Kampfhund-Kuss Oneshot

OneshotDrama / P12
29.03.2020
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„Hast du mir überhaupt zugehört?“
Nein. Till hatte Pit nicht zugehört. Zumindest seit ein paar Minuten nicht mehr. Wenn Pit erstmal anfing über seinen Weltraum zureden, hörte der gar nicht mehr auf. Und jetzt war auch kein Timo oder Nick mehr mit ihnen im Zimmer, die ihn in seinem Redefluss ab und an mal unterbrachen. Es war nur noch Till da. Und Till hatte ganz andere Gedanken gehabt, die sehr wenig mit dem Weltall zutun hatten. Abgesehen von der (Erd-)Anziehungskraft vielleicht.
„Warum grinst du denn so?“ Ja. Warum grinste er? Weil dieser beschissene Tag doch noch ziemlich gut geendet hatte. Mit einem Kampfhund-Kuss. Wer hätte das gedacht?
„Nichts. Musste an was Witziges denken. Du weißt, dass ich in Physik ne Niete bin und nur die Hälfte von dem verstehe, was du da erzählst?“
„Du kannst ja nachfragen, wenn du was nicht verstehst.“ Pit war jetzt beleidigt.
„Ja. Sorry. Der Tag war heute nur ziemlich lang und meine Konzentration ist jetzt nicht mehr die beste.“, rechtfertigte Till sich vor Pit.
„Stimmt ja. Rike hat mir erzählt was passiert ist. Tut mir leid, wenn ich in letzter Zeit nicht richtig für dich da war. Wir sind jetzt seit über einem Jahr auf einem Zimmer. Ich hätte merken müssen, dass was bei dir nicht in Ordnung ist.“ Wieder dieses Mitleid, das er seit Marthas Aktion vor Hauser heute von allen Seiten bekam.  Klar. Wenn die Labertasche was mitbekam, wusste es sofort die ganze Schule. Till hasste Mitleid. Mitleid bekamen nur Loser. Und Till war kein Loser.
„Bei mir ist alles in Ordnung. Martha hat da was falsch verstanden.“, ihr Name floss ganz leicht über seine Lippen. Er war immer noch sauer auf sie, wegen dem Drama vor Hauser. Und trotzdem konnte er nichts als grinsen, sobald er an sie dachte. „Okay. Aber wenn was ist, kannst du mit drüber reden, ja?“, wiederholte Pit. Till nickte, immer noch ein Lächeln auf den Lippen. „Du auch Kleiner.“

Martha wollte nicht aus seinen Gedanken hinaus. Dieser Kuss ging Till einfach nicht mehr aus dem Kopf. Es war sein erster Kuss gewesen. Er hatte den Hype vorher nie verstanden. War ja irgendwie eklig, wie zwei Menschen stundenlang Körperflüssigkeiten austauschten. Doch jetzt verstand er, warum manche Menschen ihre Lippen nicht mehr voneinander lösen konnten. Martha zu küssen war das Highlight seines Lebens gewesen. Definitiv. Obwohl er kurz vorher noch so wütend auf sie gewesen war. Nach ihrem ewigen Generve hatte er ihr ein bisschen was erzählt. Und sie hatte sein Vertrauen missbraucht und war direkt zu Hauser gegangen. Er war so wütend geworden, dass die Wahrheit im Streit einfach so aus ihm herausgekommen war. Er hatte Martha tatsächlich von seiner Familie erzählt. Das selbst die ihn nicht haben wollten. Er hätte fast geheult, wenn er nicht so wütend gewesen wäre. Er hatte Schwäche gezeigt. Ausgerechnet vor dem Kampfhund! Und er würde es sich selbst nicht glauben, wenn er es nicht erlebt hätte, aber sein Geständnis hatte zu dem geführt, wonach er sich seit über einem Jahr gesehnt hatte. Er hatte Martha geküsst. Ganz schön lange. Es war unglaublich intensiv gewesen. Wie zwei riesige Feuer die sich zusammen zu einem noch größeren vereint hatten. Sie hatte ihn zurück geküsst. Er hatte ihre Hand in seinem Nacken gespürt. Noch nie war er jemandem so nah gewesen, wie Martha vor ein paar Stunden. Dann hatte sie ihn weggestoßen und so getan, als wäre das alles von ihm ausgegangen. Wem wollte sie da was vorspielen? Sie war doch diejenige gewesen, die ihn nicht hatte in Ruhe lassen können. Seit er wieder da war, war sie ihm wie ein Schatten gefolgt. Sie hatte unbedingt wissen wollen, warum er wieder da war und warum er wegen der Sache mit dem Sportcamp gelogen hatte. Sie hatte sogar einen Kreislaufkollaps vorgetäuscht nur, damit er mit ihr reden würde. Es war offensichtlich. Martha empfand auch etwas für ihn. Sie war jetzt nur überfordert, weil sie offiziell immer noch mit diesem Deppen zusammen war. Doch Till hatte Martha genau beobachtet. Als sie mit Hasimir telefoniert hatte, hatte sie öfter Till angeschaut, als ihren „Freund“. Diese „Beziehung“ war sowas von am Ende. Er hatte eh nie verstanden, was Martha so toll an diesem arroganten Angeber gefunden hatte. Der hatte doch wirklich nichts zu bieten. Ein richtiger Langweiler. Martha war ein Kampfhund. Voller Energie und Kraft. Und Kasimir war ein Schoßhündchen der genau das tat, was von ihm verlangt wurde. Der immer alles richtig machte. Die Vernunft in Person. Bloß keinen Ärger machen. Das zwischen den beiden hätte eh nicht viel länger gehalten. Und jetzt hatte Martha Till geküsst. Und das bedeutete das Unmögliche: Er hatte eine Chance bei ihr. Er hatte von Anfang an gespürt, dass da was war. Diese Energie zwischen ihnen beiden. Nur dieser Kampfhund schaffte es, Till so richtig auf Fahrt zu bringen. Und er sie offensichtlich auch. Das hatte er gespürt. Bei dem Kuss vorhin. Ja, wer hätte das gedacht, vor einem Jahr, als sie sich täglich an die Gurgel gegangen waren? Wer hätte das gedacht, als er wieder zurück gekommen war? Wer hätte das gedacht, vor ein paar Stunden, als er sie als „ätzenstes Mädchen der Schule“ bezeichnet hatte?
Das war sie halt auch. Ätzend und nervig. Sie brachte ihn zur Weißglut. Und er konnte nicht genug davon bekommen.
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