Oneshot Marthas Gedankenwelt nach Folge 963

OneshotAllgemein / P12
03.04.2020
03.04.2020
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Wieso hatte sie das bloß gesagt? Wieso hatte sie sich gerade nur so schlecht im Griff? Was war los mit ihr? Martha saß immer noch, mittlerweile bereits seit anderthalb Stunden, in der Dunkelkammer und starrte abwechselnd auf ihr eigenes Foto und das von Till, die sie fertig getrocknet in den Händen hielt. Eigentlich waren diese Fotos nach ihrem Streit entstanden und sahen folglich auch nachvollziehbar ernst aus. Doch trotzdem konnte sie nicht aufhören auf diese Bilder zu starren. Etwas in Tills Blick verwunderte Martha. Etwas, das ihr zuvor noch nie in diesem Ausmaß aufgefallen war. Sie konnte es nicht wirklich deuten, doch es erweckte immer wieder das Gefühl von tiefer Traurigkeit in ihr. Schon allein davon bekam das blonde Mädchen Gänsehaut und es lief ihr kalt den Rücken hinunter. Sie schüttelte sich kurz,als wolle sie dieses Gefühl einfach abperlen lasen, wie Wassertropfen. Doch die Erinnerung an den Nachmittag ließ sich nicht einfach so abschütteln. Sie hatte sich in Martha festgebrannt und wollte sie einfach nicht mehr los lassen. Sie schämte sich unheimlich.

Einerseits, weil Till ihr die Tatsache über seine Familie wirklich im Vertrauen erzählt hatte und sie benutzte es eiskalt gegen ihn, obwohl sie genau gewusst hatte, wie sehr ihn das Treffen würde. Mit jeder Reaktion hatte sie gerechnet. Aber das er einfach mit eingefrorener Miene wortlos weggehen würde, hatte sie beim besten Willen nicht erwartet. Und damit hatte er ihrem schlechten Gewissen den Rest gegeben. Sie wollte ihn aufhalten, in den Arm nehmen und so lange festhalten, bis all die Traurigkeit aus seinen Augen verschwunden war. Doch dafür war sie sich Stolz und ihr Scham eindeutig zu groß.

Andererseits, weil sie sich für den schlechtesten Menschen dieser Welt hielt. Sie hatte nicht nur ihren Freund betrogen, sondern auch noch eine Person, die ihr eigentlich immer wichtiger zu werden schien, unglaublich verletzt. Und sie wusste nicht einmal wieso dies alles passierte. Am Anfang war doch noch alles ganz normal. Natürlich hatte es sie ziemlich genervt, dass Kasimir und Nele beide ihren Träumen folgten und sie alleine auf Einstein zurückgelassen hatten. Doch sie hatte sich dennoch mehr oder weniger optimistisch ins neue Schuljahr gestürzt. Der Erste richtige Schock kam erst, als sie erfuhr, dass Till nicht mehr ans Einstein zurückkommen würde um bei seiner Familie zu bleiben. Dabei konnte sie Till doch eigentlich gar nicht richtig ausstehen. Zwar hatte er sich in den letzten Wochen vor Ferienbeginn doch ziemlich ins Zeug gelegt und versucht netter zu sein. Aber das änderte doch die Tatsache nicht, dass Till ein Idiot war, oder? Und plötzlich war er wieder da und behauptete in irgendeinem Sportcamp gewesen zu sein. Für Martha war da ganz eindeutig irgendwas gewaltig faul. Sie versuchte immer wieder an den verbohrten Einzelkämpfer ranzukommen, doch zulassen wollte dieser es zuerst natürlich gar nicht. Zu allem Überfluss machte er auch nun auch nichts anderes mehr als Sport. Klar, das hatte er auch zuvor schon getan, aber dieses Mal war es irgendwie anders. Er lief nicht nur. Erl ief als wollte er die ganze Welt hinter sich lassen. Martha hatte sich immer mehr Sorgen gemacht, obwohl sie selbst nicht genau verstanden hatte wieso. Diesen Gedanken hatte sie immer nur mit der Ausrede,"Er ist genauso allein sie du. Das erweckt natürlich Mitgefühl.", weggewischt. Schlussendlich hatte sie es auch geschafft, an ihn heranzukommen und verbrachten viel Zeit mit einander. Schnell hatte sich auch ihre Meinung über Till geändert. Er konnte also doch nett sein, wenn er wollte. Mit der Zeit erfuhr sie auch immer mehr die Wahrheit. Dass er tatsächlich bei seiner Familie gewesen war, die ihn aber nicht wollten und er deshalb zurück ans Einstein gekommen war. Und dann kam der Tag, den Martha am liebsten verfluchen würde. Der Tag, seit dem sie nicht mehr ruhig schlafen, geschweige denn denken konnte. Der Tag, der alles veränderte. Der Tag des Kusses. Eigentlich stritten sie sich mal wieder und Martha war drauf und dran, nach einer dummen Bemerkung von Till, zu gehen. Doch Besagter hielt sie am Arm fest und zog sie zurück, sodass nur wenige Zentimeter sie trennten und sie direkt in seine blauem Augen schaute. Und dann war es einfach so passiert. Martha wollte gar nicht daran denken. Sie stöhnte und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Am Anfang hatte sie das alles immer auf Till geschoben. Doch mittlerweile....

Ihr Handy vibrierte in ihrer Hosentasche. Sie kramte es hervor, nur um festzustellen, dass es bereits der sechste Anruf ihres Freundes war. Kasimir... Bei dem Gedanken an ihn zog sich in ihr alles zusammen. War er der Grund, weshalb sie heute diese Bemerkung hatte fallengelassen? Weil sie ihn nicht verletzen wollte? Aber hatte sie das nicht eigentlich schon lange getan? Martha seufzte erneut und steckte ihr Handy zurück in ihre Hosentasche. Dann drückte sie sich langsam von der Wand ab und  stand eine Weile etwas hilflos in den düsteren Raum herum. Genau so fühlte sie sich auch gerade. Hilflos, allein und völlig ungeschützt. Es gab niemanden mit dem sie darüber hätte reden können. Natürlich hätte sie Nele anrufen könne, doch das war ihr viel zu unpersönlich. Unwillkürlich fragte sie sich, wie es Till wohl gerade ging. Als sie das bemerkte, schnaubte sie kurz. Es war nicht so, dass Till ihr nichts bedeuten würde. Er bedeutete ihr sogar eigentlich ziemlich viel, wie sie sich eingestehen musste. Sie hatte nur einfach das Gefühl, dass sie gerade nicht berechtigt war, sich Gedanken über ihn zu machen. Immerhin war sie Schuld an dieser Situation, die für ihn wahrscheinlich noch viel unerträglicher sein musste. Sie versuchte immer noch krampfhaft, eine Erklärung für ihren Ausbruch zu finden. Schließlich beließ sie noch einmal geräuschvoll Luft aus dem Mund, bevor sie sich in Bewegung setzte, im Vorbeigehen die, auf dem Boden liegenden Fotos aufzuheben und sich auf den Weg in ihr Zimmer machte.



Stunden später, als sie bereits seit einer gefühlten Ewigkeit in ihrem Bett lag und Carolins ruhiges Atmen lauschte, wollte ihr die Sache immer noch nicht aus dem Kopf gehen. Was war denn gerade los mit ihr? Martha drehte sich möglichst leise, um ihre Mitbewohnerin auf keinen Fall zu wecken, auf die andere Seite. Leider konnte sie erwartet trotzdem nicht leichter einschlafen und wälzte sich noch Stunden herum, bis sie schließlich zu müde war, ihre Gedanken noch aufrechtzuerhalten. Irgendwann schlief sie dann doch ein, wenn auch in einen ziemlich traumlosen, unruhigen Schlaf.
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