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Love is a devil

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P18 / Het
Harry Potter Kingsley Shacklebolt Nymphadora Tonks OC (Own Character) Petunia Dursley Severus Snape
05.04.2020
28.06.2022
189
693.632
157
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
23.06.2022 3.532
 
Ich habe diese Woche leider nicht besonders viel Zeit (und bei der Hitze ohnehin nur Matsch im Gehirn), deshalb gibt es heute nur ein Zwischenkapitel, das eines der Ereignisse einläutet, die ich zeitlich vorziehe (im Vergleich zum Original).
Als Entschädigung habe ich den Zeitstrahl endlich aktualisiert :-)
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Die Aufregung um das Interview legte sich so schnell, wie sie gekommen war. Schon nach ein, zwei Wochen gab es keine Anfeindungen mehr gegen Harry oder die Kinder der Todesser, deren Namen er genannt hatte. Ganz im Gegenteil. Immer wieder bekam Olivia mit, wie sich Mitschüler verlegen bei Harry entschuldigten und beteuerten, bisher nur an ihm und an Voldemorts Rückkehr gezweifelt zu haben, weil ihre Eltern dies für völligen Humbug hielten. Liv hoffte, dass ebenjene Kinder, die so negativ von der Meinung ihrer Eltern beeinflusst worden waren, nun selbst einen positiven Einfluss ausüben könnten. Die Welt durfte die Augen nicht länger verschließen, sonst würde es früher oder später zur Katastrophe kommen.
Wie Recht sie mit dieser Aussage haben sollte konnte sie Ende Februar noch nicht wissen.
Die Osterferien rückten mit jeder Woche näher, was bedeutete, der normale Unterricht ging für die Siebtklässler langsam zu ende. Nach den Ferien würden sie nur noch wiederholen, teilweise mit den Lehrern zusammen, teilweise eigenverantwortlich in Kleingruppen. Die UTZ-Prüfungen waren eine ernste Sache, auf die sie bestmöglich vorbereitet sein sollten.
Im Grunde machte Olivia sich keine Sorgen um die Prüfungen. Sie kannte ihre Stärken, Zaubertränke und Verwandlung, und ihre Schwächen, Zauberkunst und Kräuterkunde. Gemeinsam mit Cat stellte sie einen Lehrplan für die beiden letzteren Fächer auf, was sie wieder einmal schmerzlich an Adrian erinnerte. Für die ZAGs hatten sie zusammen gelernt, weswegen George mehr als einmal furchtbar eifersüchtig gewesen war. Im Nachhinein kam ihr das so lächerlich vor. Warum die Zeit mit Eifersucht und unnötigen Geheimnissen verschwenden, wenn das Leben jeden Tag vorbei sein konnte?
Die Zwillinge jedenfalls schienen ihre Lektion gelernt zu haben und ihre Zeit nicht verschwenden zu wollen, denn statt sich eifrig in die UTZ-Vorbereitungen zu stürzen, entwickelten sie immer mehr Ideen für ihren eigenen Laden. Inzwischen ging es nicht mehr nur um Scherzartikel oder Möglichkeiten zum Schwänzen, sondern sie experimentierten auch mit Tagträumen, Finsternispulver und besonderen Schreibfedern. Ihre Artikel sollten anscheinend Spaß machen UND einen gewissen Nutzen haben. Liv wäre ziemlich stolz auf die Jungs gewesen, wenn sie nicht fürchten müsste, dass die zwei ihren Abschluss derart vernachlässigten, dass sie ihn gar nicht erhalten würden.
Andererseits war sie nicht ihre Mutter, deshalb sparte sie sich eine Moralpredigt. Sie wusste ja schon länger, dass kreative Köpfe wie die Zwillinge mit stumpfer Wiederholung theoretischer Formeln nichts anfangen konnten. Manchmal fragte auch sie selbst sich, ob man den Lehrplan nicht mal überarbeiten sollte. Oder die Lehrer, wenn sie so an Geschichte dachte...
Ihr Gespräch mit Molly am Valentinstag sorgte dafür, dass sie wieder ruhig und halbwegs albtraumfrei die Nächte durchschlief. Wenn sie etwas noch quälte, waren es die Erlebnisse bei den Todesser-Treffen, doch auch da begann sie langsam, eine gewisse emotionale Distanz zu entwickeln, um ihren Geist zu schützen.
Distanz hielt sie ebenfalls zu Severus, allerdings nicht unbedingt, um sich zu schützen, sondern einfach um sich voll und ganz auf die Prüfungsvorbereitung konzentrieren zu können. Trotzdem entging ihr nicht, dass auch er am Valentinstag eine Art Schlüsselerlebnis gehabt haben musste, denn nicht nur sie selbst wirkte in letzter Zeit ausgeschlafen und halbwegs entspannt.
Außerdem schienen sich die Probleme zwischen ihnen von ganz alleine zu lösen. Im Unterricht meldete sie sich wie gewohnt und er nahm sie wie gewohnt dran, nicht ohne seinen Blick einige Sekunden länger auf ihr ruhen zu lassen als nötig gewesen wäre. Begegneten sie sich auf den Fluren, grüßten sie sich nicht mehr so höflich-kalt wie kurz nach Silvester, sondern endlich wieder mit einer gewissen Wärme in der Stimme. Sie fing auch wieder an, sein privates Labor zu nutzen, um für die UTZs zu lernen und jedes Mal, wenn sie den Raum betrat, wartete dort ein Apfel, ein neues Tintenfass oder eine andere, kleine Aufmerksamkeit auf sie. Im Gegenzug schaute sie sich die Listen an mit den Bestellungen für den Krankenflügel, den Orden und den Dunklen Lord und während ihre Prüfungstränke vor sich hin köchelten, braute sie meist routiniert noch einen Schwung Blutbildungs- oder Schmerztränke.
Der März kam und mit ihm der Frühling. Die Temperaturen stiegen, der letzte Schnee schmolz und als sie den Vollmond im Verbotenen Wald verbrachte wurde sie die ganze Nacht über von neugierigen Jungtieren beobachtet.
Das warme Wetter diente vielen Schülern als Anlass, die Lernerei nach draußen zu verlegen. Auch Olivia und Cat setzten sich jetzt häufiger an den Schwarzen See, um zu lesen oder sich gegenseitig abzufragen. Manchmal gesellten die Zwillinge, Angelina, Alicia und Lee Jordan sich zu ihnen, was Cat schweigend hinnahm. Die Jungs diskutierten dann leise über Quidditch oder neue Ideen für den Laden, während die Mädels sich austauschten, was neu aufgetauchte Fragen in Verwandlung oder schwierige Theorien in Zauberkunst anging.
Da die Lehrer ihnen wirklich helfen wollten, die Prüfungen zu bestehen, schlenderten sie nachmittags meist für ein oder zwei Stunden über das Gelände, stets bereit, bei fachlichen Problemen zu helfen. Professor Sprout hielt kurzerhand eine Lernstunde in den Gewächshäusern ab, McG demonstrierte ihnen einige wichtige Verwandlungszauber auf der Wiese neben dem See und selbst Crouch stieß immer wieder zu den Schülergruppen, um die Wissenslücken aufzufüllen, die sich durch den ständigen Lehrerwechsel ergeben hatten. Liv beobachtete das anfangs mit Argwohn, da er den Schülern jedoch keine Reinblut-Propaganda, sondern nur Unterrichtsstoff vermittelte, löste ihre Anspannung sich nach einigen Tagen.
Wer sich natürlich nicht draußen blicken ließ, war Snape. Es hätte seinem Ruf vermutlich mehr als geschadet, wenn man ihn dabei sehen würde, wie er eine Gruppe Ravenclaws kurz vor dem Nervenzusammenbruch beruhigte oder zwei Hufflepuffs den Unterschied zwischen den verschiedenen Florfliegen-Arten erklärte. Das blieb an Olivia und Angelina hängen, die sich als Schulsprecherinnen dafür verantwortlich fühlten, ihre Mitschüler alle nervlich und emotional stabil bis zur Prüfungswoche zu kriegen. Die Slytherins zumindest wussten jedoch, dass sie Snape Tag und Nacht in seinem Büro aufsuchen durften, um auch die blödesten oder einfachsten Fragen zu stellen.
Nun ja, nachts vielleicht nicht. So weit ging die Liebe zu seinem Haus dann doch nicht.
Am letzten Schultag vor den Osterferien rieten die Lehrer ihnen, sich jetzt zwei Wochen mal zu entspannen, bevor der Stress dann im April richtig losging. Alle Schüler ab der fünften Klasse bekamen die Erlaubnis, in den Ferien auch außerhalb der festgelegten Wochenenden nach Hogsmeade zu gehen, vorausgesetzt natürlich, sie meldeten sich bei ihren Hauslehrern ab. Die Bibliothek schloss schon zum Abendessen, damit sich niemand in seiner freien Zeit die Nächte mit Lernen um die Ohren schlug und wer Lust hatte, konnte sogar ein paar Schnuppertage in seinem zukünftigen Berufsfeld beantragen. Es kam Olivia merkwürdig vor, dass ausgerechnet Harry McG beinahe anflehte, ihn ein Praktikum im Ministerium machen zu lassen, bis Dumbledore sie am ersten Ferientag zu sich rief.
„Ein Sturm zieht auf“, murmelte der Schulleiter düster, während er gedankenverloren aus dem Fenster schaute. Er stand neben dem Tisch mit den komischen Gerätschaften, die Hände auf dem Rücken verschränkt. „Wir müssen vorbereitet sein.“ Er seufzte tief. „DU musst vorbereitet sein.“
Verdutzt zog Olivia eine Augenbraue hoch. Sie saß auf einem der Stühle vor seinem Schreibtisch, weshalb sie einen guten Blick auf seine ineinander verschränkten Hände hatte … und auf den kleinen Finger, der vor Wochen schon mit einem Fluch in Berührung gekommen sein musste. Sie hatte die Spuren Schwarzer Magie noch im Februar bemerkt, doch erst jetzt fiel ihr auf, dass auch sein Ringfinger verkümmert und abgestorben wirkte. Breitete der Fluch sich etwa aus?
„Remus ist vor vierzehn Tagen in die Mysteriumsabteilung gegangen.“ Ruckartig drehte Dumbledore sich zu ihr um, so als wolle er sie von den Gedanken über das Schicksal seiner linken Hand ablenken. „Nur der engste Kreis weiß Bescheid. Sirius, Tonks, Kingsley... Wir haben eine Methode gefunden, wie er mit uns kommunizieren und uns versichern kann, dass es ihm gut geht. Seit gestern meldet er sich nicht mehr.“ Die sonst funkelnden Augen des Schulleiters wirkten dunkel und traurig.
„Mysteriumsabteilung?“ Olivia brauchte einen Moment. „Sie meinen, er hat sich freiwillig gemeldet, um ´geheilt´ zu werden?“ Obwohl sie an Silvester gesehen hatte, dass Trank und Zauberformel funktionierten, blieb sie ihrer eigenen Erfindung gegenüber skeptisch. Sie war nicht ausgereift und definitiv nicht bereit, in großer Menge eingesetzt zu werden. Doch genau das machte das Ministerium, ohne Rücksicht auf Verluste.
„Bisher schien alles im Rahmen zu verlaufen. Keine großartigen Komplikationen, keine Verzögerungen. Insgesamt sollen die Freiwilligen einundzwanzig Tage unter Aufsicht der Unsäglichen verbringen, verschiedene Tests durchlaufen und nach der Heilung noch beobachtet werden, um eventuelle Nebenwirkungen rechtzeitig einzudämmen. Remus hätte gestern die Phase erreicht, in der man ihm den Trank gibt und den Zauber spricht...“
„... nur meldet er sich seitdem nicht mehr“, erinnerte Olivia sich an Dumbledores eben getätigte Aussage. „Dora muss durchdrehen vor Sorge.“ Die letzten zwei Briefe ihrer Schwester waren ungewöhnlich oberflächlich und kurz gewesen, allerdings hatte sie es auf mangelnde Zeit aufgrund der Doppelbelastung durch die Arbeit als Aurorin und als Ordensmitglied geschoben. Anscheinend war das aber nicht der Grund gewesen, sondern die ständige Angst um Remus und die zögerliche Hoffnung auf ein normales Leben mit ihm.
„Warum wurden Severus und ich nicht eingeweiht?“ Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Nun, Severus hat anscheinend kurz vorher noch versucht, Remus von diesem Vorhaben abzubringen und was dich angeht... Remus befürchtete, du wärst nicht allzu begeistert von seiner Teilnahme, bedenkt man deine enge Verbindung mit Lady.“
„Begeistert? Nein, begeistert bin ich tatsächlich nicht“, grummelte sie leise. „Aber er ist der Freund meiner Schwester und Harrys Dad! Augenblick mal... Weiß Harry, wo sein Vater gerade steckt?“
Dumbledores Schultern sackten nach unten. „Er sollte es eigentlich nicht erfahren, damit er sich auf die ZAGs konzentrieren kann und sich keine falschen Hoffnungen macht, eine mögliche Adoption betreffend. Nur hat Sirius mal wieder seinen Kopf abgeschaltet und es Harry letzte Woche in Hogsmeade erzählt. Ich hatte gedacht, die neu gewonnene Freiheit verbessert seinen Zustand, doch so wie Harry es darstellte, sieht Sirius sich, Remus und Harry als eine Familie. Remus´ Beziehung zu deiner Schwester verdrängt er völlig.“
Das war bedauerlich, doch nicht Sirius schwebte momentan in Gefahr. „Plant ihr eine Rettungsmission? Macht Harry deshalb das Praktikum im Ministerium?“
Dumbledore schüttelte energisch den Kopf. „Harry versucht, Remus alleine dort rauszuholen, was wir selbstverständlich unterbinden. Nein, wenn wir achtundvierzig Stunden lang nichts von ihm gehört haben, schicken wir ein kleines Team los. Sie gehen rein, schnappen sich Remus und verschwinden wieder. Keine große Sache. Ich fürchte nur, falls Voldemort Wind davon bekommt, dass sich ein Mitglied des Ordens in Gewahrsam des Ministeriums befindet, nutzt er das für seine eigenen Zwecke. Deswegen sagte ich, du musst vorbereitet sein.“
„Vorbereitet worauf?“, erkundigte sie sich mit einem flauen Gefühl im Magen.
„Darauf, im Kampf den Menschen gegenüber zu stehen, die du liebst. Von ihnen gejagt und verletzt zu werden, weil du dich nicht zu erkennen geben darfst. Und, Liv, du musst um jeden Preis vermeiden, gefasst zu werden.“
Sie rollte mit den Augen. „Ich weiß, ich weiß. In Askaban bin ich ziemlich nutzlos.“
Dumbledore gluckste leise. „Ja, das auch. Meine Hauptsorge galt allerdings eher deiner geistigen Gesundheit.“ Verschmitzt lächelnd fügte er hinzu: „Und dem Chaos, das Severus veranstalten wird, um dich so schnell wie möglich aus dem Gefängnis zu befreien.“

´Gefängnis´ beschrieb Remus´ momentanen Aufenthaltsort ziemlich treffend. Er saß natürlich nicht in Askaban, doch das winzige Zimmer, in dem bloß zwei Betten und eine kleine Kommode standen, erinnerte ihn stark an eine Zelle. Nur die Gitter fehlten.
Trotz all der Schikanen, der unmenschlichen Gesetze, trotz Fudges Versagen seit Voldemorts Rückkehr und Umbridges Foltermethoden in Hogwarts hatte Remus sich einen Rest Hoffnung bewahrt. Wer schrieb schon gerne die eigene Regierung ab? Immerhin arbeiteten im Ministerium auch Menschen wie Kingsley, Arthur oder Amelia Bones. Diese Hoffnung war jedoch am Tag seiner Ankunft hier endgültig ausgelöscht worden. Eine Regierung, die zuließ, dass Mitglieder der eigenen Gesellschaft so behandelt wurden, verdiente sein Vertrauen nicht.
Er machte den Unsäglichen keinen Vorwurf. Sie stellten die Räumlichkeiten zur Verfügung und überwachten den gesamten Prozess, doch ihnen schien es im Grunde egal zu sein, ob sie hier mit Ratten, Affen oder Menschen arbeiteten. Sie wirkten so weit ab von allem, so fern der Gegenwart und so versunken in ihre Forschung, dass ihnen die Zustände hier unten vermutlich gar nicht auffielen. Wenn Remus es richtig mitbekommen hatte, sahen die Büros der Unsäglichen nicht viel gemütlicher aus als diese kleinen Zellen.
Wahrhaftig verantwortlich war ein Mann namens Ikarus Burke, und im Hintergrund Dolores Umbridge. Sie sorgten dafür, dass die Freiwilligen wortwörtlich nur Wasser und Brot vorgesetzt bekamen, dass sie nur mit Unterhosen und, bei den Frauen, einem Top bekleidet waren, damit man ihre Körper jederzeit beobachten und untersuchen konnten. Sie notierten mit unbewegter Miene, ob einer von ihnen auf die Behandlung ansprach und als geheilt entlassen wurde oder ob die Schmerzen den Prozess unterbrachen, bevor der Zauber ins Spiel kam, der die Heilung vollenden würde. Geschah dies, brachte man die betreffende Person meist umgehend nach Askaban, zum ´Schutze der Gesellschaft´. Manche Betroffenen überlebten das Prozedere auch nicht, allerdings hielt sich dieser Anteil zum Glück in Grenzen. Trotzdem fing Remus sich langsam an zu fragen, ob er auf Severus´ Worte hätte hören und sich NICHT hätte melden sollen.
Andererseits war er wirklich freiwillig hier. Tag und Nacht hörte er das laute Klagen aus den anderen Zimmern, erbittertes Weinen, erboste Flüche. Einige von ihnen waren ohne Vorwarnung von ihren Familien weg geholt wurden. Familien, die sie natürlich laut Gesetz nicht haben dürften, doch wenn die Heilung anschlug, drückte das Ministerium ein Auge zu. Musste der Prozess abgebrochen werden wanderten Ehepartner und etwaige Kinder ebenfalls sofort nach Askaban, was Remus auf ein baldiges Ende des Krieges hoffen ließ, damit eine neue Regierung all die unschuldig verurteilten so schnell wie möglich aus dem Gefängnis holte.
Eine der größten Demütigungen bestand darin, dass die Zimmer nicht nach Geschlechtern getrennt belegt wurden. Remus´ Mitbewohnerin, oder Mitgefangene, wie er es zynisch nannte, war eine Frau so um die dreißig. Sie hieß Emilia, mehr hatte er bisher nicht aus ihr heraus bekommen. Sie weinte viel, offenbar gab es auch bei ihr irgendwo da draußen einen Menschen, dem sie brutal entrissen worden war. Wenn die Unsäglichen zu den Untersuchungen kamen, drehte Remus sich diskret zur Seite und versuchte, Emilia so viel Privatsphäre zu geben wie eben möglich auf so engem Raum, doch sie schämte sich trotzdem, was er ihr nicht verübeln konnte.
Sie waren am gleichen Tag hier angekommen, deshalb bekamen sie auch am gleichen Tag den Trank verabreicht. Zum ersten Mal weinte Emilia nicht. Als man ihr die Phiole reichte, streckte sie entschlossen das Kinn in die Luft, drückte die Schultern durch und schluckte den Inhalt in einem Zug. Remus tat es ihr nach. Er kannte die Schmerzen der Verwandlung, deshalb fürchtete er sich nicht vor der Wirkung des Trankes, doch die letzten Jahre mit Severus´ verbessertem Wolfsbann hatten ihn weich gemacht und seinen Körper in Sicherheit gewiegt.
Jemand schien an seiner Seele zu reißen und sie von seinem Körper lösen zu wollen. Er stand in Flammen, nein, er tauchte im Eismeer, nein, er lag begraben unter Tonnen von Gestein. Zitternd und bebend wälzte er sich auf dem Boden. Sekunden vergingen, Minuten, vielleicht Stunden. Er verlor jegliches Zeitgefühl. Ihm gegenüber erging es Emilia wesentlich besser, sie wurde direkt nach der Einnahme des Trankes ohnmächtig.
Gerade, als er glaubte, die Schmerzen nicht mehr ertragen zu können, ließen sie nach, was die Unsäglichen zum Anlass nahmen, den vorgegebenen Zauberspruch zu murmeln. Ein starkes Licht hüllte ihn ein, er schloss die Augen, um nicht geblendet zu werden und spürte noch einmal dieses reißende Gefühl. Trauer überkam ihn, er griff mit beiden Händen in die Luft, wollte festhalten, was ihm genommen wurde...
Vorbei.
Es blieb nur Leere.
Leere … und Hoffnung.
Er spürte es. Besser gesagt, er spürte nichts mehr, wo vorher Moony gewesen war. Vorsichtig rappelte er sich auf, schleppte sich zum Bett und ließ die nächsten Untersuchungen klaglos über sich ergehen. Kraftlos drehte er den Kopf. Auch Emilia hatte man ins Bett gelegt, sie atmete noch, ansonsten konnte er ihren Zustand nicht beurteilen.
Er dämmerte weg. Erschöpfung löste den Schlaf ab, dann wieder Schlaf. Im Nachhinein waren bestimmt nur wenige Stunden vergangen, seit Einnahme des Trankes vermutlich nicht mal ein Tag, doch es kam ihm vor wie eine Ewigkeit. Plötzlich beugte sich jemand über ihn, strich ihm sanft mit einem Finger über die Wange und...
Das war kein Finger! Das war der kühle Knauf eines schwarzen Gehstockes, dessen Schlangenaugen ihn bedrohlich anfunkelten. Ruckartig setzte Remus sich auf.
„Malfoy!“
Der Todesser lächelte höhnisch. „Wieder bei Bewusstsein? Gut.“ Er schlenderte gemütlich um das Bett herum, während Remus hastig überlegte, welche Chancen er hätte, diesen Raum lebend zu verlassen. Ohne Zauberstab? Gar keine!
„Keine Sorge, ich bin nicht hier, um dich zu töten.“ Malfoy schien seine Gedanken gelesen zu haben, vielleicht sah man ihm die Angst auch einfach nur am Gesicht an. Vor einigen Jahren noch wäre es Remus relativ egal gewesen, ob er lebte oder starb, doch jetzt gab es Menschen, die auf seine Rückkehr warteten. Menschen, die ihn liebten und denen er jetzt endlich eine richtige Familie sein konnte.
„Umbridge ließ Burke gegenüber eine Bemerkung fallen, die mich stutzig machte... Ich suchte ihr Büro auf und als ich deinen Namen auf der Teilnehmerliste las, informierte ich umgehend den Dunklen Lord. Wir beschlossen, nicht voreilig zu handeln, obwohl dein Tod dem Orden zweifellos einen herben Schlag versetzen würde. Nein, wir entschieden uns dafür, den kleinen Fisch laufen zu lassen … um eine Menge größerer Fische zu fangen. Also sag mir, Lupin: Wie kommunizierst du mit dem Orden? Und erzähl mir bloß nicht, ihr hättet keinen Weg gefunden. Dumbledore lässt sein Schoßhündchen nie im Leben ohne Rettungsseil in die Schlangengrube hinab.“
Zornig starrte Remus ihn an. „Ihr wollt mich als Köder verwenden? Vergiss es, Malfoy! Außerdem wird Albus nicht so dumm sein, in eine derart offensichtliche Falle zu laufen.“
Auf Malfoys blasses Gesicht legte sich ein äußerst zufriedenes Lächeln. „Nein, Dumbledore nicht. Aber deine kleine Freundin, vermutlich. Und mit ihr dieser selbstgerechte Auror, Shacklebolt, was bedeutet, dass auch Moody nicht weit sein wird. Außerdem...“ Malfoy schnipste mit den Fingern, als sei ihm gerade eine Idee gekommen. „Aber ja, natürlich. Wie konnte ich ihn vergessen? Sirius Black! Kurz nachdem er endlich die Freiheit wieder erlangt hat, verstirbt er unter tragischen Umständen tief in den finsteren Gängen des Ministeriums. Seine liebe Cousine kann es gar nicht erwarten, ihn vom Antlitz dieser Erde zu tilgen.“
Bebend vor Wut ballte Remus die Fäuße. Malfoy ins Gesicht zu schlagen würde nicht helfen, selbst wenn er sich danach besser fühlte. Er musste sofort eine Nachricht senden, sich Zeit verschaffen, bevor der Orden sich tatsächlich Sorgen machte, weil er sich nicht mehr meldete. Er blendete die weiteren Drohungen des Todessers aus und hoffte einfach, dass es Malfoy bald langweilig wurde, da richtete dieser den Zauberstab auf die schlafende Emilia.
„Ich habe ihre Akte gelesen“, erklärte er fast beiläufig. „Sie und ihr Verlobter wollten unbedingt Kinder haben, nur ist das Monstern wie euch zum Glück nicht erlaubt. Die Gesellschaft wird schon von genug Abnormitäten überschwemmt. Sie hatte geplant, sich freiwillig für die Heilung zu melden, trotz des Risikos, da kam sie eines Abends nach Hause und erwischte ihren Verlobten mit einer anderen Frau. Einer normalen Frau. Sie hat der Frau das Gesicht zerkratzt, sie für immer entstellt und als die Mitglieder des Fangkommandos kamen, boten sie ihr die Möglichkeit, immer noch am Versuch teilzunehmen, statt lebenslänglich nach Askaban zu wandern. Gnädig, findest du nicht auch?“
Die kalten grauen Augen richteten sich fest auf Remus, während der Zauberstab weiterhin Emilia bedrohte. „Möchtest du ihr diese zweite Chance wirklich nehmen?“ Malfoy lächelte grausam. „Verrate mir, wie du mit Dumbledore Kontakt hältst, oder die Kleine wacht nie wieder auf!“
Remus schluckte schwer. Emilia sterben zu lassen war die einzige Möglichkeit, seine Freunde aus dem Orden davor zu bewahren, in eine potenziell tödliche Falle zu laufen. Aber er konnte das einfach nicht. Es entspräche nicht seinem Charakter, ein unschuldiges Leben zu opfern für das größere Wohl. Tonks, Kingsley, Sirius... Sie konnten sich verteidigen, sich gegen die Todesser zur Wehr setzen. Emilia lag hilflos, ahnungslos dort im Nachbarbett. Als Mitglied des Ordens, als Gryffindor, als Lehrer, als Mensch war es seine Pflicht, sie zu beschützen. Schweren Herzens überreichte er Malfoy das Armband.
„Clever.“ Der Todesser zog anerkennend eine Augenbraue hoch. „Durch Verschleierungszauber verborgen, damit man es dir nicht weg nimmt. Wie funktioniert es?“
„Ich zerquetsche jeden Tag eine Perle“, erklärte Remus. Dieses Geheimnis mit dem Feind zu teilen barg keine Gefahr, denn sie würden den Zauber niemals verstehen oder kopieren können. „In den Perlen ist eine schwächere Form des Patronus gespeichert. Sobald sie freigesetzt wird, macht die Lichtgestalt sich auf den Weg zu Albus, nicht ohne vorher noch einen kurzen Satz von mir zu speichern.“
Wie erwartet zeigte der Malfoy sich verständnislos. Er zerstörte das Armband mit einem ungesagten Zauber, dann wandte er sich zum Gehen.
„Sie werden nicht kommen“, rief Remus ihm wider besseren Wissens hinterher. „Sie holen mich nicht, wenn sie riechen, dass es eine Falle ist!“
„Sie kommen, Lupin“, sagte Malfoy leise, ohne sich noch einmal zu ihm umzudrehen. „Und sie werden alle sterben!“
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