doch es gab andere im Lande, die ebenso König werden wollten. So konnte sich das reiche Sandkorn nicht sicher sein ob es denn zum König gekrönt würde. Es beratschlagte sich in seinem Landsitz mit seinen Handlangern und versprach ihnen Reichtum. Und sie ersannen sich neue Möglichkeiten um das Volk auf die Seite des Alphasandkorns zu ziehen. Denn so stellte es sich bei dem Volk dar. Als Alphasandkorn, welches alle Probleme des Landes lösen könne und der einzig wahre Anführer sei.
So hielt das Alphasandkorn Reden vor dem Volk und behauptete, dass Eindringlinge aus den Nachbarländern dafür verantwortlich seien, dass es im Lande so viele Probleme und Armut gäbe. Es versprach gewaltige Mauern zu bauen, die das Land schützen würden und gegen die Eindringlinge mit harter Hand vorzugehen.

Das Volk glaubte dem Alphasandkorn und so kam es, dass es eines Tages zum König gekrönt wurde. Das Volk jubelte und war sich sicher einen guten und starken Herrscher gewählt zu haben.
In seinem neu errichteten Palast lachte der neue König und dachte: „Ja, nun bin ich Herrscher über dieses Land. Was ich sage wird geschehen. Niemand wird mir jemals sagen können was ich tun oder lassen soll. Ich selbst bin das Gesetz und werde tun was mir gefällt.“

Doch in seinem Herzen war das Königssandkorn noch immer nicht zufrieden und dachte: „Ich will mehr. Ich will der Kaiser des Kontinents werden. Nein! Das ist nicht genug. Ich werde der Herrscher der ganzen Welt und meine Größe wird unerreichbar sein. Nicht einmal der höchste Berg der Welt kann mir gleichen.“
So machte sich das Königssandkorn ans Werk. Es hielt sein Versprechen und ließ mächtige Mauern um sein Reich errichten um sein Volk in Sicherheit zu wiegen, damit es ihm auch weiterhin ergeben sei. Das Volk bemerkte dabei nicht, dass es in Wahrheit eingesperrt wurde. Das Königssandkorn ließ Eindringlinge in die Kerker werfen und die ihm widersprachen wurden in Ketten gelegt und erlitten schlimme Qualen.

Nun hieß das Königssandkorn die klügsten Köpfe des Landes in seinem neu errichteten Schloss willkommen. Ingenieure, Wissenschaftler, Bauherren, Techniker, die Generäle des Krieges und die Sandkornherren der Schätze, welche ihm schon lange zugeneigt waren. Das Königssandkorn versprach ihnen Ruhm, Ehre, Reichtum und Macht, wenn sie ihm Willens seien. Und die klügsten Köpfe des Landes nahmen gierig seine Worte auf und glaubten ihm, denn sie fürchteten selbst in die Kerker geworfen zu werden, wenn sie ihm nicht folgen würden. Also wies er seine Generäle des Krieges an Waffen schmieden zu lassen. Und da es nicht bereit war sein eigenes Gold zu opfern sollten die Sandkornherren der Schätze alles Gold und Silber des Volkes stehlen.
So wurden abertausende Schwerter und Speere geschmiedet. Und als die Generäle sagten, dass es genug seien, ließ das Königssandkorn noch mehr Schwerter und Speere schmieden.

Nun wies das Königssandkorn die Ingenieure und Techniker an, gewaltige eiserne Kriegsmaschinen und Fluggeräte zu bauen, deren Geschosse in der Lage waren, die stärksten Mauern der Welt zu brechen. Und als die Generäle sagten, dass es genug seien, ließ das Königssandkorn noch einmal so viele Maschinen und Geschosse bauen.

Mancher Orts legten sich dichte Rauchwolken der Schmieden und Werkstätten über das Land und das Volk ächzte unter den Lasten, die ihm das Königssandkorn auferlegte. Denn es zwang sein Volk zur Arbeit in den Bergwerken um die Erze der Tiefe zu beschaffen, die es für noch mehr Waffen benötigte.
Viele Sandkörner schafften es nicht zu leisten was verlangt war. Alte und Kranke erachtete das Königssandkorn als wertlos und ließ sie an Hunger sterben.

Das Königssandkorn saß an seiner reich gedeckten Tafel und dachte nach: „Wenn ich es schlau anstelle, so werde ich bald ohne große Mühe der Herrscher des ganzen Kontinents sein und niemand wird mich noch aufhalten können. Ich wurde zum Herrschen geboren und ich bin das größte und mächtigste Sandkorn von allen. Ich will nicht mehr, nein, ich will alles.“
So erklärte das Königssandkorn die schwachen Staaten des Kontinents, die bisher seine Verbündeten waren, zu Feinden und die starken Staaten, welche bisher seine Feinde waren, zu Verbündeten.
Und so kam es, dass sich seine Feinde und Verbündete gegenseitig bekämpften und es wurden grausame Schlachten geschlagen ohne, dass das Königssandkorn auch nur einen einzigen seiner eigenen Soldaten in den Kampf schicken musste.

In seinem Schloss saß das Königssandkorn auf seinem Thron und rieb sich die Hände. „Alles verläuft nach meinen Plänen, meine Schläue ist unübertroffen. Ich werde am Ende als einzig wahrer Sieger hervorgehen, ohne auch nur einen Finger krummgemacht zu haben.“
Das Königssandkorn lachte und seine Bediensteten konnten es im ganzen Schloss hören.

Es kam, wie es kommen musste und seine Verbündeten siegten über die schwachen Staaten. Das Königssandkorn handelte schnell und versprach den Oberhäuptern der Sieger unglaubliche Besitztümer, wenn sie es zum Kaiser krönen würden. Zugleich drohte es mit Krieg, wenn sie ihm nicht folgten. Die Oberhäupter stimmten aus Gier und Angst zu.
Also wurde das Königssandkorn zum Kaiser gekrönt und war nun Herrscher über den ganzen Kontinent.

Inzwischen hatte sich das Kaisersandkorn einen gigantischen Palastturm errichten lassen. Der höchste Turm, der jemals erbaut wurde. Und in der Spitze, über den Wolken, war sein Thronsaal.
Das Kaisersandkorn blickte über weite Teile seines Reiches und war froh, dass es von so weit oben nicht seine Sandkornuntertanen sehen konnte. „Im Vergleich zu mir sind alle Sandkörner der Welt nur Insekten, die ich nach Belieben zertreten kann. Nie zuvor gab es einen mächtigeren Herrscher als mich. Ich bin kein Sandkorn. Ich bin ein Berg. Nein!“, schrie es heraus. „Ich bin der Berg und selbst die höchsten Berge der Welt reichen nicht an meine Größe und müssen sich vor mir verneigen.“

Nun schickte sich das Bergsandkorn an die gesamte Sandkornwelt zu erobern.
Es entsandte seine Spione in den Himmel. Sie sollten seine Feinde mit starken Gläsern beobachten, sodass es immer wusste, was seine Gegner planten. Es schickte Abertausende seiner Soldaten in die Länder der Sandkornwelt. Die Schwerter klirrten und die Geschosse krachten auf den Schlachtfeldern und in den Städten.
Grausame Kämpfe tobten Jahr für Jahr. Und ein Sandkornstaat nach dem anderen musste sich unterwerfen.

Des Bergsandkorns Wissenschaftler hatten inzwischen noch schrecklichere Waffen erschaffen, welche mit einem einzigen Geschoss die größten Städte der Sandkornwelt vernichten konnten.
Eine Stadt nach der anderen wurde dem Erdboden gleichgemacht.
Die Oberhäupter der Welt erkannten, dass es keinen Sinn mehr machte noch länger Widerstand zu leisten und verneigten sich schließlich auf den Knien vor dem Bergsandkorn und gaben den Kampf auf.

Des Nachts in seinem Thronsaal stand das Bergsandkorn an den Fenstern und blickte erneut auf weite Teile seines Reiches herab.
Mit Wahnsinn in den Augen lachte es irre heraus: „Ich habe alles erreicht was ich wollte. Ich bin der Berg. Ich bin der Anfang und das Ende. Ich habe Macht über die ganze Sandkornwelt. Was ich will, geschieht und selbst die Götter reichen nicht an meine Größe heran. Ich werde selbst das Reich der Götter erobern, denn ich bin fähig in den Himmel zu reisen.“
Das Bergsandkorn schrie und lachte sich müde und legte sich schließlich schlafen.

Am nächsten Morgen erwachte es und fühlte sich schlecht und krank. Sogleich schickte es nach den besten Heilern der Welt und ließ sie alle eiligst zu ihm kommen.
Doch die Heiler konnten nicht herausfinden, woran ihr Herrscher litt. So ließ das Bergsandkorn die Heiler in Ketten legen.
Tag für Tag wurde es kranker und kranker und es ließ Zauberer zu sich kommen. Doch auch sie konnten mit keinem Zauberspruch erwirken, dass es ihm besser ging. Es ließ die Zauberer in die Kerker werfen und schlimmste Qualen erleiden. Dann schickte das Bergsandkorn nach dem weisesten Priestersandkorn des Landes um seinen Rat einzuholen.

Dieses trat vor den Herrscher. Es sprach mit ihm und sah ihn dann lange an.
„Was sagst du Priester? Sprich“, sagte das Bergsandkorn.
Das weise Priestersandkorn sprach: „Oh großer Herrscher über die Welt. Du stirbst, denn die Götter zürnen dir. Dafür gibt es nur eine Medizin.“
„Was ist das für eine Medizin und wo bekomme ich sie?!“, schrie das Bergsandkorn.
„Diese Medizin bekommst du nur hier“, sprach das weise Priestersandkorn und klopfte auf seine Brust.
„Ziehe dich in die Stille deines Landsitzes zurück. Bekenne deine Schuld, bereue deine Taten und regiere ab jetzt weise und gütig. Nur so kannst du vielleicht noch errettet werden.“

Das Bergsandkorn trat vor und legte eine Hand auf die Schulter des Priestersandkorns.
„Danke für deinen Rat Priester. Aber leider gibt es nichts, was ich bereuen müsste“, schrie es wütend, zückte einen Dolch und stach es dem Priestersandkorn in die Brust.
„Ein Berg ist nicht schuldig und kennt keine Reue“, sprach es, während das Priestersandkorn sein Leben aushauchte.
„Bringt mich zu meinem Landsitz“, schrie es zornig seine Diener an und verließ den Thronsaal.

So begab sich das Bergsandkorn mit seiner Dienerschaft auf seinen gut geschützten Landsitz in der Einsamkeit, hinter den bewaffneten Hügeln, fern der Städte.

Es fühlte sich krank und schwach, war aber stark genug jähzornig seinen Dienern Befehle zu erteilen und auspeitschen zu lassen, wenn ihm der Sinn danach stand. Einige Tage später machte es einen Spaziergang im Hof des Landsitzes, in der Hoffnung, dass ihm die gute Luft wohltuen würde. Sein treuestes Dienersandkorn begleitete es ein paar Schritte hinter ihm. Das Dienersandkorn sah wie schwach sein Herr war und fasste einen Entschluss. Es dachte: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, zückte ein Messer und stach es dem Herrscher in den Rücken.
Das Bergsandkorn schrie und jammerte und seine Dienerschaft eilte herbei. Doch statt ihm zu helfen warfen sie sich auf das Bergsandkorn und schlugen und traten wütend auf es ein.
Sie jubelten und trampelten es nieder. Solange bis das Bergsandkorn zu Staub zerfiel.

Und so zeigte es sich, dass das Bergsandkorn in Wahrheit nie ein Berg gewesen sein konnte, sondern nichts weiter als ein Sandkorn.
Eines unter vielen.


                                                                          F.R.
                                                                       

Nachwort vom Autor:

"Größenwahn und jegliche schlechte Tat und sei sie „nur“ mit Worten begangen wird sich früher oder später auf welche Weise auch immer rächen. Dies ist eine Gesetzmäßigkeit. Böses erzeugt Böses aus sich selbst heraus und kommt zum Verursacher zurück. Und selbst wenn wir die Möglichkeiten nicht immer so leicht erkennen können, so haben wir doch immer die freie Wahl, ob wir beim Bösen mitspielen wollen oder nicht. Man kann das Dunkle schwächen und davor hat es Angst. Denn daraus besteht es ja, aus Angst. Wenn man die Augen offen hält, ist es mehr als offensichtlich zu erkennen."
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast