Zurückweisung Oneshot

OneshotAngst / P12
02.04.2020
02.04.2020
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Warnung: In dieser Geschichte werden Suizidgedanken angedeutet. Falls euch das triggern könnte lest bitte nicht weiter.
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Till verschwindet auf sein Zimmer und packt seine Sachen zusammen. Er weiß nicht mal warum. Wo soll er denn noch hin? Es gibt keinen Ort auf der Welt, an den er gehört. An dem er wirklich Willkommen ist. Also lässt er seinen gepackten Rucksack auf dem Bett liegen und schmeißt sich stattdessen in seine Sportklamotten. Mit irgendwelchem Punk-Rock in voller Lautstärke auf den Ohren verschwindet er in den Wald um eine Runde laufen zu gehen. Oder zwei. Oder 10. Hauptsache er kann alles andere für eine Weile vergessen. Alles läuft auf Hochtouren. Die Musik, seine Gedanken, seine Gefühle, seine Beine, sein Herz. Er ist kurz vor einer Explosion. Als er vor lauter Anstrengung kaum noch Luft bekommt bleibt er stehen und schreit alles aus sich heraus. Er will den ganzen Schmerz, der sich in ihm angesammelt hat mit hinausschreien, in die Welt, die ihn verursacht hat. Er ist am Ende seiner Kräfte. Sowohl körperlich, als auch seelisch. Er kann nicht mehr. Er kann keine Fassade mehr hochstämmen. Schon lange nicht mehr. Der Kuss hat ihm so viel Hoffnung gegeben. Darauf, das alles besser werden könnte. Dass da jemand ist, der ihm gut tun würde. Dass er doch nicht für immer und ewig ein Einzelkämpfer bleiben muss. Was fällt Martha ein? Er kann mit Zurückweisung nicht umgehen? Sein ganzes Leben ist eine einzige Zurückweisung! Ihm das auch noch ins Gesicht zu sagen. Seine Familie auch nur zu erwähnen. Er hätte ihr nie vertrauen sollen. Sie hat doch keine Ahnung! Sie hat Freunde, die sie nicht einfach hängen lassen, wenn sie mal Fehler macht. Und Gott, dieses Mädchen ist so voller Fehler! Sie hat Eltern, die sie vor den Ferien abholen und nach den Ferien auch wieder zurückfahren. Zu denen sie immer kann, wenn sie möchte. Sie hat einen Bruder, der alles für sie tun würde. Der sie vor allem Bösen in der Welt versucht zu beschützen. Sie hat einen Freund, der sie über alles liebt. Und den sie einfach betrogen hat. Martha ist die jenige, die damit nicht umgehen kann. Mit diesem Kuss. Dabei ist es glasklar, dass sie genau so fühlt wie Till. Das hat überhaupt nichts mit Zurückweisung zutun. Sie weiß gar nicht, was Zurückweisung ist. Wie es sich anfühlt, wenn dich wirklich niemand will. Wie sehr man sich dann nach Anerkennung sehnt. Wie sehr man sich anstrengt, um gesehen zu werden. Wie viel Schmerz sich in einem festsetzt, der nicht mehr verschwinden will. Und wie man dann um sich schlägt, um bloß nicht mehr verletzt zu werden. Und niemand sieht es. Niemand versteht es. Niemand will es verstehen. Martha selbst am allerwenigsten. So oft hat sie ihn gefragt, warum er nicht mehr in die Staffel will. Warum er wegen seiner Familie gelogen hat. Und selbst, als er ihr die Wahrheit anvertraut hat, hat sie es nicht verstanden. Oder verstehen wollen. Denn sonst hätte sie das gerade nicht gesagt.

„Vielleicht kannst du auch einfach nicht damit umgehen, wenn dich jemand nicht will. Wie zum Beispiel deine Familie. Die konnte dich auch nicht schnell genug loswerden.“

Sie hat es ausgesprochen. Das, was Till Tag für Tag zu spühren bekommt. Jeder will ihn loswerden. Manchmal will er selbst auch einfach  nur noch verschwinden. Damit das alles aufhört. Damit dieser Schmerz endlich weggeht. Aber dazu ist er zu stolz. Diesen Gefallen würde er dem Rest der Welt nicht tun.  Er wird weiter um sich schlagen. Der Welt den Mittelfinger zeigen. Allen voran dem Scheiß-Kampfhund!
Sie hat überhaupt keine Ahnung, wie sehr ihr Verhalten ihn verletzt hat. Nicht nur ihre Worte heute. Sondern alles, seit dem Kuss. Ihr Zurückstoßen direkt danach. Ihr Ausweichen vor ihm. Als wäre alles seine Schuld. Ist ja auch einfacher dem Sündenbock noch mehr Sünde aufzuerlegen. Dabei gehören zu einem Kuss doch immer zwei! Aber nein! Till ist an allem Schuld. Ist er bei ihr doch immer! Das hat er das komplette letzte Jahr aushalten können. Sogar ihr penetrantes Hinterherlaufen in den letzten Wochen hat er ertragen können. Aber seit dem Kuss. Seit dem sie ihm diese Scheiß-Hoffnung gegeben hat. Seit dem hat er aufgehört zu schlagen. Und jetzt hat er nicht mal mehr die Kraft seine Arme hochzureißen um sich zu schützen. Er ist der Welt vollkommen schutzlos ausgeliefert. Zu schwach, um noch zu stehen. Zu schwach, um weiter zu kämpfen. Zu müde, um noch weiter zu funktionieren.

Er kommt viel zu spät zurück ins Internat. Er hat sich schon darauf vorbereitet, von Frau Schiller eine Lektion erteilt zu bekommen. Doch als sie ihn sieht, scheint sie eher besorgt zu sein. Ihre Fragen fließen an ihm vorbei. Nichts kommt mehr bei ihm an. Wie ferngesteuert kehrt er in sein Zimmer zurück, packt seine Schlafsachen aus dem Rucksack und macht sich bettfertig. Auch Pits besorgte Fragen kommen nicht bei Till an. Die Mauern sind wieder oben. So schnell wird die keiner mehr durchbrechen.

Frau Schiller lässt ihn am nächsten Morgen im Bett liegen bleiben. Er täuscht Kopfschmerzen und Übelkeit vor. In Wahrheit spührt er nichts als Leere. Das stört Till nicht. Dann kann er wenigstens nicht auch noch den Schmerz fühlen, der nach wie vor tief in ihm liegt. Er weiß, dass er sich nicht ewig in seinem Zimmer verstecken kann. Er weiß, dass er früher oder später seinen Mitschülern vor die Augen treten muss. Martha vor die Augen treten muss. Aber das würde er erst tun, wenn seine Mauern wieder stabil genug waren.

Gegen Abend fühlt er sich dazu bereit. Er hat den ganzen Tag über nichts gegessen. Er hat keinen Hunger. Aber er weiß, dass er essen muss. Er will morgen wieder beim Sport mitmachen und Vollgas geben. Da braucht er die Kraft. Ein Tag ohne jegliche Nahrung würde ihn zu sehr straucheln.
Wie es der Zufall will ist natürlich Martha in der Küche als er sich was Zuessen holen will. Als sie ihn sieht erstarrt sie. Auch Till ist plötzlich eingefroren. Dann schafft er es seinen Blick abzuwenden. Bevor seine Gefühle zurückkehren. Bevor die Mauern einstürzen die er gerade erst mit aller Kraft wieder aufgebaut hat. Er richtet seinen Blick nach unten. Fast blind macht er sich so sein Abendbrot fertig. Er kann nicht einmal sagen, ob sie noch in der Küche ist. Doch bevor er die Küche mit dem Teller in der Hand verlässt wird er schwach. Er schaut hoch. Martha steht immer noch genau dort, wo er sie hat einfrieren sehen. Sie schaut ihn immer noch an.
„Bist du krank?“, fragt sie dann doch. „Geschwänzt hab ich nicht.“, antwortet er patzig.
„Alles in Ordnung?“ Hat sie wirklich die Nerven das zu Fragen? Nichts ist in Ordnung. Das weiß sie doch ganz genau!
„Alles wie immer.“, antwortet er im gleichen Tonfall wie in seiner letzten Antwort. Es ist alles wie immer. Till ist zurück im Einzelkämpfer-Modus. Seine Mauern hoch. Seine Hände zu Fäusten geballt, bereit zum Schlag. Bereit alles kaputt zuhauen, das ihm zu Nahe kommt. Es will ihn ja sowieso niemand.
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