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Sides of Add:ction

GeschichteDrama / P12 / MaleSlash
Shannon Leto Tomislav "Tomo" Milicevic
29.03.2020
29.03.2020
2
9.530
1
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2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
29.03.2020 4.577
 
Title: Sides of Add:ction
Author: GreenWhiteBobo
Beta: Krokomaus
Rating: P12-Slash
Pairing: Tomo / Shannon
Summary: Manche Herausforderungen im Leben lassen sich nicht einfach weg wischen und man kann danach auch nicht einfach so weiter machen, wie zuvor. Das müssen auch Tomo und Shannon erfahren, deren langjährige Beziehung von ständigen Aufs und Abs geprägt war und nun auf eine harte Probe gestellt wird. Ein Punkt, an dem beide tief in sich gehen und ernsthaft nachdenken müssen.
Warning(s): Drama, Drogenmissbrauch
Disclaimer: Shannon und Tomo gehören sich selbst (und Vicki). Ich habe mich bemüht, viel zu rekonstruieren und recherchieren, kann aber Fehler nicht ausschließen - das fällt also unter künstlerische Freiheit. Wie immer alles erstunken und erlogen. These are the lies I have created. Ich verdiene hiermit kein Geld, reich werde ich nur an Erfahrung. Enjoy. :)

Für Kroko xoxo


Lately you've been searching
For a darker place to hide
That's alright
But if you carry on abusing
You'll be robbed from us
I refuse to lose another friend to drugs
(Leave a light on – Tom Walker)



Die Wellen kommen und gehen in einem ungleichmäßigen Rhythmus. Kühl schlagen sie mir um die Füße und die Knöchel, benetzen den Saum meiner abgewetzten, schwarzen Jeans. Ich lasse mich seufzend an den Strand plumpsen und grabe eine Hand tief in den feuchten Sand. Langsam lasse ich ihn durch meine Finger rieseln. Genau dieses Gefühl habe ich schon seit Monaten – als würde mir alles durch die Finger rinnen, mir entgleiten. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass mir eigentlich nur eine einzige Sache entgleitet. Viel weniger eine Sache, als eine Person. Nur leider ist das die Person, um die sich fast mein ganzes Leben drehte.


Ich war gerade mal Anfang 20, als ich zur Band dazustieß. Ich hatte meinen Traum, Musiker zu werden, schon abgeschrieben und war drauf und dran, das ganze Zeug zu verkaufen, als der Anruf kam, dass ich zum Vorspielen kommen sollte. Ich weiß bis heute nicht, wie ich es geschafft habe. Von Jared war ich ziemlich eingeschüchtert und Shannon brachte mich vom ersten Moment an aus der Fassung.
Es dauerte nicht lange bis wir feststellten, wie sehr wir auf einer Wellenlänge lagen und auch nicht besonders lange, bis uns dieses Wissen zusammen in die Kiste brachte. Vor Jared konnten wir das ebenso nicht besonders lange verheimlichen. Er hieß es zwar nicht besonders gut, sagte jedoch auch nichts dagegen. Wahrscheinlich wusste er, dass er uns eh nicht davon abhalten konnte.
Wir versteckten uns nicht, hängten es aber auch nicht an die große Glocke, sodass es irgendwie immer ein offenes Geheimnis blieb.

Shannon hatte mir schon von Beginn an von seinen früheren Drogenproblemen erzählt. Und davon, dass die Musik ihm dabei geholfen hatte, von dem Zeug fern zu bleiben. Und ich war vielleicht gutgläubig, aber nicht so dumm, als dass ich mich allein auf sein Wort verlassen hätte. Aber Jared sagte das Gleiche und ihm glaubte ich. Und ich war dankbar dafür, dass es zwischen uns keine Geheimnisse gab.
Okay. Ich war gutgläubig. Davon abgesehen, dass ich nicht weiß, wie sehr sich Jared tatsächlich über Shannons Probleme im Klaren war und wie viel Shannon vor uns verbergen konnte.

Es ging auf und ab. Immer. Wie in Wellen wechselten sich die Intervalle zwischen Highs und Lows ab. Nie gab es auch nur eine Zeit, in der es mal länger einfach nur lief. In einem Moment war noch alles okay, im nächsten warf Shannon das alles über den Haufen und flüchtete sich wieder in die Drogen.
Beim ersten Mal wusste ich nicht, wie ich darauf reagieren sollte und wollte von Jared wissen, wie er es schaffte. "Man lernt, damit umzugehen. Irgendwann."
Ich wollte nicht bloß "damit umgehen", ich wollte Shannon irgendwie helfen, aber er wies mich zurück und sagte, dass er da allein durch müsse und dass er mich nicht noch mehr damit reinziehen wollte als eh schon. "Das geht dich einen Scheißdreck an. Die ganze Scheiße begleitet mich schon sehr viel länger als du es tust, und bis jetzt hab ich es jawohl auch geschafft, oder nicht?"

"Das geht mich sehr wohl was an. Du bist mein Partner, mein bester Kumpel! Du bist mir wichtig!"

"Wenn es das ist, dann entbinde ich dich von dieser Pflicht. Du kannst gehen – jederzeit."

Das war das erste von vielen Malen, die Shannon mehr oder weniger mit mir Schluss machte. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen.

Immerhin habe ich mich nicht so schnell von ihm abwimmeln lassen, wie es ihm wahrscheinlich lieb gewesen wäre. Habe mit Jared zusammen seine Geheimverstecke geplündert  - das Meiste war Koks und Pillen, ein bisschen Gras – und ihn zur Entgiftung ins Krankenhaus eingewiesen. Shannon ging in einen ambulanten Entzug und wir begannen mit der Arbeit an "A beautiful lie". Shannon brach den ambulanten Entzug ab und wir pausierten die Arbeit am Album wieder, damit Jared sich 24/7 zu Hause um Shannon kümmern konnte.
Eines Nachts hämmerte Shannon lallend gegen meine Tür. Ich war ehrlich versucht, ihn nicht herein zu lassen, aber das schlechte Gewissen überwog schließlich doch. Er hatte sich in irgendeiner Bar voll laufen und mit dem Taxi zu mir bringen lassen, weil er verständlicherweise Angst hatte, so vor Jared zu treten.
Es tat ihm Leid. Wirklich. Bis heute glaube ich ihm jedes verfickte Mal, dass er es ernst meinte. Nicht, dass es irgendwas geändert hätte. Er war immerhin so stark geblieben, nichts Anderes zu nehmen, aber den Alkohol konnte er nicht auch noch aufgeben. Ich konnte nicht mal was dagegen sagen, ich trank ja selber. Nicht exzessiv, zumindest nicht dauernd, aber es kam durchaus vor, dass ich über die Stränge schlug. Meistens, nein, eigentlich immer, war Shannon dabei.

Shannon entschuldigte sich und sagte, dass er natürlich wollte, dass ich mich kümmerte, weil er mir wichtig war. Und dass er alles dafür tun würde, dass alles wieder so würde wie vorher. Ich glaubte ihm. Betrunkene und Kinder sagen immer die Wahrheit, oder?

Wir gingen über zu unserem Business as usual, setzten die Arbeit am Album fort und sprachen nie wirklich über all das, was sich zwischen uns entwickelte. Jared beäugte uns nicht mehr ganz so kritisch wie noch am Anfang. Erst viel später sagte er mir, dass Shannon in den Zeiten, in denen ich als Special Someone an seiner Seite war, deutlich stabiler war und Jared sich deutlich weniger Sorgen machen musste.
Rückblickend betrachtet hatte er damit sogar Recht. Zumindest anfangs war Shannon sogar so stabil, dass er gar keinen Stoff brauchte. Meine Liebe reichte ihm.

Wir stellten das Album fertig und taten das, was wir am liebsten machten und am besten konnten: wir gingen auf Tour. Zunächst monatelang als Support für andere Bands, zwischendurch immer wieder kleine Promogigs bei Radiosendern, in Musikläden, in kleinen Clubs. Zuerst noch mit Matt und plötzlich ohne ihn.

Er hatte die Eskapaden beider Leto-Brüder schon länger mitgemacht als ich und war nicht länger bereit, sie hinzunehmen. Damals war ich unglaublich sauer auf ihn, weil er die Band in dieser Situation einfach im Stich ließ. Und auf Jared, der Matt einfach so gehen ließ. Heute denke ich, dass Matts Maß einfach voll war. Und dass Jared ihn von etwas Gebrauch machen ließ, das er selber vermutlich nie haben würde: die Wahl, Shannon sich selbst und seinem Schicksal zu überlassen.


Als Band schweißte uns Matts Weggang mit Sicherheit noch mehr zusammen. Ich sah in uns so etwas wie die Drei Musketiere, die von LA aus langsam aber sicher die Welt eroberten. "A beautiful lie" hatte uns einige Awards eingebracht und mittlerweile waren wir längst kein Geheimtipp mehr. Wir tourten immer noch mit dem Album um den halben Globus, aber mit jedem Stopp bekam ich mehr das Gefühl, dass Shannon und ich uns weiter voneinander entfernten.


Wir schlugen uns immer seltener Zeit zu zweit heraus und selbst wenn wir allein im Hotelzimmer waren, wurden die Zärtlichkeiten immer weniger. Irgendwann hatte ich beinahe vergessen, wie Shannon schmeckte, wie er sich anfühlte, welche Geräusche er beim Sex machte.
Ich wusste, dass es ihm körperlich gut ging, dass er stabil war, und suchte die Schuld für das alles daher bei mir. Gefunden habe ich sie natürlich nicht, aber zum Ende der Tour hatten wir so oft deswegen gestritten, dass wir unsere Beziehung wieder auf Pause gesetzt hatten.

Was das bedeutete und mit sich brachte, erfuhr ich schließlich, als wir einen Schlussstrich unter die Tour zogen. Shannon und ich hatten wieder einen unserer typischen Streits. Was zur Folge hatte, dass ich alleine zu Verwandten nach Michigan flog, um aufzutanken und Shannon mich nicht wie vereinbart begleitete.
Ich kehrte zwei Wochen eher als geplant zurück, als Shannon plötzlich nicht mehr auf meine Nachrichten und Anrufe reagierte. Komplette Funkstille war selbst für uns neu. Jared wich meinen Fragen aus und blieb eine Erklärung schuldig, sagte mir nur, dass ich ruhig weiter in Michigan bleiben konnte. Als ich unangekündigt vor der Haustür der Letos stand, war nur Jared da. Und er schien nicht besonders glücklich zu sein, mich zu sehen, dennoch bat er mich ins Haus.

"Ich habe gerade echt keine Zeit, ich muss einiges regeln für Shannon."

Ich schluckte. "Wo ist er?"

"Wieder in der Klinik."

"Du Arschloch! Und du bist nicht auf die Idee gekommen, mir davon zu erzählen, als ich mich nach ihm erkundigt habe? Fuck!"

Jared schüttelte den Kopf. "Doch, klar. Aber ich wollte nicht, dass du dir unnötig Sorgen machst."

"Unnötig?! Du wolltest nicht, dass ich mir unnötig Sorgen mache? Ich fasse es nicht…"

"Woher soll ich wissen, was bei Euch gerade Sache ist? Seid ihr…du weißt schon", er machte eine eindeutige Geste, "oder seid ihr es nicht? Und falls nein, wie eng seid ihr dann noch miteinander?" Er seufzte. "Ganz ehrlich, Tomo: ich komm' da nicht mehr mit. Ihr seid schlimmer als 'ne dämliche Teenie-Highschool-Komödie. Und ich muss es wissen – ich war in einer drin."

Ich konnte es ihm nicht verübeln. Mir ging es zwischenzeitlich ja nicht anders. "Wir sind gerade nicht 'du weißt schon'. Aber bis vor kurzem haben wir trotzdem noch miteinander geschrieben. Dann ist Shannon von meiner Bildfläche verschwunden und deswegen habe ich dich nach ihm gefragt, aber du hast ja mit nichts rausgerückt. Also noch mal: wie geht es Shannon?"

"Es ist unter Kontrolle. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Er hat mit den falschen Leuten gefeiert."

Ich vergrub das Gesicht in meinen Händen und schüttelte den Kopf. Dafür hatte er mich bei meinen Verwandten versetzt.

"Ich versuche jetzt, ihn so schnell wie möglich aus diesem Umfeld zu reißen und von diesen Leuten zu trennen."

Wer diese Leute waren weiß ich bis heute nicht. Jared bestand darauf, selber Feuerwehrmann spielen und Schadensbegrenzung betreiben zu müssen. Ehrlich gesagt riss ich mich auch nicht darum und Jared hatte darin auch eindeutig schon länger Erfahrung.

Jared und ich hatten Überlegungen angestellt, die Arbeit an einem neuen Album aufzunehmen und stellten Shannon mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen, als er schließlich aus der Klinik kam. Er war gar nicht mal so unglücklich darüber und meinte, dass es ihm zumindest einen kreativen Grund gäbe, um sich am Riemen zu reißen.
Wie immer entschuldigte er sich bei mir und wie immer knickte ich ein. Wie konnte ich auch nicht? Dieser Mann hatte einfach etwas an sich, das mich von Anfang an faszinierte und verdammt, er wusste genau, wie er mich um den kleinen Finger wickeln konnte.

Doch dann kam der Lawsuit.

30 Millionen fucking Dollar. Die Summe schwebte wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen, noch bevor wir überhaupt mit den Aufnahmen begonnen hatten. Für Jared stand ziemlich schnell fest, dass er das Album in Eigenregie aufnehmen wollte, notfalls zu Hause, wenn es sein musste.
Ich zog quasi bei den Letos ein und wenn ich nicht dort war, stand ich auf Abruf bereit für den Fall, dass Jared einen kreativen Outbreak hatte und sofort etwas aufnehmen wollte.

Es ist das Eine, an einem Album zu arbeiten, wenn ein Label involviert ist. Man hat nur so viel kreativen Spielraum, den Rest entscheidet das Label: welche Songs letztendlich auf dem Album landen, welche Songs als Single erscheinen, das Label gibt den Zeitplan vor. Für gewöhnlich kann man nicht rund um die Uhr aufnehmen, nur weil Jared "noch mal eben was Anderes ausprobieren" wollte.
Bei "This is War" war das anders. Wir hatten die Zügel selbst in der Hand (oder Jared, vielmehr) und konnten von Anfang an so schreiben, spielen und aufnehmen, wie wir wollten. Einerseits brachte das natürlich unglaublich viel Freiraum. Andererseits ist zu viel Narrenfreiheit für einen Künstler manchmal auch nicht besonders gut. Vor allem, wenn es sich bei dem Künstler um jemanden handelt, der unglaublich perfektionistisch ist und sich oft in Kleinigkeiten verzettelt und dabei den Blick für das große Ganze verliert.


Dieses Album und der Lawsuit brachten alle Beteiligten nicht nur an ihre Grenzen, sondern mehrfach auch darüber hinaus. Nie zuvor hatte es so viele Spannungen, so viele Auseinandersetzungen und offene Streits zwischen uns gegeben. Wir alle gingen unterschiedlich mit der Situation um – also, alle bis auf Shannon, der es vorzog, sich so gut wie gar nicht damit auseinander zu setzen. Anfangs funktionierte das noch einigermaßen, aber als abzusehen war, dass sich die ganze Sache deutlich länger hinziehen würde, fiel es natürlich auch ihm schwerer, sich davon abzuschotten und er brauchte andere Mittel und Wege, um sich seine eigene Realität zu erschaffen.

Dieses Mal stellte er sich dabei deutlich geschickter an. Bis heute weiß ich nicht, wie er es geschafft hat, es so lange vor uns zu verheimlichen, obwohl wir alle fast ununterbrochen aufeinander hockten.

Als wir es gemerkt haben, war es natürlich schon viel zu spät und Shannon hing schon viel zu tief drinnen. Er mag vielleicht nicht der talentierteste Schauspieler sein, aber er hat uns irgendwie glaubhaft machen können, dass er so etwas wie "functioning addict" war. Er brauchte seine rosa Pillen, um es morgens irgendwie aus dem Bett zu schaffen, seine weißen, um tagsüber die Drumsticks ruhig halten zu können und das Koks, um die Nachtschichten im Studio durchzuhalten. Tatsächlich hat er in Eigenregie einen Cold Turkey versucht, nachdem wir ihm auf die Schliche gekommen waren und er sich in die Ecke gedrängt sah.

Jared hat Alle von der Arbeit am Album freigestellt und nach Hause geschickt, nur ich blieb mit den beiden im Haus.
Ich wünschte, ich wäre ebenfalls gegangen.
Es war zum Glück kein Trainspotting, auch wenn ich beinahe sowas erwartet hatte.

Körperlich schwankte Shannon zwischen tagelanger Müdigkeit und wahnsinniger Unruhe. Als er Letztere nicht mehr aushielt, setzte er sich viel zu früh wieder ans Schlagzeug, nur um festzustellen, dass er weder einen Takt, noch seine Sticks halten konnte.

Natürlich machte er Jared und mich dafür verantwortlich. Er trat erst ein Loch in seine Bassdrum, schlug dann mit der Faust eines in die von Jared in mühseliger Kleinstarbeit verzierte Wand im Wohnzimmer, und brach schließlich schluchzend in Fötusstellung zusammen; flehte uns an, ihn nicht allein zu lassen und ihn nicht schon wieder in die Klinik zu schicken.
Und wir taten worum er uns bat.
Das Ganze ging so weiter, mit allen Ups und Downs, Schreien und Trennen, Heulen und Versöhnen, bis Shannon sich zumindest körperlich soweit gebessert hatte, dass er der Meinung war, die Arbeit am Album fortsetzen zu können. Das Problem war nur, dass sich Jared und Shannon in der Zwischenzeit mit dem Label auf einen neuen Deal geeinigt hatten. Und nun machte das Label Druck und wollte das Album so schnell wie möglich in die Finger bekommen. Also bissen wir die Zähne zusammen und machten weiter.

Das Meiste von dem, was in der Folge passierte, ist allgemeint bekannt: die längste Tour der Bandgeschichte, verdammt, der Musikgeschichte, Mars 300, der Eintrag ins Guinness Buch. Das sind die Dinge, an die Menschen sich noch immer zurück erinnern. Was die Tour (oder vielmehr die Tortur) hinter den Kulissen mit sich brachte, ist wahrscheinlich nur den Beteiligten im Gedächtnis geblieben: Shannon, der von seinen Ärzten striktes Auftrittverbot bekam und nur per Skype bei den Shows dabei war, Jared, der beinahe seine Stimme verlor und nie wieder vollständig zurück bekam, immer wieder Streits, tagelanges Schweigen außerhalb der Bühne. Und eine Trennung, die sich diesmal wie für immer anfühlte.

Shannon hatte schon während der Arbeit an "This is War" an anderen Projekten mitgewirkt. Street Drum Corps und CB7 hatten uns während verschiedener Legs der Tour als Support begleitet und Antoine machte mit Shannon nach den Konzerten regelmäßig die Clubs bei After-Show-Parties unsicher. Anfangs war ich noch ab und zu dabei, doch nach der Trennung hielt ich es für besser, mich so weit wie möglich von Shannon zurückzuziehen. Dass Antoine quasi sofort meinen Platz in Shannons Bett einnahm, überraschte mich zwar nicht wirklich, dennoch tat es deswegen nicht weniger weh.
Jared tat sein Bestes, um mich zwischen den Shows zu bespaßen, während Shannon und Antoine weiter durch die Clubs tingelten. Den Anruf, den wir von Antoine in Chicago bekamen, werde ich nie vergessen. Shannon hatte während der After-Show-Party einen bunten Cocktail aus Pillen, Koks, noch mehr Pillen und literweise Red Bull zu sich genommen und war direkt im Anschluss in der Notaufnahme gelandet.

Als Jared und ich im Krankenhaus ankamen, war Shannon schon zur Beobachtung auf Station verlegt worden. Antoine war noch immer bei ihm, allerdings nicht besonders lange – Jared feuerte ihn und CB7 mit sofortiger Wirkung von der Tour. Ich ließ die beiden Brüder zunächst allein und setzte mich in den Wartebereich. Es dauert nicht lange, bis Jared dort auftauchte. "Er will dich sehen."

Ich stand auf und kippte den Rest des dünnen Automaten-Kaffees herunter. "Dann lass uns gehen."

Jared schüttelte den Kopf. "Er will dich alleine sehen."

"Keine Chance."

Jared nahm meinen Platz im Wartebereich ein und schlug die Beine übereinander, machte keinerlei Anstalten, mit mir zu kommen.

"Ich kann ihn so nicht sehen. Nicht alleine."

Jared sprang auf und stand direkt vor mir, funkelte mich böse an. "Tomo, ich schwör's dir, ich prügel dich zu Shannon, wenn es sein muss. Nun geh schon!"

Erschrocken wich ich zurück. Ich hatte keine Zweifel an Jareds Worten. Ich drehte mich sofort um und machte mich auf den Weg in Shannons Zimmer.

"Hey Shanimal" Ich ließ mich schwerfällig auf den Stuhl neben seinem Bett plumpsen. Shannon hing am Tropf und unter der dünnen Krankenhausdecke zeichneten sich deutlich die ausgemergelten Konturen seines Körpers ab. Wir wussten schon lange, dass er seit den Aufnahmen am Album nie aufgehört hatte, seine Pillen zu nehmen und hatten es mehr oder weniger toleriert, weil er sie auf Rezept bekam, es – wie wir dachten – unter Kontrolle schien und immer noch besser war als das Scheiß Kokain.

Shannon starrte wortlos an die Decke. Soviel dazu, dass er mich unbedingt sehen wollte.

"Will ich wissen, was du diesmal genommen hast oder wie viel?"

"Ugh. Hör bloß auf. Die Predigt hat Jared mir gerade schon gehalten."

"Oh, es kann sprechen!"

Shannon drehte seinen Kopf und schaute mich an. Selbst im Halbdunkel des Krankenzimmers konnte ich erkennen, dass in seinen braunen Augen Tränen schimmerten. Fuck. Nicht doch. Ich hatte mir fest vorgenommen, diesmal wirklich hart zu bleiben, aber ich sah meine Selbstbeherrschung jetzt schon zum Fenster hinausfliegen. "Ich habs verkackt." Ich entgegnete nichts. "Die Tour ist vorbei, oder?"

Ich zuckte mit den Achseln. "Zumindest für Antoine und seine Entourage. Den Rest kann ich nicht entscheiden."
Tatsache war, dass wir zwei Tage Pause hatten. Bis dahin würde Shannon aus dem Krankenhaus entlassen worden sein und danach wollte Jared seine "Prioritäten neu sortieren", wie er es genannt hatte.
"Hattest du das Zeug von ihm?"

Shannon blieb die Antwort schuldig. "Ich will echt nicht mit dir über Antoine reden."

"Und worüber dann?"

"Weiß nicht. Über gar nichts." Shannon war wieder dazu übergegangen, die Decke anzustarren.

Ich seufzte. "Dann geh ich besser. Das hier führt zu nichts. Du musst dich ausruhen." Die Ärtze hatten Shannon mit Medikamenten von seinem Höhenflug runter geholt und sein Herzrasen unter Kontrolle gebracht, aber sein Rausch war noch nicht vorbei. Shan war lediglich stationär aufgenommen worden, um ihn kontrolliert abklingen zu lassen. Ich stand auf, im Begriff zu gehen, doch Shannon griff nach meiner Hand und hielt mich zurück.

"Nicht. Bitte!" Er schaute mich so flehend an, dass ich sogleich wieder auf den Stuhl zurück sank. Shannon schien es jedoch nicht gut bekommen zu sein, seinen Kopf so schnell vom Kissen zu heben, denn bereits im nächsten Moment hing er kotzend über der Bettkante. Ich griff nach einer Schale, die auf dem Tisch neben dem Bett stand und fing das Meiste auf, strich Shannon dabei über den Rücken.

"Soll ich eine Schwester rufen?"

Erschöpft sank Shannon in die Kissen zurück und schüttelte den Kopf. "Es geht schon wieder. Ich bleib aber wohl besser genau so liegen."

Nachdem ich ihm einen Schluck Wasser eingeflößt und die Sauerei ein wenig bereinigt hatte, schickte ich Jared zurück ins Hotel. Die ganze restliche Nacht wich ich nicht von Shannon Seite. Als die Schwester am nächsten Morgen das erste Mal nach ihm sah, hielten wir einander an den Händen.

Sie lächelte milde. "Sind Sie Tomo?"

Ich blinzelte und reckte meinen steifen Nacken. "Mhm. Woher wissen Sie das?"

"Ich habe ihn letzte Nacht aus der Notaufnahme auf Station geholt. Er hat die ganze Zeit nach Ihnen gefragt."

Ich erwiderte nichts und blickte nur auf den noch immer schlafenden Drummer. Shannon hatte mich noch immer am Haken.

Die nächste Show war diejenige, die Shannon nur per Skype verfolgen konnte, weil er noch nicht wieder so weit war, um mit uns auf der Bühne zu stehen.
Aber mit Antoine, der nunmehr aus Shannons Umfeld verschwunden war, waren die Umstände weg, die Shannons psychische Abhängigkeit befeuert hätten.
Also tourten wir weiter.


Shannon und ich taten, was wir immer taten: wir versöhnten uns und diesmal blieb es dabei. Wir drückten den Reset-Button und setzten unsere Beziehung so gut es ging auf Werkseinstellung zurück.
Jared war nach dem Ende der Tour auf Urlaub in Indien und wir hatten das Haus der Letos für uns alleine. Mir war es wichtig, für das weitere Zusammensein ein paar Grundregeln aufzustellen und so führten Shannon und ich eines Nachts nach dem Sex das wahrscheinlich aufrichtigste Gespräch jemals. Nackt, am offenen Fenster und eine Zigarette nach der anderen rauchend.
Ich sagte ihm, dass dies das letzte Mal, der letzte Versuch sein würde, sein Leben und das mit uns irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Und ich meinte es sogar so. Ich hatte einfach nichts mehr in mir übrig, was ich noch in Shannons Rehabilitation stecken konnte. Ich sagte, dass mit den harten Drogen Schluss sein müsse und auch, dass er versuchen müsse, das mit den Pillen irgendwie in den Griff zu kriegen, ansonsten wäre ich weg. Over and out, für immer.
Und Shannon stimmte zu.

Und nicht nur das: er hielt sich auch daran. Wir nahmen "Love, Lust, faith + dreams" auf und gingen erneut auf Tour. Shannon hatte seinen Therapeuten via Skype immer für Sessions dabei, wenn er das Gefühl hatte, dass es schwierig wurde und wir hielten die Wellen, die Aufs und Abs, einigermaßen flach.

Es war so ernst, wie es eben sein konnte, wenn man nie offen zu unser Beziehung stehen konnte. Nur war das eine von Shannons Bedingungen gewesen und diese hatte ich akzeptiert. Wir waren uns näher als je zuvor und Shannon sagte mir, dass er zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl hatte, alles im Griff zu haben und auf dem richtigen Weg zu sein. Auch die Pillen waren mittlerweile verschwunden.
An sein altes Leben wollte er einen Haken machen, damit abschließen. Er brauchte nichts mehr, keine Erlösung, kein Heilmittel. Er musste nur noch etwas loswerden.

Es war nicht das erste Mal, dass einer von Shannons Songs auf einem Album landete. Aber das erste Mal, dass er sich auch vors Mikro traute. Es war etwas ganz Besonderes, "Remedy" mit ihm aufzunehmen und ich bekomme noch immer Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke – oder wenn ich den Song höre.

Alles lief gut. Wirklich.

Zumindest solange, bis wir mit "America" auf Tour gingen. Die ersten Shows waren etwas holprig, aber für gewöhnlich dauerte es immer etwas, bis man sich mit dem neuen Material so weit eingespielt hatte, dass es wirklich gut ist. Was genau Shannon dazu bewogen hatte, nach der zweiten Show in Paris einfach abzutauchen, sein Handy auszuschalten und offenbar im Nachtleben zu verschwinden, wissen wir bis heute nicht. Als er gegen Morgen wieder im Hotel auftauchte, war er vollkommen high und sich keiner Schuld bewusst.

Ich war komplett vor den Kopf gestoßen, verfrachtete ihn ins Bett und suchte Jareds Zimmer auf. Er hatte in Sorge um Shannon ebenso wie ich kein Auge zugetan und war vollkommen gerädert. Ich erinnere mich nicht mehr an vieles aus unserem Gespräch, aber einige seiner Worte klingen bis heute nach: "Du musst ihn verlassen. Du musst dich an deine Worte halten, oder du schaffst den Absprung gar nicht mehr und Shannon zieht dich mit runter."

"Was ist mit dir?"

Jared lachte freudlos auf. "Ich habe keine Wahl. In meinem Universum gibt es keinen Ort ohne Shannon."

Ich seufzte, weil ich wusste, dass er Recht hatte. Die beiden waren nicht einfach nur Brüder – das Band, das die beiden vereinte, war so unglaublich viel stärker als alles andere, was ich je erlebt hatte. Es hielt sie einerseits durch dick und dünn zusammen – andererseits hielt es sie aber auch an den anderen gefesselt.

Und so kehrte ich in Shannons und mein Zimmer zurück, packte meinen Kram zusammen und ließ die Tour hinter mir. Zumindest solange, bis Shannon sich wieder gefangen hatte und ich wusste, wie ich als Teil der Band weitermachen konnte.


Was mich zurück an den Strand bringt. Mittlerweile ist mir klar geworden, dass es für mich kein Zurück in die Band gibt. In Jareds Universum gibt es keinen Ort ohne Shannon, aber in meinem Universum ist er ein schwarzes Loch, das sich einfach immer weiter ausbreitet. Und ich weiß, dass es mich vollends verschlingen wird, wenn ich wieder zurück gehe und so weiter mache, als wäre nichts geschehen. Shannon und ich waren noch nie gut darin, einfach nur Bandkollegen zu sein, egal wie oft wir es auch versucht haben.

Jared weiß über meine Entscheidung, die Band zu verlassen, schon Bescheid. Er wird es heute seinem Bruder mitteilen und morgen erfährt es der Rest der Welt von mir. Ich weiß nicht, wie Shannon darauf reagieren wird und ob wir danach überhaupt noch in Kontakt bleiben. In den letzten Monaten lief der eher auf Sparflamme.

Ich liebe ihn immer noch mit jeder Faser meines Herzens, werde es wahrscheinlich immer tun. Aber gerade deswegen muss es sein.

Ich springe von Shannons Haken.

Ich werde meine Tür nicht verschließen, aber ich werde auch nicht zulassen, dass er sie immer wieder niederreißt.
Vielleicht schaffen wir es irgendwann mal, als Freunde wieder neu anzuknüpfen.
Bis dahin versuche ich zu heilen und hoffe, dass wir einander nicht komplett ausschließen.


I will leave the light on.
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