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Die Welt ist übervoll von ruhelosen Geistern

von Akhem
SongficAllgemein / P12
30.03.2020
30.03.2020
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Für den einzig wahren dunklen Lord, der mich vermutlich zur Hölle und zurück verhexen wird, wenn er das hier je findet :D

“Es gibt Menschen, die scheitern am Tod wie am Leben”, sagt Leo in die Dunkelheit hinein und zieht heftig an seiner Zigarette. Also wird es eines dieser Gespräche. Drei Uhr morgens – auf ne Fluppe auf den Balkon-Gespräche mit Leonid sind immer eine Begegnung der vierten Art. Ich lasse mich neben ihm auf den Boden fallen und versuche, dabei nicht allzu laut zu ächzen. Katzenhirn in einem Menschenkörper, das ich nun einmal bin, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir an den von der Sonne warmgebackenen Fliesen den momentan durchaus nicht pelzigen Hintern zu wärmen, ohne dabei von dem glühendem Ball aus konzentriertem Hass am Himmel geröstet zu werden. Ob das eine gute Idee war, wird sich noch zeigen.
Ich klopfe die Taschen meiner Cargohose ab – die schlechte Angewohnheit, stets einen halben Hausstand in meinen Hosentaschen mitzuschleppen, habe ich von meinem Erzeuger geerbt – bis ich meine Kippenschachtel finde. Der Aschenbecher in meiner Reichweite ist gut gefüllt und riecht süßlich. Kaya scheint schon zu Bett gegangen zu sein. Gut, dass ich niemanden mitgeschleift habe, der jetzt moralische Probleme bekäme. Auch wenn es auf eine minimal dissoziale Art und Weise immer wieder eine Freude ist, Normies meinem Bekanntenkreis zum Fraß vorzuwerfen.
Fuck. Ich habe eines von Kayas Feuerzeugen eingesteckt, nicht mein eigenes, und sie hat eines mit diesem Rädchen, das man anschnipsen muss, statt der Bequemvariante mit Taster, die ich benutze. Hurrahurrasonicht.
Ich kann Leos Blick auf mir spüren, während ich versuche, meinen Daumen koordiniert genug zu bewegen, um dem blöden Teil einen Funken zu entlocken und mich bemühe, beim Fluchen leise genug zu bleiben. Drei Millisekunden, bevor ich ihm verbal ins Gesicht springe und mich danach selber schlage, weil ich eigentlich weiß, dass ich dringend einen erwachseneren Umgang mit meinem zerfickten Gehirn lernen sollte, streckt er den Arm aus und hält mir seine Zigarette hin, betont in die andere Richtung schauend. Ich fühle mich gerade nicht erleuchtet genug, um ihm zu danken. Kommentarlos zünde ich mir meine Kippe an seiner an. Aus der Nähe kann ich erkennen, dass er immer noch Farbe an den Fingernägeln hat.

“Sprach der große Nekromant”, spöttele ich zurück, aber es klingt sanfter als beabsichtigt. Er ist müde, auf die Art müde, die Schlaf nie wirklich heilen kann. Er versteckt es nicht sehr gut, zumindest vor jemandem, der seit Jahren den gleichen Tanz mit Morpheus und Thanatos, mit den dunklen Zwillingen tanzt. Irgendwo drinnen, hinter uns, spielen Smartphoneboxen, die langsam aber sicher am Ende ihrer Akkulaufzeit angekommen sind. Ich meine, aus dem schwachbrüstigen Gedudel eine ASP-Verszeile herauszuhören – the capability of speech may be overrated – oder war es sleep?
“Warum denkst du gerade jetzt darüber nach?” frage ich ihn, nachdem ich den ersten Zug genommen habe.
“Brauche ich einen besonderen Grund?”
“Um über den Tod nachzudenken? Du sicher nicht, ich weiß.” Ich nehme einen weiteren, tiefen Zug und bedaure plötzlich, dass nur Tabak drin ist. Ich hätte rechtzeitig Kaya anschnorren sollen.
“Ich meine... jede Religion versucht eine Erklärung dafür zu finden – zu erfinden? - was danach kommt, nicht wahr? Und doch kann niemand mit letzter Sicherheit sagen, was uns auf der anderen Seite des Schleiers erwartet. In gewisser Weise ist es ein biologisch fest eingebauter Mysterienkult... das eine, große Transformationserlebnis, das die ganze Menschheit eint, egal, wie extrem unterschiedlich sie damit umgehen.”
“Nicht nur die Menschheit.” Er schnippt Asche von seiner Zigarette auf die Balkonfliesen neben sich. Flüchtig erinnere ich mich daran, dass er mir mal erzählt hat, er habe eine Weile lang Priester werden wollen – ich finde, man kann es ihm immer noch ansehen, in der Art, wie er sich hält, wie er die Hände bewegt. Vielleicht interpretiere ich auch einfach zu viel in solche Banalitäten hinein.
Ich greife blind hinter mich und räume den Balkontisch ab auf der Suche nach der Citronellakerze. Die kreisförmigen Senken im Kerzenwachs zeigen mir Länge und Tiefe der Gespräche der letzten Nächte. Es dauert eine Weile, bis ich den letzten Stummel Docht mit meiner Zigarette angezündet kriege, aber ich muss nicht auch noch die gesamte Mückenpopulation der Großstadt mit meinem Blut durchfüttern.
“Ah nun-” Und da ist dieses typische Leolächeln wieder, das es jedes verdammte Mal schafft, mich instant aggressiv zu machen - “meinst du, das Fass sollten wir aufmachen?”
“Damit ich fröhlich vor mich hinmisanthropen kann? Deine Entscheidung.” Nach einem Moment des scheinbaren Überlegens schüttelt er, die Kippe im Mund, den Kopf. Ich meine, ihn schmunzeln zu sehen.
“Eigentlich sollte es einfach sein, oder? Jeder kriegt es hin. Alles. Selbst Regenwürmer und Glühwürmchen. Nur Menschen machen so ein Riesengewese drum.”
“Ljonjale-” und vielleicht nenne ich ihn nur deshalb hin und wieder so, weil es mir so viel Spaß macht mir vorzustellen, wie sich sein innerer Ästhetizist bei dieser Frankensteinschen Wortkreation aus ungelenk über meine Zunge stolpernden russischen Silben und jiddischem Verniedlichungsanhängsel windet – worüber denkst du gerade wirklich nach, will ich ihn fast fragen, aber ich weiß sehr wohl, dass er mir auf so eine Frage nie eine Antwort geben würde, die auch nur entfernt in die Nähe der Wahrheit käme.
“Vielleicht ist es wirklich einfach”, antworte ich ihm stattdessen und frage mich gleich darauf, ob das wohl eine gute Idee war. “Wie einschlafen, nur schneller – so heißt es doch.”
“Dann würden nicht so viele hängenbleiben. Die Welt ist übervoll von ruhelosen Geistern.” Er schnaubt, zieht heftig an seiner Zigarette und redet weiter, gestikuliert dabei derart durch die Gegend, dass mir der Funkenflug Sorgen macht. Der lange Sommer hat Erde und Pflanzen knochentrocken gedörrt. Ich möchte nicht Kaya erklären müssen, warum ich mittelbar daran Schuld bin, dass ihre Wohnung und gleich ihr halbes Viertel abgebrannt ist.
“Es wird so einfach beschrieben... so simpel und... schön. Formvollendet in seiner Einfachheit, könnte man sagen. Wir sind verbunden, mit allem um uns herum, aber die meisten von uns werden sich dessen nie bewusst – ihnen bleibt nur eine vage, traumhafte Ahnung, manchmal, spätabends, die sie am Morgen schnell beiseiteschieben... und irgendwann... reißen diese Fäden. Irgendwann sinken sie einfach ins Licht, völlig frei.”
Ich schaue ihn an, wie er ins Leere starrt, die Kerze und die beiden Zigaretten in unseren Händen die einzige Lichtquelle in der schnell hereinbrechenden Nacht. Ich traue mich nicht, mich zu fragen, welche Empfindungen sich auf seinem Gesicht widerspiegeln und die Schwäche, ihn selbst danach zu fragen, will ich mir nicht geben. Leo weiß, dass ich sehe, aber er weiß auch, dass es Dinge gibt, über die ich nicht reden darf, nicht reden kann. Wann und wie jemand sterben wird, etwa. Nie war ich dankbarer, dass er mich nie nach seinem eigenen Schicksal gefragt hat.
“Fast alle... aber eben nur fast. Meinst du, es wird schwieriger, wenn man so ist wie wir beide? Lässt man die Fäden schwerer los, wenn man sie fühlen kann? Was das eine Qual sein muss.. das andere Ufer vor Augen zu haben, Erlösung, Vergessen... zum Greifen nah und doch auf ewig unerreichbar. Manch Sterben war zu schrecklich, manch Unrecht war zu groß...”, murmelt er und ich sehe davon ab zu fragen, wen oder was er da gerade zitiert.
“Ist das etwas, das du für dich befürchtest? Auch für die, die lange, lange steckenbleiben, gibt es noch Hoffnung. Man kann sie noch erlösen, auch wenn es immer schwieriger wird.”
“Befürchten?” Er lacht sein typisches, zynisches, für mich immer leicht blechern klingendes Lachen, das mich mich stets fragen lässt, wie er wohl vorher gelacht hat... wann und was auch immer vorher für ihn war. "Wenn man es richtig anstellt, bleibt etwas zurück... für die Nachwelt, die Nachfolger." Ich weiß, dass er weiß, dass ich das für eine unkluge Idee halte und wir wissen beide, dass die dreihundertste Wiederholung dieser Diskussion nichts bringen wird.
"Und – hast du schon den perfekten Platz gefunden, um deinen Totentempel zu erbauen?" Er lächelt ein Lächeln, das allzu viel von seinen Zähnen zeigt. "Noch nicht."
In meinen Händen blitzt eine Stichflamme auf, die meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Irgendein Insekt ist zu nah an die Kerzenflamme gekommen und brennend ins Kerzenwachs gestürzt, um dort unter letzten Zuckungen zu verenden. Ich drücke meinen Zigarettenstummel in den übervollen Aschenbecher und blase die Kerze aus. Mein Atem bringt die winzige Leiche im heißen Wachs zum schaukeln. Ich greife ins Geländer, ziehe mich hoch, während meine Muskeln gegen die plötzliche Bewegung nach langer Ruhezeit protestieren; gerade ist es mir beinahe gleich, dass er sieht, wie stark ich mich auf die Brüstung stütze. Ich kann sowieso niemandem mehr etwas vormachen, ihm schon gar nicht. "Gute Nacht, Leo", ein geistesabwesendes Murmeln von ihm, das ein "Gute Nacht" sein könnte oder auch nicht, dann lasse ich ihn in der Dunkelheit allein.
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