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Bengel

KurzgeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
30.03.2020
30.03.2020
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1: Stumpf: Reflex

Das Kind hat Rotz und Dreck im Gesicht und ist viel zu dürr. Stumpf starrt es an und spürt, wie ihre Laune weiter sinkt. Jeddaw hat einfach viel zu viele verdammte allein gelassene hungrige Straßenbengel. Das Mädchen sieht nicht völlig wild aus. Es ist bisher nicht vernachlässigt worden, aber jetzt ist es allein, hungrig, und aufgewühlt. Stumpf hat kein Geld übrig. Krajs gebrochenens Bein heilt. Und seit Umme keine Grippe mehr hat, isst sie wie ein Scheunendrescher. Die beiden müssen schon betteln gehen, weil sie nichts mehr übrig hat. Noch so ein verdammtes Kind. Sie hat nur dünne Suppe Zuhause. Nun, die wärmt. Stumpf seufzt tief, kniet sich hin, und sagt „Was ist denn los, Kleine? Na komm. Ich habe etwas zu essen.“
Ihre Mutter wollte sie weit weg schicken, zu Verwandten, und sie hatte so Angst, dass sie sich versteckt hatte. Damit die Verwandten sie nicht mitnehmen können. Jetzt findet sie den Nachhauseweg nicht mehr. Stumpf bemerkt, dass die Kleine sich kratzt, und nach einem kleinen, heftigen inneren Schrei-Anfall - nicht schon wieder Läuse!!! - packt sie das das Kind - Alja heißt es - und sucht seinen Kopf ab. Da ist nichts, aber ein böse aussehender Hautausschlag im Nacken. Stumpf knurrt und fühlt sich wieder einmal so, so müde. Sie will ja helfen. Sie will es besser machen. Aber sie ist keine Ärztin, hat keine Ahnung von Kinderbetreuung - Wie es dazu kam, dass sie sich von all den armseligen Möglichlkeiten, die sie hatte, die Gründung eines waisenhauses ausgesucht hat, begreift Stumpf selbst nicht! Sie mag Kinder nicht mal, sagt sie sich.
Aljas Tränen sind getrocknet, und sie hat nicht mehr ganz so schlimm Hunger. Sie schläft auf der Bank ein, emotional und körperlich erschöpft. Stumpf sitzt da, und fühlt sich ausgelaugt. Sie wird das Mädchen später fragen, wo es wohnt, und sich den Ort beschrieben lassen. Sie muss zurück zu ihrer Mutter. Vielleicht will diese ihre Tochter ja nicht mehr fortschicken. Oder noch nicht jetzt. Stumpf kann verstehen, dass die Mutter ihre Tochter vor allem ernährt sehen will. Und dass das Kind sich nichts schlimmeres vorstellen kann, als weggeschickt zu werden. Sie beugt sich noch einmal über das schlafende Kind.
Der Ausschlag sieht jetzt im Licht der Lampe, die sie eben angesteckt hat, gar nicht mehr so schlimm aus. Stumpfs Griesgrämigkeit, die schon fast verschwunden war, kommt wieder hoch. Immer wieder lässt sie sich von diesen Kindern an der Nase herumführen! Der Ausschlag wirkte wirklich ganz furchtbar. Stumpf runzelt die Stirn. Kann ein Kind einen Ausschlag fälschen? Sind die Bälger in diesem Alter schon so talentiert?
Stumpf schüttelt den Kopf. Sie dreht die Lampe aus. Zeit, das Kind wegzuschicken, und Geld aufzutreiben. Zu den Öfen muss sie auch noch.
Alja sieht aus, als könne sie noch etwas Schlaf gebrauchen. Stumpf knurrt. Nichts da. Je schneller die Kinder wieder weg sind, desto besser.
Zu Stehelen hat sie vorsorglich gar nichts im Haus, sie könnte die Kleine also hier alleine lassen und ihre Besorgungen auf dem Markt erledigen. Ins Haus kann keiner so einfach eindringen, die Tür lässt sich verbarrikadieren. Andererseits wird die Kleine Angst haben, wenn sie alleine aufwacht. Stumpf legt eine Hand auf die Schulter des Mädchens, um sie zu wecken.
Die Lampe wirft einen ungewöhnlichen Lichtschimmer an die Wand. Stumpfs Blick wandert zur rau verputzten Lehmwand. Tatsächlich, ein Lichtschimmer, als würde sich Sonnenlicht in einem Glas brechen....
„Hallo“, wispert es trocken von irgendwoher, und Stumpf zieht vor Schreck ihre Hand zurück. Woher - ? Sie blickt sich schnell im Raum um. Sie sind alleine...
Der Lichtschimmer bewegt sich. Er scheint zu krabbeln. „Hallo“, kommt es schüchtern eben von der Wand.
Stumpf flucht, obwohl sie jedem ihrer Findelkinder für genau diese Wortwahl eine hinter die Ohren geben würde. „Was ist das denn?“ Sie schlägt nach dem krabbelnden Schimmer.
Es weicht unter ihren Fingern hinweg zur Seite, und wirkt unglücklich.
Stumpf schaut ungläubig hin. Kann sie ihren Sinnen trauen? Macht sich das feuchte Brot, das ihr Magen so gar nicht verträgt, nun auch in ihrem Kopf bemerkbar?
Unter ihr, auf der Bank, bewegt Alja sich und schlägt die Augen auf. „Komm“, sagt Stumpf unwirsch und zieht sie hoch. „Wir müssen deiner Mutter sagen, dass es dir gutgeht. Wo wohnt sie?“
Alja zögert. „Nun sag schon! Wo wohnt Mama?“ Stumpf zieht das Kind schnell von der Bank, weg von dem krabbelnden Ding, und zieht ihren linken Schuh aus, um einmal kräftig danach zu schlagen. Sie versucht, aus Aljas kindlicher Beschreibung schlau zu werden, und sucht mit den Augen die Wand ab. Das Ding ist weg. Gut so.
Sie sieht Alja streng an. „Wir müssen deiner Mutter Bescheid sagen. Vielleicht sucht sie dich. Komm.“ Stumpf packt ihr Geld ein.
Es ist matt.
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