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Monacofreuden II – Land Unter

von lasdalias
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P16 / Mix
03.04.2020
06.05.2021
50
223.548
19
Alle Kapitel
199 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
03.04.2020 4.491
 
Hallo da draußen,

schön, dass ihr reinklickt und euch vom Pun in der Kurzbeschreibungen nicht habt abschrecken lassen. (Die erste Hürde ist genommen ;D)

Ihr findet euch in der Fortsetzung zu Monacofreuden – Im Falschen Film wieder, müsst Teil 1 aber nicht gelesen haben. (Finden könntet ihr ihn >HIER.)

Dennoch an alle, die wieder dabei sind:
Hi :D *Pilotenmütze zurechtrück*

Um Warnungen direkt abzuhaken:
Das hier wird (wieder) eine chaotische Liebeskomödie mit vielen Hürden, Film- und Serienreferenzen und ein bisschen Seifenoper-Potential. Der Kitsch wird sich jedoch in Grenzen halten, ich versprech’s.

Auch as usual:
Alle Ähnlichkeiten zu lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig und die Geschichte liest sich vermutlich am besten mit einem Augenzwinkern.
Und was muss, das muss – der Anwalt, der hier mitspielt, riet mir dazu ;)
© Alle Rechte vorbehalten. Wer gegen das Urheberrecht verstößt (z.B. Texte unerlaubt kopiert), macht sich gem. §§ 106 ff UrhG strafbar, wird zudem kostenpflichtig abgemahnt und muss Schadensersatz leisten (§ 97 UrhG).

Wenn euch das Ganze ein wenig unterhält und ihr mir eure Eindrücke dalassen wollt, würde ich mich tierisch freuen. Mir bedeutet auch jedes Sternchen und jeder Favorit die Welt, also lieben Dank euch für jegliches Lebenszeichen!

Kennt ihr Supernatural? Kapitel 1 wird sich vermutlich ein bisschen wie ein ‚The Road So Far/Zuletzt‘ Staffelrückblick anfühlen, weil ich einige Figuren vorstelle, aber das wird deutlich besser ab Kapitel 2 :) (Und ihr müsst euch die Pappenheimer auch nicht alle merken, wir intensivieren bei Bedarf ^^)

Cover hier, Pinnwand da.

In diesem Sinne – willkommen (zurück an Bord) und hoffentlich viel Spaß beim Lesen!


–––


„Weißt du was?“ Ich sehe kurz von den Preisschildern auf. „Wir sind total wie Melinda und Delia aus Ghost Whisperer.“

Anni klemmt sich grinsend ihren Kuli hinters Ohr.

Wir beschriften unsere Preisschilder selbst.
Ist das plump? Ich bin mir nicht sicher.
Aber wir haben einfach beschlossen, dass es dem Laden eine persönlichere Note verleiht, nachdem wir die irrwitzigen Preise von richtigen Scangeräten und Kassensystemen gesehen haben …

„Bloß ist keine von uns ein Medium, wir sehen komplett anders aus und wir verkaufen nur Kleidung“, erwidert Anni, während sie zufrieden aus der Fensterfront auf die bunten Blätter der Straßen schaut. „Aber die Herbststimmung vom September passt schon mal, oder? Wir haben alles goldrichtig gemacht.“

„Oh ja“, freue ich mich, drehe die mintfarbenen Discounter-Boxen noch ein bisschen lauter auf – wir hören uns gerade durch die Top-Titel von Lizzo – und bepreisen weiter unsere Tuniken.
(Wussten Sie, dass der Plural von Tunika nicht Tunikas ist? Wahrscheinlich schon. Aber wie doof klingt bitte Tuniken? Ich würde lieber Tunikas sagen.)

Ach, bevor ich’s vergesse – hin und wieder bepreisen wir auch Second Hand Designerware der nettesten Schickeria-Damen der Stadt.

Die gehen hier aus und ein, so unglaublich das auch klingt.

Wie es dazu kommen konnte, lässt sich gar nicht mal so leicht erklären. Es gibt irgendwie keine sinnige Kurzfassung dafür, fürchte ich. Die Ereignisse in Teil 1 haben sich einfach überschlagen, wissen Sie? Hoffentlich wird diese Episode etwas ruhiger …

„Bestellen wir heute Sauerbraten oder Gulasch?“, fragt Anni, als ihr Magen deutlich hörbar knurrt.

„Ich hätte total Lust auf ne Thai-Suppe“, sage ich, nachdem ich in mich reingehört habe. (Für so etwa zwei Sekunden. Soll man ja. Intuitives Essen nennt sich das, und das kann ich besonders gut.) „Mit Garnelen und Domis besonderer Gewürzmischung.“

Mir knurrt der Magen auch direkt vor lauter Vorfreude, Anni überlegt angestrengt, dann nickt sie und greift nach unserem Telefon.

Auf das sind wir übrigens ziemlich stolz. Vintage, mit Wählscheibe und allem. Ist ewig unpraktisch, aber es sieht echt cool aus. Zumindest wird es das solange, bis die Telekom ISDN endgültig abschaltet. Dann haben wir den Salat. Aber bis dahin erfreuen wir sehr uns daran.

„Jeff, hi Darling!“, singt Anni in den Hörer.

Jeff aus Birmingham ist seit rund einem halben Jahr ihr Freund. Er ist schon vor Langem nach München ausgewandert, warum nochmal genau, weiß er selbst nicht mehr so richtig. Es begann wohl alles auf einem verheißungsvollen Oktoberfest.
Seine Auswanderung war dennoch viel – und ich betone – viel erfolgreicher als meine eigene. Ich versuchte unlängst vergeblich mir ein neues Leben auf Ibiza aufzubauen. Sicher können Sie sich jetzt die Herkunft unserer Tuniken zusammenreimen. Irgendwie habe ich mich mit meinem vermeintlichen Neuanfang auf der weißen Insel etwas verschätzt.

„Darling, ist Domi da? Gib mir mal Domi. Deine Cocktails brauchen wir heute noch nicht.“ Anni zwinkert mir zu, im Begriff unser Abendessen zu organisieren.

Ich zucke bezüglich der Cocktails aber unentschlossen mit den Schultern, denn eigentlich … na ja … gehen die nicht immer?

„Domi?“ Anni wird wohl weitergereicht. „Hey Domi, gibt’s heute Thai-Suppe? Oder Gulasch? … Ja, okay. Dann nehmen wir das. Ich hol‘s gleich ab.“

Dominikus, wie ihn genau keiner nennt, Anni und ich haben zwei Jahre lang in einer WG gelebt. Der besten WG der Welt, wenn Sie mich fragen. Domi hat immer für uns gekocht, wir haben … Freude beigetragen. Und viel Charme, würde ich sagen. Und Stubenhockertum auch. Na ja.

Ich bin dann ja allerdings wie gesagt ein bisschen durchgedreht. Ich habe aufgrund einer echt fiesen Kündigung und des Beziehungsaus mit meiner großen Liebe Alex – ein klitzekleines Missverständnis stand im Raum, oder vielmehr dem Bayerischen Hof – die Reißleine gezogen und bin wie erwähnt überstürzt nach Ibiza ausgewandert. Für genau zwölf Tage …
(Reden wir lieber nicht weiter darüber. Sie können das natürlich gerne alles nachlesen, aber ich versuche es ehrlich gesagt inzwischen zu verdrängen, weil es so ein bisschen peinlich ist.)

Jedenfalls ist an meiner statt im Zuge meiner ‚Auswanderung‘ Annis Freund Jeff in die WG eingezogen.
Ich meinerseits habe mich wieder mit meinem Freund Alex versöhnt – oder eher er sich mit mir, ich war immerhin diejenige, die versehentlich Mist gebaut hat – und inzwischen wohnen wir zusammen.

Und um die Hintergrundgeschichte zu Ende zu erklären: Domi, 19 Jahre jung und somit unser Küken, kochte schon immer für sein Leben gern. Viel lieber, als er im Direktvergleich dazu Architektur studierte. Mit Jeff, seines Zeichens in Birmingham ehemaliger Barkeeper aus Leidenschaft, hat er sich zusammengetan, um einen Catering-Service aufzuziehen.

Ihre Basis haben sie in einer ehemaligen Dönerbude gefunden, ziemlich klein, aber einigermaßen erschwinglich in der Miete. Wenn sie keine Veranstaltungen anstehen haben, kann man bei ihnen zum Glück auch Mittag- und Abendessen kriegen. Anni und ich müssen von unserem Laden aus praktisch nur einmal U-Bahn fahren und schon kriegen wir Gerichte, die nach WG-Zuhause schmecken.

„Und, was bekommen wir?“, frage ich gespannt, als Anni ihre Jeansjacke anzieht und drauf und dran ist, losziehen.

„Weder Suppe noch Braten – heute gibt’s die übrigen Kässpatzen.“

„Oh, nach Rezept von Domis Oma.“ Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Ich bin da flexibel. „Traumhaft!“

Anni nickt, macht sich hungrig auf den Weg und überlasst mich und Lizzo unserem Laden.

Das ist alles noch so neu. So ungewohnt. So unglaublich schön.

Wir befinden uns mitten in Münchens Glockenbachviertel und die Ladenfläche ist durch die Glastüre, eingelassen in die ebenfalls verglaste Scheibenfront, total lichtdurchflutet. Wenn man reinkommt, ist alles hell und gemütlich und vor allem weiß gehalten. Wie eben auch Ibiza, weil wir ja von da einen Großteil unserer Waren, sprich Sandalen, Taschen, Kleider und, hach ja, Tuniken, beziehen. (Vor allem wollten wir aber nicht streichen, ich geb’s ja zu …)

Wir haben immerhin überall Zimmerpflanzen aufgestellt. Ansonsten üben wir uns aber doch wieder in chicer Zurückhaltung, was die Deko angeht.
Ehrlicher Grund dafür: Kosten.
Besser klingender Grund: Gelebter Minimalismus.

Irgendwie schweife ich total ab, ich wollte eigentlich Preisschilder schreiben … Abgelenkt werde ich aber auch wirklich komplett unverschuldet, als das Telefon neben mir klingelt.

„Marannis?“, melde ich mich am Zenit meiner Professionalität und finde den Namen für unseren Laden immer noch super. Mara und Anni in einem Wort, das jetzt irgendwie so ein bisschen wie ein gefeierter italienischer Designer klingt.

„Schätzchen, bei mir wird’s heute nichts vor 22:00 Uhr“, höre ich Alex abwesend in den Hörer sagen. „Ich hab hier noch … Nachwehen von Wolfgang. Ich muss mir Überblick verschaffen.“

Ohne Zusammenhang klingt das jetzt irgendwie schräg. Also, Alex ist Rechtsanwalt und hat seinem älteren Kanzlei-Kollegen Wolfgang im letzten Jahr viel unter die Arme gegriffen, weil der auf einmal so schrecklich schusselig war und ständig wichtige Dinge vergessen hat.
Wie sich rausstellte, leidet Wolfgang an Demenz.
Daher teilt sich Alex inzwischen Wolfgangs Mandanten mit seinem besten Freund Marlon – ebenfalls Anwalt in derselben Kanzlei. Die beiden versuchen seit Monaten händeringend, Wolfgangs letztes, lückenreiches Karrierejahr zu flicken, aber gut Ding will Weile haben.

„Tut mir leid für dich, Liebling“, sage ich pro forma, aber ich weiß natürlich, dass Alex völlig in seinem Job aufgeht und liebend gern ein kleiner Workaholic ist. (Es wurde schon besser, seit wir zusammenwohnen, aber weil ich momentan selbst mit dem Laden alle Hände voll zutun habe, arbeiten wir irgendwie beide ziemlich viel.)

„Hey, Schätzchen, was anderes … Weißt du, wer sich vorhin bei mir auf WhatsApp für ein Praktikum in der Kanzlei beworben hat?“

„Keine Ahnung, vielleicht … oh, du meine Güte, nicht doch! Melina?“

„Melina?“ Er klingt ganz irritiert. „Nein, wieso denn Melina?“

Melina ist so was wie meine Erzfeindin. Und ich bin eigentlich ein total friedfertiger Mensch, der sich von allen bereitwillig und gerne auch mehrfach ausnutzen lässt. Meine Erzfeindin zu werden erfordert ergo verdammt viel Ehrgeiz. Aber Melina hat wirklich bei meinem letzten Job über Wochen hartnäckig behauptet, dass ich bestimmt schwanger wäre, nur weil ich mir ein paar Frustkilos angefuttert hatte.
(Domi hat viel und gern gekocht, Sie erinnern sich …)
Und im Grunde habe ich schlussendlich auch wegen Melina besagten Job verloren. Ich bin ausgeflippt und hab ihr die Meinung gegeigt, und das war der Anfang vom Ende. Melina war leider der Liebling meines Ex-Chefs Helge, und der fand gar nicht cool, wie ich mit Melina geredet, eventuell geschrien, habe. Kennen Sie Disney’s Große Pause? Melina war der Randall zu Helges Miss Finster …

„Okay, also nicht Melina“, überlege ich laut. „Aber wer dann? Wer bewirbt sich denn auf WhatsApp?“

„Jan.“

Mein Jan?“, staune ich. „Heavy-Metal-Jan?“

„Dein Nightwish-Jünger Jan, ja.“ Ich kann Alex praktisch grinsen sehen. „Montag in zwei Wochen ist er für einige Tage bei uns.“

„Ist ja irre“, freue ich mich.
Jan war mal mein Praktikant! Als ich noch bei Helge gearbeitet habe, sprich in einer Rumpelkammer seiner Papierfabrik Kundenreklamationen entgegengenommen habe, wurde mir Jan aufs Auge gedrückt. Ein untersetzter Teenager mit schwitzigem Händedruck, langen Haaren und ständig wechselnden Heavy Metal T-Shirts. Er hing permanent am Handy und hat mich erst mal relativ entspannt nach dem WLAN-Passwort gefragt. Ich fand die Frage so unpassend und berechtigt zugleich, dass irgendwie das Eis gebrochen war. Wir haben angefangen, unsere Pausen zusammen zu verbringen und uns irgendwie angefreundet.
Und dann kam das Drama um Alex. Mich hat’s voll erwischt, aber ich war echt unsicher. Jan hat sich – entgegen aller Wahrscheinlichkeiten – als super Beziehungsratgeber erwiesen und da die Welt verdammt klein ist, haben wir uns sogar nach meiner fiesen Kündigung auf Ibiza wiedergetroffen, als er mit seinen Cousins im Urlaub war.
Im Nachhinein würde ich sagen, dass es Schicksal war. Ohne die Jungs wäre ich wahrscheinlich auf der Insel verhungert.

„Ich glaube, er wird uns überraschen“, meint Alex und holt mich aus meinen rasenden Gedanken ab.

„Gib Jan eine Cola und er kann alles“, verspreche ich. „Hey, dann können wir oft Mittag zusammen machen! Apropos – soll ich dir für später Kässpatzen von Domi und Jeff mitbringen?“

„Nein, wir haben schon Tom Yam Gung Suppe bei ihnen bestellt.“

„Wegen euch war also nichts mehr davon für mich übrig“, sage ich und füge somit die Puzzleteile zusammen.

„Tja, mein Schatz – da warst du wohl mal wieder nicht schnell genug“, höre ich durchaus Schadenfreude auf der anderen Seite.

„Stört mich nicht“, behaupte ich so unbekümmert ich kann. „Werde ich eben immer pummeliger, weil wegen dir nur Gerichte mit sechs Käsesorten übrig sind …“

„Du bist nicht pummelig“, sagt er vorbildlich schnell. „Und ich liebe deine Kurven, also zier dich nicht.“

Ich lächle glückselig. Mir ist klar, dass Sie hier vielleicht neu einsteigen und noch nicht vor Kitsch gewarnt wurden, aber viel schlimmer wird’s nicht.

„Dann bis später?“, frage ich Alex.

„Ja, bis dann“, bestätigt er – und legt auf.

Kitsch-Ende. Sehen Sie? So schnell geht das hier …

Aber denken Sie sich nichts. Das ‚bis dann‘ ist schon ein riesiger Fortschritt. Es gleicht quasi einer halben Verabschiedung und Alex die anzutrainieren war harte Arbeit. Ein Dompteur für störrische Ziegen ist nichts dagegen.
Früher hat er einfach immer so aufgelegt, ohne jedes schlechte Gewissen. (Tun irgendwie alle in der Kanzlei.)
Mein bereits erwähnter Ex-Chef, Helge, tat das auch. Den hatte ich deswegen, und weil er wirklich auch so aussieht, immer heimlich Horatio Caine genannt – wie in CSI:Miami. Denn Horatio legt auch immer einfach auf, wenn Sie sich erinnern …

Als würden ‚Tschüss‘ oder ‚Ciao‘ unendlich viel Zeit kosten. Aber ich hab da ohnehin eine Theorie – Aufleger sind sicher genau die Leute, die in E-Mails Herr mit Hr. und Frau mit Fr. abkürzen.
Herzlichen Glückwunsch zu so viel gesparter Lebenszeit!

Ich will mich gerade wieder den Preisschildern widmen, da leuchtet mein Handy-Display erneut auf.

Herzchen, hast du vielleicht Lust, Trudi und mich am Samstag zu einer Vernissage zu begleiten? Wir hatten‘s doch erst davon, dass du gerne mal auf eine gehen würdest. Die passenden Outfits dafür müssten wir natürlich auch noch zusammenstellen :) Liebe Grüße, Linda

Oh, wie süß von ihr, dass sie an mich denkt und mich mitnehmen will!
Linda ist inzwischen so was wie eine Lieblingstante für mich. Wir sind natürlich nicht verwandt, aber … Sie wissen schon.

Durch Linda hat damals auch gewissermaßen alles angefangen. Sie hat für Alex und mich so ein bisschen Amor gespielt. Das vorhin erwähnte, klitzekleine Missverständnis begann jedoch bei ihr, und es hat sich leider lächerlich schnell durch die gesamte Münchner Schickeria durchgezogen.

Linda und ich haben uns zufällig in einer Edelboutique kennengelernt und deshalb nahm sie damals schlichtweg an, ich sei reich. Was der Realität nicht ferner liegen könnte. Ich bin die Königin im Sparen, aber das vor allem gezwungenermaßen …

Inzwischen ist das Schnee von gestern. (Gott sei Dank.) Aber genau wie direkt nach unserem Kennenlernen gehen wir nach wie vor noch gemeinsam einkaufen. Seit ich ihr damals in besagter Boutique meine ehrliche Meinung über einen irre teuren Blazer zugeflüstert habe – wohlgemerkt unter Riskieren meines Lebens, weil die Verkäuferinnen in diesen Läden wirklich gestreng sein können – wurde ich als ihre Einkaufsberaterin engagiert.
Bis dahin wusste ich zwar nicht, dass das echt ein Job ist, aber ich fand’s super und brauchte das Geld …

Oh. Habe ich schon erwähnt, dass Linda die Ehefrau meines schrecklichen Ex-Chefs Helge ist?
Es hängt alles zusammen.
Das hat mir und meinem unfreiwilligen Lügennetz damals schlussendlich auch das Genick gebrochen.

Ich weiß, das sind jetzt ein bisschen viele Personen auf einmal. Sie müssen sich ihre Namen und Zusammenhänge aber überhaupt nicht merken, die meisten stelle ich Ihnen bestimmt noch näher vor. (Außer Helge. Den hoffentlich nicht.)

Ich schreibe Linda jedenfalls zurück:

Ist echt lieb, dass ihr mich fragt. Ich komme sehr gerne mit euch mit! Ein Outfit finden wir auf jeden Fall ;) LG Mara

Linda antwortet gleich:

Perfekt! Du kannst auch gerne Alexander oder Anni mitbringen. Ich freu mich schon!

Super, danke – ich mich erst!

Kaum, dass ich meinen Text abgeschickt habe, schwebt auch schon wieder Anni mit dem Essen zur Türe rein. Und sie kommt nicht alleine.

„Schau mal, wen ich bei Domi getroffen habe“, flötet sie und hinter ihr treten Renate, meine Lieblingspessimistin, und Natascha, die bildhübsche Russin in den Vierzigern, sowie deren Langhaar-Chihuahua Borja ein.

Wobei Borja natürlich eher mit leichten Schritten trippelt. Die kleine Fellkugel hat uns zu unserem Laden verholfen. Indirekt.
Borja hatte oft und viele ‚Magenverstimmungen’ und der Vermieter hat sich irgendwann daran gestört, dass in seinen Räumlichkeiten ständig Hundehäufchen lagen. Natascha, die hier vor uns einen Schmuckladen geführt hat, wollte sich das nur keines Falls gefallen lassen und ist inzwischen mit Borja in einem anderen Stadtteil. (Allzu viel geöffnet ist ihr Laden nicht, glaube ich. Ist eher so eine Art Hobby von ihr, wenn Sie mich fragen.) Sie hat uns jedoch vor etwas weniger als einem halben Jahr gefragt, ob wir nicht ihre Nachmieter im Glockenbachviertel sein wollen – und wir wollten unbedingt.

„Hi, Mädels!“, rufe ich unseren Gästen zu.

„Ach, Maralda, ich kann mich gar nicht sattsehen an eurer Einrichtung!“, freut sich Natascha. „Ich ch-habe zwar mehr Gold und Glitzer bei mir, aber eure Pflanzen sind so ch-hübsch!“ Sie kommt zu mir an den Kassentresen und greift in die Gummibärchen-Schale.
Nicht etwa für sich, nein.
Borja steht gleich für seinen Snack parat und für mich hält sich einfach der hartnäckige Verdacht, dass daher nun mal die Magenverstimmungen kommen …

„Ich finde es auch so gemütlich und chic!“, ruft Renate erfreut und gesellt sich zu uns an die Gummibärchen. Sie ist sonst immer eher lethargisch, aber dass unser Laden ihr Begeisterung aufs Gesicht zaubert, sorgt für Freude in meinem Herzen.

Renate und Natascha sind beides tolle Frauen, die ich durch Linda, ebenfalls im Rahmen der Einkaufsberatung, kennenlernen durfte. Beide müssen sich um Geld keine Sorgen machen, sie sind in der Schickeria zuhause.

Für Anni und mich ist das nach wie vor eine andere Welt. Aber durch Lindas Kontakte sind viele unserer Kundinnen Teil der betuchten Oberschicht Münchens, was Preisgestaltungen sehr angenehm macht.

„So, hier die Kässpatzen“, meint Anni grinsend, als sie unsere Tupperschüsseln auf den Tresen stellt. (Wir essen nur von Domi, die Tupperware wandert ständig hin und her.) „Mit den besten Grüßen vom Küchenchef und meinem Briten.“

Ich seufze nur glücklich und frage Natascha und Renate: „Habt ihr Hunger? Wollt ihr auch was?“

„Niet, niet, spasiba.“ Natascha winkt ab. „Ich bin auf Diät.“

Renate zuckt ebenfalls mit den Schultern. „Ich will auch auf meine Linie achten. Aber danke, Liebes.“

„Renate hat mir vorhin erzählt, sie braucht ein Leinenkleid für ihren Urlaub auf Mauritius“, informiert mich Anni, Renate nickt.

„Ich dachte mir, ein Leinenkleid ist vielleicht ganz gut einsetzbar, oder?“, fragt sie unschlüssig und ich nicke eifrig.

„Wir haben erst gestern Abend neue Ware aus Ibiza bekommen“, verkünde ich und zeige auf unseren Haufen hinter dem Tresen, den wir gerade bepreisen wollten. „Da ist bestimmt was dabei … Was meinst du denn … dazu?“

Ich fische ein weißes Midikleid mit durchgehender Perlmutt-Knopfleiste aus dem Stoffballen heraus und reiche es ihr.
Sie begutachtet mit hochgeschobener Brille die Nähte – aber die sind wirklich makellos, unsere Händlerin Rafaela hat wirklich tolle Ware – dann lächelt Renate.

„Ich probier das gleich mal an.“

Sie weiß auch schon wo. Wir haben zwei dieser Paravent-Trennwand-Raumteiler mit aufgemalten Blüten – von uns liebevoll die Chinesische Mauer genannt – im Nebenraum des Ladens stehen. (Soll ich wieder ehrlich sein? Wir mussten nichts aufbauen oder schrauben …)

„Ich suche nach … ich weiß nicht, ch-habt ihr vielleicht was das funkelt?“, fragt jetzt Natascha. „Borja und ich gehen bald zu einem russischen Abend, da wollen wir ch-hübsch glänzen. Nicht wahr, Borja?“

Der Kleine bellt wie zur Bestätigung und Anni zückt aus dem Klamottenhaufen das Top, das wir schon längst vor unserem geistigen Auge an Natascha gesehen haben. Es ist mit Perlen und silbernen Kugeln bestickt und hat einen tiefen Wasserfallausschnitt.

„Ein Unikat, und so frisch reingekommen, dass ich es noch nicht mal auf unserem Instagram-Account gepostet habe“, verspricht Anni. Sie reicht es Natascha und die macht sich ebenfalls freudig hinter die Chinesische Mauer auf.

Anni hat mich inzwischen vollständig davon überzeugt, dass Digital Marketing ohne Instagram heutzutage nicht mehr möglich ist. Sie hat uns eine Webseite, eine Facebook-Seite, einen Account auf Twitter und eben auch Instagram eingerichtet und alle Achtung – vor allem junge Leute sind allein dadurch auf uns aufmerksam geworden.

„Wir haben uns nur noch keine Preise überlegt“, ruft Anni den beiden Anprobierenden zu, als sie sich in unserer unordentlichsten Schublade – der Schublade der Schande, wie wir gerne sagen – unterhalb der Kasse eine Gabel schnappt und den ersten Bissen Kässpatzen nimmt.

„Dann rechnet mal eben, ich nehme es nämlich“, kichert Renate und zeigt sich kurz.

„Ja, das ist wirklich hübsch“, finde ich.
Und ich versichere Ihnen, ich bin wirklich ehrlich. Wir wollen, dass sich die Damen in den Klamotten wohl und schön fühlen – und nicht Schickeria-Getuschel ertragen müssen, weil wir sie nicht ordentlich beraten haben.

Die Preise macht sowieso Anni. Darauf haben wir uns relativ schnell geeinigt. Ich würde nämlich immer am liebsten alles herschenken und das geht natürlich aufgrund der irrwitzigen Mietpreise unseres Ladens nicht so gut …

Dafür mache ich aber die Buchhaltung. Ich habe zwar eine kaufmännische Ausbildung gemacht, aber am Anfang ging mit Soll an Haben ja so gar nix mehr. Mein Kopf war praktisch leer. Ich musste tatsächlich einen staubtrockenen Auffrischungskurs an der Volkshochschule machen, aber jetzt hab ich‘s sogar zu meiner eigenen Überraschung ganz gut im Griff. (Denke ich.)
(Denke ich wirklich.)

„Sagt mal, Mädels“, ruft Natascha, kommt hinter der Chinesischen Mauer hervor und sieht an sich herab, „bringt das meine Brüste über-ch-haupt zur Geltung?“

Abgesehen davon, dass sie nichts anziehen könnte, das ihre Brüste nicht zur Geltung bringen würde, finde ich das Top an ihr echt hinreißend.

„Beweg dich mal ein bisschen vorm Spiegel“, empfehle ich, „der Ausschnitt wandert mit, weil der Stoff so fließend ist. Ich find‘s sehr chic, aber auch wirklich sexy …“

Natascha betrachtet sich aus jedem Winkel, während Borja sich förmlich um ihre Beine wickelt. Ihr Blick ist erst kritisch, dann interessiert.

„Mh, du ch-hast schon recht.“ Sie nickt schließlich. „Es ist ein eleganter Ausschnitt, der je nach Bewegung sehr ch-heiß ist.“

Anni meldet sich nach Tippen auf dem Taschenrechner auch zu Wort. „Renate, dein Kleid würden wir eigentlich mit 120 Euro auszeichnen, und Natascha, das Top wäre bei 135 Euro, weil es mit den Perlen und Steinen handbestickt ist – aber ihr könnt euch natürlich wie immer 20 Euro abziehen.“

„Ach, ihr müsst auch von was leben“, findet Renate und winkt ab, bevor sie direkt die Visa zückt.

„Eben, Mädels, ch-habt ihr euch doch verdient“, meint auch Natascha zwinkernd und zählt Bargeld aus ihrem roten Gucci-Geldbeutel.

Ist das nicht ein Traum? Sie meinen das auch wirklich so. Für sie sind 500 Euro wie 50 – hat Natascha mir zumindest mal erklärt.

„Danke!“ Ich bin ganz gerührt, als ich die Zahlungen entgegennehme.

„Maralda, sag mal“, kommt Natascha noch ein Gedanke, während Anni die Stücke für Renate und sie in unsere Maranni-Stoffbeutel packt. (Domi hat uns ja von Plastik abgeraten, weil er den Umweltgedanken wichtig findet. Und wir Twentysomethings wollen die Welt fürs Küken und alle anderen ja nicht besudeln, also haben wir einfach auf ihn gehört und welche bedrucken lassen. Das war nur leider vor dem reißerischen Bild-Artikel, in dem beleuchtet wurde, wie viel umweltschädlicher Stoffbeutel durch das viele Bleichen sein können …)

Renate geht noch kurz auf die Toilette gegenüber der Chinesischen Mauer – manchmal kommen die Mädels auch nur deshalb vorbei, und wir sind gerne der sichere Toiletten-Hafen – und Natascha scheint das ganz gut zu passen.

Sie fährt mit gedämpfter Stimme fort: „Dieser … wie ch-hieß er noch gleich? Max, oder Moritz, oder –“

„Marlon?“, schlage ich ihr energisch Alex’ besten Freund – Sie wissen schon, den anderen Anwalt – vor. Er hat sich nämlich total in sie verguckt. Seit Monaten schwärmt er von Natascha …

„Ja, so ch-hieß er glaub ich, Marlon.“ Sie nickt trüb. „Ich ch-hab so ein Gefühl, dass er … ich weiß nicht … auf mich steht?“

Na endlich! Wissen Sie, wie lange ich auf diese Erkenntnis für ihn hingearbeitet habe? Er lässt mich immer wieder versprechen, dass ich ihn Natascha gegenüber beiläufig erwähne, aber bislang hat das kaum gefruchtet.

„Kann das sein? Du weißt doch bestimmt was von Alex, oder Maralda?“

Natascha sieht mich mit großen, perfekt geschminkten Smokey Eyes an.

„Also ich denke …“, beginne ich und wäge kurz ab, ob ich All In gehen soll oder nicht. Ich tu‘s einfach, oder? „Darf ich ehrlich sein? Er schwärmt schon seit einiger Zeit von dir. Du hast ihn damals beim Abendessen nach meiner abgebrochenen Auswanderung total beeindruckt.“

„Wirklich?“ Natascha fasst sich überrascht an die Brust. „Wer ch-hätte das gedacht? Ich bin doch bestimmt 10 Jahre älter als er!“

„Er ist 31, wie Alex“, bestätige ich, „aber er ist wirklich ein netter Kerl, total lustig – das Herz am rechten Fleck, und zielstrebig.“

„Mh, na so was“, beginnt Natascha nachzudenken. „Wenn ich mich richtig erinnere, ch-hat er sich an dem Abend auch mit Borja so gut verstanden.“

„Ja genau, er liebt Tiere!“, flunkere ich. (Ausgerechnet Borja liebt er nun nicht gerade. Der Kleine hätte ihm an besagtem Abend beinahe die Hand abgebissen, aber was soll’s …)

„Meinst du echt, das könnte Sinn ch-haben?“, stellt Natascha jede weitere Bemühung infrage.

„Klar!“, sage ich aber schnell. „Wieso trefft ihr euch denn nicht einfach mal? Du hast nichts zu verlieren – wenn es nicht passt, schaffe ich ihn dir schon wieder vom Hals.“ Ich lächle breit.

„Na ja“, seufzt Natascha zögerlich. „Mh, okay, doch, doch, Maralda. Dann lock ihn am Freitag mal so gegen 18:00 Uhr hier-ch-her und ich komme zufällig auch, ja?“

„Perfekt“, freue ich mich. „Ich werd’s einfädeln.“

„So, Mädels“, ruft Renate und drapiert sich gerade noch ihren Pulli über die Hose, als sie aus der Toilette wieder zu uns zurückkommt, „danke euch, jetzt kann ich voll ausgestattet urlauben!“

Es folgt Bussi-Bussi – ein Küsschen auf jede Wange, typisch Schickeria – dann verlassen die Zwei mit einem klingelnden Glöckchen über der Türe den Laden.

Anni und ich grinsen uns einfach kurz an, bevor wir beide über unser Essen herfallen.

Soulfood – Therapie – alles in einem.

„Verkuppelst du schon wieder, Amor?“ Anni wackelt mit den Augenbrauen. „Marlon und Natascha wären irgendwie ziemlich süß zusammen. Vor allem müsste Marlon sich dann mit dem Hund rumschlagen und das wäre sicher zum Schreien komisch.“

„Borja hasst ihn!“ Ich muss direkt mitlachen. „Aber es wird ihn trotzdem freuen. Ich muss das gleich fix machen.“

Ich rufe Alex kurz auf Lautsprecher an, denn Anni liebt Mithören sowieso.

„Schätzchen?“, fragt Alex abwesend und ist sicher in Arbeit vertieft, als er abhebt.

„Hey – kannst du Marlon sagen, dass er diesen Freitag um 18:00 Uhr endlich ganz zufällig auf Natascha treffen darf?“

Kurz ist Stille in der Leitung.

„Das heißt, wenn ich ebenso zufällig da wäre, könnte ich Borja entführen und ihm nach all der Zeit … Mh. Was genau ich dann mit ihm mache, kann ich mir ja noch überlegen.“

Anni pfeift schon vor Lachen, aber ich muss mich auch zusammenreißen.
Alex hat auch einen Erzfeind. Nämlich Borja.
Eine lächerlich ernste Abneigung gegen das kleine Tier hat sich bei Alex entwickelt, als Borja an exakt dem Abend, als Marlon Natascha bei uns kennengelernt hat, ein riesiges Häufchen auf unser Bett geschissen hat.

„Sag es einfach nur Marlon und verschieb deine Rache fürs Erste“, empfehle ich.

„Mal sehen“, raunt Alex. „Ich richt’s Brando aus.“

„Okay, danke, bis –“

Es piept schon wieder in der Leitung. Ich verdrehe die Augen und Anni schüttelt nur den Kopf.

„Er ist und bleibt ein unverschämter Schnösel“, resümiert sie glucksend. „Aber ihr zwei Irren habt euch sowas von verdient …“
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