Would it matter

SongficAngst, Schmerz/Trost / P12
01.04.2020
01.04.2020
1
2.970
5
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
01.04.2020 2.970
 
[A/N: Anscheinend habe ich mir zum Ziel gesetzt, dieses Fandom mit Oneshots zu fluten.
Ich meine, ich könnte mir keine bessere Idee vorstellen, als mitten in der Nacht zum ersten Mal zu versuchen, eine Songfic zu schreiben. Aber diese Idee habe ich schon ziemlich lange, und wenn ich sie zu diesem Anlass nicht endlich auf Papier bringe, wann dann?
In diesem Sinne: Alles Gute zum Geburtstag, Nikolai!
Nachdem das gesagt wurde, mehr zur Geschichte an sich: Es ist eine Songfic zu dem Lied „Would it matter“ von Skillet. Ich finde, dieses Lied passt wirklich gut zu Fyodor und Nikolai und vor allem zu dieser Situation.
Das ganze spielt in der Nacht vor Sunday Tragedy, es werden sich auf jeden Fall Spoiler für dieses Kapitel finden, und je nach dem, wie gut ihr kombinieren könnt, auch Spoiler für Szenen, die bisher nicht auf Deutsch erschienen sind.
In diesem Sinne… viel Spaß.
LG, Silver]

If I wasn’t here tomorrow
Would anybody care?


Maske. Keine Maske. Maske.
Vorsichtig legte er die Karte vor sich auf den kleinen Tisch und zögerte. Irgendetwas in ihm verbot ihm, loszulassen. So stand er eine Weile einfach nur da, ohne sich zu bewegen, in den Spiegel starrend, ohne sich wirklich dem bewusst zu sein, was er hier sah. Seine Reflexion hätte genauso gut ein völlig Fremder sein können.
Normalerweise war das die Illusion, die er sich gerne einredete. Die Illusion, dass es nicht er selbst war, eingesperrt in einem winzigen Gefängnis aus Glas, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein.
Nikolai fragte sich, was ihn in diesem Moment von seinem hilflosen Spiegelbild unterschied.
Noch einmal zögerte er kurz, dann hob er die Hand mit der Karte wieder und legte die Maske zurück über sein rechtes Auge.

If my time was up I’d wanna know
You were happy I was there?
If I wasn’t here tomorrow
Would anyone lose sleep?


Nikolai wusste nicht, was er fühlte, was er fühlen sollte, als er sich vom Spiegel abwandte und langsam den Raum verließ. Es war sein persönliches Zimmer in diesem Stützpunkt; klein, schlicht und unauffällig, wie alles andere an diesem Ort.
Es war nicht so, als würde sich Nikolai an diesem Umstand stören, wirklich nicht. Keiner der kurzzeitigen Bewohner dieses Hauses sollte Aufmerksamkeit erregen, und schließlich… war es ja auch nur mehr ein Tag.
Langsam schlich Nikolai den dunklen Gang entlang, auf der Suche nach irgendetwas, das er nicht kannte. Nein, es war nicht so, als würde ihn irgendetwas an diesem Ort stören. Es war nicht die Größe seines Zimmers oder das schlechte Licht, das ihm das Gefühl gab, eingesperrt zu sein.
Nikolai wusste, woher dieses Gefühl kam. Genauso, wie er wusste, dass er sich nicht wehren würde. Es war ein Opfer, das er bringen müsste; ein Opfer für das höhere Wohl. Prioritäten.
Es war sein freier Wille gewesen, sie auszuwählen, und er würde sich daran halten. Er würde sich daran halten müssen. Jetzt war es zu spät, noch umzukehren, und zwar ganz egal, was es bedeutete.

If I wasn’t hard and hollow
Then maybe you would miss me…


Es hatte keinen Sinn.
Ohne dabei stehen zu bleiben, schloss Nikolai die Augen. Ganz so, als würde er hoffen, es könnte irgendetwas dagegen helfen.
Was wäre auch der Zweck davon, jetzt noch umzukehren? Nach allem, was bereits geschehen war?

I know I’m a mess and I wanna be someone
Someone that I’d like better
I can never forget
So don’t remind me of it forever…


Kurze Blitze in seiner Erinnerung. Bilder, Geräusche, Stimmen. Schreie. Das warme Blut auf seinem Gesicht.
Vielleicht würde er sich irgendwann daran gewöhnen. Vielleicht würden diese Erinnerungen irgendwann zu etwas ganz Normalen werden, nichts anderes als ein Spaziergang oder ein Museumsbesuch. Irgendetwas, das einfach passiert war. Nichts Besonderes.
Nichts, für das man sich schuldig fühlen müsste.
Es lief schlussendlich alles darauf hinaus: Prioritäten.
Ein höheres Ziel; eine gemeinsame, bessere Sache. Etwas, das das alles hier wert war.
Nikolai zweifelte nicht daran. Wenn das alles vorbei war, würde sich sein Wunsch erfüllen, und alles wäre gut.
Wäre.

What if I just pulled myself together?
Would it matter at all?


Es gab kein „wenn das alles vorbei war“. Es gab kein „irgendwann“.
Nikolai schloss noch einmal die Augen. Jetzt war er wirklich nicht mehr hier, in dieser schmutzigen, dunklen Hütte, sondern irgendwo anders, an einem Ort, den er selbst nicht benennen konnte. Und es war auch nicht wichtig. Er befand sich irgendwo in der Luft, weit über dem Boden, über dürren Bäumen, die den Boden mit rotbraunen Blättern sprenkelten.
Es war ein schöner Anblick, aber für Nikolai machte die Erde sowieso keinen Unterschied. Es hätte ebenso hässlich sein können wie sein Zimmer; das einzige, was in diesem Moment zählte, war seine Freiheit. Es gab nichts, was ihn mehr festhielt, nicht einmal die Schwerkraft selbst.
Nikolai wusste, dass dieses Bild nicht real war, aber für einen Moment fühlte es sich so an. Ein Moment, in dem er nicht einmal die leisen Geräusche hörte, die sich ihm in der wirklichen Welt näherten, wenigstens nicht, bis die Schritte aufhörten und von einer ruhigen, aber ernsten Stimme abgelöst wurden. „Gogol?“

What if I just tried not to remember?
Would it matter at all?


Nikolai öffnete die Augen wieder und die Vorstellung endete viel zu abrupt. Es fühlte sich fast an, als würde er mit einem Mal in die Tiefe stürzen, und metaphorisch betrachtet war das nicht einmal falsch.
Er versuchte nicht einmal mehr, sich etwas anderes einzureden. Er war nicht frei. Ganz im Gegenteil.
„Gogol?“, wiederholte sein Kamerad nun etwas fragender als zuvor und Nikolai brachte es über sich, sich zu ihm umzudrehen. Es fiel ihm schwer, aus Sigmas Gesicht irgendwelche Emotionen herauszulesen, doch vielleicht konnte… vielleicht wollte er sich einfach nicht darauf konzentrieren.
Es gab wichtigeres. Auch, wenn es schmerzte.
„Es ist spät.“

All the chances that have passed me by
Would it matter if I gave it one more try?
Would it matter at all?


„Ich weiß.“
Nikolai sah Sigma nicht an. Schließlich wusste er genauso gut, was dessen Worte wirklich bedeuteten.
Morgen war wichtig.
Morgen war ein bedeutender Tag.
Morgen würde er sterben.
Nikolai brauchte sich nicht wieder zu ihm drehen, um zu wissen, dass Sigma ihn musterte. Er wollte sich auch gar nicht so genau vorstellen, was seinem Kameraden gerade durch den Kopf ging.
Immerhin wusste Nikolai genau, was die anderen Mitglieder über ihn denken sollten. Es war ja nicht anders als das, was er selbst über sich dachte. Er war gefangen in einer Idee, einem Plan, enger als jeder Käfig, den er sich vorstellen könnte. Ein Gefängnis, aus dem es keinen Ausweg gab.

If I wasn’t here tomorrow
Would anybody care?
Still stuck inside this sorrow,
I got nothing and going nowhere.


„Das ist…“ Sigma beendete den Satz nicht. Vielleicht hatte er doch bemerkt, dass, was auch immer es war, das er sagen hatte wollen, Nikolai es nicht hören wollte.
Was genau ihn in diesem Moment antrieb, wusste er nicht. Es war einfach ein kurzer Ausbruch von Gedanken, einer sinnlosen Idee, für die er nicht einmal einen Namen hatte, ein Gefühl, nicht länger in diesem elenden Gang mit Sigma sein zu wollen. Bevor ihm überhaupt richtig bewusst wurde, was er gerade tat, wandte er sich wieder ab und ging zu der nächsten Tür hinüber. Er wusste nicht, was sich dahinter befand, es war ihm auch egal; das einzige, was ihn jetzt interessierte, war es, von hier zu verschwinden, bevor Sigma vielleicht doch noch etwas sagte.

I know I’m a mess and I wanna be someone
Someone that I’d like better
I can never forget
So don’t remind me of it forever…


Erst, als er die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte, sah sich Nikolai näher in dem Raum um, den er gerade betreten hatte. Er unterschied sich nicht bedeutend von seinem eigenen Zimmer; es war nicht größer, nicht heller; im Gegenteil, es wirkte sogar kleiner, als er seinen Raum in Erinnerung hatte, weil dieser hier mit mehr Möbeln gefüllt war. Und das Wort „gefüllt“ schien hierbei wirklich eine zutreffende Bezeichnung zu sein, denn durch die schmutzige, teils kaputte Einrichtung wirkte das Zimmer noch beengender als der Rest des Hauses.
Eine kurze Bewegung, die er nur im Augenwinkel wahrnahm, lenkte ihn plötzlich von den Möbeln ab. Hatte er erwartet, hier allein zu sein? Nun ja, er hatte es gehofft. Jetzt würde jedenfalls sein eigentliches Ziel, die Meinungen der anderen Mitglieder über ihn zu meiden, nicht mehr ganz so gut funktionieren. Vielleicht war er ja noch gar nicht bemerkt worden? War es zu spät, um einfach wieder zu gehen?
Er hatte die Wahl zwischen Sigma und einer anderen, unbekannten Person, und keine dieser beiden Möglichkeiten hörte sich in dieser Situation „gut“ für ihn an.
Diese Überlegungen dauerten nur wenige Sekunden, aber das war ein allemal zu langes Zeitfenster. Eine Tatsache, der sich Nikolai durchaus bewusst war. Keiner seiner Kameraden, und nicht einmal er selbst, würde es sich um jemand anderen handeln, hätten ihn nach so langer Zeit nicht bemerkt…
Tatsächlich, eine zweite Bewegung, diesmal deutlicher und zielgerichteter als die erste. Ein schwach schimmerndes Augenpaar zeichnete sich langsam aus den Schatten heraus ab, dann der Rest des Körpers.
Fyodor saß auf einem kleinen Sofa, ein aufgeschlagenes Buch auf seinem Schoß, und sah Nikolai direkt an. Er sagte nichts, aber dieser Blick war eine Botschaft an sich.

What if I just pulled myself together?
Would it matter at all?
What if I just tried not to remember?
Would it matter at all?


Jetzt hätte es doch keinen Zweck mehr, das Zimmer wieder zu verlassen, ohne Erklärungen, ohne irgendetwas. Nikolai hatte seine Chance endgültig verpasst. Er hatte einen Fehler gemacht.
„Ich wollte mit dir sprechen.“ Ob Fyodor diese Lüge durchschaute, wusste Nikolai nicht. Da war keine Regung in seinem Gesicht, kein kurzes Blitzen in seinen Augen, er bewegte sich nicht einmal mehr. Wäre nicht immer noch sein Blick, würde Nikolai sich sogar fragen, ob Fyodor ihm überhaupt zuhörte. „Und zwar…“ Er zögerte. Das war keine Lüge mehr, wenigstens nicht mehr ganz. Aber vielleicht war es an dieser Stelle besser, nicht ganz die Wahrheit zu sagen? „Ich wollte mich verabschieden.“ Nikolai entschied sich schließlich doch dafür. Er hatte immerhin nichts mehr zu verlieren, richtig?

All the chances that have passed me by
Would it matter if I gave it one more try?
Would it matter at all?


„Verabschieden“, wiederholte Fyodor leise, als würde ihm die Bedeutung dieses Wortes jetzt erst richtig bewusst werden. Einen Moment lang blieb es still. Nikolai sagte nichts mehr; er wusste gar nicht, was er sagen sollte, auch, wenn er das Gefühl hatte, dass er jetzt an der Reihe war. Fyodor senkte seinen Blick langsam, wandte sich von Nikolai ab, bevor er kurz die Augen schloss und den Kopf zur Seite neigte. „Dann komm zu mir.“
Etwas zögerlich gehorchte Nikolai der Aufforderung. Er war sich nicht ganz sicher, was ihn jetzt erwartete. Eigentlich hatte er gedacht, dass Fyodor ihm nach dieser Aussage die Möglichkeit geben würde, ohne weitere Diskussion das Zimmer wieder zu verlassen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass er tatsächlich darauf eingehen würde, hatte Nikolai eigentlich so verschwindend gering eingeschätzt, dass sich nicht darauf vorbereitet hatte, dass es tatsächlich passieren könnte.
Fyodor sah ihn nicht an, bis Nikolai sich neben ihn setzte. Er sagte nichts, bis Nikolai ihn direkt ansah. „Freust du dich auf morgen?“
Nikolai antwortete nicht. Es lag nicht daran, dass das eine dumme Frage wäre, oder dass es Fyodor nichts anging; keines davon war der Fall. Es lag daran, dass Nikolai die Antwort selbst nicht kannte.

I know I’m a mess and I wanna be someone
Someone that I’d like better.


Er sollte sich freuen. Und er wusste das auch. Er war von Anfang an bereit gewesen, sein eigenes Leben aufzugeben, wenn es letztlich helfen würde, sein größeres Ziel zu erreichen. Ein Menschenleben, ein Opfer mehr oder weniger… es war eine unbedeutende Zahlenspielerei, Kalkulationen und wertlose Rechnungen. Es gab etwas, das wichtiger war als das Leben.
Aber warum konnte er sich dann nicht darauf einlassen? Warum war da dieser bittere Beigeschmack, wenn er daran dachte, dass er morgen sterben würde?
Er folgte Fyodors Willen, nicht seinem eigenen. Vielleicht war das nur das Mittel zum Zweck; vielleicht war der ganze Plan nur ein Trittstein zu seinem Wunsch hin.
Vielleicht.
Das alles war es, was Nikolai sich eingeredet hatte. Was er versucht hatte zu glauben, aber jetzt, wo die Realität zu nahe war, als dass er sich noch dagegen wehren könnte, verschwand sein Vertrauen langsam.
„Wenigstens hast du die Möglichkeit, etwas zu ändern.“
Jetzt erst bemerkte Nikolai, dass Fyodor ihn wieder ansah. Er hatte den Kopf leicht in seine Richtung geneigt, seine Augen waren auf die von Nikolai gerichtet. Seine Stimme klang düster. „Es fühlt sich vielleicht nicht so an, aber solange du dein Problem kennst, liegt es an dir, damit zu tun, was du willst.“ Er schloss die Augen und atmete einmal tief durch. Seine Schultern bebten.
Nikolai nickte langsam. Doch; Fyodor hatte Recht; und das wusste er auch. Es war nicht diese Tatsache allein, die ihn überraschte und beinahe faszinierte. Es war die Tatsache, dass Fyodor diese Gedanken nachvollziehen konnte, und zwar auf eine einzigartige Weise, die Nikolai noch nie erlebt hatte.
War das… die Antwort, nach der er gesucht hatte? Etwas, das den Sinn und den Nutzen seines Lebens und Sterbens bestätigen würde? „Dos-kun?“ Seine Stimme klang belegt.

Can you help me forget?
Don’t wanna feel like this forever,
Forever!


Fyodor drehte den Kopf etwas weiter in seine Richtung.
Nikolai zögerte. Das hier fühlte sich anders an als noch zuvor; es hatte sich nichts verändert. Morgen um diese Zeit wäre er tot; was hätte er da noch zu verlieren?
Und trotzdem kam es ihm plötzlich vor, als würde jedes Wort dieses Gesprächs unendlich schwer wiegen, und so viel mehr bedeuten, als er sich überhaupt vorstellen könnte. Als würde jedes Wort so weit über seinen Tod- nein, über sein Leben hinaus Bedeutung tragen.
„Es ist meine freie Entscheidung, das zu tun“, murmelte er schließlich. Er wusste nicht einmal, ob Fyodor ihn verstand. Dass er davon sprach, Teil dieses größeren Plans zu werden, und wenn es sein Leben kostete. Dass dieses Gefängnis, in dem er sich befand, nicht existierte.
Dass nicht alles… von Anfang an zwecklos war.

What if I just pulled myself together?
Would it matter at all?
What if I just tried not to remember?
Would it matter at all?
All the chances that have passed me by
Would it matter if I gave it one more try?


Fyodor sagte nichts. Vielleicht bedeutete das, dass er wirklich nicht verstand, was Nikolai meinte, aber aus irgendeinem Grund… fühlte es sich nicht so an. Möglicherweise waren das wieder nur Nikolais Wünsche, die gleiche Hoffnung, die er in die Vorstellung gesetzt hatte, dass nur noch ein winziges Hindernis zwischen ihm und seiner endgültigen Freiheit stand.
Es kam ihm naiv vor, wenn er jetzt darüber nachdachte, auf eine bittersüße Weise. Und trotzdem konnte er nicht einfach glauben, nicht einfach hinnehmen, dass Fyodor nicht antwortete, weil er ihn nicht verstand.
Es war eine Art Gewissheit, die sich in Nikolais Kopf festgesetzt hatte. Fyodor konnte nachvollziehen, was er dachte; Fyodor verstand ihn.
Fyodor… war bei ihm.

If I left tomorrow
Would anybody care?


Jetzt drehte sich Fyodor schließlich ganz zu Nikolai. Vielleicht war es nur das schlechte Licht, das einen dunklen Schimmer über seine violetten Augen legte. Es musste das Licht sein. Das war die einzige Erklärung für diesen plötzlich gedrückten Ausdruck; die einzige Erklärung für so etwas wie Gefühle in Fyodors Gesicht.
Langsam hob er eine Hand und strich kurz über die Karte, die Nikolais rechtes Auge verdeckte, bevor er sie langsam von seinem Gesicht löste.
Nikolai blinzelte. Überrascht verfolgte er, wie Fyodor seine linke Hand mit der Karte langsam wieder sinken ließ und die Maske eine Weile lang beobachtete, ohne etwas zu sagen. Vielleicht vergingen so Stunden, vielleicht auch nur einige Sekunden, Nikolai konnte es nicht mit Sicherheit sagen.
„Das brauchst du erst morgen.“ Mehr sagte Fyodor nicht dazu. Mehr musste Fyodor auch gar nicht dazu sagen.

Stuck in this sorrow
Going nowhere…


Ein Ausweg.
Solange Nikolai wusste, was um ihn herum passierte, solange er darunter leiden konnte, lag die Fähigkeit, etwas an seiner Situation zu ändern, bei ihm. Was für ein Preis war das schon? In einem Kampf wurden Opfer gebracht…
Nikolai senkte den Blick auf die Karte in Fyodors Händen. Einen Augenblick lang hatte er den Impuls, sie wieder zu nehmen, aber dieser Augenblick verschwand mit dem nächsten Herzschlag.
Nein. Jetzt, für diese paar Stunden, die er noch hatte, würde er sie in Ruhe lassen.
Mit einem Mal hatte er das Gefühl, dass er Fyodor in seiner Sache vertrauen konnte. Dass es gut werden würde. Dass er Fyodor seinen Willen… anvertrauen könnte.
Es war ein beängstigendes Gefühl, aber gleichzeitig unendlich tröstlich.

All the chances that have passed me by
Would it matter if I gave it one more try?


Nikolai hatte gewusst, dass dieser Moment kommen würde. Er hatte es gewusst, seit er Fyodors Plan gehört hatte- nein, eigentlich hatte er es gewusst, seit er den Todesmalen des Engels beigetreten war. Er hatte gewusst, dass er sterben würde, und er war bereit gewesen, dieses Opfer zu bringen.
Jetzt, während er den Blick abwesend von seiner Maske abwandte und irgendeinen Punkt im Zimmer suchte, der ihm selbst egal war, kam ihm zum ersten Mal der Gedanke, dass dieses Ende vielleicht doch nicht das war, wofür er gekämpft hatte… was er sich gewünscht hatte.
Was war schon ein Menschenleben im Tausch gegen Freiheit?
Aber vielleicht… bedeutete Freiheit ja etwas anderes. Etwas anderes, etwas größeres, etwas wichtigeres, das es bedeutete, frei zu sein.
Nikolai würde nicht sterben. Noch nicht.
Nicht, solange es etwas wichtigeres gab- nicht, solange er nicht frei war.

Would it matter at all?

„Dos-kun?“
„Ja?“
„Ich freue mich auf morgen.“
Review schreiben