Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

entre les heures

OneshotAllgemein / P12 / MaleSlash
Jean "Jehan" Prouvaire Montparnasse
04.04.2020
04.04.2020
1
2.037
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
04.04.2020 2.037
 
Als er an jenem schicksalsträchtigen Tag aus verworrenen Träumen erwacht, schlägt die Turmuhr nicht.

Er blinzelt, weniger, um in der Dunkelheit etwas erkennen zu wollen, als vielmehr um die unruhigen Bilder abzuwehren, die sich noch immer vor seine schlaftrunkenen Augen schieben. Er hat traumreich, aber leicht geschlafen und die Art, wie die Kälte ihn frösteln lässt, wie er jedem Beben seiner Haut von der Wade über den unteren Rücken bis zum Nacken hin nachspüren kann, lässt ihn erkennen, dass er gerade wach genug ist, die Augen nicht wieder zu schließen.

Das Fenster ist offen. Schon vor geraumer Zeit muss die Kälte hereingekrochen sein und sich in jeden Winkel des kleinen Zimmers gefressen haben. Er beschließt, da sich ihre kleinen scharfen Zähne auch in ihn verbeißen, es zu schließen. Es ist Juni. Das Jahr steht an der Schwelle, vom zaghaft tastenden Spätfrühling wird es sich bald in die brütende Hitze des Hochsommers wandeln. Die Nächte sind noch kalt, aber nicht länger herzlos. Prouvaire schätzt den Frühsommer.  

Langsam, in dem Versuch, möglichst leise zu sein, stützt er sich auf die Unterarme, winkelt die Beine an, bewegt sie über die Bettkante und bleibt an ebenjener sitzen. Von hier bis zu dem kleinen Fenster sind es nur wenige Schritte, doch er hält einen Moment ein, um sich sein Hemd über den Kopf zu streifen, bevor er davor tritt.

Die Nacht ist wohl nicht mehr jung, aber die bleierne Schwärze liegt noch immer tief über den Dächern der Stadt. Hinter schweren Wolkenvorhängen lässt sich manchmal, wenn sie sich aneinander vorbei schieben, der abnehmende Mond erkenne. Kaum spendet er Licht, auch das kleine Zimmer wird eher von den Straßenlaternen erleuchtet, die dort unten auf der Straße ruhig und gleichmäßig vor sich hin flackern. Man hätte sich einen Vollmond wünschen können, doch Prouvaire hat schon immer lieber die gekrümmte Sichel des Mondes bewundert. Sie hat etwas mystischeres, etwas, dass ihn an vergangene Zeiten erinnert, lange vor seiner Geburt, deren Geschichten längt vergessen sind, aber deren Atmosphäre man zuweilen in einer sternenklaren Nacht noch nachspüren kann. Sterne sind an diesem Tag nicht zu sehen. Gedanklich wirft er eine Handvoll an den Himmel.

Die Turmuhr schlägt nicht. Weder die an der Église St.-Merry, noch die nahegelegene Pfarrkirche St.-Germain-l’Auxerroi. Vor allem aber die tiefen Glocken der Église St.-Eustache schweigen. Von all den spätgotischen Gebäuden, die in ihrer Vielzahl wohl als Gegengewicht zum religiösen Verfall der Pariser dienen sollen, die er aber im Grunde für überflüssig hält, hat die Saint-Eustache es ihm doch angetan.  Vielleicht aus dem Grunde, dass sie Motive der Antike zeigt, einer Epoche, der er schon lange einen Teil seines Herzens geschenkt hat. Gewidmet ist sie dem heiligen Eustachius, einem Märtyrer, vor dem sich die Löwen verneigten, anstatt ihn zu zerfleischen – soviel weiß Prouvaire noch. Er hat sich nie wirklich für christliche Märtyrien interessiert, sie scheinen ihm plump und ohne tiefere Symbolik.

Einen Moment lang, obgleich die Kälte ihn abermals frösteln lässt, bleibt er am Fenster stehen und lässt die kühle Juniluft durch seine Lungen strömen. Sie ist nachts viel klarer als am Tag, wie er bemerkt, denn Menschen und Handel, Waren und Missgunst, das alles trübt sie. Er zieht sich das lose Hemd enger um die Brust und sieht zu den Wolken auf, hinter denen er Sterne vermutet. Die Nacht ist wunderschön.

Da er es nicht wagt, die Läden zu schließen – er würde sie ja aussperren – beschließt er, sich vorerst anzukleiden. Seine Sachen sind alt, aber nicht sehr abgetragen. Sein Rock ist blau, seine Hosen gelb. Womöglich sind sie goethisch inspiriert. Einzig die haselbraune Weste will sich diesem Anschein nicht fügen. Schon oft hat man ihm gesagt, er würde sich schlecht kleiden, doch in der schummrigen Dunkelheit des kleinen Zimmers lassen sich solche Banalitäten nicht erkennen. Im Dunkeln sind die Menschen gleich.



Da es nicht gänzlich dunkel ist, lässt er den Blick im Zimmer umherschweifen. Es ist nicht groß und auch nicht besonders ansehnlich. Spärlich ist es eingerichtet mit einem Bett, dass mit dem Kopfende an der Wand steht, einem Sekretär samt Stuhl, einer Kommode. Er knöpft seine Weste. Auch das ist banal für ihn. Was zählt ist nicht, wo der Mensch haust, sondern wo sein Geist es tut. An die Wand über dem Bett hat jemand mit fahrigen tintenblauen Fingerkuppen die Worte je crains votre silence, et non pas vos injures geschmiert, ein Zitat Racines. Es war Prouvaire.

Sein Blick gleitet von den Worten nach unten auf das Bett. Im fahlen Licht, das mitsamt der Kälte durch das winzige Fenster dringt, lässt sich die Silhouette gerade so erkennen. Doch er ist da, gerade in diesem Augenblick dort vor ihm. Er schaudert, doch nicht wegen der Kühle. Es ist ein rarer Anblick, ihn so hier liegen zu sehen, schlafend, den spärlichen Mondschein auf den Schläfen. Er erlebt kaum Morgen wie diesen, denn üblicherweise ist die andere Seite des Bettes bereits kalt, wenn er erwacht. Es ist ein kostbarer Moment, gewidmet der Betrachtung. Sein Blick fängt sich zwischen den Brauen des Mannes, die auch im Schlaf immer angespannt zu sein scheinen und wandert über die marmornen Wangen, an denen sich das Mondlicht bricht, bis hin zu den scharf gezeichneten kirschroten Lippen. Sein Haar ist dunkel und fällt ihm in Locken in die Stirn. Am Tage ist es weniger strähnig und wirr, der Schweiß und die Laken haben es zerzaust. Weiter betrachtet er den Schlafenden; sein Kopf ist zur Seite gewandt, sodass man vom Hals aus auf die bloße Brust blicken kann. Unter der im Licht beinahe bleich erscheinenden Haut zeichnen sich deutlich die Muskeln ab, ebenso an den Oberarmen. Eine Hand liegt unter seinem Kopf, die andere bettet er auf die Hüfte. Alles weitere ist von den weißen Laken verdeckt.

Es fällt Prouvaire schwer den Blick abzuwenden, aber letztendlich tut er es doch und tritt wieder an das Fenster, um es zu schließen. Das Wort amant geistert durch seine Gedanken und während er die Läden schließt überlegt er noch, ob es wohl von ami oder amour hergeleitet sein mag. Als seine Finger das trübe Glas verlassen, ist der Gedanke verflogen. Ein Liebhaber – das ist er wohl. Prouvaire hat ihre Beziehung nie so recht deuten können, auch, wenn er oft darüber nachdenkt. Wobei das nicht ganz stimmt; er denkt weniger über das Verhältnis nach als über ihn selbst. Seinen Gang, seine Undurchsichtigkeit, seine tiefen, beinahe schwarzen Augen, die sich ihm tief, tief in die Seele geschraubt haben. Kann man es Liebe nennen?

Prouvaire seufzt, leise, ein stilles Aufatmen nur. Was ist schon Liebe… Wenn er davon liest und darüber reden hört, so scheint es ihm, die Liebe sei eine Feuersbrunst, die über einen hereinbricht. Sie erfasst einen ganz und gar, hält einen fest mit unbändigen Klauen und kann einen in den höchsten Himmel emporheben oder in die tiefsten Niederungen reißen. Prouvaire fühlt nichts davon. Es ist anders. Wie von Zeit zu Zeit in einem dornigen Strauch Rosen zu pflücken. Unbeschreiblich schön zwar, für den Moment, aber ebenso schmerzhaft. Dornenpoesie. Das Wort épine kreuzt seine Gedanken und verweilt.

Die Turmuhr schlägt nicht. Seit Minuten steht sie still. Der Himmel ist noch immer von einer tintenblauen Schwärze. Es sind diese Augenblicke zwischen den Stunden, diese raren, die die Welt bedeuten können. Prouvaire hört das leise Atmen, dass in der Stille den gesamten Raum einzunehmen scheint und wendet den Blick erneut dem Bett zu, seiner Brust, die sich neben dem Laken gleichmäßig hebt und senkt. Plötzlich kommt es ihm albern vor. Die Liebe ist nicht für Menschen wie ihn gemacht, für sie beide nicht. Ein amüsiertes, vielleicht aber auch bitteres Lächeln überkommt ihn bei der Vorstellung von Cafés und Tänzen und gemeinsamen Spaziergängen in den Jardins. Das sind Dinge, die verliebte Menschen tun. Schwärmereien. Liebesprosa. Was er hat sind wochenlange Ungewissheit, nächtliche Treffen und einsame Morgen. Ein Narr wäre er, es Liebe zu nennen.

Er wundert sich eigentlich nie, und doch tut er es in diesem mondlosen Augenblick, was er wohl darüber denkt. In der Dunkelheit ist sein Gesicht nun kaum noch zu erkennen, das leise Rasseln seines Atems allein verrät seine Anwesenheit. Meist stiehlt er sich in den frühen Morgenstunden davon, ohne letzte Worte und ohne Zusicherung auf ein Wiedersehen. Ob er wohl manchmal so dasteht und Prouvaire betrachtet? Ob er wohl manchmal an ihn denkt? Was bedeutete er ihm? Das Wort volupté wiegt sich unbehaglich hinter seinen Lidern.  Sie reden wenig, speisen nie zusammen, wissen vom anderen so viel wie Fremde voneinander wissen können. Durch eine irgendwie geartete Verkettung von Zufällen hat Prouvaire erfahren, dass er sich Montparnasse nennt, was wohl nicht sein richtiger Name sein kann. Er seinerseits stellte sich damals als Jehan vor, aus einer Laune heraus und weil es dem Moment angemessen schien. Wieso auch nicht? Was sind schon Namen? Sie werden einem Fremden bei der Geburt zugeworfen, wie man ein Blatt im Wind fängt. Es sind im Grunde leblose Bezeichnungen.

Prouvaire beschließt, dass es gut ist, diese frühe Stunde zu erleben. Es grenzt an ein Wunder, wird er doch sonst immer so früh verlassen. Doch, er hat es gestern schon bemerkt, Montparnasse scheint erschöpft. Unter seinen Augen zeichnen sich Ringe ab. Er soll nur schlafen. Und dennoch ist es ein ungewohnter Anblick, dieses düstere Gesicht, und für einen Wimpernschlag hegt Prouvaire den inbrünstigen Wunsch, nach vorn zu treten und ihm einen Kuss auf die Stirn zu hauchen. Bloß kurz, in einer anbetenden Geste, aber innig. Denn die Wahrheit in der Tatsache, dass er tatsächlich hier ist, noch hier ist, scheint Prouvaire plötzlich unfassbar. Eine Woge von Bewunderung, von ungläubiger Hingabe erfasst ihn.  Gern würde er hier sitzen bleiben, noch stundenlang, in diesem Zimmer, bis die Sonne über den Kirchentürmen aufgegangen und der Himmel von den hellrosa Schlieren des Sonnenaufgangs gezeichnet sein wird. Er würde gern wissen, wie es wohl wäre, wenn sich das Tageslicht auf sein Gesicht legt, in diesen Sekunden nach dem Erwachen. Er würde gern ein paar Wort wechseln, denn es schwingt stets ein sanfter, fast lyrischer, wunderschöner Ton in seiner Stimme. Wenigstens ein Au Revoir. Prouvaire schüttelt den Kopf. Ein unsinniger Gedanke. Was würde er denn sagen sollen, was gäbe es zu sagen? Womöglich würde es Montparnasse abschrecken, so beobachtet zu erwachen, wo er doch sonst so leise und unbemerkt verschwindet. Ob diese Brauen wohl einen verletzten Ausdruck annehmen können?



Er beschließt, zu gehen. Der Morgen wird bald anbrechen und er möchte Montparnasse nicht kränken. Alle Worte, die er so gern wechseln würde, schweigen auch heute. Auf seinem Tisch steht ein kleiner, kaum trüber Spiegel, in den er einen kurzen Blick wirft. Les souffrances du jeune Prouvaire raunt es in seinem Kopf und er muss lächeln. Wäre es ein wenig heller, so würde er sein ungekämmtes Haar, das gerade lang genug ist, als dass man es im Nacken zum Zopf binden kann, mit den Fingern scheiteln. Er tut es nicht. Genauso wenig kann er die aus dünnen Bleistiftlinien zusammengesetzten Worte nous sommes responsables non seulement de ce que nous faisons, mais également de ce que nous ne faisons pas lesen und sich erinnern wie er sie gedankenverloren in das Holz gekerbt hatte. Molière. Er richtet den Blick auf die Tür und schreitet mit leisen, aber bestimmten Schritten darauf zu.

Er wird sich noch etwas im Park aufhalten und die Sonne aufgehen sehen. Vielleicht wird er vor seinem inneren Auge die Fragmente eines Gedichtes zusammenfügen, Dornenpoesie, über Liebe und Leidenschaft und Stille. Dann vielleicht frühstücken gehen, allein oder mit jemanden, den er zufällig trifft, wenn sein Weg das Quartier Latin kreuzt. Der Tag liegt vor ihm ausgebreitet, einige ruhige Stunden wird er schon noch erhaschen. Der Trauerzug wird frühestens gegen neun Uhr die Innenstadt durchlaufen. Er hat also Zeit.

Einen letzten Blick wirft er auf Montparnasse. Sein schönes Gesicht wirkt beinahe friedlich. Einen Moment lang scheint Prouvaire die Kehle wie zugeschnürt und das Atmen fällt schwer. Er denkt an den heiligen Eustachius und die Löwen. Er lächelt. Es vergeht. Seine Hand findet den Weg zur Klinke, die er betont geräuschlos nach unten bewegt.  Nur ein wenig schmerzt ihn, dass er kein Auf Wiedersehen in dem kleinen Zimmer zurücklassen kann. Die Turmglocken der nahegelegenen Pfarrkirchen schlagen nacheinander und unregelmäßig. Die fünfte Stunde des fünften Junis wird eingeläutet.

Seine Lippen formen ein stummes Adieu, dann schließt sich hinter ihm die Tür.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast