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Moral und Wahnsinn - In der Gegenwart meiner Feinde

von A 7064
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Het
Antonin Dolohow Daphne Greengrass Draco Malfoy Hermine Granger Lord Voldemort / Tom Vorlost Riddle Lucius Malfoy
31.03.2020
03.03.2021
33
105.274
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23.02.2021 4.225
 
Kapitel 32 – Gemeinsam blind


Den ganzen Tag hatten sie damit verbracht, Maschinenteile in Georges Scherzartikelgeschäft zu transportieren. Die Sonne ging langsam unter, als sie zu viert, verschwitzt und ermüdet, in dem bunten Laden standen und ihr getanes Werk begutachteten.

„Stellt euch mal vor, wie viel früher wir fertig gewesen wären, wenn Viktor sich nicht mit seinem Lover aus dem Staub gemacht hätte?“, scherzte George träge.

„Ich würde jetzt lachen“, erklärte Bill. „Wäre ich nicht so abgekämpft. Lasst uns für heute endlich Feierabend machen.“

„Oh ja! Endlich!“ Augenblicklich hatte George seine Hände in die Taschen geschoben und war auf dem Weg nach draußen. Bill folgte ihm. Lucius schritt den Beiden hinterher, doch er stand still, als Hermine an Ort und Stelle verharrte und sich wohl nicht recht entscheiden konnte.

„Ich sag es euch! Viktor und dieser – wie hieß er noch mal? Thomas? – die hatten doch was miteinander. Hast du gesehen, wie sie die Köpfe zusammengesteckt haben? Ständig hingen sie aufeinander“, schwafelte George. Sein Bruder nickte gedankenverloren. „Und sie sind ja auch einfach verschwunden! Hermine? Kommt ihr?“

Hermine blickte sich suchend um. „Sagt mal, wer von euch hat die Bedienungsanleitung?“

Verwirrung und Achselzucken.

„Niemand?“

George schlug mit der Hand auf den Tresen. „Verdammt! Krums Kumpel hatte sie zuletzt gehabt. Er hat sie uns geklaut.“

„Wir werden die Maschine auch ohne diese Anleitung aufgebaut bekommen“, warf Lucius ein und fügte, als er in die entmutigten Gesichter blickte, ein „Oder?“ an.

„Ich bin mir da nicht so sicher.“ Hermine ließ den Kopf hängen. „Das wird eine Heidenarbeit werden. Es ist Muggeltechnik! Wer von euch kennt sich schon damit aus?“ Es war ein Vorwurf. George und Bill hatten nicht den Anstand, schuldig wegzublicken und Lucius wusste nicht, wie es um ihn geschah. Hermine stieß einen Seufzer aus. „Das wird alles an mir hängenbleiben! Ich werde all diese Teile in Einzelarbeit zusammensetzen müssen! Allein!“

„Hey, Hermine!“ George ging auf sie zu und nahm sie kurz in den Arm. „Mach dir doch jetzt keinen Kopf. Wer weiß, was noch passiert? Vielleicht finden wir noch jemanden Kompetenteren als dich.“ Er kniff ihr in die Wange. „Ich mein ja nur, vielleicht kommt Krum mit der Anleitung zurück. Was will der nur mit Papier? Dieser Kumpel von ihm, Thomas, Tomasz, der war ein wenig verschroben, aber er wirkte auch wie ein fleißiges Bienchen.“

„Beide haben Muggelkleidung getragen“, warf Lucius ein.

„Ja, natürlich!“ Eine einzelne Träne rann über Hermines Wangen. „Sie haben Muggelkleidung getragen, dann müssen sie gute Mechaniker sein, Lucius!“ Sie wischte sich übers Gesicht und schniefte. Die Brüder tauschten erstaunte Blicke aus. Heimlich schmollte Lucius, während er so tat, als hätte es ihn nicht getroffen. Ein wenig zitternd richtete sie ihre zerknitterte Bluse. „Wir haben keine andere Möglichkeit. Lasst uns bis morgen früh warten und wenn Viktor bis dahin nicht aufgetaucht ist, dann suchen wir ihn.“ Emsig begann sie zwischen den eingelagerten Maschinenteilen herumzuschwirren.

„Hermine?“, fragte Bill mit einem großen Fragezeichen. „Was machst du da?“

„Ich will die einzelnen Teile sortieren. Das Metall ist ein wenig andersfarbig, wahrscheinlich eine andere Legierung. Danach können wir bestimmen, welches Einzelteil zu welcher Einheit gehört. Diese Arbeit werden wir sowieso machen müssen, auch mit der Montageanleitung. Da mache ich das besser jetzt.“

George stöhnte. „Sag mal, bist du uns böse, wenn wir uns verabschieden?“

Sie hielt inne und blickte ihn an. „Wie? Verabschieden?“

„Es ist abends und wir haben den ganzen Tag geschleppt. Bist du nicht müde?“

Abgelenkt schüttelte sie den Kopf. Wirr flatterten ihre Haare um die Ohren. „Nein, aber geht ruhig. Ihr wart wirklich fleißig. Ich werde hier auch nur noch die Teile sortieren und dann schlafen gehen. Nun geht schon!“

Wieder beratschlagten sich Bill und George über Blicke, nickten dann und verschwanden. Hermine nahm es kaum wahr.

„Willst du nicht auch gehen, Lucius?“, fragte sie ihn, als er nach fünf Minuten noch an Ort und Stelle stand und beobachtete, wie sie gleichfarbige Bleche auf einen Haufen legte. „Oder willst du nicht wenigstens mithelfen? Hast du Angst, dass deine Fingernägel abbrechen könnten?“

Minimal spiegelte sich Enttäuschung in seiner Mine. Hermine war es egal, er war doch der faule Hund.

„Durch einen Zauber ist noch nie ein Fingernagel in Mitleidenschaft gezogen worden. Danke der Nachfrage.“

Sie fletschte die Zähne. „Höre auf, dich zu bedanken!“

Er ahmte es ihr nach. „Damit du dich darüber aufregen kannst, dass ich undankbar bin?“

„Das hast du auch schon nach dem Brand des Fuchsbaus gemacht. Es ist scheinheilig, du meinst es nicht ernst. Wenn es nicht angebracht ist, dann sage es auch nicht.“

„Deine Emotionalität überrascht mich, wahrhaftig“, sagte Lucius geradeheraus. „Ich hatte dich nie als eine Person eingeschätzt, die ihre überschäumenden Gefühle an anderen auslässt.“

Damit hatte er Hermine am Haken. Sie schloss ihren gerade geöffneten Mund, unterbrach das Sortieren und stammelte: „Ich… weiß nicht...“

„Wird dir alles zu viel?“ Er klang ernsthaft bemüht, sie zu verstehen.

Sie ließ alles stehen und liegen und stellte sich an seine Seite. „Nein, nichts ist zu viel. Danke der Nachfrage, aber warum interessiert dich das nun auf einmal?“

Lucius zog die Stirn in Falten und verschränkte die Arme vor der Brust. Er sah an ihr vorbei und auf den Schrotthaufen von Muggelmaschine, während er zu ihr sagte: „ ‚Auf einmal‘ würde ich das nicht nennen. Wir haben gemeinsam eine Schlange geköpft und wenn ich den heutigen Tag Revue passieren lasse, muss ich sagen, dass wir, alles in allem, recht gut zusammenarbeitet haben.“

„Freut mich“, murmelte Hermine. „Dass du das so siehst...“

„Ich würde auch gern weiter mit dir zusammenarbeiten.“

Zischend sog sie die Luft ein. „Und das kannst du nicht?“

„Nicht, wenn du dich vorher selbst kaputtmachst“, sagte er mit einer Sanftheit, die sie von ihm nicht erwartet hatte. Vor allem nicht, weil sie ihn Sekunden vorher noch angezischt hatte.

Es brachte sie gehörig aus dem Konzept. Dabei wusste sie schon jetzt nicht mehr, was sie fühlen sollte. Eindeutig war sie überarbeitet und brauchte eine Pause, doch auch dann konnte sie nicht zur Ruhe finden. Unentwegt musste sie an Ron denken und an die schlimmen Dinge, die passieren würden, würde sie versagen.

„Darf ich?“, fragte er und deutete auf eine Haarsträhne, die ihr ins Gesicht hing.

„Nein, fasse mich nicht an.“ Sie schüttelte den Kopf. Als Lucius seine Hand zurück riss, als hätte er sich an ihrer Ablehnung verbrannt, fügte sie ein „Bitte“ an.

Gedankenverloren rieb er über seinen Handrücken. „Du denkst, wenn du jetzt eine Pause einlegst, dann wird morgen etwas Schreckliches passieren und du wirst nicht darauf vorbereitet sein.“

Hermine schnaufte: „Nein! Ich unterstelle dem keine Kausalität, aber wenn es passiert, dann ärgere ich mich wahnsinnig. Dann beiße ich mir in den Arsch. Was ist, wenn morgen noch zwei Menschen verschwinden? Mir wichtige Menschen? Harry, Ginny oder noch einer der Weasleys. George hat schon seinen Zwillingsbruder verloren… Oder …“ Wäre es unhöflich, ihn jetzt nicht zu nennen? Ihm durch die Blume, aber direkt ins Gesicht zu sagen, dass er ihr nicht wichtig war? „Du? Ich?“

„Und dann?“

„Dann haben wir die Maschine nicht aufgebaut und wissen nicht, was mit ihnen geschieht. Ich will wissen, was das für eine Maschine ist! Warum hatte Dolohov diese im Keller liegen? Was hat er mit der ganzen Sache zu tun? Warum hat er dem Orden einen anonymen Brief geschrieben mit einer abstrusen Theorie? – Wahrscheinlich um uns auf eine falsche Fährte zu locken. Wie kann er sich mit Muggelsachen so gut auskennen? Er ist doch ein reinblütiger Zauberer!“

Hilflos zuckte Lucius mit den Achseln. „Ich kann keine deiner Fragen beantworten.“

„Aber mich bremsen wollen.“ Sie prustete.

„Ich will dich nicht bremsen, sondern stärken. Du darfst dich nicht maßlos verausgaben, du solltest deine Grenzen kennen. Ansonsten wird dich die nächste Herausforderung, ist sie auch noch so klein, an den Rand deiner Kraft bringen.“

War es wirklich er, der da sprach? Seit wann interessierte es ihn? Die Worte aus seinem Mund hörten sich befremdlich an. Trotzdem fragte sie: „Du wirst es wissen, nicht?“

Er biss sich auf die Lippe. Ihr zynischer Unterton schien ihm nicht zu gefallen.

„Erzähle mir mehr. Wenn du dich schon in meine Angelegenheiten einmischst und mich mit deinen Weisheiten behelligst, dann kann du doch auch etwas von dir preisgeben. Wann bist du je an deine Grenzen gestoßen? Wann hast du dich je verausgabt?“

Lucius schürzte die Lippen. „Glaubst du mir das etwa nicht? Denkst du, mein Leben wäre eitel Sonnenschein gewesen?“

„Deine Entrüstung ist gut und schön, aber sie lenkt nicht von der Tatsache ab, dass du im Präteritum von deinem Leben sprichst.“

Mit verschränkten Armen standen sie sich gegenüber und blickten einander an. Dann brummte Lucius und lenkte seine Aufmerksamkeit auf den Tresen. „Meinst du, wir können das trinken?“ Er griff nach einer Flasche, die verdächtig die Form einer Rotweinflasche hatte, aber mit unleserlichen Buchstaben betitelt war und wedelte damit vor ihren Augen hin und her.

„Hm.“

„Flüssig ist es, aber wird es uns bekommen?“ Er lächelte verschmitzt und öffnete den Verschluss. Ohne auf sie einzugehen, zauberte er zwei Gläser herbei und schenkte ein. Hermine betrachtete alles mit Distanz, dachte aber nicht daran, ihn aufzuhalten. Er kippte es sich hinunter und stellte das Glas wieder geräuschvoll auf dem Tisch ab. „Nach all der Dramatik tat das gut. Auf die Idee hätte ich schon viel früher kommen sollen.“

„Du hast deinen Willen bekommen: Ich räume nicht mehr die Maschinenteile umher, sondern ruhe mich aus und höre dir zu. Jetzt ist auch noch die Zunge gelockert, also sprich.“

Er versteifte sich wieder. „Ich weiß gar nicht, was du erwartest. Mein Sohn ist verschollen und ich weiß nicht, was mit ihm geschehen ist.“ Fahrig strich er durch sein Haar. „Ich versuche den Gedanken zu verdrängen, aber er könnte auch tot sein.“ Er seufzte. „Dann hätte ich als Vater versagt.“ Nochmals seufzte er. „Und zu allem Überfluss sehen die Todesser mich als Verräter an. Du weißt, was sie mit Verrätern tun? Nun habe ich zwei Probleme an den Hacken: Das verschwundene Kind und Leute, die mich umbringen, sobald sie ein Auge auf mich legen.“

„So schlimm?“

Er zuckte mit den Achseln. „Sie haben ja nicht Unrecht, nicht? Auch wenn ich mich erst nach Bellatrix‘ Anschuldigungen dem Orden zugewandt habe.“

Hermine studierte sein Gesicht. Sie versuchte jede kleine Regung mitzubekommen und ihm in die Karten zu linsen. Konnte sie ihm trauen? Oder mutierte dieses Gespräch zu einem Manipulationsversuch? „Wenn Voldemort zurückkehrt...“

Dann bin ich tot“, sagte Lucius trocken. Bei diesem Grad an Abgeklärtheit musste sie bitter schlucken, doch er fuhr unbeirrt fort, während er sich das Glas wieder vollgoss. „Ich muss nur Draco finden. Wo auch immer er ist, ich kann ihn nicht einfach zurücklassen.“

Sie stierte ihn an. „Und dann willst du fliehen?“

„Vor dem dunklen Lord flieht man nicht. Das ist unmöglich“, sinnierte Lucius. „Wahrscheinlich werde ich mit allen erdenklichen Mitteln seine Rückkehr verhindern müssen. Du sagtest, er sei verschwunden auf diese seltsame, explosionsartige Weise. … Das bringt uns doch nochmals zusammen.“ Er hob den Kopf und blickte ihr direkt in die Augen. In seinem Blick lag etwas Intensives, etwas Flehendes. Nie hätte sie gedacht, einen solchen Anblick von einem Malfoy einzufangen. Das war zu schön, um wahr zu sein. Er war ein guter Schauspieler. Unweigerlich rückte sie ein bisschen mehr von ihm weg.

Er bemerkte ihre Reaktion und rutschte ihr hinterher. Allmählich und behutsam, sodass sie es nicht gemerkt hätte, hätte er es geschafft, ihr seine freundliche Seite schmackhaft zu machen. Mittlerweile war sie sich sicher, dass er sie als nächstes Manipulationsziel auserkoren hatte. Nochmals wich sie von ihm zurück. Er tat als würde er nichts davon bemerken.

„Du tust das alles für Draco“, seufzte sie. War es eine Aussage, ein Vorwurf oder eine Frage? Hermine wusste es nicht.

„Er ist mein Sohn, es ist mein Anliegen, ihn zu schützen. Nach allem, was er wegen mir durchstehen musste, ist es das Mindeste, was ich tun kann.“ Er verbarg das Gesicht in seinen Händen. Die vorfallenden Haare versperrten ihr die Sicht.

Von all seinen vorgetäuschten Gefühlen nahm sie ihm die Sorge um sein Kind doch noch ab. Lucius wäre grausam, wäre er nicht besorgt. Für einen solch Unmenschen hielt sie ihn nicht. Er war nur ein Einfluss heischender Egoist. Sie tätschelte seinen Rücken und kam sich dabei fehl am Platz vor. „Ist Draco freiwillig ein Todesser geworden?“, fragte sie vorsichtig.

„Er hatte kein Mitspracherecht. Ich war in Askaban und habe natürlich erst davon erfahren, als es zu spät war. Ob ich es irgendwie hätte verhindern können, steht in den Sternen.“

Sein Bedauern und seine Fürsorge für Draco – sie mussten echt sein. Über ihr Grübeln vergaß sie fast, dass ihr vor kurzem die Arbeit über den Kopf gewachsen war. „War es als Strafe gedacht gewesen, nach der Niederlage im Ministerium?“ Sie zog das Wort in die Länge, doch er zuckte nicht beim Klang ihrer Worte. Bei ihr aber hinterließen sie ein Störgefühl.

„Wahrscheinlich.“

„Was ist das für eine Strafe, von der man nichts mitbekommt?“ Sie ballte die Hände zu Fäusten und sah hoch in sein Gesicht. Akribisch studierte sie seine Mimik. Log er sie an?

„Er wusste, dass ich eines Tages wieder auf freiem Fuß sein und dann vor einem Scherbenhaufen stehen werde.“

Nachdenklich setzte Hermine das Glas an die Lippen. Es schmeckte süßlich, wie Rotwein mit Zucker. Ein wenig angeekelt verzog sie den Mund.

„Ach, schmeckt es dir nicht?“ Er durchwühlte die restlichen Flaschen, die auf dem Tresen standen und teilte ihr dann mit: „Die sehen alle gleich aus, tut mir leid.“

„Schon gut.“ Sie stellte das Glas wieder ab und es klirrte ein wenig. „Ich muss ehrlich sein – bei deinen Worten hätte ich beinahe vergessen, was für ein kaltherziger Todesser du warst. Du hast ihre Ideologie geteilt. Sie war dir so wichtig gewesen, dass du sie Draco angedeihen lassen hast.“

Er seufzte. „Es war falsch. Ich war auf einem gewaltigen Holzweg, aber es war mir wiederum auch in die Wiege gelegt worden.“

„Das entschuldigt nichts. Diese Reinblutideologie hält mich und meinesgleichen für minderwertige Magier. Ihr habt Menschen auf Grundlage dieses Glaubens umgebracht.“ Ihre Stimme schnitt durch die Luft wie ein Skalpell.

„Ich habe niemanden getötet“, versicherte er.

„Weil du es nicht musstest! Du hattest genug Geld, um dich freizukaufen.“

„Ich bin nicht stolz darauf.“

„Ich glaube dir nicht. Diese 180 Grad-Wende kaufe ich dir nicht ab“, sagte sie. „Du hast die Reinblutideologie in die Politik getragen, in den Gamot, in den Schulrat. Überall hast du deinen Einfluss genutzt, um Muggelgeborene auszugrenzen. Es war für dich eine Herzensangelegenheit.“

„Ich versichere dir, dass ich es aufrichtig meine“, hielt er grimmig dagegen. „Gib mir bitte einen Moment Zeit, meine Gedanken zu ordnen.“ Er leerte das nächste Glas. Gespannt lagen ihre Augen auf ihm, doch dies schien ihn nicht mal im Mindesten zu verunsichern. Im Gegenteil, er trug eine gewisse Erfahrung nach außen. Er trocknete seinen Mund mit seinem Ärmel, eine Geste, die überhaupt nicht zu seinem übrigen erhabenen Auftreten passte. „Ich verstehe, dass du mir nicht vertraust. Uns trennt eine Ideologie und Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden. Ich habe nicht erwartet, dass du mit deinem brillanten Verstand es vergessen wirst, auch wenn eine Befragung unter Veritaserum ergeben hat, dass ich auf eurer Seite stehe.“

Hermine machte große Augen. „Du denkst, darum geht es mir?“ Sie lachte herablassend, wie es früher immer Lucius zu tun gepflegt hatte. „Ich zweifle nicht am Veritaserum. Du hast es selbst gesagt, wenn die Todesser oder … ihr Anführer dich in die Finger kriegen, bist du tot. Nach langer, grausamer Folter wohlgemerkt und das wünsche ich nicht mal meinem ärgsten Feind.“

Er blickte sie verwirrt an.

„Ich misstraue nicht deinem Seitenwechsel, es gibt keinen Weg für dich zurück.“ Sie setzte das Glas an die Lippen und eine quälend lange Pause entstand. Lucius starrte sie, auf die Folter gespannt, an, dabei war er sonst immer so flott mit Ausflüchten und Versicherungen gewesen. „Aber ich zweifle an deiner Aufrichtigkeit.“

„Ich verstehe nicht“, murmelte er.

„Wenn ich das so sagen darf: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.“

„Wie bitte?“

„Bis klar war, dass die Todesser nicht gewinnen werden, hast du auf ihrer Seite ausgeharrt. Erst nachdem euer Herr spurlos verschwunden ist, hast du angefangen, dich nach anderen Wegen umzusehen. Erst als du keine andere Wahl hattest, bist du zum Orden gekommen. Ich habe nichts davon vergessen.“

„Ich habe Draco gesucht!“, rief er aus. „Während der Schlacht und auch danach. Weder habe ich taktvoll abgewartet, noch habe ich mit einem ausgeklügelten Plan in der Hand gehandelt.“

„Das tut doch überhaupt nichts zur Sache. Quintessenz ist, dass du erst von den Todessern abgelassen hast, als es für dich nicht mehr anders ging. Nun versuchst du mir Honig um den Mund zu schmieren und mir weis zu machen, dass wir Verbündete oder gar Freunde sein können.“

„So würde ich das nicht benennen.“

„Du willst, dass ich denke, dass du mich verstehen würdest. Dass du meine Position und meine Weltsicht nachvollziehen könntest, dass wir gar nicht so unterschiedlich seien.“ Mit einem dumpfen Geräusch knallte sie das Glas auf den Tresen. „Aber all deine Freundlichkeit ist nur scheinheilig! Du siehst nur all den Einfluss, den ich dir wiederbringen könnte.“

Du unterstellst mir Ungeheuerliches! Ich bin doch kein gewissenloser Manipulator!“

Hermine schüttelte den Kopf. Das Gespräch hatte nun endgültig ihre Schmerzgrenze überschritten. „Manipulator vielleicht nicht. Deine soziale Intelligenz, deinen gesellschaftlichen Spürsinn nutzt du aber nur soweit, wie es dir nutzt und nur dir. Du magst damit weit gekommen sein, in den Schulrat, ins Ministerium, in die innersten Kreise der Todesser, aber bei mir endet deine Reise, an Ort und Stelle.“

Seine Finger malten kleine Kreise auf das Holz des Tresens und sie beide starrten den Bewegungen hinterher. „Du sollst die klügste Hexe deiner Generation sein? Du hast mich vor den Kopf gestoßen – ein Fehler und bist auch noch stolz darauf.“ Er streckte die Brust raus und glättete seine vom Tag zerknitterte Kleidung. Mit den Fingern kämmte er sein Haar zurück. „Gut, dass du meine Bemühungen hier unterbrichst. In deiner Haltung erkenne ich keine Vernunft mehr.“

„Gib es doch einfach zu: Dir geht es um den Einfluss. Deinen Sohn finden, ja, und wieder zu alter Größe gelangen. Du glaubtest, dass gelänge dir am besten, wenn du dich auf meiner guten Seite wüsstest.“

„Ich dachte...“, setzte Lucius an. Dann stöhnte er. Sie hatte ihn durchschaut. „Was tut es noch zur Sache?“ Er zuckte mit den Achseln.

Sie schluckte und trank noch ein paar Tropfen, nur um dann wieder angewidert das Gesicht zu verziehen. „Dann sind die Fronten geklärt und du kannst aufhören, mir dein Wohlwollen vorzugaukeln. Vielleicht hast du auch Recht: Ich hätte auch schweigend deine Heucheleien akzeptieren und das Beste für mich daraus ziehen können.“ Sie schnaubte: „Aber der Preis wäre Einsamkeit. Du hast keine richtigen Freunde. Niemand will um deines Willen mit dir Zeit verbringen.“

Lucius verschränkte die Arme vor der Brust. „Auf solch würdelose Diskussion werde ich mich nicht einlassen.“

„Ich glaube, dir ist es noch nie aufgefallen, aber deine Unaufrichtigkeit und dein beständiges, egoistisches Streben nach Einfluss sind der Grund für deine Einsamkeit.“

„Keineswegs muss ich mich von dir beleidigen lassen. Du bist ein törichtes Mädchen, das keine Ahnung hat, wie die Welt funktioniert“, zischte er. „Und das sich einen großen Teil auf ihre Ideale einbildet. Du magst dich unantastbar fühlen mit deinen Freunden, aber du bist nur ein Schulmädchen, dass sich aufgeschwungen hat, Heldin zu spielen.“

Beinahe hysterisch lachte Hermine. Wut stieg in ihr auf. Sie hatte Recht und beide wussten es. Doch er war zu stolz, um es einzusehen. Lieber schlug er blindlings um sich. Verbissen baute sie sich vor ihm auf. Sie war zwar einen ganzen Kopf kleiner als er, doch sein herabwürdigender Blick und seine forsche Miene würden sie nicht aufhalten. Betont leise fragte sie: „Wer hat dir denn geholfen, als Draco verschwand?“

Lucius starrte in sein leeres Glas, drehte es in seinen Händen und sagte nichts.

„Und wer hat dir geholfen, als Bellatrix dich angriff?“

Sein Mund verkrampfte sich und seine Hände ballten sich zu Fäusten.

Kampfbereit umklammerte Hermine ihren Zauberstab. „Warum steht Narzissa nicht an deiner Seite? Solltet ihr euch nicht in dieser schweren Zeit Halt geben?“

Lucius‘ Faust sauste auf den Tresen herab. Einmal. Zweimal. Die Gläser klirrten. Ein drittes Mal schlug er auf das Holz ein. Eines der Gläser fiel zu Boden und zersprang. Desillusioniert betrachtete er den Scherbenhaufen. „Ich konnte andere Menschen noch nie ausstehen.“

Sie schnaufte. „Das war das Ehrlichste, was ich von dir je gehört habe.“ Mit ihrem Zauberstab ließ sie die Scherben verschwinden. Im Orden gab es zu wenige Mitglieder, als dass sie auf Lucius‘ Hilfe hätten verzichten können. Sie würden miteinander auskommen müssen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es bereits nach elf Uhr abends war. Hermine brauchte Kraft und Schlaf, denn Lucius Malfoy war nur ein Nebenkriegsschauplatz. Solange er nicht vollends durchdrehte, konnte er vor sich hinbrodeln, wie er wollte. Sie hatte keinen Respekt für ihn übrig und auch kein Mitleid. „Ich muss nur noch ein paar letzte Teile sortieren, dann können wir nach Hogwarts apparieren. Und wir sollten George wenigstens ein paar Sickel für seinen schrecklichen Wein dalassen.“

Lucius nickte fahrig.

Die restliche Arbeit und der Weg nach Hogwarts verbrachten sie in kalter Stille. Weder er noch sie versuchte zwischen ihnen die Wogen zu glätten und sie straften einander mit Missachtung, obwohl es sich für keinen der Beiden als Bestrafung anfühlen musste. Als sie den Gryffindorgemeinschaftsraum betraten, warteten Harry und Ginny auf sie. Sie hatten beschlossen, bis auf Weiteres in Hogwarts zu bleiben. Zum Fuchsbau konnten sie offensichtlich nicht zurück. Lucius, als einziger Slytherin, sollte dabei nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen werden. Auch wenn er unter Veritaserum ausgesagt hatte, dem Orden keinen Schaden zufügen zu wollen, wusste man nicht, wann er seine Meinung wieder ändern würde.

„George warnte uns, dass du lange brauchen würdest“, begrüßte Ginny sie und fiel ihr um den Hals, „Aber so lang, Hermine! Überarbeite dich bloß nicht.“ Sie drückte sie fest an sich und Hermine genoss die Berührung.

„Keine Sorge. Ich kenne meine Grenzen.“

Lucius lief seinen Blick umherschweifen und sah sichtlich fehl am Platz aus.

Aus Harrys Miene konnte man ablesen, dass er ihn lediglich duldete. „Ich wollte mich noch für mein schnippisches Verhalten entschuldigen. Es war nicht fair“, sprach er an Hermine gewandt.

Diese winkte lächelnd ab. „Alles ist gut.“ Sie umarmten sich. „Zeigst du Lucius den Jungenschlafsaal?“ Als ihr Freund unglücklich aussehend nickte, fiel eine Last von ihren Schultern. Endlich musste sie nicht mehr seine auslaugende Gegenwart ertragen.

Ginny und sie setzten sich gemeinsam in den Gemeinschaftsraum und plauderten ein wenig, wie sie es lange nicht mehr gemacht hatten. Viel lieber wäre Hermine schon in den Mädchenschlafsaal gegangen, doch Ginny bestand darauf, auf Harrys Rückkehr zu warten. Im weichen Sofa versunken, merkte sie erst, wie müde sie eigentlich war, doch Ginny quetschte sie über den vergangenen Tag aus. Minutiös erzählte sie ihr von Dolohovs Haus, Georges schrägen Bemerkungen, wo sie doch tatsächlich noch Lucius verteidigt hatte. Auch Viktor und seinen neuen Freund ließ sie nicht aus und endete mit der Diskussion, die sie im Scherzartikelgeschäft geführt haben. Ihre Freundin brummte und machte nachdenkliche Laute.

„Also, vor George hast du ihn verteidigt, aber nun bist du sauer auf ihn?“, fasste sie zusammen.

Hermine nickte. „Er wird uns nicht hintergehen, da bin ich mir sicher. Auch er kann das Veritaserum nicht betrügen. Aber als er versuchte hatte, mich zu umgarnen, da bin ich fuchsteufelswild geworden.“

Ginny lächelte. „Das kann ich mir vorstellen.“

Eine halbe Stunde später kam auch Harry zu ihnen. Sogleich wurde er gelöchert, was so lange gedauert hatte. „Ich habe mich mit Lucius unterhalten, er hat mir von Dolohovs Haus, der Maschine und auch von eurem Streit erzählt.“

„Ach, das hat er?“ Sie war ehrlich erstaunt. Vielmehr hatte sie damit gerechnet, dass er es unter den Tisch hatte fallen lassen.

Er nickte.

„Und was denkst du?“, fragte sie.

Mit den Achseln zuckend setzte er sich neben sie. „Ich denke, dass du ihm eine Chance geben solltest.“

Empört schnappte sie nach Luft. „Wieso sollte ich? Er will mich doch nur ausnutzen.“

„Wahrscheinlich“, antwortete Harry keck. „Er will wieder Einfluss haben und ein Netzwerk. Das bekommt er am ehesten mit dir. So kannst du ihn lenken. Vielleicht setzt er sich dann eines Tages für die Rechte der Hauselfen ein.“

Das musste ein Scherz sein. Harry hatte ein komisches Gespür, wenn es um Witze ging. „Was ist, wenn ich das alles tue und er es gegen mich verwendet? Wenn er die Kontakte, die ich ihm verschaffe, überzeugt, dass Muggelgeborene minderwertig sind?“

Er grinste übertrieben. „Hermine, jetzt beleidigst du mich aber.“

„Du weißt nicht, was Geld alles machen kann.“

„Tja, deshalb soll man wohl seine Freunde nah halten und seine Feinde noch näher.“

Das wurde ihr zu viel. Sie war müde, ihre Beine schwer wie Blei. Unbedingt musste sie nun ins Bett. Sie streckte sich und gähnte. „Wenn du von dieser Idee so begeistert bist, dann mache es doch selbst.“

Nun zog er eine bedauernde Schnute. „Das würde ich ja gern, aber der Malfoy hat sich leider schon auf dich eingeschossen. Seien wir mal ehrlich, du gehst mit ihm doch auch so hart ins Gericht, weil du ihn eigentlich leiden kannst.“

Sie sprang auf die Füße und half Harry und Ginny hinauf. „Ich weiß nicht, wie du darauf kommst.“

Entschuldigend zuckte er mit den Achseln. „Wenn du gedacht hättest, er wäre ein hoffnungsloser Fall, hättest du dich nicht auf diese Diskussion mit ihm eingelassen.“

„Er ist intelligent genug, um es zu verstehen“, brummte sie.

„Ja, ist er.“ Harry nickte. „Daher kann er sich auch ändern.“
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