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Kleider machen Gentlemen

KurzgeschichteFreundschaft / P6
Hershel Layton
01.04.2020
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Kleider machen Gentlemen


Ein neuer Hut macht noch keinen Gentleman. Diese schmerzliche Erfahrung muss Hershel auf dem Campus machen, nachdem er den Zylinder von Claire in Empfang genommen hat. Sein Freund Clark verspricht zu helfen – und hat am Ende tatsächlich Erfolg.





Hershel Layton hatte sich schon sehr lange nicht mehr so befreit gefühlt. Und das lag nicht nur daran, dass er nun endlich den so ersehnten akademischen Grad erreicht hatte. Sondern auch an dem Geschenk, das Claire ihm eben gemacht hatte: Sie war so stolz auf ihn gewesen. Er gefiele ihr gut mit dem Zylinder, hatte sie gesagt und ihn ihren frisch gebackenen Professor genannt. Ihren! Wie konnte ein so kleines Wort, so trunken machen vor Glück?
Hershel blieb vor dem Garderobenspiegel stehen. Tief atmete er noch einmal ein, um die abertausend Schmetterlinge wenigstens ein bisschen zu beruhigen, die ihm gerade aufgeregt und herrlich warm durch den Bauch flatterten. Ein letzter prüfender Blick auf seinen neuen Hut, dann verließ er die Wohnung. Fest entschlossen, sich so schnell wie möglich an ihn zu gewöhnen, damit er Claire heute Abend als genau der Gentleman gegenübertreten konnte, den sie sich wünschte.

Bis zur Universität war es nicht weit. Er war neugierig auf sein Büro, auch wenn ihm bis zu seinem endgültigen Dienstantritt noch etwas Zeit blieb. Und vielleicht würde er dort auch auf Clark treffen.
Und lag er richtig. Sein bester Freund stand wirklich neben dem Eingang der Gressenheller-Universität. Fast so, als wären sie verabredet gewesen. Doch Clark war nicht allein. Er war selten allein. Um ihn herum stand eine Traube aus Erstsemesterinnen, die dem jungen Mann regelrecht an den Lippen hingen. Clark war schon immer beliebter gewesen, als Hershel es je sein würde: Er war selbstbewusst, sah gut aus, kleidete sich stets elegant und kam aus einer wohlhabenden Familie. Doch Hershel hatte schon lange aufgehört ihn darum zu beneiden. Das war vorbei, seit sie in ihrem zweiten Semester nächtelang über einer Projektarbeit für Dr. Schrader gebrütet hatten und dabei zu echten Freunden geworden waren.

Unschlüssig blieb Hershel nun in einigem Abstand zu der Gruppe stehen. Nicht sicher, ob er sie in ihrem Gespräch unterbrechen sollte oder nicht. Aber da war bereits die Erste der Studentinnen auf ihn aufmerksam geworden. Hinter vorgehaltener Hand prustete sie los, stieß ihre Nachbarin in die Seite und deutete unverhohlen auf Hershels Zylinder. Nicht lange, und es kicherte die ganze Gruppe.
Hershel wurde es heiß und kalt gleichzeitig. Die Schmetterlinge in seinem Bauch bekamen Bleiflügel und katschten einer nach dem anderen zu Boden.
Clark war der Einzige, der nicht eine Miene verzog. Aus tintendunklen Augen warf er einen stechenden Blick in die Runde. „Würdet ihr uns kurz allein lassen – mich und Professor Layton?“, bat er mit klirrend kalter Stimme. Sofort erstarb das Gelächter. Unter gemurmelten Entschuldigungen machten sich die Mädchen davon. Manche kreidebleich, andere mit hektischen roten Flecken im Gesicht.
Clark lachte. „Hast du gesehen, wie sie zusammengezuckt sind als ich dich Professor genannt habe?“, fragte er und kam mit federnden Schritten auf Hershel zu.
„Ich denke, das lag mehr an deiner Autorität, als an meinem Titel.“, wehrte der automatisch ab.
„Unsinn! Sei mal ein bisschen selbstbewusster, Hershel.“, tadelte er freundlich und zog ihm spielerisch den Hut über die Augen. „Also: Wo hast du dieses Teil her?“
„Von Claire. Sie hat ihn mir geschenkt.“, antwortete Hershel knapp und verschaffte sich schnell wieder freie Sicht. Ein wenig ärgerte ihn Clarks lapidare Bemerkung. Er zögerte einen Moment.
„Sieht er wirklich so albern aus?“, erkundigte er sich halblaut.
Clark verzog das Gesicht als hätte er Zahnschmerzen, und allein das war eigentlich schon Antwort genug.
„Ja …“, gestand er unwillig. Ungeduldig wedelte er mit der linken Hand durch die Luft, während er sich die andere an das glattrasierte Kinn legte und nach einer Erklärung suchte.
„Er … er passt einfach noch nicht so recht zu dir. Aber keine Sorge, mein Freund. Daran können wir etwas ändern.“ Seine Augen blitzten und auch der Tonfall war Hershel nicht fremd: Clark war eben eine Idee gekommen. Und er würde nicht eher ruhen, bis er sie umgesetzt hatte.
„Musst du nicht …?“, Hershel zeigte in die Richtung, in die die jungen Studentinnen eben verschwunden waren und war etwas überrumpelt von seiner plötzlichen Hilfsbereitschaft.  
Doch Clark ließ ihn gar nicht erst ausreden.
„Ach was! Die können sich ihre Stundenpläne selbst zusammenstellen.“, tatendurstig legte er seinem Freund den Arm und die Schulter und führte ihn vom Universitätsgelände. „Komm mit. Bald wird niemand mehr über dich lachen.“

*

Das Geschäft, welches sie wenig später betraten, kannte Hershel bisher nur vom Vorbeilaufen. Unschlüssig ließ er seinen Blick über die immense Auswahl an Herrenmode schweifen. Die Sachen sahen nicht nur teuer aus, sie rochen sogar teuer. Clark dagegen trat auf, als wäre er hier zu Hause.
„Kann ich Ihnen helfen?“, begrüßte sie eine der Verkäuferinnen.
„Wir suchen Etwas, das zu diesem Zylinder passt.“, antwortete er an Hershels Stelle. Die Augen der jungen Dame fingen an zu leuchten. Es hätte Hershel nicht gewundert, wenn sie vor Freude in die Hände geklatscht hätte. Allem Anschein nach, war Claire nicht die einzige Frau mit einer Schwäche für britische Gentlemen.
„Ein ganzes Outfit?“, fragte sie entzückt.
„Ja.“
„Nein!“, entsetzt packte Hershel ihn am Arm. „Bist du verrückt?“, zischte er, „Das kann ich mir nicht leisten.“
„Könntest du wohl, wenn du dein ganzes Geld nicht andauernd für Bücher aus dem Fenster werfen würdest.“, raunte Clark zurück.
„Verzeihung – doch nur ein Teil.“, sagte er zur Bedienung gewandt.

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Hershel sich mit dem ersten passenden Jackett zufriedengegeben. Aber die Verkäuferin gab sich solche Mühe und hatte so einen Spaß an der Beratung, dass er es nicht über sich brachte sie abzuwimmeln. Und auch Clark wurde nicht müde ihm vorzuhalten, dass er das schließlich nicht für sich selbst tat sondern für Claire. Und dass eine Frau wie sie, nur das Beste verdiente. So probierte Hershel sich länger als eine Stunde durch das Sortiment und entschied sich am Ende für einen leichten, schwarzen Kurzmantel mit hohem Stehkragen.
„Ein sehr zeitloses Stück.“, lobte die Verkäuferin, „Wenn Sie irgendwann einmal Ersatz dafür brauchen, können Sie jederzeit wiederkommen.“
„Immer noch viel zu teuer …“, murmelte Hershel nach einem Blick aufs Preisschild und seufzte. Clark grinste nur.
„Hör auf dir Sorgen zu machen - ich zahle ihn dir schon. Und keine Widerworte.“, bestimmte er, „Im Gegensatz zu deiner Liebsten hab ich es nämlich versäumt, dir ein Geschenk zu besorgen.“

*

Es war eine Selbstverständlichkeit, dass er Clark im Anschluss daran zu Tee und Kuchen einlud. Während sie in einem der kleinen Straßencafés saßen, konnte Hershel wieder die Blicke im Nacken fühlen. Und doch war es diesmal anders. Vorsichtig sah er sich um und bemerkte auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine junge Frau, die bewundernd zu ihm herüberstarrte. Sie brachte ein entschuldigendes Lächeln zustande, wurde dabei purpurrot und hastete weiter.
„Du hattest Recht.“, sagte er zu Clark, „Der Mantel macht wirklich einen Unterschied.“
„Aber natürlich.“, Clark spießte die letzte Erdbeere von seinem Teller und wirkte allgemein sehr zufrieden mit sich.
„Es würde mich nicht wundern, wenn Claire sich heute Abend glatt nochmal in dich verliebt – und zwar doppelt und dreifach.“
„Ach Unsinn.“, wehrte Hershel reflexartig ab, musste dabei aber lächeln. Insgeheim fand er den Gedanken wunderschön.
„Du bist ein verdammter Glückspilz, Hershel. Weißt du das eigentlich?“, sagte Clark plötzlich unvermittelt, „Du hast wundervolle Eltern, die dir nicht wegen deiner Karriere im Nacken sitzen; eine wundervolle Frau an deiner Seite …“.
„Und einen wundervollen besten Freund.“, unterbrach Hershel ihn belustigt.
„Touché, mein Bester.“
Hershel konnte nicht anders, als in das darauffolgende Gelächter mit einzustimmen.
„Danke für all deine Hilfe heute.“, und das meinte er ganz aufrichtig.
„Nicht doch.“ Sacht schüttelte Clark den Kopf. Mehr musste er nicht sagen. Das warme Lächeln auf seinem Gesicht ließ Hershel auch so alles verstehen.

Die Glockenschläge von Big Ben ertönten. Hershel schreckte auf und horchte.
„Wann musst du Claire vom Labor abholen?“, Clark interpretierte seine Geste richtig.
„Bald. Ich will nicht zu spät kommen, und vorher vielleicht noch ein paar Blumen kaufen.“
„Na dann sieh zu, dass du wegkommst.“, tadelte Clark scherzhaft. „Und grüß‘ Claire schön von mir.“, fügte er noch hinzu.
„Natürlich. Danke!“, mit diesen Worten schob er seinen Stuhl zurück und hatte es plötzlich sehr eilig fortzukommen.
„Hershel!“, rief Clark ihm noch hinterher. „Rote Rosen. Und Eine davon ins Knopfloch – ganz Wichtig!“
Hershel drehte sich um und tippte sich zum Zeichen, dass er verstanden hatte, an die Krempe seines Zylinders. Und dann begann er zu lächeln – so strahlend und so ansteckend, dass Clark sich auf die Lippe beißen musste, um ihm nicht nachzujubeln.


ENDE
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