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Mystery, unglaubliche Ereignisse und schicksalshafte Begegnungen

von Mirfineth
SammlungFantasy, Übernatürlich / P16 / Gen
30.03.2020
22.10.2021
17
26.669
5
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30.03.2020 1.110
 
Jennifer Moore war Lehrerin für Kunstgeschichte an der Kunsthochschule. Sie hatte gerade wieder eine neue Klasse bekommen und wollte ihren Schülern die verschiedenen Kunststile wie Gotik, Barock, Rokoko näherbringen.
Also überlegte sie, wo sie entsprechende Beispiele finden könnte. Und dann fiel ihr der Friedhof ein. Im ältesten Bereich des Friedhofs waren die Gräber mit Figuren verziert. Manche standen neben den Grabsteinen, andere saßen darauf. Trauerfiguren, Gargoyles, die das Grab bewachten, und so weiter.
Ja, im alten Teil des Friedhofs würde sie genug finden, was sie benutzen konnte. Sie konnte sehr gut zeichnen, also zog sie sich ihre Jacke an, steckte ihre Zeichenutensilien in ihre Tasche und ging los.
Am Friedhof angekommen, ging sie schnurstracks in den alten Teil, zu Kapelle 9. Um diese Kapelle herum gab es reich verzierte Gräber, von denen sie die Figuren abzeichnen konnte.
Sie hatte schon mehrere Figuren und Grabsteine abgezeichnet, da bemerkte sie, dass die Kapelle beleuchtet war. Sie wunderte sich. Als sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass sie noch nie im Inneren der Kapelle gewesen war. Dort drin gab es bestimmt auch etwas, das sie für ihren Kunstunterricht abzeichnen konnte. Also ging sie in die Kapelle hinein, um sie sich näher anzusehen.
Als sie im Inneren war und sich umsah, erschrak sie. Nun wusste sie, warum die Kapelle beleuchtet war. Vorne, bei der Kanzel des Pfarrers, war jemand aufgebahrt. Sie näherte sich vorsichtig. Im Sarg lag ein älterer Herr.
Nun, da sie im vorderen Bereich der Kapelle war, konnte sie die ganze Kapelle überblicken. Sie war leer. Jennifer fragte sich, ob der ältere Herr keine Angehörigen oder Freunde hatte, die kommen würden, um sich zu verabschieden. Aber das schien nicht so zu sein.
Warum trauerte niemand um diesen älteren Herrn? Das durfte sie nicht zulassen! Selbst, wenn sie ihn nicht kannte – der Tote hatte es verdient, dass wenigstens eine Person um ihn trauerte! Also setzte sie sich ungefähr in die Mitte der Kapelle und begann für ihn zu beten.
Da kam auch schon der Pfarrer und begann seine Messe. “Wir haben uns heute hier versammelt…”, sagte er. Jennifer drehte sich erneut um. Versammelt?, fragte sie sich. Die ganze Kapelle war leer, bis auf sie.
Nach der Messe bat der Pfarrer sie, sich ins Kondolenzbuch einzutragen. Jennifer trug ihren Namen und ihre Adresse ein.
Danach konnte sie nicht mehr zeichnen. Sie ging wieder nach Hause, noch immer geschockt darüber, dass sie die einzige trauernde Person in Kapelle 9 gewesen war.

Etwa vier Wochen später bekam Jennifer Post von einem Anwalt. Sie öffnete den Brief und las, dass ihr der Anwalt einen Termin für einen Besuch in seiner Kanzlei gab. Sie grübelte. Was hatte sie angestellt, dass ein Anwalt sie anschrieb? Hatte sie jemanden unabsichtlich beleidigt? Oder verletzt? Und diese Person hatte sich nun einen Anwalt genommen? Sie konnte sich nicht daran erinnern. Aber sie beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und zum Termin bei dem Anwalt zu erscheinen.
Am Tag ihres Termins ging Jennifer zur Kanzlei des Anwalts. Diese lag im teuersten Stadtviertel. Sie war noch niemals in diesem Stadtviertel gewesen, denn die Preise der Geschäfte dort konnte sie sich nicht leisten.
Bei der Kanzlei angekommen, klingelte sie. Ein freundlich dreinblickender älterer Herr öffnete ihr die Tür. Das muss wohl der Anwalt sein, schoss es Jennifer durch den Kopf.
“Guten Tag!”, sagte der ältere Herr. “Kommen Sie doch herein und legen Sie ab! Sie müssen Miss Moore sein! Darf ich mich vorstellen? Ich bin Robert Wilson, meines Zeichens Anwalt!” Mit diesen Worten lächelte er sie an.
Jennifer hängte ihre Jacke an die Garderobe und folgte dem Anwalt in sein Büro. Sie fragte ihn: “Sie haben mir also diesen Brief geschrieben?”
“Ganz recht!”, antwortete Mr Wilson und lächelte erneut. “Ganz recht! Sie waren am 12. Juli auf dem Friedhof, stimmt’s? Und dort bei Kapelle 9, richtig?”
Jennifer bejahte.
Mr Wilson fuhr fort: “Und in Kapelle 9 haben Sie einer Trauerfeier beigewohnt, korrekt?”
Jennifer bekam immer mehr ein ungutes Gefühl.
“Was soll das hier werden? Ein Verhör?”, platzte es aus ihr heraus. “Und woher haben Sie eigentlich meine Adresse?”
“Oh nein, das ist kein Verhör! Das verstehen Sie vollkommen falsch”, antwortete Mr Wilson. “Und woher ich Ihre Adresse habe, kann ich Ihnen ganz genau sagen. Nach der Trauerfeier haben Sie sich mit ihrer Adresse ins Kondolenzbuch eingetragen. Daher habe ich diese.”
Nun beruhigte sich Jennifer wieder ein wenig. Ja, das stimmt, dachte sie. Nach der Trauerfeier hatte sie sich mit ihrer Adresse ins Kondolenzbuch eingetragen.
“Ja, das ist richtig”, bestätigte sie.
“Aber ich kannte den Toten gar nicht!”, platzte es erneut aus ihr heraus.
Nun lachte Mr Wilson vollends. “Gehen Sie öfters auf Trauerfeiern von Leuten, die Sie gar nicht kennen?”, fragte er sie, als er sich wieder beruhigt hatte.
“Nein, natürlich nicht!”, antwortete Jennifer. Nun wurde ihr deutlich, dass sie alles erklären musste. Also erzählte sie dem Anwalt alles von Anfang an.
Mr Wilson hörte aufmerksam zu. Dann sagte er: “Der Tote war Jason Perez. Haben Sie den Namen vielleicht schon mal gehört?”
Jennifer verneinte.
“Nun, wie auch immer”, meinte Mr Wilson. “Mr Perez hatte schon früh mit seiner habgierigen Familie gebrochen und hatte keine Freunde. Ich war sein Anwalt. Und nun sind Sie hier zur Testamentseröffnung.”
Testamentseröffnung?, fragte sich Jennifer. Sie überlegte, was nun kommen würde. Aber das würde sie sicherlich gleich erfahren.
“Mr Perez hat verfügt, dass sein Vermögen entweder wohltätigen Zwecken gespendet werden soll, wenn niemand zu seiner Trauerfeier kommt, oder unter allen Trauergästen gleichermaßen aufgeteilt werden soll”, erklärte Mr Wilson. “Nun, da Sie der einzige Trauergast waren, sind Sie die Alleinerbin! Sein Vermögen belief sich schon zu Lebzeiten auf 30 Millionen Dollar!”
Nun konnte Jennifer nicht mehr klar denken. Welche glückliche Fügung des Schicksals hatte sie an eben jenem Tag auf den Friedhof geführt und die Kapelle 9 betreten lassen? Warum war sie geblieben und hatte die Trauerfeier mitgemacht, obwohl sie den Toten doch gar nicht kannte? Fragen über Fragen, auf die sie jetzt keine Antworten mehr finden konnte. Nur eines wusste sie: Sie hatte sich in eben jenem Moment richtig entschieden. Nicht wegen des Erbes, sondern wegen der Menschlichkeit!
Jennifer reagierte zuerst geschockt auf die Mitteilung des Anwalts, doch dann fiel sie Mr Wilson einfach um den Hals und umarmte ihn. Dieser war überrascht, doch dann lächelte er erneut und erwiderte die Umarmung.

Nun ist der freundliche Mr Wilson Jennifers Anwalt. Er hat alles mit ihrer Erbschaft geregelt und Jennifer damit überglücklich gemacht. Sie ist ihm sehr, sehr dankbar dafür. Und da jeder Mensch eine Aufgabe braucht, eine Tätigkeit, der er nachgehen kann, ist Jennifer Moore Lehrerin für Kunstgeschichte an der Kunsthochschule geblieben. Nur eines hat sich für sie geändert: Sie ist nun ein wenig reicher!
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