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Die Hüterin

von Akhem
SongficÜbernatürlich / P12
30.03.2020
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Ich wache... auf. Es gibt keine Sonne hier, keinen Mond, ja nicht einmal einen Himmel, nichts, an dem man den Ablauf der Tage oder größerer Zeitspannen messen könnte, denn hier gibt es keine Zeit. Aber irgendetwas in mir – in meinem Körper, kann ich ja schlecht sagen – weiß, dass es Zeit ist, aufzustehen. Also erhebe ich mich.
Die Welt, in der ich existiere, ist grau in grau in schwarz, nichts als schwach geformte Schatten. Würde ich meine Aufmerksamkeit darauf richten, könnte ich wohl die Wandnische sehen, mit der gemauerten liege, von der ich soeben aufgestanden bin: aber das strengt sie an, deshalb versuche ich, es zu vermeiden. Ich vermeide auch, zu der Wand zu sehen, an der es einmal ein Fenster gab. Es gab eine Wiese dort draußen, grau in grau in manchmal so hellem grau, dass ich mir einreden konnte, ich könnte weiß darin sehen, himmelblau, erdbraun, grasgrün. Aber sie erinnerte mich daran, dass Kinder gern auf Wiesen spielen und ich verbrachte lange Zeit davor, allzu lange Zeit wohl, denn als ich einmal aufwachte, war das Fenster verschwunden und kehrte seitdem nie wieder.

Sie ist gütig, aber sie schätzt es nicht, wenn man seine Pflichten vernachlässigt und unternimmt die notwendigen Schritte, um dieses Verhalten abzustellen. Vielleicht machte es ihr auch zu viel Mühe, mir fortwährend die Wiese zu zeigen. Früher gab es einen Raum, in dem ich mit anderen reden konnte, die so sind wie ich, nicht nur mit denen, die anzuhören mir mein Schicksal gebietet. Doch auch dieser ist lange fort oder zumindest mir verschlossen. Ein junger Mann dort, der lange nach mir angekommen war, erzählte mir einmal, alles, was sie uns zeigt, koste sie “Rechenleistung”: Ich wusste mit diesem Begriff nichts anzufangen. Er hielt mir einen langen Vortrag über eine geheimnisvolle Kraft namens “Elektrizität”, die die Menschheit lange nach meinem Ableben gebändigt und die ihr zu allerlei Wundern verholfen habe. Was er beschrieb, klang für mich nach einem mit künstlichen Blitzen betriebenem automatischen Abacus, was mir doch arg seltsam vorkam, aber soviel verstand ich: dass sie sich umso mehr mühen muss, je mehr sie uns zeigt, denn wir sind Produkt und Teil ihres Geistes. Ich versuche, nicht undankbar zu sein.

Ich beginne, mich anzukleiden. Es ist ein frevelhafter Luxus, denn mir auch dies vorzuspielen, muss sie Kraft kosten, aber ich nehme ihn mir – ich fühle mich so schrecklich nackt nur in Rauch und Schatten gekleidet und habe immerzu Angst, jemand könne durch sie hindurch meine Blöße sehen. Ich denke, sie erlaubt mir dies, weil sie weiß, dass diese Angst mich sonst bei meiner Aufgabe behindern würde. Ich bin sehr dankbar für diese Gnade. Ich hänge so sehr an den Kleidern, in denen ich verbrannt wurde.

Die Tunika habe ich zum Ruhen anbehalten. Ganz nackt zu sein ertrage ich nicht, auch wenn nie jemand anderes als ich selbst die Schwelle meines Raumes überschritten hat.
Nach einem schnellen Rundblick – manche Gewohnheiten bleiben einem für immer – schlage ich meine Schlaftunika hoch, um die Brustbinde anzulegen. Mit ihr zu schlafen, wäre mir dann doch zu unbequem. Dann die zweite Tunika darüber – nur reiche Leute trugen mehrere Tuniken übereinander, als ich lebte, der Kaiser, so hieß es, im Winter sogar vier, und ich hatte in jenem Winter diesen fürchterlichen, blutigen Husten, der einfach nicht vergehen wollte, auch mit Zwiebelhonig und vielen Besuchen in den heißen Dampfbädern der Thermen nicht. Dennoch erinnere ich mich noch gut daran, wie entsetzt und gerührt zugleich ich war, als Marcus meine Spinnarbeit eines ganzen Jahres zwar zum Weber brachte, sie dort aber nicht verkaufte, sondern gegen eine zweite Tunika für mich eintauschte, hoffend, die zusätzliche Wärme würde den Husten lindern können. Wir hatten einander sehr gern, auch wenn ich es ihm häufiger sagte als er mir, damals redeten die meisten Männer nicht gerne über solche Dinge. Ich hoffe, er ist noch einmal glücklich geworden nach meinem frühen Tod, hat noch einmal geheiratet, vielleicht wieder eine Freigelassene, eine Frau, die ihm Kinder hat schenken können.

Ich versuche, mich nicht wie so oft in meinen Gedanken zu verlieren, zurre die beiden Gürtel über meinen Tuniken fest. Eine Taille, so schmal wie die einer Jungfrau, noch immer. Wie viele Opfer habe ich zum Junotempel gebracht – doch jenen einzigen Funken Leben, den ich von Marcus je empfing, noch vor der Hochzeit, noch in Heimlichkeit und Schande, konnte ich nicht halten. Mein
Körper versagte, betrog mich, und ich verlor das Kleine, sehr früh und sehr blutig. Danach kam die monatliche Flut mit unerbittlicher Regelmäßigkeit, so als hätte sich jener verstörte kleine Geist in meinem Schoß eingerichtet und wollte seinen behaglich warmen Platz nicht mit einem Geschwisterchen teilen, das im Gegensatz zu ihm hätte leben dürfen.
Die Palla nun. Ich versuche meine Gedanken zusammenzuhalten, arrangiere die Stoffbahn um mich, bis sich die voluminösen Falten wie eine federweiche, warme Umarmung um mich legen. Ich habe im Leben nie eine getragen – einer Freigelassenen ist das nicht erlaubt, bei der Arbeit im Laden wäre sie mir auch ständig im Weg gewesen. Eigentlich ist so ein Kleidungsstück etwas für reiche, freie Frauen. Marcus muss sie eigens für die Beerdigung gekauft und dafür einen Großteil unserer Ersparnisse aufgewendet haben. Eine Palla zu kaufen, um sie dann gleich mit einer Leiche zu verbrennen! Aber, ach, so war mein Mann. Sie war nicht neu gekauft, sie ist ein wenig schmaler, als es üblich ist, so als hätte die Vorbesitzerin einmal die zerschlissenen Kanten geradegeschnitten, an ein paar Stellen ist sie geflickt, aber mit Geschick, ich kann die Falten so legen, dass es kaum auffällt. Zuletzt schlage ich die Stoffkante soweit hoch, dass sie meinen Hinterkopf bedeckt – für eine verheiratete Frau gehört sich das so.
Ein letzter Atemzug, um mich zu sammeln, dann trete ich über die Schwelle, bereit, meine Arbeit zu beginnen.
Schier endlose Reihen von Regalen bieten sich meinem Blick dar, mit schmalen Gängen dazwischen. Dicht an dicht aufgereiht stehen in ihnen die Lebenslichter, hier für einen Moment nicht länger unterjocht vom Schleifen der Zeit. Was sie bewog, zu leiden, sich zu quälen, gefangen zwischen Sein und Werden, statt weiterzuziehen oder zu endgültig zu verlöschen, weiß ich nicht – noch nicht. Doch einige von ihnen anzuhören, mag sich lohnen, und so wähle ich blindlings aus Abermillionen, wispere: “Nun erwach'!”

“HANNAH!” Ihr Schrei ist der erste Teil von ihr, der sich formt. Ich trete einen Schritt zurück, viele, die ich wecke, erwachen schreiend, doch dieser Schrei rührt an jenem letzten Kern in mir, der noch weiß, was Leben ist. Eine junge Frau, weiß, in einem Nachthemd. Ich habe diese Art Nachthemd bereits häufig genug gesehen, um zu wissen, dass man sie nur im Krankenhaus trägt. Erst als ich ihren Bauch unter dem Hemd sehe, weit vorgewölbt, jedoch leer, zusammengesackt, ihre verzweifelt ins Leere hinein ausgestreckten Arme, verstehe ich, was uns verbindet. Verstehe, warum sie hierbleiben wollte, egal, welche Qual das für sie bedeutet.
“Schwester”, flüstere ich. Sie hebt den Kopf, sieht mich an mit einem fiebrigen, herumirrenden Blick, in ihren Augen sind Äderchen geplatzt. “Bring mich zurück! Lass mich zurück, ich will sie sehen, nur einmal, ein einziges Mal-” wie ein wildes Tier geht sie auf mich los, von Sinnen schreiend, mit Fäusten schlagend, mit Nägeln kratzend, und fällt doch durch die Wolke aus Schatten hindurch, die ich nun bin. Es kümmert sie nicht, oder sie bemerkt es nicht einmal, wahnsinnig vor Schmerz, schlägt um sich, schreit, fleht, und ich kniee vor ihr nieder, schlinge die Arme um sie, kümmere mich nicht um ihre Schläge, die wirkungslos durch meinen Körper gehen. Zwei leere Bäuche aneinander, zwei Seelen, denen für immer ein Stück fehlt. “
carissima”, flüstere ich, falle zurück in die mir vertraute Sprache, streiche über ihren Rücken, murmele Worte, die bedeutungslos sind, nur der Tonfall zählt, der Umstand, dass ich zu ihr spreche. Langsam wird sie ruhiger. “Liebe Schwester, bitte – erzähl mir von ihr.”
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