Rise like a Phoenix from Ashes

von Yuno
GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
James "Krone" Potter OC (Own Character) Peter "Wurmschwanz" Pettigrew Remus "Moony" Lupin Severus Snape Sirius "Tatze" Black
30.03.2020
12.04.2020
9
45.910
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30.03.2020 4.654
 
Merlin’s House. Dies war der Name des Hauses, vor welchem sie stand. Auf dem Holzbrett über der Tür blätterte der Schriftzug bereits ab, nun da er schon durch die Sonne ganz verblichen war. Dieses Gebäude war alt, man könnte meinen, es müsse unter Denkmalschutz gestellt werden, da nicht einmal die älteren Leute der Gegend, die schon ihr ganzes Leben in diesem Teil der Stadt verbracht hatten, sich daran erinnern konnten, wann dieses Gebäude aufgezogen wurde. Es war einfach schon immer da.

Merlin’s House. Es war ein ungewöhnlicher Name für ein Haus. Doch, im Grunde genommen, wenn man wusste, was hinter dieser beinahe maroden Fassade steckte, dann würde man die Überzeugung vertreten, dass es ein ganz gewöhnlicher Name für ein mehr als ungewöhnliches Haus war.

Die Hände um den Griff ihres Koffers geschlungen, so fest, dass die Knöchel schon weiß hervortraten, las sie sich in ihrem Kopf den Schriftzug noch einmal vor: Merlin’s House. Fast ihr gesamtes Leben hatte sie an diesem Ort verbracht. Der Ort, welcher von den Älteren skeptisch beäugt wurde, um den sich Gerüchte und Mythen rangen, an dem Kinder in ihrem Alter Mutproben absolvierten, indem sie sich in die Nähe wagten. Merlin’s House war – und daran gab es nichts zu rütteln – ein Waisenhaus.

Sie war nervös, ihr Atem stockte und sie wagte es nicht, sich zu bewegen. Immer und immer wieder las sie diesen Schriftzug, als wäre es das letzte, was sie tat. Die Vermutung lag nahe, dass dies dem Umstand zu verschulden war, dass sie vor diesem sagenumwobenen und in den Augen der Menschen unheilbringenden Hauses stand. Doch der Grund ihrer Nervosität lag nicht darin begründet, dass sie in der Nähe dieses Waisenhauses war, sondern weil sie aus dessen Nähe sich nun für längere Zeit begeben würde. Denn Merlin’s House war ein Waisenhaus für Kinder mit Zauberer- oder Hexenabstammung.

Von dem, was sie gehört und gelernt hatte, gab es nicht viele solcher Orte, wie der, vor welchem sie stand. Das Waisenhaus für Kinder mit magischer Begabung war womöglich das einzige seiner Art. Aus diesem Grund war sie umso dankbarer, dass sie in Merlin’s House leben durfte. So wuchs sie mit den Gepflogenheiten, Traditionen und dem Wissen über das, was sie war, auf. Aus ihrer Abstammung wurde nie ein Geheimnis gemacht. In anderen Waisenhäusern, die streng unter den Augen von Muggeln geführt wurden, hätte sie gewiss nicht so viel Glück gehabt, sie wäre unwissend über sich und die Welt, in welche sie gehörte, geblieben.

Vor wenigen Monaten wurde sie nach langem Sehnen und Warten endlich elf Jahre alt. Und mit diesem Tag erhielt sie schließlich den Brief, den sie in den Jahren davor bei den älteren Kindern immer wieder hatte ankommen sehen. Damals konnte sie nicht mehr, als verstohlene Blicke auf diese zu werfen, doch nun, wo sie ihren eigenen Brief in Händen gehalten hatte, fühlte sie sich so gut wie noch nie, während sie nun diejenige war, die von den jüngeren verstohlen gemustert wurde, während die älteren ihr gratulierten.

Der Morgen des ersten Septembers war überraschend warm. Die Sonne schlängelte sich durch die Gebäude Londons, sodass der  Schriftzug von Merlin’s House nun in goldenen Lettern erschien, auf denen noch immer die Augen der aufgeregten, jungen Hexe ruhten. Sie erwachte aus ihrem tranceähnlichen Zustand, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte, die sie heftig zusammenzucken ließ. „Es ist an der Zeit. Wir müssen los, sonst verpasst du noch deinen Zug.“ Eine schon etwas ältere Hexe sah lächelnd zu ihr hinab. Ihre Haare waren streng zu einem Dutt zusammengeknotet, was ihr Gesicht rundlicher erscheinen ließ. Ihre Augen strahlten Wärme und Güte aus, was auf den Lippen der kleinen Hexe ein leichtes Lächeln erscheinen ließ. Der Name der Frau, die ihr eine Hand auf die Schulter gelegt hatte, war Roux Odile und sie war nicht nur eine Betreuerin in Merlin’s House, sie war auch die Hausleiterin. Wie jedes Jahr brachte Madam Odile persönlich die Kinder zum Bahnhof King’s Cross, wo sie am Gleis neundreiviertel wartete und sie verabschiedete, bis der Hogwarts-Express sie fortbrachte.

Die junge Hexe blickte scheu an Madam Odile vorbei und wurde sich der Schar an Kindern, die mit ihren Koffern und Gehegen bereits warteten, erst jetzt bewusst. Die Hitze stieg ihr ins Gesicht und ihre Wangen und Ohren nahmen beinahe schon die Farbe ihrer Haare an. Mit einem hastigen Nicken stieß sie zu den anderen, die sich, ein wenig stöhnend, in Bewegung setzten. Über ihre Schulter hinweg blickte sie ein letztes Mal auf den golden schimmernden Schriftzug, auf das alte Gebäude, ehe sie ihren Blick nach vorne richtete, ihrer Zukunft entgegen.

Sicherlich war eine Gruppe von Kindern, die in der einen Hand große Koffer mit sich zogen und in der anderen Hand  Gehege mit sämtlichen Tieren trugen, nicht besonders unauffällig. Die junge Hexe blickte sich genau um und betrachtete die Muggel, von denen sie glaubte, deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie lasen Zeitungen, blickten in der Gegend herum, schimpften mit ihren Kindern, doch… Sie waren blind für die Gruppe an Kindern, die doch so fremd erscheinen mussten. Das erste Mal wurde der kleinen Hexe bewusst, wie Ignorant sie doch waren, diese Muggel.

Auf dem Platz vor dem großen Bahnhof gingen sie in den Menschenmassen allmählich unter. Während sie mit Ehrfurcht das große Gebäude mit dem Kuppel-ähnlichen Dach musterte, musste sie darauf Acht geben, nicht den Anschluss zu verlieren. Die gütige Madam Odile konnte bei sowas gerne auch mal fuchsteufelswild werden, wo die Zeit doch ohnehin schon allen im Nacken saß. Noch eine Viertelstunde, dann fuhr der Hogwarts-Express ab. Mit den anderen zusammen lief sie nun zu den Bahnschienen, diese stoppten dann aber so abrupt zwischen den Gleisen neun und zehn, dass sie fast in das Mädchen vor ihr, Amy Gaya, gelaufen wäre.

Jetzt kam wohl das, von dem sie schon so viele Male gehört hatte. Nervenkitzel  breitete sich in der jungen Hexe aus, ihre Finger zitterten leicht an dem Griff ihres Koffers. Noch immer etwas außer Atem pustete sie sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht, während sie die ältesten, Ana und Tobi, dabei beobachtete, wie sie sich ganz entspannt gegen die Mauer lehnten, die zwischen den Gleisen lag. Sie sprachen miteinander, alberten ein bisschen, ehe sie hindurchglitten und verschwunden waren. Obwohl es für sie keine Überraschung mehr sein durfte, immerhin hatten die älteren Kinder ihr schon so oft davon berichtet, stockte ihr kurz der Atem und ihr Herz schlug schneller.

„Hast du das gesehen? So musst du es auch machen… Entspann dich einfach, ja?“, flüsterte Madam Odile ihr leise ins Ohr. Sie nickte steif und ging, nachdem nur noch sie, Amy und Madam Odile selbst übrig geblieben waren, zusammen mit ihnen zu der Mauer. Sie lehnte sich gegen diese und das wohl erzwungenste und angespannteste Grinsen, das man sich nur hätte vorstellen können, spiegelte sich in ihrem Gesicht wider. Mit einem Mal war der Widerstand, gegen den sie ihren Körper gelehnt hatte, verschwunden und sie fiel fast hin, hätte Madam Odile ihr im wahrsten Sinne des Wortes nicht unter die Arme gegriffen. Die kleine Hexe war einfach viel zu aufgeregt und alle Erzählungen, die die älteren  einst von sich gegeben hatten, waren wie verschwunden. Es würde sie nicht wundern, wenn sie auch noch vergaß, wie man atmete.

Ihr Blick wanderte über das Gleis neundreiviertel. Überall waren Zauberer, Hexen und natürlich auch die Schüler von Hogwarts. Sie hasteten herum, checkten noch einmal ihr Gepäck, verabschiedeten sich von ihren Liebsten. In ihr machte sich ein warmes Gefühl breit. Eine so große Ansammlung von Zauberern und Hexen hatte sie noch nie gesehen. Allein das mitzuerleben, fühlte sich schon unglaublich gut an. Als Nächstes fiel ihr Blick auf den Zug, der sie gleich in ein komplett neues Leben fahren würde. Der Hogwarts-Express war eine rote Lokomotive, die edel und magisch wirkte. Vor lauter Vorfreude kribbelte mittlerweile ihr ganzer Körper. Sie konnte es kaum abwarten, ebenso wie sie es kaum glauben konnte, an Ort und Stelle zu sein.

„Wir haben keine Zeit, um noch länger in der Gegend herumzuschauen. Los, los die Zeit drängt!“ Die Worte Madam Odiles waren nicht nur an sie, sondern an all ihre Schützlinge gerichtet. Mit liebevollem Druck schob sie all ihre Schützlinge in Richtung Zugtür, was in einem einzigen Drängeln endete, bei welchem jeder versuchte, sich mit Gepäck in den Zug zu quetschen.

Die Gänge des Hogwarts-Expresses waren lang und erbrechend voll, denn die meisten hatten sich noch nicht hingesetzt. Sie fühlte sich so verloren in der Menschenmasse, wie noch nie. Aufgrund ihrer geringen Größe hatte sie es auch nicht leicht, an den Schülern vorbeizusehen, weshalb sie sich aus ihrer Sicht auch irgendwo im Nirgendwo befand und unwissend, ob dies nun eine kluge Entscheidung war oder nicht, sich weiter nach vorne zu drängeln. Nach Möglichkeit inspizierte sie die vielen Abteile, um zu sehen, ob irgendwo noch ein Platz frei war. Zu den älteren Schülern traute sie sich nicht, aber schließlich fand sie wieder vertraute Gesichter vor. Noch bevor sie hätte anklopfen können, schob Amy die Abteiltür auf und zog sie hinein.

„Du siehst ziemlich verloren aus“, lachte Amy, die eigentlich Amelia hieß, und wies auf den Platz ihr Gegenüber.  Amy war nun in ihrem dritten Jahr in Hogwarts und wenn sie sich richtig erinnerte, dann gehörte sie Hufflepuff an. Sie besaß lange, blonde Haare, die ihr Gesicht in wunderschönen Locken umspielten. „Ja… Etwas. Ich bin immer noch überwältigt.“ Dies waren die ersten Worte, die sie heute herausbrachte. Ihre Nervosität flaute für den Moment, wo sie nun m Hogwarts-Express saß, etwas ab und sie lächelte leicht. In dem Abteil saßen noch zwei weitere aus Merlin’s House. Mirela Sage, die nun in ihrem fünften Jahr war und dem Haus Ravenclaw zugeteilt wurde und Logan Zander, ein Slytherin ebenfalls im fünften Jahr.  Mirela war so nett und hatte ihr geholfen, ihren Koffer oben auf die Gepäckablage zu packen, während Logan nur gelangweilt aus dem Fenster sah.

Wenn sie ehrlich war, dann mochte sie Logan nicht wirklich. Und dies lag nicht einzig und allein daran, dass er ein Slytherin war und Amy – die ihr immer ausgiebig über die Grausamkeiten der Slytherins in Briefen geschrieben hatte – ihr vor diesen Leuten Angst gemacht hatte. Logan verkörperte einfach viele Eigenschaften, die sie ebenfalls als grausam betiteln würde, auch wenn er noch so gelangweilt aus dem Fenster schaute und die Harmlosigkeit in Person vortäuschte.

„Es gibt im Grunde nichts, wovor du dich fürchten musst. Sobald wir in angekommen sind, wirst du mit den anderen Erstklässlern über den See zum Schloss gebracht. In der großen Halle versammelt ihr euch und dann…“ Noch ehe Mirela ihr mehr verraten konnte, fiel ihr Amy ins Wort. „Psst! Nimm ihr doch nicht die Vorfreude“, kicherte die Drittklässlerin mit den schönen Locken. Wenn sie selbst ehrlich zu sich war, dann wünschte sie sich nichts sehnlicher, als das diese Spannung von ihr genommen werden würde. Seit sie aufgewacht war, hatte sie noch keinen richtig klaren Gedanken fassen können und ihre Schüchternheit war präsenter denn je.

Doch allmählich fand sie wieder ein wenig innere Ruhe – die Ruhe vor dem Sturm. Sie war den gesamten Tag schon ziemlich wortkarg gewesen, weshalb sie auch jetzt nur wenig sprach, eher noch ein verstehendes Nicken von sich gab, während ihre Gedanken wieder auf Wanderschaft gingen. In welches Haus sie wohl kommen würde?

‘In deiner Familie war es sehr durchwachsen‘, hatte Madam Odile ihr einst gesagt. ‘Jedes Haus wurde durch ein Familienmitglied von Zeit zu Zeit vertreten.‘ Sie hörte die Stimme von Madam Odile in ihrem Kopf, als säße diese neben ihr. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie gebannt sie damals zugehört hatte. Geschichten über ihre Familie – ihrer richtigen Familie – waren zwar keine Seltenheit, aber ein gelegentliches Gesprächsthema waren sie auch nicht. Deshalb hatte sie jedes Wort in sich aufgesogen, als wäre es das letzte gewesen. Einen wirklichen Favoriten unter den Häusern hatte sie nicht. Allerdings – und das konnte man sich bereits sicherlich denken – wollte sie auf keinen Fall in Slytherin landen. Amy hatte dafür gesorgt, dass sie gegen dieses Haus einfach schon vor ihrer Zeit in Hogwarts eine große Abneigung entwickelt hatte. Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw…  Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, welche Eigenschaften sie verkörperte.

Das Abflauen der Nervosität hatte bewirkt, dass sie ziemlich müde wurde. Aus diesem Grund fielen ihr immer für einige Minuten die Augen zu, ehe sie wieder aus ihrem Schlummer hochschreckte und sich umsah. Einmal, so war ihr Gefühl, hatte sie nur für eine Sekunde die Augen geschlossen und im nächsten Moment war das Abteil voll mit Süßigkeiten. Amy und Mirela waren so nett und hatten ihr auch etwas gekauft, während Logan nur mit den Augen rollte und weiterhin genervt wegsah.

Sie kannte bereits einige der Süßigkeiten, die über die Sitze verteilt in ihrem Abteil lagen. Oft schickten die Älteren in Merlin’s House für die Jüngeren Süßigkeiten nach Hause. Und sie hatte sich selbst schon geschworen, diese Tradition fortzuführen. Allerdings hatte dies noch viel Zeit, redete sie sich selbst ein, während sie an ihrem Lakritz-Zauberstab kaute.

Draußen war es bereits dunkel geworden, was ein Indiz dafür war, wie lange sie bereits mit dem Hogwarts-Express unterwegs waren. Mirela hatte ihr erzählt, dass sie bald da sein würde, was man anhand der hereingebrochenen Dunkelheit gut ausmachen konnte. Während sie die letzten Stunden sich einigermaßen beruhigt hatte und sich mit Amy und Mirela wieder angeregt über Hogwarts unterhalten hatte, flaute bei dieser Ankündigung der Ravenclaw-Schülerin nun wieder Aufregung und Nervosität in ihr auf. Jetzt dauerte es nicht mehr lange und sie würde dieselben Wege beschreiten, die so viele große Hexen und Zauberer bereits vor ihr beschritten hatten. Sie würde die Schule besuchen, in der sie von nun an die meiste Zeit ihres Lebens bis zum Erwachsensein verbringen würde. Was sie fühlte, war mit keinem Wort der Welt zu beschreiben.

Unterdessen hatte sie sich auch umgezogen und trug nun die Hogwarts-Schuluniform. Es war zwar ein wenig seltsam, da sie zuvor noch nie eine Uniform tragen musste, doch ein wenig Stolz blitzte ebenfalls in ihrer Miene auf.

Der Zug kam schließlich zum Stehen. Mirela hatte ihr versichert, dass sie sich nicht um ihr Gepäck zu kümmern brauchte und sich mit den Erstklässlern einfach nur draußen vor dem Zug versammeln musste. Etwas zögerlich stieg sie mit den anderen Schülern aus, einige waren vorangegangen und hielten den anderen die Zugtüren auf. Ein leichtes Gefühl der Übelkeit machte sich in ihr breit, das war schon immer so, wenn ihre Aufregung ihren Maximalstand erreicht hatte. Und zur gleichen Zeit erschauderte sie, denn es nieselte leicht und die Nachtluft war äußerst kalt. Zwischen den Schülerscharen blitzte immer wieder ein Licht auf und eine tiefe und laute, aber dennoch freundlich klingende Stimme rief über die Menge hinweg. „He Erstklässler! Kommt hier her.“ Sie folgte ohne zu zögern der Aufforderung. Nachdem der Platz sich geleert hatte – die älteren Schüler waren zielstrebig in eine Richtung entschwunden – blieben nur noch die ihres gleichen zurück. Und die Person, die sie gerufen hatte, entpuppte sich als ein unglaublich großer Mann mit langem dunklen und zotteligem Haar und einem ebenso langem Bart. Für gewöhnlich würde sie sich fürchten, doch dieser große Mann hatte etwas Herzliches und Freundliches an sich. „Gut. Sehr gut. Alle da? Dann mal mir nach“, rief er und ging voran, dabei schlug er einen ganz anderen Weg als die restlichen Schüler Hogwarts ein.

Was hatte Mirela ihr noch gesagt? Die Erstklässler würden über den See zur Schule gebracht werden? Während sie mit den anderen Erstklässlern dem großen Mann folgte, versuchte sie in der Dunkelheit ihre Mitschüler zu mustern. Ein paar waren schön fröhlich dabei, miteinander zu tratschen. Vielleicht kannten sie sich schon vorher oder saßen im Zug zusammen? Ein wenig verloren fühlte sie sich schon. Wie gerne hätte sie noch jemanden in ihrem Alter aus Merlin’s House gehabt…  „Passt auf wo ihr hintretet“, schallte es von weiter vorne und fast auf Kommando rutschte vor ihr jemand aus. Sie hatte sich ein wenig erschreckt, war sogar zurückgewichen, nur um dann diesem jemand die Hand zu reichen. „Alles in Ordnung?“, fragte sie leise. Der etwas pummelige Junge – wie sie nun in dem schwachen Licht der Lampe erkennen konnte – nahm schnell ihre Hand und ließ sich von ihr hochziehen, um diese Peinlichkeit so schnell es ging hinter sich zu bringen. „Eh… Ja, danke“, piepste er ihr entgegen. Sie wusste nicht wieso, aber das Wissen, dass andere vor Aufregung auch ein Wort hervorbringen konnten, beruhigte sie. „Nichts passiert? Na dann, gut, weiter!“

Der Pfad war steil, schmal und durch den Nieselregen rutschig. Einmal war sie selbst ins Rutschen gekommen, konnte sich jedoch grade noch so fangen. Mittlerweile sprach niemand mehr ein Wort. Ein jeder schien darauf bedacht, heil und ohne Bruch diesem Pfad zu folgen.

Die Dunkelheit, die sie umgab, wich zwar nicht, aber in der Ferne konnten sie ein riesiges Schloss ausmachen, aus dessen Fenstern Licht funkelte, welches sich auf dem See zu Fuße des Schlosses spiegelte. Es war ein überwältigender Anblick, der sie mit offenem Mund dastehen ließ. Das war also Hogwarts. Kein Brief ihrer ‘Geschwister‘ aus Merlin’s House, keine Erzählung noch sonst irgendetwas, war annähernd in der Lage, diese Pracht zu beschreiben. Der Unterschied zwischen der Welt der Hexen und Zauberer und die der Muggel wurde ihr in diesem Moment so bewusst wie noch nie.

Am Ufer des Sees waren kleine Boote mit einer Laterne in die sie, jeweils zu viert, einstiegen und nun über den See glitten. Es war wirklich ein gleiten, so geschmeidig sie sich ohne Wind fortbewegten. Zauberei war wirklich unglaublich.

In dem Boot saß sie in der Mitte. Neben ihr saß ebenfalls ein Mädchen, scheinbar genauso schweigsam und schüchtern wie sie. Sie hatte kurzes, aber noch lockigeres Haar als Amy und so wie es sich der Dunkelheit anpasste, schien es tiefschwarz zu sein. Während sie ihre Sitznachbarin musterte, drehte diese sich plötzlich halb zu ihr und lächelte. Sie wollte grade etwas sagen, da kam von vorne ein rasches: „Duckt euch!“ Schnell machte sich die kleine Hexe, die sie sowieso schon war, noch kleiner auf ihrem Platz. Unter einem Felsen hindurch, schienen sie zu so etwas wie einen unterirdischen Hafen zu gelangen, an welchem die Bootsfahrt leider schon ihr Ende fand und sie aussteigen mussten. Leider hatte sie ihre Sitznachbarin in der Schülerschar, die sich jetzt wieder um sie herum gesammelt hatte, aus den Augen verloren.

Geschlossen gingen sie einen Felsgang empor, bei welchem das Gerutsche durch die glatt gelaufenen Treppenstufen wieder seinen vollen Gang nahm. Endlich oben angekommen, standen sie auf einer großen Wiese vor dem Schloss. Nur noch eine Steintreppe nach oben trennte sie von den gewaltigen Mauern Hogwarts.

Zugegeben, sie war etwas außer Atem und ihr Magen hing ihr derweilen auch schon in den Kniekehlen. Wie lange sie seit Ankunft des Zuges schon unterwegs waren, vermochte sie nicht zu sagen, doch gegen etwas warmes zu Essen und einer Decke hätte sie jetzt nichts einzuwenden. „Alle da? Dann macht euch mal bereit“, sagte ihr – wie sie ihn spaßeshalber in ihrem Kopf getauft hatte – Reiseführer. Von ihm vernahm sie so etwas wie ein leichtes, vorfreudiges Prusten, während er über die noch immer ehrfürchtigen Blicke der Kinder schaute, ehe er sich schließlich dem Schlosstor zuwandte und klopfte.

Hinter dem Tor kam eine große Hexe zum Vorschein. Sie machte einen strengen Eindruck, so wie sie die Hände gefaltet, ihre schwarzen Haare streng zu einem Haarknoten gebunden hatte und über die ovalen Gläser ihrer Brille zu den Erstklässlern schaute. Es war unschwer zu erkennen, dass sie eine hohe Autorität war. „Hab‘ sie Ihnen gebracht, Professor McGonagall“, lächelte der große Mann. „Danke, Hagrid.“ Ah, jetzt ging ihr ein Lichtlein auf. Dieser große Mann war also Hagrid. Hin und wieder hatte sie etwas von den Geschichten der Älteren aufgeschnappt, allerdings war nie ein Wort über seine Größe gefallen. Sie glaubte auch schon das ein oder andere Mal den Namen der Hexe vor ihr gehört zu haben, allerdings waren ihre Erinnerungen dafür zu schwammig, sie könnte sich auch täuschen.

Jedenfalls folgten sie der Hexe durch die Eingangshalle. Vor einer großen Flügeltür, die nicht dazu imstande war den Lärm, der durch scheinbar viele Gespräche zustande kam, abzufangen, blieben sie stehen. Professor McGonagall erzählte den Erstklässlern nun, was sie bereits im Schlaf aufsagen konnte: Welches die vier Häuser von Hogwarts waren. „Während eurer Zeit hier, ist das Haus, dem ihr zugeteilt werdet, gleichsam eure Familie in Hogwarts. Ihr verbringt zusammen eure Freizeit, lebt zusammen, habt gemeinsam Unterricht…“

Ein warmes Gefühl machte sich in ihr breit und ihr Herz pochte nun vor Vorfreude. Das Wort ‘Familie‘ hatte für sie seither eine besondere Bedeutung. Unter Familie verstand sie etwas vollkommen anderes, als vermutlich die meisten hier anwesenden. Seit sie klein war, waren die Kinder von Merlin’s House so etwas wie ihre Geschwister und Madam Odile und die anderen Betreuerinnen waren so etwas wie Mütter. Für sie war es etwas ganz gewöhnliches, eine solche Familie zu haben, umso mehr freute sie sich, auch hier etwas Familiäres zu finden.
Und wie McGonagall nun erklärte, begab man sich mit seinem Haus – seiner Familie – zusammen in so etwas wie einen Wettstreit gegen die anderen, um am Ende des Schuljahres einen Pokal, eine große Auszeichnung, zu gewinnen.

„Die Einführungsfeier, bei der ihr in eure Häuser aufgeteilt werdet, beginnt gleich. Wartet hier.“ Mit diesen Worten verschwand sie in die sehr große Halle, vor der sie alle standen. Da sie relativ weit vorne stand, konnte sie einen kurzen Blick nach drinnen erhaschen. Zwischen den Erstklässlern herrschte erneut betretendes Schweigen, während sich alle wohl wieder die Frage stellten, in welches Haus sie kommen würden. In dem Licht konnte sie sich das erste Mal so richtig ihren Jahrgang ansehen. Einigen stand die Nervosität förmlich ins Gesicht geschrieben, andere erschienen gelassener.

‘Es gibt viele große Zaubererfamilien. Du wirst gewiss auf den Spross der einen oder anderen stoßen. Ich kann dich nicht zwingen, dich von gewissen Familien fernzuhalten, doch wähle deine Freunde mit bedacht. Suche dir keine, die dich für das, was du bist, nicht vollends akzeptieren. Der Hass und die Abneigung…. Gegenüber gewisser Gruppen von Zauberern, Hexen und allgemein Menschen… Wird in diesen Familien meistens vererbt und vergiftet die Gedanken und Herzen ihrer Mitmenschen‘, erinnerte sie sich an Madam Odiles Worte.

Sie fragte sich, ob es auch hier ein Mitglied einer Zaubererfamilie gab, das bereits jetzt mit dunklen und bösen Gedanken überflutet war. Ein Gedanke, der sie zum Erschaudern brachte. Jäh wurde sie allerdings aus ihren Gedanken gerissen, als neben ihr wieder das Mädchen mit den sehr lockigen Haaren erschien. „Hey“, gab sie schüchtern lächelnd von sich. „Ich konnte mich dir eben gar nicht vorstellen. Mein Name ist Faye Elliot… Und wer..?“ Faye und sie wurden erneut unterbrochen, als Professor McGonagall wieder aus der Halle trat, die Türen aber nun für die Erstklässler offen hielt. „Die Zeremonie kann beginnen. Stellt euch in einer Reihe auf und folgt mir.“ Für gewöhnlich platzten die Meisten nach solchen Ankündigungen immer nach vorne, versuchten möglichst als Erstes dranzukommen, doch dieses Mal schien es grade so, als wäre der letzte Platz der begnadetste. Und so kam es dazu, dass sie, ausgerechnet sie, wo ihr doch schon wieder die Übelkeit hochkroch, als erstes direkt hinter Professor McGonagall durch die Halle schritt.  

Hinter ihr hörte sie nun doch angeregtes Geflüster, doch selbst wenn sie einen Ton herausbringen könnte, wüsste sie nicht, worüber sie zuerst reden sollte. Die riesige Halle, in welcher die vier Häuser Hogwarts an jeweils vier Tischen Platz genommen hatten und nun jeden Schritt der Neuankömmlinge beobachteten?  Die Decke, die so aussah, als gäbe es keine Decke und man somit in den wunderschönen Nachthimmel blicken konnte? Oder aber über die hinterste Tischreihe, an der – so wie sie vermutete – die Lehrer Platz genommen hatten? Es gab so viel zu sehen, dass sie gar nicht wusste, wo sie zuerst und zuletzt hinschauen sollte. Sie schwebenden Kerzen, die der Halle das nötige Licht spendeten, waren auch nicht zu verachten.

Noch vor dem Lehrertisch, aber schon mit den Tischen der vier Häuser im Rücken, blieben sie schließlich stehen und versammelten sich wieder vorne. Was würde jetzt passieren? Sie verspürte ein so unglaubliches ziehen im Magen, dass sie wahrlich befürchtete, jeden Moment ihren Mageninhalt vor all diesen Leuten auf dem Boden zu entleeren. Sollte dies passieren, dann starb sie lieber, als noch einmal dieses Gemäuer zu betreten.

Während sie sich den Kopf über mögliches Wenn und Aber zerbrach, stellte McGonagall vor den Erstklässlern einen Stuhl ab, auf dem ein brauner, spitzer Hut lag, wie ihn Zauberer und Hexen trugen. Der Hut war alt, zerschlissen und an manchen Stellen geflickt und genäht.

„Wenn ich eure Namen aufrufe“, sprach McGonagall und entrollte ein Blatt Pergament, „nehmt ihr auf dem Stuhl Platz und setzt euch den sprechenden Hut auf, damit euer Haus bestimmt werden kann. Astor, Alarik“,  rief McGonagall auch schon den ersten Namen auf. Zögerlich trat hinter ihr ein Junge hervor, mit blondem Haar. Fast hätte er den Hocker überrannt, wachte dann aber, sobald er gegen diesen lief, aus seinem tranceähnlichen Zustand auf. Er setzte sich hin und brachte mit zitternden Händen den sprechenden Hut auf seinen Kopf. Einen Moment lang geschah nichts und ausnahmslos jeder der Neuankömmlinge hielt den Atem an. „Hufflepuff!“, rief der Hut dann aber, ließ die Schüler vor sich zusammenzucken und erinnerte sie wieder ans Atmen. Der Hufflepuff-Tisch applaudierte am lautesten von allen. Glücklich, es überstanden zu haben, sprang Alarik auf, legte den Hut wieder ab und setzte sich zu seinem Haus.

„Black, Sirius.“ Vom einem der Tische war lautes Getuschel wahrzunehmen. Sie konnte an diesem Tisch Logan Zander ausmachen – das waren also die Slytherins. Ein unbehagliches Gefühl – neben ihrer Übelkeit – machte sich in ihr breit, während sie den Jungen mit den schwarzen Locken an sich vorbeigehen sah. Er sah überhaupt nicht glücklich aus, und sein Blick huschte, nachdem er sich hingesetzt hatte, einmal kurz zu den Slytherins, ehe er sich den sprechenden Hut aufsetzte.

‘Es gibt viele große Zaubererfamilien. Du wirst gewiss auf den Spross der einen oder anderen stoßen‘, echote Madam Odiles Stimme in ihrem Kopf. Ob dieser Junge vor ihr… Einer solchen Familie angehörte? Wirklich glücklich über das Getuschel schien er jedenfalls nicht zu sein. „Schwierig“, gab der sprechende Hut von sich, um sein langes Zögern zu erklären. „Aber, wenn ich es mir so recht überlege… Natürlich, Gryffindor!“ Der Junge sah aus, als hätte er grade tausend Galleonen gewonnen und zur selben Zeit zierte eine Verblüffung und ein Unglauben sein Gesicht, wie sie es selten bei jemandem gesehen hatte. Schließlich - auch da der Junge sich nicht zu rühren schien - schubste McGonagall ihn von dem Stuhl und er lief schließlich zu dem Gryffindor-Tisch, der noch immer stark am Applaudieren war. Von dem Slytherin-Tisch hörte man fast gar nichts. Ob aus Verblüffung oder verletztem Stolz, wer mochte das schon sagen?

Nachdem noch ein paar Erstklässler ihren Häusern zugewiesen wurden, schritt nun das Mädchen, welches sich ihr vorhin als Faye Elliot vorgestellt hatte, an ihr vorbei. Mit einem schüchternen Lächeln blickte sie durch die Halle, während der Hut nach kurzem schon…. „Ravenclaw!“… Verkündete. Sie selbst beobachtete, wie die Gruppe um sie herum langsam kleiner wurde.

„Lupin, Remus“, verkündete Professor McGonagall. Im Vorbeigehen und während er auf dem Stuhl saß, konnte sie viele Narben, auch in seinem Gesicht, an ihm erkennen. Nichtsdestotrotz hatte er ein Lächeln auf den Lippen. „Gryffindor!“ Und der Tisch der Löwen applaudierte erneut am lautesten.

„Monelle, Fenixa!“ Ihr Herz setzte aus und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Waren sie denn wirklich schon bei dem Buchstaben ‘M‘ angekommen? Die Halle schien zu verstummen, ob sie sich das nun einbildete oder ob der Puls in ihren Ohren alles übertönte, wusste sie nicht. War es normal, dass alle sie so anstarrten? Vermutlich, das hatten sie bei den vorherigen Schülern ja auch gemacht.

Die Zeit schien wieder normal zu laufen, schnapphaft holte sie kurz Luft während sie mit zitternden Beinen zu dem Stuhl trat. Das Mädchen mit den kupferblondem Locken, das in ihrem Namen und in sich das Erbe der Phönixe trug – sie selbst – setzte sich nun den sprechenden Hut auf.
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