Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Des Teufels treuste Seele - Feuertaufe

von Senjuusha
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Eric OC (Own Character)
02.04.2020
22.11.2020
26
113.759
11
Alle Kapitel
23 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
02.04.2020 2.405
 
Learning By Doing



Mit meinen 16 Jahren hätte ich eigentlich mittlerweile keine Angst mehr haben müssen, vor der Klasse zu sprechen. Erst recht nicht, weil es die letzte Stunde vor dem Eignungstest war. Trotzdem saß ich an meinem Platz, zupfte die schwarze Stoffhose zurecht und wartete mit pochendem Herzen, das der Lehrer mich aufrief. Dass man heute am letzten Tag noch Referate halten mussten, empfand ich als unrechtmäßig, ja beinahe schon als Schikane! Es brachte rein gar nichts und logisch betrachtet war es nur ein Referat, bei dem die gesamte Stufe eh nicht zuhören würde.

„Du schaffst das schon.“, meinte Tobias neben mir und lächelte schwach. Er hatte sicher nie Angst verspürt, weil er vollkommen selbstlos war und sich mit selbstkritischer Haltung nie betrachtet hatte. Ich war wirklich froh, neben ihm sitzen zu dürfen, und fragte mich, was für eine Fraktion er wohl wählen würde. Während ich dem Referat lauschte, über Tobias' Wahl nach sann und versuchte, die Nervosität unter Kontrolle zu bringen, ließ ich den Blick rastlos durch das Klassenzimmer streifen. Es war aufgeteilt in die verschiedenen Fraktionen.

Die Amite saßen in paralleler Reihe vor dem Lehrerpult, längs dahinter befanden sich drei Reihen, von denen Candor links, Altruan in der Mitte und Ferox rechts saßen. Schlussteil der Stufe bildete Ken, denn da sie sowieso alles wussten, konnten sie ihre Noten ohne große Probleme aus der letzten Reihe gleichbleibend gut halten. „Natürlich schafft sie das und ich wette, dass sie als Streberin zu den Ken wechselt!“, meldete sich Larry leise zu Wort, der hinter mir saß, und schien mal wieder vor lauter Langeweile seinen Bleistift weiter zu bearbeiten. Ziel war es gewesen, das er den Stift in diesem Schuljahr auf die exakte Länge von einem Zentimeter runter schraffierte. Da der Ken stets die unschöne Wahrheit raus posaunte, würde er sicher zu den Candor wechseln, da war ich mir sicher. Das Mädchen aus Ferox, das gerade ihr Referat beendet hatte, schwang sich wieder auf ihren Platz und gab ihrer Freundin, einem muskulösen Mädchen mit Dreadlocks, einen High Five Handschlag. „Jennifer, du bist die Nächste.“, rief Herr Simmons und ich presste die Lippen zusammen, schob den Stuhl etwas zurück und blickte um Beistand ersuchend zu meiner guten Freundin Tessa.

Die blonde Candor lächelte aufmunternd und nickte ermutigend, dennoch half es überhaupt nichts gegen die Panik, die plötzlich in mir hoch schäumte. „Du wirst das schon schaukeln, Jenna.“, hörte ich Tessa neben mir und schluckte die aufkommende Panik hinunter, weil sie mir den ganzen Körper kribbelnd betäubte. Ich hasste diese Sekunden. Diesen Moment, in dem ich genauso vorbereitet war, wie eine Ken und die Angst mich trotzdem so sehr hemmte, dass ich mir dumm wie ein Amite vorkam. „So lange wie sie braucht, schaukeln wir höchstens die Eier...“ Ich drehte mich nicht zum dunkelblonden Ken um, ging lieber schnurstracks nach vorne und rief die Datei mit schwitzigen Händen auf. Die Blicke der gesamten Stufe ruhten bereits erwartungsvoll auf mir und ich konnte nicht verhindern, dass die Knie kaum merklich zitterten. Zum Glück waren meine Beine aber durch das Lehrerpult verdeckt.

Mein Blick huschte flüchtig über die Klasse, die gespannt und still vor mir saß. Tief Luft holend, machte sich die bekannte Hilflosigkeit in mir breit, sodass ich meine zitternde Stimme nochmals mit einem Räuspern stärkte. „Mein Referat handelt über die Steuerungssysteme im menschlichen Körper und-“

„Lauter, Smart Mouth! Hier hinten hört man dich nicht!“ Larry lachte unterdrückt und ich stierte den Dunkelblonden in der letzten Reihe an. Ständig störte er meine Referate mit derartigen Zwischenrufen und lehnte sich mit selbstgefälligem Grienen im Stuhl zurück. Ich traute mich jedoch nicht, vor versammelter Mannschaft eine passende Antwort zu geben, und räusperte mich demonstrativ. Hitze stieg in meine Wangen und ich schielte auf den Bildschirm, ehe das Referat mit zitternder Stimme runtergeleiert und stotternd ein Fachwort nach dem anderen in den Raum geworfen wurde. Die Blicke der anderen ruhten auf mir und ich versank innerlich in Grund und Boden. Ich hasste es wirklich, vor Leuten zu sprechen, und knetete mir unruhig die Hände, während ich erzählte, erklärte und anhand von Beispielen die verschiedenen Hormone, Enzyme und Fermente beschrieb, die im menschlichen Körper am Werk waren. Dabei blieb der Blick immer wieder an dem dunkelblonden Ken hängen, der in der letzten Reihe saß und gelangweilt die Augen verdrehte. Ich verbrachte eine halbe Ewigkeit vor der Klasse und atmete zittrig durch, als der letzte Satz beendet wurde und mein Blick abschätzend über die Menge wanderte.

„Gibt es noch Fragen oder war alles soweit verständlich?“, meinte ich leise und blickte mich um, als in der letzten Sitzreihe eine große Hand hochschnellte. Ignorieren konnte ich ihn nicht, da Herr Simmons seine Meldung bereits auch gesehen hatte, und ich wappnete mich für einen weiteren, blödsinnigen Beitrag, mit dem ich mich besonders unwohl vor der Klasse fühlen sollte. Das kannte ich immer hin schon seit Jahren. „Ja?“, kommentierte ich seine Meldung und runzelte abwartend die Stirn, als der 16-Jährige sich auf seinem Tisch vor lehnte. „Kurz gesagt heißt das also, wenn man Angst hat, bekommt man gleichzeitig keinen mehr hoch?“, wollte der Dunkelblonde wissen und runzelte die Stirn mit aufgesetztem Interesse. War das sein Ernst? Musste ich auf so einen Schwachsinn antworten? Er wollte doch sowieso nur, dass ich mich vorne, ganz alleine stehend, richtig unsicher fühlte! Einen anderen Zweck erfüllte diese Meldung doch überhaupt nicht.

Einige aus der Klasse lachten, während meine Wangen langsam wärmer wurden und ich im Augenwinkel sah, dass auch Herr Simmons lachend den Kopf schüttelte. „Biologisch gesehen korrekt. Aber ich denke, du bist die absolute Ausnahme, stimmt's?“, meinte Herr Simmons amüsiert und ich atmete erleichtert auf, als ich darauf nicht antworten musste. Der Ken grinste nur und lehnte sich nickend im Stuhl zurück. „Setzt dich ruhig wieder, Jennifer.“, meinte Herr Simmons und ich gehorchte wortlos. Die Gummisohlen meiner Schuhe machten unangenehme Schmatz-Geräusche und ich schob mich zwischen den Tischen hindurch, um den Platz zu erreichen. Zielstrebig setzte ich mich auf den geliebten, kippelnden Holzstuhl und rieb mir die schwitzigen Hände an der Hose. „War doch super!“ Ich lächelte Tessa nur kläglich an und nickte schwach. „Ich hasse Referate!“, moserte ich leise und verdrehte die Augen. Ich hatte es wirklich geschafft und dieses bescheuerte Referat endlich hinter mich gebracht. Dass sich Erleichterung wirklich so extrem gut anfühlen konnte, war mir bis dato noch nicht aufgefallen.

„Hey, Smart Mouth!“, zischte es leise hinter mir, doch ich passte lieber auf, mit welchem Gesichtsausdruck Herr Simmons das Referat bewertete. Auch wenn es das letzte Referat war, wollte ich insgeheim doch eine gute Note haben, mit der ich später einen guten Job bekommen konnte. Irgendwas Leichtes traf meine Schulter, aber ich achtete nicht drauf. Der Ken musste sich noch einen Moment gedulden und ich spürte immer mal wieder leichte Gegenstände, die auf dem Rücken, dem Kopf oder der Schultern aufschlugen. Es waren wieder seine Lieblingsgeschosse und wenn ich Pech hatte, würde er vielleicht noch einen Kaugummi in meine offenen Haare geworfen haben. Herr Simmons hatte meinen Namen in der Liste gefunden, seine Mundwinkel zuckten zufrieden nach oben und er trug mit schwachem Kopfnicken seine Notiz ein. Wenn ich Glück hatte, würde das eine glatte 1 geben, wenn ich Pech hatte, eine 2-, die vielleicht meine Berufswahl verbauen konnte. „Smart Mouth!“, zischte es wieder hinter mir. Ich drehte mich mit monotoner Miene um und wurde dann erneut von Etwas getroffen, diesmal an der Wange und es raschelte auch noch. „Volltreffer!“, grunzte Larry in seinen blauen Jackenärmel und drehte den Kopf kichernd weg. „Was willst du, Eric?!“

„Du warst gar nicht so schlecht, hast nicht mehr gestottert als sonst auch.“ Ich schielte auf den Fußboden und musterte die vielen Geschosse, mit denen Eric mich mal wieder beworfen hatte. „Und deswegen bewirfst du sich mit Papierkugeln?“, beschwerte ich mich und stierte dem Ken ausdruckslos entgegen, als er sich mit seinen blaugrauen Augen vorbeugte und mir amüsiert entgegen griente. „Wenn man dich anspricht, reagierst du ja nicht, daher muss man eben kreativ werden. Hast du Lust, die Wechselwirkung von Testosteron und Östrogen nach dem Eignungstest genauer zu untersuchen?“ Larry grunzte unterdrückt in seine Armbeuge und senkte den Blick kopfschüttelnd. Vielleicht würde sich die ein oder andere wegen dieser plumpen Anmache freuen, aber auf mich traf das definitiv nicht zu. In meiner gesamten Schullaufbahn hatte ich vor diesem Ken gesessen und wusste zu gut, dass Eric sich nur wieder einen typischen Scherz erlaubte. “Du hast nur das vom ganzen Referat behalten?“, murrte ich grantig und stierte ihn monoton an.

„Du kannst mir den Rest gerne noch mal bei einer privaten Nachhilfestunde erklären. Gegen ein bisschen Learning by Doing hätte ich nichts, Smart Mouth...“ Lieblos lachend schüttelte ich den Kopf. „Selbst wenn du letzte Typ in der Stadt wärst, würde ich das Angebot nicht annehmen, Coulter!“ Es waren ehrliche Worte, einer ehrlichen Candor und ich drehte mich ohne ein weiteres Wort um. Larry sog scharf die Luft ein und Eric ließ einen lieblosen Laut von sich. Manches Mal traute ich mich eben doch, schlagfertiger zu antworten. „Alter, du bist voll abgeblitzt...“, grunzte Larry amüsiert und ich konzentrierte mich wieder auf das nächste Referat. „Smart Mouth!“ Einen Tag noch, dann hätte ich wahrscheinlich lebenslang Ruhe vor diesem Ken. Meine Augen verdrehten sich genervt, ich blickte Eric über die Schulter entgegen und hob fragend eine Augenbraue. Als er dann jedoch mucksmäuschenstill war, platzte mir der Kragen. „Was?!“, zischte ich leise und musterte das überhebliche Schmunzeln auf seinen Zügen.

„Du kannst auch nur demonstrieren, was die Candor so drauf haben. Irgendwo drin müsst ihr Smart Mouths ja gut sein, hm?“, griente Eric mit provokanter Zweideutigkeit und drückte seine Zunge unmissverständlich gegen die Innenseite seiner Wange. „Du bist echt widerlich, weißt du das?!“ Ich verzog das Gesicht, drehte mich kopfschüttelnd um und hörte die beiden Ken leise lachen. Das Eric so heiter gackern konnte mit seiner tiefen Stimme, verstand ich immer noch nicht. „Ignorier ihn einfach, Jen...“, meinte Tobias leise und schielte mir mitfühlend entgegen. Eric ließ einen amüsierten Laut hören und schnurrte leicht, als wäre er ein Kater, der einem verstohlen um die Füße herum schwänzelte. „Ah, der Stiff hat Mumm sich einzumischen, hm? Musst du nicht gleich wieder Taschen tragen oder dein Essen teilen?“ Tobias reagierte nicht darauf, lächelte mir nur bestärkend entgegen und drehte sich wortlos zum Referat um. „Steht der Stiff etwa auf sie?“, fragte Larry, trommelte auf seinem Tisch herum und seufzte gelangweilt. „Keine Ahnung. Aber unser kleines Smart Mouth darf sich doch nicht mit Jungs treffen, schon vergessen? Wobei, der Stiff ja viel zu brav für so was wäre...“

Die Stunde verging langsamer, als ich gedacht hatte, und ich schielte gelangweilt auf mein Heft, als ich die beiden Ken weiterhin belauschte. Vielleicht würden mir diese kleinen Neckereien mit Eric doch fehlen, wenn ich morgen eine andere Fraktion wählen würde. „Na komm, die Mädels sollten auch ihren Spaß dabei haben, ist also nicht verkehrt, wenn man es ihnen richtig besorgt...“, diskutierte Larry leise mit dem Dunkelblonden und ich kritzelte lieblose Notizen in mein Heft, die ich beim letzten Referat aufschnappte. „Mädels müssen wie der Mond sein, Larry. Abends aufgehen und morgens verschwinden.“ Der dürre Ken lachte und ich starrte monoton auf den Bildschirm, auf dem gerade eine Grafik erklärt wurde. Eric war im wahrsten Sinne ein Arschloch und ich konnte einfach nicht fassen, das einige Mädels diesen Typen auch noch süß fanden.

Herr Simmons beendete den Unterricht schließlich und die Ferox sprangen als Erste auf, ehe sie laut jubelnd den Raum verließen und in die Pause stürmten, um wieder auf der Skulptur herum zu klettern. Ich sah den verrückten Ferox gerne dabei zu, packte langsam die Schreibsachen zusammen und schob das Heft in die schwarze Tasche. Die zwei Ken, die hinter mir saßen, schlenderten bereits langsam zur Tür und ich sah dem Dunkelblonden argwöhnisch hinterher, der seinen Rucksack lässig über einer Schulter trug und seine blaue Jacke in der Hand hielt. „Eric, bevor du gehst...“, merkte Herr Simmons als stumme Anweisung an, deutete auf meinen Platz und runzelte mahnend die Stirn. „Das Smart Mouth hat den Platz dreckig gemacht!“, gab der bullige Ken nur mit fast überzeugender Empörtheit von sich und ließ die Schultern unschuldig hängen. „Soll ich wieder in dein Heft sehen? Na los, mach sauber und dann hau auch ab.“ Eric seufzte schnarrend, ließ den Rucksack an Ort und Stelle fallen und schnappte sich widerwillig den Besen.

Nun schob ich die Utensilien mit einem Mal lieblos in die Tasche und stand mit Tobias und Tessa auf. Bevor der Ken hinter mir mit dem Besen rumhantierte, wollte ich lieber schon auf dem Weg in den Schulhof sein! Tobias ging vor, gefolgt von Tessa und ich schlenderte den beiden hinterher. Sicher wartete Rose, die in der ersten Stunde Mathe gehabt hatte, schon vor dem Raum und ich schmiss mir die Tasche um. Ein argwöhnischer Blick zu Eric reichte und ich war wie so oft wachsamer. Der Ken schob sich schwunglos durch die Stuhlreihe und lehnte an einem Tisch. Dem Anblick konnte man beinahe etwas Normalität abgewinnen, wäre da nicht das verheißungsvolle Schimmern in seinen Augen. Ich sah ihm flüchtig entgegen, bemerkte aber sofort, dass Eric mich von der Seite monoton anschielte und anscheinend wartete, damit wir vorbei konnten. Was ich von ihm halten sollte, wusste ich nicht. Auf der einen Seite neckte er mich ständig mit allen möglichen Gemeinheiten und andererseits hatte er auch seine guten Momente, in denen er netter war als gedacht. In solchen Momenten konnte Eric sogar manchmal höflich sein, was beinahe ein Unding war.

Gerade als ich an ihm vorbei ging, stolperte ich auch schon beinahe über den Besen, den er einfach zwischen meine Füße hielt. „Lass das, Coulter!“, schimpfte ich säuerlich und spürte dann auch noch einen Klaps an meinem Po, als der Ken sichtlich amüsiert den staubigen Besen an die schwarze Stoffhose deute. Erst letztes Mal hatte ich ganze 5 Minuten damit verbracht, die ganzen Staubflusen im Mädchenklo von meinem Hintern zu sammeln und selbst danach war noch ein grauer Schatten auf meinem Po zurückgeblieben. „Smart Mouth, du hast da was...“, meinte er nur und ich schlug ihm die Hand weg, als diese meinem Po provokant nahekam. „Fass mich ein Mal mit deinen Griffeln an und du kannst was erleben!“, zischte ich gereizt und rümpfte die Nase, als der Ken amüsiert auf gackerte. „Das Kätzchen fährt die Krallen aus, hm?“

„Eric, sauber machen...“, mahnte Herr Simmons nochmals nachdrücklich und der Ken deute sich lustlos vom Tisch ab, ehe er zu meinem Platz schlenderte und die Papierkugeln widerwillig zusammen fegte...
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast