Das Wiedersehen

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Lyra Pantalaimon Will
30.03.2020
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In Lyras Oxford

Einige junge Mädchen gingen an einer Parkbank vorbei, auf welcher eine alte Frau saß. Jede von ihnen war in der Begleitung ihres Daemons. Die alte Frau sah, dass die Daemonen gelegentlich ihre Gestalt änderten, noch waren diese Mädchen also Kinder. Wohl aber nicht mehr lange, denn die alte Frau war in dem gleichen Alter gewesen, als ihr Daemon seine endgültige Gestalt angenommen hatte.
Eines der Mädchen hatte lange, blonde Haare. Die Frau hatte dieselbe Haarfarbe gehabt, damals. Mittlerweile war sie schon lange ergraut. Die Wortfetzen welche sie mitbekam, verrieten dieser Frau, dass die Mädchen sich kichernd darüber unterhielten, welche Jungs sie toll fanden. Das ließ sie in Erinnerungen schwelgen, Erinnerungen an einen ganz besonderen Jungen.
Für die alte Frau war es schon seit ihrer frühen Teenagerzeit eine Tradition, jedes Jahr an einem bestimmten Tag, dem Johannistag, um eine bestimmte Uhrzeit auf dieser Bank zu sitzen. Das hatte sie diesem besonderen Jungen versprochen. Will.
Viel Zeit war vergangen, und Lyra war eine alte Frau geworden. Sie wusste, dass Will inzwischen ein alter Mann sein musste, wenn er überhaupt noch am Leben war. Aber wenn es so war, dann würde er auch auf dieser Parkbank sitzen und an die Zeit mit Lyra zurückdenken... allerdings von einer ganzen Welt von ihr getrennt. Eine Träne rann ihr aus dem Augenwinkel. Pantalaimon, ihr Daemon, sah diese und wischte sie weg.
Pantalaimon sah so aus wie ein Marder. Das war seine endgültige Gestalt. Damals hatte er sie angenommen, als Will ihn berührt hatte. Und ebenso hatte Wills Daemon Kirjava endgültig die Gestalt einer Katze angenommen, als Lyra ihn berührt hatte. Es war ein tiefer und inniger Moment gewesen.
„Mein Will.“ flüsterte sie leise.
„Der Tag ist nicht mehr fern, an dem wir ihn und Kirjava wiedersehen werden.“ sagte Pantalaimon.
Lyra lächelte ihren Daemon dankbar an.
Als damals klar wurde, dass sie und Will sich trennen mussten, und sich ein Leben lang niemals wiedersehen durften, hatten sie sich versprochen, dass es einen Ort gab, an welchem sie wieder zusammen sein würden. Die Welt der Toten. Dorthin gingen die Geister aller Verstorbenen, die Geister aus allen Welten.
Lyra war war vor einer ganzen Weile die Leiterin des Jordan College in Oxford geworden. Sie hatte ein langes Leben gehabt, viele Abenteuer erlebt, und viele Dinge getan. Doch wenn Lyra sich zurückerinnerte, waren die Erinnerungen an Will die deutlichsten. Ihre anderen Erinnerungen verblassten allmählich, erschienen ihr weit entfernt.
Lyra wusste, dass sie als junges Mädchen über die Dächer den Jordan College geklettert war. Doch wenn sie daran zurückdachte, kam es ihr so vor, als wäre es einem anderen Mädchen passiert. Sie wusste, dass sie dereinst das Alethiometer dort bekommen hatte, aber von wem und warum? Sie wusste, dass sie mit einem Jungen namens Roger über die Dächer gerannt war, aber wie hatte er ausgesehen? Sie wusste, dass die Daemonen ihrer Eltern eine Schneeleopardin und ein Gibbon gewesen waren, aber welche Namen hatten sie gehabt?
Doch an Will erinnerte sie sich, als wären ihre Abenteuer erst gestern gewesen. Will, mit dem sie in Cittagazze gekämpft hatte. Will und sie, als sie den Schamanen Jopari fanden, der sich als niemand anderes als Wills Vater erweisen sollte. Will, der sie aus den Fängen ihrer Mutter befreit hatte, die sie in einem Drogenrausch gefangengehalten hatte.
Will, Will und immer nur Will. Das war ihre schönsten und deutlichsten Erinnerungen. Besonders die aus der Welt der Mulefa.

Lyra und Will lagen eng aneinandergeschmiegt im Schatten eines Baumes. Sie waren ein gutes Stück von den Mulefa und Mary Malone entfernt. Sie hatten erst kurz zuvor ihre Liebe zueinander entdeckt und schwelgten nun liebestrunken in den gegenseitigen Berührungen und der tiefen, innigen Zuneigung füreinander.
Lyra und Will küssten und streichelten sich. Am liebsten würde Lyra für alle Zeiten in den Armen von Will liegen, doch das war nicht möglich. Und so genossen sie jeden Moment den sie hatten. Während sie sich streichelten und küssten, stieg eine ihr zuvor unbekannte Wärme in Lyra auf. Ihre Küsse wurden nun intensiver, fordernder, und Lyra erkannte, dass Will etwas ganz ähnliches empfinden musste.
Er zog sein T-Shirt aus und Lyra fuhr mit ihren Händen über seinen nackten Oberkörper, erkundete diesen. Will schauderte unter ihren Berührungen, doch es war ein wohliges Schaudern. Er wollte nicht, dass sie aufhörte. Lyra wollte, dass Will ihren Körper ebenso erkundete. Eilig zog sie ihr T-Shirt ebenfalls aus. Will zögerte nicht lange. Er bedeckte sie mit seinen Küssen, ihren Mund, ihr Gesicht, die Seiten ihres Halses und schließlich ihre Brüste. Jeder dieser Küsse brannte, doch es war ein wohliges Brennen.
Nun küsste er ihren Bauch. Lyra zog Will wieder näher zu sich und küsste ihn auf den Mund. Sie streichelte ihm über den Rücken. Will dagegen streichelte erst ihren Bauch, ließ seine Hände dann aber vorsichtig zu ihren Brüsten wandern. Sie nickte ihm voller Wonne zu. Er sollte nicht innehalten.
Sie wollte gemeinsam mit ihm sündigen.


Nachdem Lyra eine Stunde lang auf der Bank gesessen hatte, stand sie auf und ging los. Zurück zum Jordan College. Doch ihr Alter machte sich bemerkbar, und Lyra spürte, dass sie den Fußweg zurück wohl nicht mehr so mühelos schaffen würde wie den Hinweg.
Doch am Rand des Parks konnte man auf ein Taxi warten. Lyra ging dorthin und setzte sich auf eine Bank. Sie brauchte bloß noch zu warten, bis eines vorbeikam. Tatsächlich musste die alte Frau nicht lange warten. Ein Taxi flog herbei und landete direkt vor ihr.
Lyra lächelte, als sie es landen sah. Fliegende Autos hatte es zu der Zeit als sie noch jung war, nicht gegeben. Ob sie in Wills Welt auch erfunden worden waren? Das Taxi öffnete seine Türen und der Fahrer trat hinaus.
„Brauchen Sie Hilfe beim Einsteigen?“ fragte er höflich.
„Ich komme zurecht, danke junger Mann.“ erwiderte Lyra und ging auf die offene Tür zu.
Pantalaimon huschte hinein und wartete im Inneren des Wagens auf sie. Mühsam setzte Lyra sich in das Auto, welches auf seinen ausgefahrenen Rädern stand. Kaum war sie eingestiegen, startete der Taxifahrer den Motor. Das Auto erhob sich in die Luft und fuhr die Räder wieder ein. Sein Daemon, eine Tüpfelhyäne, saß auf dem Beifahrersitz und sah neugierig zu Lyra und Pantalaimon herüber.
„Wohin soll ich Sie bringen?“ fragte der Taxifahrer.
„Zum Jordan College bitte.“ erwiderte Lyra.
Der Wagen flog hoch in die Luft. Oben waren mehrere fliegende Autos unterwegs, die alle in unterschiedliche Richtungen unterwegs waren. Lyra sah von oben auf die Dächer und lächelte traurig. Als sie noch jung war, hatte sie sich über diesen Anblick gefreut, und hatte bei jedem Flug kaum ruhig sitzen können.
Doch schnell kehrten ihre Gedanken zu Will zurück. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn sie hätten zusammenbleiben können? Wahrscheinlich hätten sie Kinder gehabt, und mittlerweile auch Enkel. Doch es war ihnen nicht vergönnt gewesen. Damals hatten Lyra und Will sich versprochen, dass sie, wenn sie jemand anderes heiraten sollten, diese Person gut behandeln würden, und es nicht zeigen würden, dass sie lieber miteinander zusammen sein wollten. Doch bei Lyra sollte es nicht so kommen. Mehrere Beziehungen zu verschiedenen Männern hatten nicht lange gehalten. Diese Männer hatten nichts falsches getan, doch keiner von ihnen war Will gewesen.
Für Lyra war es ein Stich ins Herz gewesen, von Will getrennt zu sein. Jeder Gedanke an ihn, ließ den Schmerz wieder aufflammen, bis er ganz allmählich verblasste. Doch sie fühlte sich nie wieder vollständig. An jenem Tag, als sie sich trennen mussten, hatten die Engel und das Multiversum ihr etwas genommen, was untrennbar zu ihr gehörte, so wie Pantalaimon, und der einzige Trost für sie war, dass sie eines fernen Tages wiedervereint sein würden.
„Wir sind angekommen.“ riss Pantalaimon Lyra schließlich aus ihren Erinnerungen.
Die alte Frau sah aus dem Fenster des Taxis. Tatsächlich, vor ihr wurden die Dächer des Jordan College immer größer. Das Taxi ging langsam in den Sinkflug. Nachdem das Taxi gelandet und Lyra ausgestiegen war, hatte sie den Fahrer bezahlt, welcher sich wieder auf den Rückweg machte.
Als sie auf das Gebäude zuging, welches für sie von frühester Kindheit an ein Zuhause war, lächelte Lyra. Auch wenn sie von Will getrennt war, so hatte sie doch immerhin einen Trost. Eigentlich hatten sie beide diesen Trost. Wie schlecht es ihnen auch gehen mochte, es gab eine Person von der sie bedingungslos geliebt wurden, eine Person die auf sie wartete, eine Person, die für immer mit ihnen zusammen sein wollte.
Pantalaimon und Lyra gingen zusammen auf die große, schwere Eingangstür des Jordan College zu.

In Wills Oxford

Ein alter Mann saß in dem gleichen Park auf der gleichen Parkbank... der einzige Unterschied war eine andere Welt. Einige Teenager fuhren auf Skateboards an ihm vorbei. Sie beachteten ihn nicht weiter. Will sah ihnen einen Moment lang hinterher. Der jüngste von ihnen quengelte, dass die anderen nicht so schnell sein und auf ihn warten sollten. Will lächelte.
Als Will so alt wie dieser Junge war, hatte er das magische Messer erhalten. Er hatte ein Abenteuer erlebt und gekämpft. Er war durch mehrere Welten gereist, und hatte mitgeholfen, die höchste Autorität zu bekämpfen, um das Multiversum von ihrer Tyrannei zu befreien. Und er hatte Lyra getroffen, seine wahre, große Liebe. Sie hatten nicht zusammenbleiben können, doch es gab keinen Tag, an dem er sie nicht vermisst hatte.
Es war so einfach, die Augen zu schließen und dann ihr Gesicht zu sehen. Er hatte sich in der wenigen Zeit die sie zusammen hatten, jeden ihrer Gesichtsausdrücke eingeprägt. Wenn sie gelächelt hatte. Wenn sie gelacht hatte. Wenn sie ernst war. Wenn sie fröhlich war. Wenn sie das Alethiometer bediente. Wenn sie die Ekstase ihrer gemeinsamen Sünde erlebte.
Doch wenn er die Augen öffnete, war Lyras Gesicht wieder verschwunden.
Er war älter geworden, und sie musste in ihrer Welt natürlich auch älter geworden sein. Er hatte versucht sich vorzustellen, wie eine ältere Lyra aussehen musste. Zweimal hatte er sich vorgestellt, wie sie als Teenagerin aussah, einmal, wie sie als junge Frau aussah, und dann immer weiter. Manchmal mit längeren Haaren, manchmal mit anderer Kleidung.
„Meine Lyra.“ flüsterte er leise.
Kirjava hörte ihn. Sie sprang hoch zu ihm auf die Bank und rieb sich tröstend an ihn. Sie war sein Daemon. Er hatte sie während seines Abenteuers kennengelernt. In seiner Welt konnte man die Daemonen nicht sehen, doch Will konnte sie sehen.
Will hatte im Laufe seines Lebens auch mehrere Beziehungen mit anderen Frauen gehabt, doch keine von ihnen hielt lange. Damals hatten er und Lyra sich versprochen, dass, wenn sie einmal heirateten, ihren Partner gut behandeln würden, dass sie es nicht zeigen würden, dass sie lieber miteinander zusammen wären, als mit dem Ehemann oder der Ehefrau, die sie geheiratet hatten. Doch Will hatte jede dieser Frauen mit Lyra verglichen. Lyra wäre lustiger als sie. Lyra wäre mutiger als sie. Das war diesen Frauen gegenüber nicht gerecht gewesen. Und wenn Will ehrlich war, wollte er auch niemand anderes als Lyra an seiner Seite haben.
Er lehnte sich zurück, und eine seiner schönsten Erinnerungen stieg in ihm auf.

Lyra und Will lagen wieder aneinandergeschmiegt im Gras. Diesmal waren sie nackt, so wie sie geschaffen worden waren. Wieder streichelten sie sich gegenseitig. Die Sünde zu begehen war unendlich wundervoll gewesen.
„Ich liebe dich, Will Parry.“ sagte Lyra.
„Ich liebe dich auch, Lyra Listenreich.“ erwiderte Will.
Sie wünschte sich, dass dieser Tag, dieser Moment, niemals enden würde. Dass sie in Wills Armen liegen und seine Berührungen spüren konnte. Und Will wünschte es sich ebenso, Lyra niemals mehr loslassen zu müssen, immer wieder ihren Mund küssen und ihren Körper spüren zu können.
In Wills Welt würde das Gesetz ihre Sünde nicht erlauben, und in Lyras Welt waren die Gesetze sogar noch strenger. Doch in der Welt der Mulefa waren sie frei. Beide wussten, dass sie einander wollten, und jede Berührung hatte zu einer weiteren Berührung geführt. Bis schließlich zur innigsten, tiefsten, schönsten Berührung. Bis zur reinen Ekstase ihrer gemeinsamen Sünde.
Lyra setzte sich auf. Sie lächelte den Jungen an und strich sich eine ihrer blonden Haarsträhnen aus dem Gesicht. Sie beugte sich vor und küsste Will auf den Mund. Der Junge schloss die Augen und genoss den Kuss. Diesem Kuss folgte ein zweiter und schließlich ein dritter. Lyra schob ihren nackten Körper auf seinen und küsste ihn ein weiteres mal. Will streichelte ihr über ihre Haare und ihren Rücken.
Als er die Augen wieder öffnete sah er ihr kesses Lächeln. Er kannte und liebte sie genug um zu verstehen, dass sie ein weiteres mal sündigen wollte.
Und er wollte es, wollte sie, ebenso.


Schließlich stand Will auf.
„Lass uns gehen.“ sagte er zu Kirjava.
Zusammen gingen sie auf das Ende des Parks zu. Will lächelte. Der Tag, an dem er Lyra wiedersehen würde, war nicht mehr fern. Der Teil seines Herzens, der damals bei ihr geblieben war, würde wieder zurückkehren.
Wenn Will oder Lyra einen hochrangigen Engel gefragt hätten, hätte er ihnen gesagt, dass bis zum Tag ihres Wiedersehens tatsächlich nicht mehr viel Zeit ins Land ziehen sollte.
Das war ein Geschenk an sie. Will und Lyra hatten den Käfig der höchsten Autorität zerstört, ein Fenster in die Welt der Toten geschnitten um die gefangenen Seelen zu befreien, und anschließend das magische Messer zerstört, damit niemals wieder ein solches Fenster entstehen und Chaos über das Multiversum bringen würde. So sollten die beiden Liebenden wenigstens zu einem ähnlichen Zeitpunkt in die Welt der Toten gehen, um dort wieder einander zu haben, und nicht noch länger voneinander getrennt sein zu müssen.

In der Welt der Toten

Seit dem letzten Tag, den Lyra auf der Parkbank verbracht hatte, war viel Zeit vergangen. Doch ihre Zeit war nunmehr abgelaufen, und sie hatte die Welt der Toten betreten müssen. Der Fährmann hatte sie, diesmal ein zweites mal, auf die andere Seite gebracht. Diesmal würde sie dort bleiben und nach Will suchen. Pantalaimon hatte sie auch nicht hierher begleiten können. Doch sie würde auch ihn eines Tages wiederfinden.
Als Geist ging sie eine ganze Weile durch den vorderen Rand der Welt der Toten. Von dort aus konnte sie das Ufer sehen, und sie sah auch jeden Geist, den der Fährmann in die Welt der Toten brachte. Es waren viele Geister, denn hierher kamen alle vernunftbegabten Lebewesen, aus allen Welten des Multiversums. Es waren viele Menschen darunter, doch auch andere Kreaturen befanden sich unter den Geistern.
Lyra wusste nicht, wie lange sie schon als Geist hier war, denn Zeit spielte an diesem Ort keine Rolle mehr. Doch sie sah, dass sie nicht die einzige war, die auf jemanden wartete. Überall waren Geister, die auf ihre Freunde und Verwandten warteten. Sie waren nicht tiefer in die Welt der Toten gegangen, weil sie mit denen die sie liebten, vereint sein wollten. So wie Lyra.
Nie war einer unter den Geistern, der Will ähnelte. Und Lyra wurde immer mehr klar, dass sie und Will sich wahrscheinlich nicht erkennen würden. Als sie sich zuletzt gesehen hatten, waren sie noch sehr jung gewesen. Doch Lyra war als alte Frau gestorben. Will würde nicht wissen, wie sie nun aussah. Und sie würde auch nicht wissen, wie Will nun aussah. Das betrübte sie.
„Weshalb denn so traurig, alte Dame?“ fragte ein anderer Geist, der auf sie zugekommen war, „Weiter hinten gibt es einen Ausgang, eine Möglichkeit, wieder ein Teil des Multiversums zu werden. Du brauchst bloß den Harpyien die Geschichte deines Lebens zu erzählen.“
„Das ist mir bekannt, doch ich warte hier auf jemanden.“ erwiderte Lyra, „Aber nun ist mir klar, dass er mich nicht erkennen wird, und ich ihn nicht. Als wir uns trennen mussten, waren wir sehr jung. Doch nun bin ich alt.“
„Das ist kein Problem.“ meinte der Geist fröhlich, „Hier können wir so aussehen wie wir wollen. Besonders die Mordopfer sehen gerne unversehrt aus. Ich bin auch als alter Mann gestorben, doch die Frau mit der ich glücklich zusammen war, hat mich so kennengelernt, wie ich jetzt aussehe.“
Lyra kam dieser Geist irgendwie bekannt vor. Allerdings wusste sie nicht, wann und wo sie ihn getroffen hatte. Andererseits hatte er gerade gesagt, dass er deutlich älter gewesen war, als er jetzt aussah. Lyra würde ihn auf höchstens Ende zwanzig schätzen. Doch wenn er Recht hatte, dann sollte sie ihr Aussehen auch verändern können.
Lyra dachte intensiv daran, wie sie an dem Tag ausgesehen hatte, als Will sie zum letzten mal gesehen hatte, damals in der Welt der Mulefa. Ihr Körper veränderte sich und nahm wieder ihre jüngere Gestalt an. Lyra sah an sich herab. Ja, jetzt sah sie wieder genauso aus wie damals.
„Lyra, du bist es?“ fragte der Geist erstaunt.
„Du kennst mich?“ gab sie zurück.
„Natürlich. Ich bin es, Farder Coram. Ich warte hier auf Serafina.“ erwiderte er.
Lyra lächelte. Es war schön, ihn nach all den Jahren wiederzusehen. Er war schon viele, viele Jahre vor ihr verstorben. Und auch er wartete hier auf seine wahre Liebe, wohl wissend, dass es noch Jahrhunderte dauern konnte, bis sie auch kam. Hexen konnten in ihrer Welt sehr alt werden.
„Ich suche auch jemanden. Will.“ antwortete Lyra.
„Versuche dein Glück dort.“ redete Farder Coram und wies mit seinem Finger in eine bestimmte Richtung, „Die meisten Toten aus Wills Welt halten sich dort auf.“
„Vielen Dank.“ freute sich Lyra und machte sich auf den Weg, wandte sich dann jedoch noch einmal zu Farder Coram um und winkte, „Machen Sie es gut.“
„Du auch, Lyra.“ erwiderte er und winkte zurück.

Will hielt sich ebenfalls am Rand der Welt der Toten auf. Er war nicht viel länger als Lyra an diesem Ort, nicht dass es einen Unterschied für ihn machte. Als Will begriffen hatte, dass Lyra ihn als alten Mann nicht erkennen würde, hatte einer der anderen Geister ihm verraten, dass er so aussehen konnte, wie es ihm gefiel. Und nun sah Will wieder so aus, wie an dem letzten Tag, den er mit Lyra verbracht hatte.
Als Arzt hatte er viele Menschen gesehen, deren Zeit sich dem Ende näherte. Er hatte ihnen erzählt, was sie danach erwarten würde, um ihnen die Furcht zu nehmen. Von der Ankunft in der Welt der Toten, von den unzähligen Geister die hier waren, und von den Harpyien, denen sie die Geschichte ihres Lebens erzählen mussten, um durch ein magisches Fenster ins Multiversum zu gelangen. Nicht jeder hatte ihm geglaubt, doch jedes seiner Worte war wahr gewesen.
Auch andere Personen die Will kannte, waren bereits hier gewesen. Seine Mutter, Mary Malone, und auch andere. Sie wollten auf ihn warten, damit sie zusammen ins Multiversum gehen konnten, doch Will hatte es abgelehnt und sie weitergeschickt. Es gab nur eine Person, mit der er für alle Zeiten vereint sein wollte.
Doch er war Lyra nicht begegnet, egal wie lange er sie gesucht hatte.
„Will?“ hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich.

Lyra sah sich um. Sie war zu dem Ort gegangen, den Farder Coram ihr gezeigt hatte. Doch Will war nirgends zu sehen. Sie sah sich um, sah die vielen Geister, doch Will konnte sie nicht entdecken. Will, der ihr so wichtig war. Die einzige Person, mit der sie für immer vereint sein wollte.
Lyra ging weiter. Und plötzlich sah sie ihn. Er stand nur wenige Schritte von ihr entfernt. Er sah genauso aus wie an jenem Tag, als sie zusammen gesündigt hatten. Diese wundervolle und süße Sünde.
„Will?“ fragte sie.
Er sah zu ihr, erst überrascht, dann erfreut.
„Lyra!“ rief er.
Beide liefen aufeinander zu und fielen sich in die Arme. Sie umarmten sich lange. Ein Leben lang hatten sie einander nicht sehen dürfen, doch nun waren sie endlich vereint. Will hatte seine Arme so innig um Lyra gelegt, als würden sie erneut getrennt werden, wenn er sie losließ. Lyra versank in seiner Umarmung und hatte ihre Arme ebenfalls innig um seinen Körper gelegt.
„Ich habe dich jeden Tag vermisst.“ sagte Will, „Ich wollte jeden Tag bei dir sein.“
„Und ich bei dir.“ erwiderte Lyra, „Es gab keinen Tag, an dem ich nicht an dich gedacht habe.“
Sie lösten sich ein wenig voneinander um den jeweils anderen anzusehen. Es war wundervoll, nach all dieser Zeit wiedervereint zu sein. Und von nun an würde sich daran nie mehr etwas ändern müssen.
„Gehen wir zu den Harpyien.“ sagte Will schließlich.
„Ja, tun wir das.“ stimmte Lyra lächelnd zu.
Hand in Hand gingen sie weiter. Es war so wundervoll, die Berührung des jeweils anderen zu spüren. So viele Jahre hatten sie getrennt sein müssen, doch nun waren sie wieder zusammen, so wie sie es sich einst versprochen hatten.
Es dauerte nicht lange, bis sie die Harpyien erreicht hatten. Einige der Harpyien erkannten sie, schließlich waren sie es doch gewesen, welche einst ein Loch in diese Welt geschnitten hatten, damit die Geister der Verstorbenen wieder eins mit dem Multiversum werden konnten.
Will begann zuerst zu erzählen. Wie er Medizin studiert hatte, wie er ein Arzt wurde, und wie er sein Leben gelebt  hatte. Die ganze Zeit über hatte Lyra sich glücklich in seine Arme gekuschelt. Kaum dass er fertig war, begann Lyra zu erzählen. Die Abenteuer, die sie nach der Trennung von ihm erlebt hatte, wie sie weiterhin das Alethiometer studierte, und wie sie schließlich zur Leiterin des Jordan College geworden war. Beide hörten den Erzählungen des jeweils anderen zu, wollten sie doch erfahren, wie ihre wahre, große Liebe gelebt hatte. Auch die Harpyien hörten zu, begierig darauf, die Geschichten aus den Welten der Lebenden zu erfahren.
Schließlich führten sie sie zu dem magischen Fenster, welches Will einst in diese Welt geschnitten hatte. Es war ein wundervoller Anblick, und die beiden Liebenden lächelten voller Freude, als sie auf dieses Fenster zutraten. Gemeinsam traten sie hindurch und sahen die Welt, in welche dieses magische Fenster führte. Um sie herum waren andere Geister, die ebenfalls hindurchgelassen worden waren. Sie blieben einige Momente lang stehen, dann lösten sie sich auf. Manche alleine, manche zusammen. Doch Lyra und Will schenkten ihnen keine Beachtung, für sie zählten nur sie beide.
Sie nickten sich zu und umarmten sich schließlich erneut. Und langsam, ganz allmählich, lösten sie sich auf. Wie sie es sich einst versprochen hatten, würden man von nun niemals mehr ein Moleküle von Will nehmen können, ohne auch eines von Lyra zu nehmen, und umgekehrt. Sie würden sich auch mit Pantalaimon und Kirjava vereinen, wenn sie ihrer beider Moleküle fanden.
Und während ihre aufgelösten und doch vereinten Moleküle durch das Licht schwebten, wussten sie, dass sie für immer vereint sein würden, und dass es nun bis zum Ende des Multiversums bloß sie beide und ihre Liebe geben würde.

ENDE
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