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Brotkrumen – Das Leben ist kein Märchen:  Band 3: Gefährliches Treiben

von Kazuu
GeschichteDrama, Sci-Fi / P16 / Gen
Ben Mason Hal Mason Jimmy Boland Margeret "Maggie" Matthew "Matt" Mason OC (Own Character)
29.03.2020
29.03.2020
14
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Verlaufen.

Das war alles, woran Hal Mason denken konnte. Da saß er. Auf dem Fahrersitz eines nicht fahrtüchtigen Mercedes mitten im Nirgendwo. Auf dem Byway mit der Nummer Dreiundachtzig, der zwar von North Adams, Massachusetts nach New Hampshire führte, die Gegend um Sunapee dafür deutlich verfehlte. Er war zu nah am Gebirge – sie waren mehr nach Westen als nach Süden gelaufen. Von den etwa zweiundzwanzig Meilen, die er heute geschafft hatte, führte die Hälfte vom Ziel weg. Die richtige Straße – die Dreiundsechzigste lag zu seiner rechten Seite. Zwischen den Wegen lagen ein Waldabschnitt von vielleicht eineinhalb Meilen breite und der 'Black stone river', der nur durch wenige Brücken zu überqueren war. Es war eine Katastrophe. Seine Armbanduhr, die er mehr schlecht als recht lesen konnte, zeigte zirka zwanzig nach fünf an. Gerade war die Sonne untergegangen. Der Mond spendete – trotz den vielen dunklen Wolken – ausreichend Licht. Genug, um zu erkennen, dass es immer noch leicht regnete. Genug, um zu erkennen, dass Hal' s Sitznachbarin ihn mit reinem Zorn betrachtete.

Hal und Jessica Mason waren seit nunmehr vierundzwanzig Stunden von John Pope zurückgelassen worden. Vierundzwanzig anstrengende und schmerzhafte Stunden, in denen die Geschwister so vieles durchgemacht hatten. Das 'Desperados' – ein Ort, mit dem sie wunderbare Erinnerungen aus einem alten Leben verbunden hatten – wurde zerstört. Das, nicht lange, nachdem sie dort gefangen gewesen waren. Sie waren einem anderen Menschen begegnet – eine einsame Überlebende – die nach kurzer Zeit gestorben war. Die Geschwister hatten beobachten müssen, wie eine erwachsene Frau ein kleines Kind erschoss, bevor sie selbst durch die Hand der Aliens getötet wurde. Bruder und Schwester hatten eine junge Schlange gesehen, die bewies, dass sich das Leben trotz der Invasion durchsetzte. Zum Schluss dieses einsame, harmonische Haus, das ihnen zuerst eine der friedlichsten Zeiten seit Beginn der Invasion beschert hatte, nur, um sich in eines der schrecklichsten Erlebnisse zu wandeln, die ihnen widerfuhr. So vieles hatten sie in diesen Stunden durchgemacht. Das kostete dem 17-Jährigen seine Kraft.

Sich jetzt zu verirren gehörte mit zu den schlimmsten Dingen, die ihnen heute passieren konnten.

Und Jessica war daran schuld.

Hal hätte ihr nicht vertrauen sollen. Sie hatte die falsche Straße genannt. Sie hatte gesagt, sie sei sicher. Diese Kuh. Wie konnte ein Mensch ständig Fehler machen? Wie konnte sich jemand die ganze Zeit selbst gefährden? Immer baute sie Mist. Immer arbeitete sie gegen ihn. Jess war seine Schwester. Sie war nur ein Jahr jünger. Sie musste dazu in der Lage sein, genauso viel Verantwortung zu tragen wie er. Der junge Mann war zudem zornig auf sich selbst. Er war auch dabei gewesen, als Skye ihnen den Weg erklärt hatte. Nur, dass kurze Zeit danach seine Emotionen völlig die Kontrolle über den Verstand gewonnen hatten. Der Tod dieser Familie. Skye' s Ermordung. Dann Jess unfassbar schlimm aufgelöst zu sehen, hatte ihn nervlich geschafft. Deswegen hatte er den Weg vergessen. Jessica hatte in der Stadt sicher gewirkt. Alles nur Täuschung! Wieso musste sie so sein? Jetzt hatte sie ihn dazu gezwungen, ihr zu sagen, dass er sie hasste. Sie zwang ihn dazu, sie zu hassen. Hal hasste sich selbst für diese Gefühle. Wie würde er jemals seinen Zorn überwinden können?

„Kratz' dich nicht, sonst bleibt später 'ne richtige Narbe zurück.“

Jessica! Sie hatte kalt geredet. Ja. Seine Hand. Der Angesprochene zog sie von dem Pflaster an seiner Stirn zurück. Schon wieder! Automatisch hatte er dieses Jucken der ausheilenden Wunde beenden wollen. Ohne, dass es ihm selbst aufgefallen war. Diese Schwester! Ein Blick zu ihr. Sie drückte ihren rechten Fuß gegen die Ablage, hatte ihre Arme verschränkt, blickte aus dem Seitenfenster. Ihre komplette Körperhaltung spiegelte ihre Abneigung gegen ihn wieder. Da lag auch ein bösartiger Hohn in ihrer zynischen Stimme.
„Dein Gesicht ist schließlich dein einziges brauchbares Kapital.“
„Du beleidigst mich?“
Wagte sie es tatsächlich, ihn ausgerechnet in diesem Moment zu provozieren? War sie wirklich so dumm ihn anzugreifen? Verbal und emotional. Die Jüngere reduzierte ihn auf sein Aussehen. Er war viel mehr als nur ein hübsches Gesicht. Das nahm sie ihm. Verdammtes, bösartiges Miststück! Ja. Genau deswegen hasste er sie. Deswegen hatte sie jeden Schmerz verdient.
„Du teuflische, intrigante Schlange!“
„Nein!“
Ihren panischen Ausruf ignorierte er. Hal war schnell. Lehnte sich zu der Anderen, das rechte Knie stützte er auf seinen Sitz ab. Es war nicht schwer, sie an dem Oberteil zu greifen und gegen das Seitenfenster zu drücken. Es war endlich Zeit, dass sie lernte, dass er der Stärkere war.

Jessica Mason wollte seine Feindin sein.

Diesen Wunsch würde er ihr mit Freuden erfüllen.
Ein Schuss!

War das gerade ein Schuss?

„Matt.“
Ein Griff an seinem linken Arm zwang ihn, abrupt auf den Stufen der Treppe stehen zu bleiben. Sein Herz schlug schnell, die Hand, die Hal' s grünes T-Shirt hielt, zitterte stark. In seinem Kopf hallte noch immer das Echo dieses allzu bekannten Geräusches, das unbestreitbar aus dem Erdgeschoss zu ihnen gedrungen war. Der neunjährige Junge sah zu der blonden Frau hoch, die hinter ihm stand und ihn mit der freien Hand festhielt. Sie reichte ihm mit einer beunruhigten Miene das Essen, das sie für Ben mitgenommen hatte. Redete scharf und sorgenvoll mit ihm.
„Du musst mir jetzt eines versprechen, mein Kleiner. Du musst es mir schwören.“
„Das war gerade ein Schuss. Nicht, Maggie? Da hat jemand geschossen. Unten. Im Erdgeschoss. Ben ist unten. Ben ist....“
„Shht.“
Ein Schuss. Ben war in Gefahr! Nur daran konnte Matt denken. Das war erst vor ein paar Sekunden passiert. Warum war es jetzt so still? Ben!
„Matty. Hey, Matt. Hör mir zu.“
Die Frau zwang ihn, sich zu ihr zu drehen. Drückte ihm das Essen in die Hand, ging vor dem Blonden in die Hocke. Ihre Augen wirkten ernst.
„Du musst mir schwören, dass du dieses Mal machst, was ich dir sage. Ich will, dass du sofort in euer Zimmer gehst. Ich will, dass du hinter dir absperrst und dich versteckst. Dort bist du sicher.“
„Aber Ben....“
„Ich werde nach ihm sehen. Du versteckst dich. Du machst, was ich dir sage. Lauf nicht wieder weg. Versuche nicht, uns zu helfen. Bleib in Sicherheit. Schwöre es mir.“
Ben! Matt musste ihm doch helfen. Er musste doch....

„Maggie.“

Männerstimmen. Ja. Zwei Kämpfer, die gerade aus dem Gang des ersten Stockes kamen, nun das Treppenhaus stürmisch erreichten. Joseph und Miles. Einfache Erwachsene, die mit den Gewehren in ihren Händen hastig die Treppen herunter rannten. Der etwa fünfzigjährige Miles blieb an der Seite der Freunde kurz stehen, während der Andere sie ignorierte und zum Erdgeschoss lief. Er hatte Margret angesprochen. Wie jetzt.
„Weißt du, was los ist?“
„Nein. Wir müssen nachsehen. Es ist still da unten. Geh vor. Ich komme sofort nach. Und du...“
Sie wandte sich wieder an das Kind.
„Schwöre es mir. Schwöre mir, dass du in eurem Zimmer bleibst. Ich werde Ben zu dir schicken, wenn es geht.“
„Aber....“
„Schwöre es, Matt. Bleib in Sicherheit. Denk an deine Geschwister. Denk an deinen dad. Sie brauchen dich lebend.“

Dad!

Matt saß auf dem Fenstersims, starrte zu der abgeschlossenen Tür. Stille. Es war unheimlich ruhig. Es gab kein Geschrei. Keine Aufregung. Keine Panik. War das ein Anschlag gewesen? Dort unten war fast alles. Weaver' s Büro, die Behandlungsräume, die Mensa und der größte Aufenthaltsraum des Krankenhauses, in dem sich die Fitchburg- Gruppe versammelt hatte. Wer hatte geschossen? Auf wem wurde geschossen? War der Aufstand doch nicht vorbei? Aber es war so ruhig. Es gab keinen Krieg. Keine Schlacht. Nur ein Schuss. Ben! War er in Sicherheit? Er war zum Schluss wirklich locker gewesen. Er hatte nach etwas Essbarem gefragt und er hatte Matt gesagt, der solle ebenfalls essen. Keiner von ihnen hatte seit dem Frühstück etwas gehabt. Alles war gut gewesen. Maggie war bei dem Jungen geblieben und Rick bei dem Bruder, dem es bereits deutlich besser ging. Ja. Alles sollte doch gut werden und jetzt das. Matt' s Sorge um Ben machte ihn wahnsinnig. Diese Angst. Es war grausam nicht zu wissen, was passiert war. Keine Ahnung zu haben, was im Moment ablief. Für den Mason war es wirklich schwer, sein Versprechen einzuhalten. Er musste nach Benny sehen. Er musste für ihn da sein. Das ging nicht. Matt musste sein Versprechen einhalten. Für dad. Für Jess. Für Hal. Und für Ben, dem wahrscheinlich sowieso noch eine ordentliche Schelte vom großen Bruder bevorstand – sollte der nach Hause kehren.

Nein! Nicht sollte!

Jess und Hal kämen zu ihnen zurück. Alles andere war ausgeschlossen. Sie würden erfahren, was die jüngeren Brüder getan hatten. Das würde dem Ältesten zum Kochen bringen, wie es immer war, wenn die kleineren Geschwister sich selbst in Gefahr brachten. Matt würde von ihm eine richtige Strafpredigt kassieren, vielleicht würde Hal ihn auch anschreien. Aber er würde zu ihm nicht grob werden – dafür umso heftiger zu Ben. Selbst das würde nicht schlimm sein. Hal' s Wutausbruch konnte nur stattfinden, wenn der bei den Brüdern war. Und war Hal bei ihnen, war es Jess auch. Dann wären sie endlich wieder vereint. Und am Leben. Alle Vier. Dann hätten sie alles überlebt.

Die Falle der Skitters. Den Verrat durch John Pope. Die kalten, nassen Nächte. Den Aufstand der Fitchburg- Gruppe.

Den angsterregenden Schuss.
„Rick!“

Nein! Ben sah ihn. War rasant von seinem Bett aufgesprungen. Rick! Warum nur? Warum hatte er das getan? Dieses Blut! Rick kniete auf dem Boden, beide Hände pressten fest gegen die Wunde an der linken Bauchseite. Blut. Überall Blut. Es strömte unbarmherzig aus der Verletzung. Färbten die Finger rot, wie den braunen Pullover. Blut tropfte unaufhörlich auf den Boden. Rick zitterte stark, hatte seinen Oberkörper nach vorne gebeugt, atmete sichtbar schnell. Stöhnte vor Schmerz. Rick! Warum? Ein Klacken.
„Es tut mir Leid, mein Junge. Nur so kann ich euch retten.“

Pater Morelli.

Er hatte geschossen. Die Pistole war dieses Mal ganz gegen den Verletzten gerichtet. Dieser Mann sprach mit Bedauern.
„Eigentlich wollte ich Ben Mason erlösen. Aber du bist auch ein Opfer dieser Wesen. Warum musstest du dich dazwischen werfen? Ich beende dein Leid. Dann das deines Freundes. Ich helfe euch. Ich bin euer Retter, meine Kinder.“

Nein!

Verrückt! Dieser Mann war verrückt! Jetzt wollte er Rick erschießen. Niemals! Ben reagierte. Es war vollkommen egal, wie stark seine Schmerzen waren. Wie sein Körper noch wegen dem Unfall mit dem Regal litt. Der verkrampfte Bauch war egal. Der Druck an dem verbundenen rechten Handgelenk war egal. Die Kopfschmerzen waren egal. Rick! Ben musste ihn beschützen. Er würde ihn vor diesem Monster beschützen. Der 14-Jährige war schnell bei dem kleineren Mann, dessen Finger gerade den Abzug tätigen wollte, während die Pistole in einem geringen Abstand gegen den Kopf des Freundes gerichtet wurde. Rick blieb auf seine Knie, die Hände drückten gegen die Wunde, der Körper war nach vorne gebeugt, verzweifelte glasige Augen starrten den Erwachsenen an, der sie bedrohte. Ben blieb schnell. Schoss seine Hand zu dem Priester, packte mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit die Waffe, riss sie aus den vollkommen überraschten Händen. Morelli hatte sich für einen Augenblick einzig auf Rick konzentriert und Ben übersehen. Jetzt war der Teenager bewaffnet. Nur Rick beschützen. Mehr zählte nicht. Der Mason dachte nicht nach, ließ sich von seinem Instinkt leiten. Noch bevor der Mann verstand, was gerade passierte, schlug der 14-Jährige mit dem Griff der Waffe zu. Fest gegen den Kopf des Kerls, der mit einem Stöhnen schnell zusammenbrach.

Pater Morelli.

Ben zitterte. Er begriff. Jetzt, da dieser Mensch vor ihm bewusstlos auf dem Boden lag, begriff der Mason was in den wenigen Minuten geschehen war. Ja. Das Metall der Pistole in seiner rechten Hand fühlte sich warm an. Die Waffe war geladen und entsichert. Der Jugendliche nahm den schrecklichen Geruch der abgefeuerten Patrone wahr. Er roch die Pulverrückstände. Er fühlte die kaum merklich angestiegene Temperatur des Raumes, die kein normaler Mensch wahrnehmen konnte. Er hörte die Geräusche, die aus den Gängen zu ihm hindurch drang. Mehrere Stimmen von Männern. Von Anne und Maggie. Die Stimme des Captains. Er vernahm die Schritte. Sie alle waren noch fern. Die ersten würden in ein, zwei Minuten eintreffen.

Pater Morelli' s Schuss musste sie aufgeschreckt haben.

Dieser Mann. Ben zitterte, starrte zu den Menschen vor sich auf den Boden. Keine Seele. Das hatte er gesagt. Alle stacheligen Kinder seien seelenlos. Ben sei seelenlos. Und jetzt hatte er versucht, ihn umzubringen. Er hatte Rick angeschossen. Rick hatte sich vor Ben gestellt, um ihn zu beschützen. Sein Freund war schwer verletzt. Wegen ihm. Nein. Das war nicht fair! Wie konnte ein Gottesdiener so etwas machen? Hieß es nicht 'Du sollst nicht töten'? Dieser Mann war verrückt. Er war ein Monster. Er war seelenlos.

Pater Morelli sollte sterben.

Ben nahm die Pistole stabiler in seiner Hand, hielt seinen Finger am Abzug, streckte den rechten Arm aus, zielte auf den am Boden liegenden, ohnmächtigen Mann. Der Blonde zitterte, fühlte Tränen in seinem Gesicht. Der Kerl vor ihm wollte ihn umbringen. Er wollte Rick erschießen. Es hätte auch Matt treffen können. Der Kleine war erst vor kurzer Zeit noch in diesem Zimmer gewesen und wollte wiederkommen. Dieser Mensch vor ihm war böse. Er sollte sterben. Er musste bestraft werden.

Nur einmal drücken, Ben. Nur eine knappe Bewegung und es ist vorbei.

Notwehr. Es würde Notwehr sein. Morelli war gefährlich. Er würde wieder angreifen. Er würde nicht nur die Freunde bedrohen. Nein. Er war auch eine Gefahr für Matt. Pater Morelli musste einfach sterben – für die Sicherheit aller.

Nein!

Nein! Ben konnte es nicht tun. Das war falsch. Morelli war schon geschlagen. Er war keine Gefahr mehr. Würde der Blonde jetzt schießen – diesen Mann töten – er wäre das Ungeheuer. Es wäre nichts anderes als Rache. Es wäre Mord.

Ben Mason war kein Mörder.

Ben spürte die Hitze in seinen Tränen. Sein gnadenloses Weinen war Ausdruck seiner Trauer, seines Zornes. Seines Willens. Nichts und niemand würde ihm nehmen, was er war. Wer er war. Er war ein Mensch. Er war der Sohn von Thomas und Rebecca Mason. Er war sanft, treu, intelligent und friedfertig. Er war kein Killer. Kein Monster. Er war nicht seelenlos. Nur weg mit der Waffe! Der Jugendliche arbeitete zügig. Dieses Mal erbrachte ihm dieses metallene Gefühl in seiner rechten Hand eine starke Übelkeit. Fast hätte er einen Fehler gemacht, die seine Seele zerrissen hätte. Ben zog den Arm zurück, sicherte die Pistole, zog Magazin und die Kugel aus dem Lauf, warf alles getrennt voneinander in die andere Hälfte des Raumes. Weit weg von den anwesenden Personen.

„Ben....“

Rick' s angestrengter Ausruf erschreckte den Angesprochenen erheblich. So schwach. So viel Schmerz in der Stimme.
„Rick!“
Schnell reagierte der 14-Jährige, rannte zu dem Freund, der sich inzwischen auf den Rücken gelegt hatte und weiterhin die Hände gegen den Oberbauch drückte.
„Ricky...“
Ben kniete neben ihm auf dem Boden, presste ebenfalls mit den Händen gegen die stark blutende Wunde. Immer noch rannen Tränen sein Gesicht herunter.
„Es tut mir Leid, Kumpel. Ich konnte es nicht machen. Ich kann ihn nicht töten.“
„Ben... tu' es auch nicht. Töte ihn nicht....“

Benjamin Mason schwieg. Weinte stumm. Hielt stetig die blutverschmierten Hände auf die des Freundes. Half ihm, die schwere Wunde zuzudrücken.

Er achtete nicht auf die Menschen, die nur wenige Augenblicke später in den Behandlungsraum stürmten.

„Verdammter Mistkerl! Ich hasse dich!“
„Ich hasse dich, du bescheuerte Kuh!“
„Schlag mich doch! Was anderes kannst du eh nicht! Was ist?! Mach doch, du Abschaum!“
Jess strengte sich an. Versuchte, ihren linken Fuß gegen den Oberkörper des Gegners zu drücken. Ihr oberer Rücken schmerzte durch die unbequeme Körperhaltung. Die Arme brannten. Sie atmete schnell. Hal' s rechtes Knie war mehr auf dem Beifahrersitz als auf seiner Seite. Er presste sie grob gegen die Autotür. Die linke Hand hielt die Jacke ungnädig in ihren Griff, der Druck knapp unter ihrem Hals, der durch seine Gewalt entstand sorgte für eine brennende Atmung. Die rechte Hand drückte grob gegen ihre Stirn, so, dass ihr Kopf nicht von der Fensterscheibe loskam. Sie selbst versuchte, sich mithilfe ihrer Arme aus dieser schmerzhaften Gefangenschaft zu befreien. Jessica hasste Hal. Zum wiederholten Mal griff er sie einfach an. Schrie sie an. Nicht einmal die Enge dieses Fahrzeuges hielt ihn davon ab, sie fertig zu machen. Nicht mit ihr!
„Was ist?! Mach mich fertig! Fühlst du dich dann stark?! Deine kleine Schwester zusammenzuschlagen macht dich nicht zu einem Mann! Dad wäre richtig stolz auf dich!“
„Red' nicht über ihn! Red' überhaupt nicht mehr! Ich kann deine Stimme nicht mehr ertragen!“
„Und ich kann dich nicht mehr ertragen! Du Narzisst gibst immer nur mir die Schuld! Du hast mich doch unter Druck gesetzt! Ich wünschte, du wärst nicht mein Bruder!“
„Ach ja?!“
Der Druck wurde härter. Jess sah in die glühenden, dunklen Augen des Kontrahenten. Erkannte seine eiskalte, finstere Mimik. Ihre Abwehr ignorierte er einfach. Nochmals wurde sie von ihm in einer unfassbaren Lautstärke angeschrien.
„Ich wünschte, ich hätte dich nie gekannt! Konntest du nicht einfach an der Nabelschnur ersticken?!“

An der Nabelschnur ersticken....

Alles brannte. Ihr Herz kochte. Was hatte er gerade gesagt? War das sein Ernst?
„Oh Gott. Ich.....“
Jess blieb eisern, als sie schlagartig von dem Älteren losgelassen wurde. Automatisch machte sie es ihm gleich, beobachtete, wie Hal sich wieder ganz an seinem Platz zurücksetzte, dabei einen entsetzten Gesichtsausdruck aufsetzte.
„Verdammte Scheiße, Jessica. Das nehme ich zurück.“
Mehr sagte er nicht, hielt sich mit beiden Händen an dem Lenkrad fest, beugte sich nach vorne, drückte zusätzlich seine Stirn gegen das Zentrum des Lenkers. Der Bruder atmete schnell.

„Das kannst du nicht zurücknehmen.“

Jess hatte es geflüstert. Ihr Herz. Es tat so sehr weh, dass es ihr die Luft zum Atmen raubte. Nicht nur, dass ihr eigener große Bruder sie hasste. Jetzt wünschte er sich, dass sie bei der Geburt gestorben sei. Beide kannten die Geschichte. Mom hatte sie ihnen erzählt. Warum ihr Name Jessica war. Mutter und Tochter hatten Gottes Schutz  an jenem Tag gehabt. Die Schwangerschaft mit Hal war schon schwer gewesen und er war fast sechs Wochen zu früh geboren worden. Bei Jess war nichts Besonderes gewesen. Erst bei der Geburt, als die Nabelschnur um ihren Hals gewickelt war. Mom hatte ihnen gesagt, dass Jess kaum geatmet hatte und schon leicht blau gewesen war. Es hatte keine fünf Minuten gedauert und es war in Ordnung gewesen. Ein kleines Wunder. Bei Ben und Matt waren es Kaiserschnitte gewesen. Aber jetzt hatte Hal das gesagt. Ihr eigener Bruder wünschte ihren Tod. Er brach ihr damit das Herz.
„Ich hasse dich, Hal.“
„Meinetwegen.“
Er hatte es nicht verdient. Nicht ihre Freundschaft. Keine Zuneigung. Keine Loyalität. Keine Liebe. Nichts von alldem. Die 16-Jährige würde hart bleiben. Sie würde nicht vor ihm weinen. Sie würde nie wieder vor ihm Schwäche zeigen. Nur noch Kälte und Trotz. Mehr sollte sie ihm nicht geben. Nicht einmal ihre Loyalität. Zu sehr – zu oft – verletzte er sie. Die Dunkelhaarige lehnte sich verbissen und mit verschränkten Armen an ihrem Sitz zurück, betrachtete düster den Bruder, der sein Gesicht weiterhin an dem Lenkrad vergrub.
„Werd' endlich erwachsen und übernimm selbst Verantwortung für dein Handeln.“
„Das von dir. Du spielst ständig das Opfer. Es ist deine Schuld, dass wir vom Weg abgekommen sind. Deinetwegen haben wir unsere Zeit verschwendet.“
„Du hast mich unter Druck gesetzt. Ich habe dir gesagt, dass ich mir nicht sicher bin. Du hast mich zu einer Entscheidung gezwungen.“
„Ich habe dir vertraut. Ich habe dir damals mit Ben und Matt vertraut. Dass du auf sie aufpasst. Ich habe dir mit Boston vertraut. Und was ist? Ben landet in der Notaufnahme, dad wird von den Skitters entführt und du führst uns in die falsche Straße. Dir zu vertrauen ist ein schwerer Fehler, Jessica.“
„Nenn' mich noch einmal Jessica und ich mach dich ganz fertig, du arroganter, mieser...“
Ein lauter Schlag gegen das Lenkrad unterbrach die junge Frau in deren Redefluss. Hal setzte sich aufrecht auf seinen Platz hin, drehte sich mit zornfunkelnden Augen zu ihr. Redete mit einer harten Stimme.
„Provoziere mich nicht. Ich kann nicht mehr. Ich werde jetzt rausgehen und mich beruhigen, bevor ich noch etwas mit dir mache, was ich später bereuen werde.“
Sollte er ruhig versuchen, sie zu schlagen. Dann würde er endlich lernen, dass sie keine Puppe war. Stattdessen öffnete der Bruder seine Fahrertür, bemusterte die 16-Jährige düster.
„Du bleibst im Auto und sprichst mich nicht an, du nutzloses Balg.“

Nutzlos!

Draußen – außerhalb des Autos – war es recht dunkel, trotzdem erkannte Jess den Älteren im Rückspiegel. Er stand am Straßenrand, hatte ihr den Rücken zugekehrt, hielt beide Hände an seinem Hinterkopf und betrachtete merklich den zunehmenden Mond, der ausreichend Licht spendete. Ein leichter Nieselregen war ebenso zu erkennen.

Nutzlos.

Hal hatte sie nutzlos genannt. Als ob sie keine Hilfe für die eigene Familie sei. Für die Menschen. Verdammt! War sie nicht die beste Schützin von ihnen? Wer kümmerte sich denn um die jüngeren Brüder? Wer trainierte sie? Wer beschützte sie? Wer kümmerte sich um Hal? Wer versorgte sie alle?

Wer tötete für sie?

Hal war der Schwächere. Trotzdem sahen alle nur ihn. Ihn und nicht sie. Er war der Anführer. Er war derjenige, dem sie alle vertrauten. Er war derjenige, der dad' s uneingeschränkten Respekt bekam. Er war derjenige, der für besonders gehalten wurde. Jess war nur die kleine Schwester. Das Anhängsel. Hal hatte immer dafür gesorgt, dass sie es war. Er sorgte dafür, dass es so bleiben würde. Das schlimmste war, dass er genauso dachte.

Nein.

Jess war nicht nutzlos. Sie war nicht wertlos. Sie war nicht schwächer. Hal hasste sie? Hal wollte ihren Tod? Hal wollte ihren Schmerz? Hal wollte seinen Kampf? Ein kräftiger Tritt gegen die Ablage vor sich. Jess kochte. Ihr war übel. Ihr war heiß. Der Puls unangemessen schnell. Die Hände zitterten vor Adrenalin.

Hal Mason wollte ihre Feindschaft? Dann waren sie von nun an Feinde!

Es dauerte nicht lange, bis Jess sich zu diesem Verhalten entschlossen hatte. Mit Schwung riss sie die Autotür auf, stieg aus dem Fahrzeug, machte die Tür wieder zu. Keine Worte mehr! Die Kämpferin schwieg, schritt zielgerichtet zu dem Bruder, der immer noch den Mond ansah. Sie war bei ihm, legte ihre rechte Hand auf seine linke Schulter.
„Ich habe dir gesagt, du sollst im Auto bleiben.“
Mit diesen Worten drehte er sich zu ihr.

Ohne mit der Wimper zu zucken, nutzte die Schwester ihre Chance und schlug dem Gegner gnadenlos fest in das Gesicht.
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