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In meinem Abgrund

von Makaber
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
28.03.2020
02.03.2021
45
183.436
69
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Dieses Kapitel
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25.10.2020 5.293
 
Kapitel Dreiunddreißig.


„Sorry.“ Die blondgelockte Barbie hinter dem Empfangstresen ließ eine derart große Kaugummiblase platzen, dass das klebrige Zeug sich auf ihrer gesamten Oberlippe bis zur Nase hin verteilte. Schien sie allerdings nicht zu stören, weil sie einfach in die Matschepampe hineingriff und sich die einzelnen Fäden zurück in den Mund stopfte. „Ich hab‘ erst vor ‘ner halben Stunde mit der Schicht angefangen.“

Ich hatte Kopfschmerzen, richtig schlimme. Wenn diese Schnepfe nicht gleich aufhörte, mir etwas vorzuschmatzen, würde ich ihr den Mund mit Panzertape zubappen. „Und Ihre Kollegin von gestern? Hat sie vielleicht gesehen, ob jemand gegen Mittag das Motel verlassen hat?“

Sie schob das halb verdaute Ding in ihrem Mund zwischen die Schneidezähne, ließ es mich kurz sehen, bevor sie weiter darauf herumkaute. „Ne.“

Ich vermisste Rosalinde, ehrlich.

„Moment. Ich habe ein Foto, vielleicht erinnern Sie sich dann.“ Ich kramte mein Handy hervor und ging meine Galerie durch. Dummerweise waren dort nur recht explizite Bilder von ihm. Bloß ein Annehmbares hatte sich in einer Nacht vor zwei Wochen mit in meine Sammlung geschlichen, weil der Anblick etwas Seltsames in meiner Lendenregion ausgelöst hatte. „Hier.“

„Mhm.“ Sie schaute nur flüchtig hin, schien aber irgendwie abgeneigt von der Tatsache, dass die Ablichtung Noah im Tiefschlaf zeigte. „Noch nie gesehen.“

Ich presste die Kiefer aufeinander, lächelte gezwungen. „Wissen Sie vielleicht, wann Rosalinde wieder Schicht hat?“

Die nächste Blase platzte. „Keine Ahnung.“

„Hören Sie“, meine Schläfen pochten, „er ist mein fester Freund und ich mache mir Sorgen um ihn. Er wollte gestern Mittag nur kurz spaziergehen und ist einfach nicht wieder aufgetaucht.“

„Warum suchen Sie dann erst jetzt nach ihm?“ Zusätzlich zu den feuchten Geräuschen, die ihr Mund verursachte, klackerte sie jetzt auch noch mit ihren langen, falschen Nägeln auf dem Holz des Tisches zwischen uns herum. Es strapazierte meine eh schon sehr gereizten Nerven.

„Weil ich in der Zwischenzeit geschlafen habe.“ Ich lehnte mich etwas zu ihr rüber. „Wären Sie wohl so nett und würden Ihre Mitarbeiterin diesbezüglich kontaktieren?“

„Hab‘ ihre Nummer nicht.“ Sie lächelte höhnisch. „Arbeite noch nicht lange hier, wissen Sie?“

Warum schien sich in letzter Zeit das gesamte Universum gegen mich zu verbrüdern?

„Okay, passen Sie auf.“ Ich atmete lautstark aus. „Melden Sie sich einfach, wenn Sie etwas erfahren, in Ordnung?“

„Klar.“

„Soll ich Ihnen Name und Zimmernummer aufschreiben?“

„Passt schon. Alles da oben abgespeichert.“ Sie tippte sich auf den Schädel. Mit etwas Glück spießte sie sich dabei selbst auf.

„Sicher doch.“ Ich verbarg die offensichtliche Wut in meinen Gesichtszügen nicht, als ich sie ein letztes Mal mit den Augen fixierte, bevor ich mich umdrehte und wieder Richtung Treppenhaus stiefelte.

„Wissen Sie“, hallte ihre Stimme nochmal zu mir herüber, als mein rechter Schuh sich bereits mit der ersten Treppenstufe bekanntgemacht hatte, „es kommt nicht gerade selten vor, dass hier wer einfach abhaut.“

Ich ballte die Hände zu Fäusten. „Er ist nicht abgehauen.“

„Klar.“ Sie schmatzte. „Das sagen sie alle, aber weg ist die Freundin dann trotzdem.“

Sie ist männlich.“

Sie zuckte mit den Schultern. Alles an ihrer Haltung verachtete mich, doch sie sagte nichts mehr. Und ich wurde das unangenehme Gefühl nicht los, dass sie dachte, ich hätte Noah etwas angetan. Als müsste sie schweigen, um ihn vor mir zu schützen.

„Vielen Dank für Ihre hilfreiche Unterstützung“, zischte ich und ging die Treppen hinauf zurück in unser Zimmer.

Die Sache begann allmählich, keinen Spaß mehr zu machen. Dafür passten zu viele Dinge nicht zusammen.

Noah hatte wiederkommen wollen. Er würde nicht einfach verschwinden, erst recht nicht ohne Handy und Papiere. Ich meine, auf die Art könnte er sich nicht einmal ein Zugticket leisten oder die Busfahrt zum nächsten Hauptbahnhof. Und sein Charakter würde es ihm nicht erlauben, schwarz zu fahren – genauso wie es außer Frage war, dass er sich zu Fuß auf den Weg gemacht hatte. Nicht mit dem geschwollenen Wasserfarbmalkasten-Knöchel.

„Okay.“ Ich rieb mir über die Augen. Tante Ingrid erwartete uns erst morgen wieder zurück, das hieß, ich hatte noch den gesamten Tag und die gesamte Nacht, um ungewolltem Stress aus dem Weg zu gehen. Kein Grund zur Eile also.

Genau.

Ich schnaubte.

Was machte ich mir eigentlich vor? Vierundzwanzig Stunden waren nichts in einer fremden Stadt. Es gab mehr Orte, an denen er sein könnte, als mir überhaupt einfallen würden. Sicher war nur, dass er sich nicht hier im Motel befand. Foyer, Gemeinschaftsraum und kleinen Frühstückssaal hatte ich heute Morgen zuallererst abgesucht, aber nada. Kein Noah weit und breit. Der Idiot hätte wenigstens sein Handy mitnehmen sollen, dann würde ich mich jetzt nicht wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlen.

„Scheiße.“ Ich legte mir eine Hand in den Nacken.

Ich war übelst am Arsch. Wie sollte ich erklären, dass ich meinen Freund verloren hatte – ohne die leiseste Möglichkeit der Kommunikation? Bei seiner allgegenwärtigen Tollpatschigkeit würde es mich nicht wundern, wenn er es geschafft hätte, irgendwie unter ein Auto zu kommen.

Ich stockte, die Hand rutschte von meiner Haut.

Vielleicht war der Gedanke gar nicht so abwegig. Es könnte gut möglich sein, dass er, noch mitten in seinem dramatischen Abgang, eine rote Ampel übersehen hatte. Oder er war irgendwo gestürzt und hatte sich den Knöchel nun endgültig gebrochen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sich in ärztlicher Obhut befand, erschien mit jeder verstrichenen Minute plausibler.

Ich streckte meinen Rücken durch, von neuem Elan gepackt.

Zeit für ein bisschen Krankenhaus-Hopping.



Der Vorteil daran, selbst im Gesundheitswesen zu arbeiten, lag darin, dass ich das Verhalten der Rezeptionisten etwas einschätzen konnte. Ich wusste, dass ich telefonisch keine Antwort erhalten würde, aus datenschutzrechtlichen Gründen. Aber ich wusste auch, dass die Mitarbeiter am Empfang in der Regel weich wurden, wenn jemand völlig aufgelöst vor ihnen in Tränen ausbrach. Mit letzterem konnte ich zwar nicht dienen, aber ich wusste, wie man eine gute Show hinlegte. Und es kam mir sehr gelegen, dass das Fräulein vor mir vermutlich höchstens ein paar Jährchen älter als ich war – mit anderen Worten also unerfahren.

Endlich schien das Schicksal mich mal zu mögen.

„Ich wurde gerade angerufen“, brachte ich hervor, kaum war ich schlitternd vor der Frau zum Halten gekommen. „Mein Freund“, ich atmete extra laut, als wäre ich hergerannt, „mein Freund hat gesagt, er wurde gerade eingeliefert, weil er einen Unfall hatte.“

„Beruhigen Sie sich erstmal.“ Sie lächelte mich sachte durch die Glasscheibe hindurch an, die uns voneinander trennte. Sie trug eine weiße Bluse, darüber einen dunkelblauen Blazer. Viel zu formal. „Wie ist der Name?“

Ob Noah irgendwie angerissen hatte, was zwischen uns passiert war?

Wohl kaum.

Ich schüttelte den Gedanken ab. Es wäre mehr als nur albern, hätte er mich oder unseren Streit erwähnt. So etwas tat man nicht, wenn man sich verletzt hatte, dann schilderte man lediglich den Tathergang. Außer natürlich, er erwartete, dass ich ihn suchte, und hatte irgendwelchen Ärzten gesagt, sie sollten auf keinen Fall jemanden zu ihm lassen, der auf den Namen Paul Achermann hörte. Was auch wieder unwahrscheinlich wäre. Wir hatten uns schließlich bloß ein bisschen gezofft und nicht gleich scheiden lassen.

„Noah Balz. Mit Z am Ende.“, antwortete ich also und lehnte mich näher an die Scheibe, verzog besorgt das Gesicht. „Und meiner ist Paul Achermann.“

Sie tippte irgendetwas in ihren Computer ein, runzelte die Stirn. „Können Sie mir den Nachnamen buchstabieren?“

„Sekunde.“ Um zu beweisen, dass ich ihn kannte, fischte ich sein Portmonee aus meiner Hosentasche und schob ihr seinen Personalausweis zu. Dass das ein wenig seltsam wirken musste, merkte ich erst, als sie mich stumm mit gehobenen Brauen ansah.

Gut, dass mir sofort eine passende Ausrede einfiel, die tatsächlich nur zur Hälfte erfunden war. „Wir sind zum Urlaub hier. Wir waren im Europapark und er wollte sich die Gegend ansehen, aber ich war zu müde wegen der langen Autofahrt und da ist er einfach allein und ohne alles losgezogen. Ich habe auf ihn gewartet, aber er ist einfach nicht wiedergekommen.“ Dem Anstand halber wischte ich mir die Hände an der Jeans ab. Nervöse Menschen schwitzten ja bekanntlich ziemlich viel.

Ihre Augenbrauen senkten sich wieder ein annehmbares Stück, deswegen machte ich weiter, weil Aufregung in der Regel nicht bloß zu vermehrter Schweißproduktion, sondern oftmals auch zu sinnlosem Gebrabbel führte.

„Wir … ich habe Wochen gebraucht, bis ich seine Tante endlich überzeugen konnte, ihn mit mir zusammen wegfahren zu lassen. Sie ist wie eine Helikoptermutter. Und jetzt sind wir keine zwei Tage weg und er landet direkt im Krankenhaus.“ Ich schlug die Hände theatralisch über dem Kopf zusammen. „Oh Gott, sie wird mich umbringen!“

„Nur mit der Ruhe, lassen Sie mich zuerst nachschauen, was mit Ihrem Freund ist …“ Sie klackerte auf der Tatstatur herum, gefolgt von Stirnrunzeln und einem fragenden Blick in meine Richtung. „Es tut mir leid, aber bei uns ist niemand unter dem Namen eingetroffen.“

„Sind Sie sicher? Liegt es vielleicht daran, dass er sein Krankenkassenkärtchen nicht dabeihatte? Schauen Sie bitte nochmal nach.“

„Nein, selbst dann müssten wir einen neuen Fall anlegen.“ Sie schaute trotzdem erneut nach, fand aber wieder nichts. „Es tut mir leid. Sie meinten, er hätte Sie angerufen. Hat er sicher unser Krankenhaus genannt?“

Okay, hier würde ich kein Glück mehr haben und sie gab mir gerade die perfekte Ausrede, um zum nächsten hinüberzuwechseln.

„Krankenhaus St. Aedesius*“, meinte ich hastig und sah, wie sie sofort abwehrend mit beiden Händen vor ihrer Brust herumwedelte.

„Das hier ist das Klinikum St. Nikodemus*.“

„Sie meinen, ich bin nicht-“ Ich brach mitten im Satz ab und machte große Augen, senkte die Stimme zu einem entsetzten Flüstern. „Ich bin im falschen Krankenhaus?“

„Ich fürchte ja.“ Sie verzog ganz mitleidig den Mund, während ich noch mehr Angst in meine Gesichtszüge mischte.

„Scheiße, ich-“ Ich trat einen Schritt zurück. „Tut mir leid, ich dachte … Tut mir leid!“ Dann fuhr ich herum und hastete durch den Empfangsbereich nach draußen. Ich behielt das Tempo noch eine Weile bei, weil die meisten Krankenhäuser am Eingang Kameras installiert hatten, bevor ich schließlich in einen langsamen Laufschritt verfiel.

„Alles klar.“ Ich kramte im Gehen mein Handy aus der Jeanstasche und löschte die Adresse der ersten Notfallambulanz aus meinen Notizen. Zwei weitere befanden sich noch in unmittelbarer Umgebung, die nächsten waren weiter weg, aber ich bezweifelte, dass irgendein Rettungsdienst ihn absichtlich an den Hintern der Welt verfrachten würde.

Beim nächsten Ziel würde ich mit sechsundsechzig-Komma-Periode-sechs-prozentiger Wahrscheinlichkeit fündig werden.

Überhaupt kein Grund zur Panik.



Immer mit der Ruhe. Denk nach.

Ich zündete mir die zweite Zigarette in Folge an, atmete unruhig ein.

Fünf Stunden hatte ich jetzt mit nutzlosem Hin- und Herfahren und Schauspielerei verschwendet, ohne auch nur das winzigste Bisschen weitergekommen zu sein. Noah hatte sich weder in den drei ersten Krankenhäusern noch in den anderen vier befunden, die mir allein aufgrund der Entfernung bereits als völlig sinnbefreit erschienen waren. Und trotzdem hatte ich dort nachgeschaut – bloß um ihn nicht zu finden.

Ich hielt die Luft an, zehn Sekunden lang, dann entließ ich den Rauch aus meinen Bronchien. Eigentlich vermied ich es, in meiner Schrottlaube zu paffen, weil das ihren kaum existenten Wert nochmal um ein Vielfaches senkte, aber normalerweise suchte ich auch nicht wie ein schlechter Detektiv nach verschollenen Personen.

„Irgendetwas übersehe ich.“ Die Zigarette war fast aufgebraucht, die Packung auch schon beinahe leer. „Aber was?“

Stille antwortete mir, während die Furchen in meiner Stirn sich vertieften.

Ich hatte absolut keinen blassen Schimmer, was ich jetzt tun sollte. Ich war aufgeschmissen – für diese Art von Situationen hatte ich keine Lösungen und erst recht keine guten Coping-Mechanismen. Als Teenie war Zähneknirschen noch eine Option gewesen, aber das würde ich mir nur sehr ungerne wieder aneignen. Schmerzende Kieferknorpel waren unschön.

Was jetzt?

Ich kniff die Augen zusammen, drehte den qualmenden Filter zwischen meinen Fingern. Wirklich viele Optionen hatte ich ja nicht mehr unbedingt parat. Ich könnte nur noch die Polizei verständigen und die Arbeit auf sie abwälzen. Das wäre vielleicht sogar das Richtige, weil Noah minderjährig und seit über vierundzwanzig Stunden vermisst war.

Vermisst, ich rieb mir über die Schläfen, zog dabei eine Spur Asche über meine rechte Wange, oder geflohen?

Was für eine dumme Frage. Natürlich war er nicht einfach gegangen. Es war immerhin Noah, über den ich hier gerade nachdachte. Warum sollte er sich gleich verpissen, nur weil ich ihm sein erstes Mal verdorben und nebenher eine kleine emotionale Breitseite verpasst hatte?

Mhm, ganz genau.

Der Tabak brannte in meiner Speiseröhre.

Frustriert entsperrte ich mein Handydisplay und rief meine Kontakte auf, scrollte bis zu Tantchen Ingrid hinunter. Mein Daumen schwebte einen Moment lang über dem grünen Hörer, bevor ich einknickte und nachgab. Weil vierundzwanzig Stunden lang genug waren, um zurück nach Hause zu gelangen, sogar für jemanden mit einem Orientierungssinn wie Noah, der sich selbst in seinem eigenen Zimmer verirren und niemals schwarzfahren würde, es aber vielleicht ausnahmsweise getan hatte, um mir zu entkommen.

Ob der miserable Sex ihm die rosarote Brille von der Nase gerissen hatte?

Gerade als ich meinen Kippenstummel aus dem heruntergekurbelten Fenster schnickte, tönte Ingrids Stimme an mein Ohr. Viel zu fröhlich, um über die Geschehnisse im Bilde zu sein. Wäre dem so, würde sie mich direkt zusammenfalten, was mir einfiele, ihrem Jungen wehzutun. An meinem Ohr hatte sie ja auch schon herumgezogen, bloß weil ich ihn mit leichter Verspätung zu Hause abgeliefert hatte.

Aber einen Versuch war es wert gewesen.

„Paul! Wieso rufst du an?“

Ich versuchte, den üblichen Schalk in meine Tonlage zu packen, aber irgendwie wollte es mir nicht wirklich gelingen. „Was denn? Darf ich mich plötzlich nicht mehr bei dir melden, wenn ich dich vermisse?“

„Du kleiner Schleimer!“ Sie gackerte wie die Mischung aus einem Huhn und einem Pferd. „Aber jetzt erzähl doch mal – habt ihr Spaß?“

Ookay, sie hatte offiziell keinen Dunst, wo der Freak sich versteckt hielt.

Ich rieb mir über die Augen. „Ja, total. Noah blüht richtig auf. Ich hätte nicht gedacht, dass er so verrückt nach Achterbahnen sein könnte, aber ich muss jede gefühlt fünfunddreißig Mal mit ihm fahren.“

Erneutes Wiehern, bevor sie das Gespräch in eine Richtung lenkte, die mich in eine ziemlich große Zwickmühle brachte. „Isst er denn auch genug? Obwohl“, sie schnaubte, „gib ihn mir doch mal, Paul. Ich will’s lieber von ihm selbst hören. Du lügst mir zu viel.“

Wenn sie nur wüsste, wie recht sie hat.

„Würde ich gerne, aber“, fast hätte ich ihr die altbekannte Ausrede mit der Toilette aufgetischt, aber das würde die Bredouille bloß unnötig hinauszögern, weil sie bestimmt verlangt hätte, dass er sie zurückrufen sollte. Also musste eine andere Ausrede her, am besten eine, die mir noch zusätzlich ein paar Gnadenstunden einbrächte, „Noah weiß gar nicht, dass ich gerade mir dir spreche.“

„Hm? Wieso das denn?“

Ja, wieso das denn?

„Weil … ich ihn überraschen will.“ Ich kniff die Augen zusammen. „In der Nähe hat ein Zirkus sein Lager aufgeschlagen und ich habe Karten besorgt. Deswegen rufe ich an, weil ich dich fragen wollte, ob es in Ordnung ist, wenn wir noch eine Nacht länger wegbleiben. Noah meinte eh, er hätte keine Prüfungen mehr und müsste übermorgen auch nicht im Supermarkt aushelfen.“

Ingrid überlegte kurz, dann seufzte sie. „Ich will ihm nicht seinen ersten Ausflug kaputtmachen. Du musste mir aber versprechen, dass du auf ihn aufpasst, ja? Bring mir meinen Neffen in einem Stück wieder nach Hause, sonst setzt’s was!“

„Du kennst mich doch.“ Ich lachte und war heilfroh, als sie endlich auflegte und ich mich sortieren konnte.

Zusammengefasst war Noah also weder im Hotel noch in einem Krankenhaus oder Zuhause. Und das natürlich ohne Handy und Geld und einem Körperbau, der es ihm verbot, sich auch nur erfolgreich gegen ein neunjähriges Mädchen zu verteidigen.

Shit.“ Ich öffnete mein Handschuhfach, wühlte nach meinem Feuerzeug, obwohl es vorhin erst zusammen mit meinen Glimmstängeln auf den Beifahrersitz geworfen hatte.

Wie heftig stand ich eigentlich neben mir?

Kopfschüttelnd ließ ich meine Zigaretten Zigaretten sein und startete den Motor.

Wenn ich ehrlich war, blieb mir gar nichts anderes übrig, als zur Polizei zu gehen.



Letztlich hatte ich mich doch noch für eine andere Möglichkeit entschieden, eine, auf die ich früher auch schon oft zurückgegriffen hatte, wenn das Brodeln und Ziehen in meiner Brust Überhand ergriffen hatten.

„Wieder das Gleiche bitte.“

Der Barkeeper beäugte mich einen Moment lang misstrauisch, bevor er mein altes Glas nahm und mir einen neuen Gin Tonic mischte. Als es erneut vor mir landete, schwamm eine Gurke an der Oberfläche wie eine aufgedunsene Wasserleiche.

Wie wahrscheinlich war es, dass jemand Noah etwas angetan hatte?

Ich wischte mir übers Gesicht. Es nützte nicht viel, wenn ich mich betrank, die schlechten Gedanken aber trotzdem nicht loswurde. Ich wollte nicht darüber sinnieren, in welcher Verfassung ich den Jungen finden könnte oder was er angestellt haben mochte, um einfach komplett von der Bildfläche zu verschwinden. Wer ihm vielleicht begegnet war und ihn-

Fuck.“ Die Polizei wäre die richtige Entscheidung gewesen. Ich hätte einfach hingehen und eine Anzeige aufgeben sollen. Was wäre schon dabei? Dann ging der Typ mit der kilometerlangen Liste an bestätigten Persönlichkeitsstörungen eben zu den lieben Herren Beamten und meldete seinen Freund als vermisst, nachdem sie sich gestritten hatten. Mit einer Angestellten, die das Gefühl hatte, Noah vor ihm beschützen zu müssen, als Zeugin.

Meine Finger zitterten, als ich nach dem Glas griff. Das Eis darin schlug klirrend an die Ränder. Flüssigkeit lief mir über den Handrücken.

Ich stellte es wieder ab und wischte die nassen Stellen an meiner Jeans trocken.

Meine Sorgen waren völlig unbegründet und ich wusste das. Niemand würde mich beschuldigen, wenn wer abhandenkam, nur weil ich rein zufällig ein paar unglückliche Diagnosen mit mir herumschleppte. Und mit vierzehn eventuell zu leichter Körperverletzung verurteilt worden war – wobei das nicht zählte, weil solche Eintragungen in der Regel nach fünf Jahren aus dem Register gelöscht wurden. Ansonsten hätte ich wegen meines erweiterten Führungszeugnisses die Ausbildung zum Krankenpfleger vergessen können. Und die paar Male, die ich danach handgreiflich geworden war, hatte meine Mutter immer erfolgreich außergerichtlich klären können.

Gute Güte, wieso benahm ich mich wie ein verdammter Schwerverbrecher, obwohl ich rein gar nichts angestellt hatte?

Ich umschloss mein Getränk mit allen zehn Fingern und ignorierte dieses Mal ihr sanftes Beben, während ich den Inhalt in mich kippte.

Genug.

Mir war klar, dass mir keine Ruhe vergönnt war, bis ich endlich handelte, weil ich die Verantwortung für Noahs Unversehrtheit nicht tragen wollte und sie mit einem einzigen Anruf bei der Polizei den Besitzer wechseln würde. Dann würde mich das alles nichts mehr angehen. Dann müsste ich nur noch warten, bis sie ihn mir gesund und munter zurückgaben.

„So machen wir’s“, nuschelte ich und bezahlte, bevor ich reichlich unsicher auf die Beine kam und aus dem Laden schwankte.



Die kühle Nachtluft draußen tat gut, nüchterte mich etwas aus. Ich nahm einen tiefen Atemzug von ihr, steckte mir zeitgleich den was-weiß-ich-wievielten Glimmstängel zwischen die Lippen und setzte mich langsam in Bewegung.

Die Gegend wirkte zwielichtig, überall standen kleine Grüppchen von Leuten, die nicht unbedingt wirkten, als wären sie unterwegs, um Party zu machen. Ich machte einen Bogen um sie, weil sie mir bestimmt nicht dabei helfen würden, das nächste Polizeirevier zu finden.

Ich wünschte, ich hätte vor meinem kleinen Abstecher nochmal mein Handy aufgeladen, dann könnte ich jetzt einfach Google Maps benutzen.

Selbst schuld.

Seufzend durchwühlte ich meine Jackentaschen, fand aber nicht, wonach ich suchte. Wahrscheinlich hatte ich mein Feuerzeug beim Rauchen irgendwo auf der Theke der Kneipe liegenlassen.

Großartig, heute feierte mein Karma wohl Silvester.

Ich schnaubte lautstark und sah mich um. Irgendwo musste sich doch jemand antreffen lassen, der ebenfalls qualmte und dabei nicht aussah, als würde er sich am liebsten bei der nächstbesten Gelegenheit prügeln. Ich wollte mich von Ärger fernhalten, immerhin war ich gerade auf dem Weg zur Bullerei.

Ungeduldig scannte ich mit den Augen die Umgebung ab – und entdeckte eine Gruppe, bestehend aus vier Typen, die ziemlich ungefährlich aussahen. Zumindest glitzerte die Lederjacke des einen und wer sich Pailletten an die Kleidung nähte, war bestimmt nicht gut im Nahkampf.

„Hey.“ Ich nahm kurz die Kippe aus dem Mund, um ordentlich mit der Diskokugel reden zu können.

„Hi.“ Er grinste mich an und, wie aufs Stichwort, verpissten sich seine drei Freunde.

Irritiert sah ich ihnen nach, kümmerte mich dann aber nicht weiter darum. Schließlich hatte ich Besseres zu tun. „Hast du Feuer?“

„Klar.“ Sofort glomm ein zartes Flämmchen unter meiner Zigarette auf.

Ich paffte kurz, bevor er das Feuerzeug wieder wegsteckte. „Danke.“

„Keine Ursache.“ Er lehnte sich nach hinten an eine bröckelige Hauswand und öffnete in einer geschmeidigen Bewegung seine scheußliche Jacke. „Kann ich dir vielleicht bei noch etwas anderem behilflich sein, Süßer? Du siehst aus, als könntest du ein bisschen Ablenkung gebrauchen.“

Süßer?

Ich schauderte. Kosenamen waren grässlich – wenn ich sie nicht selbst verteilte natürlich. Herzchen passte bei Noah nämlich wie die Faust aufs Auge.

„Kannst du wirklich“, murmelte ich und blinzelte verwirrt, als er sich urplötzlich dicht vor mich stellte und mir eine Hand in den Nacken legte. „Was …?“

„Was darf’s denn sein, hm? Ich bin offen für alles.

Machte der mich gerade an?

„Eigentlich-“

„Ich wette, ich schaffe es, dir all deine Sorge aus diesem hübschen Köpfchen zu vögeln.“

„Das“, ich sah ihm ins Gesicht, etwas unschlüssig, aber er wirkte gepflegt, sanfte Haut und große, dunkle Augen. Gezupfte Brauen, gewaschenes Haar, „klingt nicht schlecht.“

Er lachte leise, ein schönes Lachen. Erinnerte mich an das freche Kichern, das der Noah aus meinem Traum gehabt hatte. Und war ich nicht ursprünglich hergekommen, um mich zu entspannen, einen Moment lang alles zu vergessen, was mir körperliches Unbehagen bereitete?

„Bist du mehr ein Fan von Öffentlichkeitsarbeit oder willst du mich lieber irgendwohin entführen, wo wir ungestörter sind?“ Er spielte mit den Haaren in meinem Nacken, glitt dann mit der Hand tiefer, hakte den Zeigefinger in den Bund meiner Hose und zupfte spielerisch an ihr.

„Du würdest mir einfach einen blasen, obwohl uns jeder sehen könnte?“

„Wenn du darauf stehst. Ich bin nicht wählerisch.“

Die Vorstellung hatte etwas Anregendes an sich, aber ich war mir fast sicher, dass nicht jeder der Kerle im näheren Umkreis besonders schwulenfreundlich war. Und mitten im Akt gestört zu werden, entsprach nicht gerade meinen Fetischen.

„Zu mir.“

„Wie schade.“ Er stopfte beide Hände in seine Jackentaschen. „Also, wo geht’s lang?“

„Die Straße runter. Dauert zu Fuß circa zwanzig Minuten.“

„Okidoki. Brauchst dir übrigens keinen Kopf um Zeitzuschläge zu machen, ich bin da kulant.“

Was durfte ich denn darunter bitte verstehen?

Ich runzelte die Stirn.

Vielleicht hatte schon zu viel Alkohol meine Blut-Hirn-Schranke überquert und nur deswegen blickte ich nicht, worauf er hinauswollte. Aber Noah redete auch meistens ziemlichen Dreck, von dem ich überhaupt keinen Dunst hatte. Im Zweifelsfall einfach lächeln und nicken.

„Kommst du von hier?“, wechselte Paillette das Thema und ging entspannt voraus.

Ich schüttelte den Kopf. Es war schwierig, den Fokus beizubehalten. „Nein. Du?“

„Oh, ich bin hier und da und überall zu Hause.“

„Was ist das für eine bescheuerte Antwort?“

Er drehte mir das Gesicht zu und zwinkerte. „Kleine Jungs wie ich müssen sich schützen. Man weiß nie, ob man am Ende nicht zufällig an den großen, bösen Wolf geraten ist, oder?“

„Mh.“ Ich schnaubte. Da war er schonmal schlauer als Noah. Der hatte ja, ohne groß nachzudenken, all seine Informationen im Netz für mich offengelegt.

„Also“, redet er weiter, „gibt’s irgendwelche Kinks, über die ich Bescheid wissen sollte? Irgendetwas Perverses?“

Heilige, waren alle Schwule in freier Wildbahn so direkt?

„Eventuell.“ Ich ließ meinen Blick an ihm hinabgleiten. Er war meinem Freund ähnlich. Abgesehen vom Gesicht teilte er auch seinen Körperbau. Glitzerjacke war unter dem Leder genauso dürr und, bei genauerem Hinsehen, hatte er sogar die gleichen helllila Augenringe.

„Soll ich raten?“ Er blieb kurz stehen und legte eine Hand an sein Kinn, schob die blasse Unterlippe vor, bevor seine Augen zu meinem Gürtel zuckten und ein Schmunzeln sich auf seinen Lippen ausbreitete. „Du magst es härter, oder?“

„Gut möglich.“ Ich beobachtete seine Finger, die sich an meinen Gürtel schummelten.

„Spanking?“ Er entfernte seine Griffel wieder und lief rückwärts weiter, die Pupillen auf mich fixiert. „Choking?“

Mein Puls beschleunigte sich. „Praktizierst du diese Dinge?“

„Ich mache ziemlich viel, wenn die Entlohnung stimmt.“ Er lachte amüsiert.

Oh, und wie ich ihn entlohnen würde. Ich würde beweisen, dass der Vorfall letzte Nacht nur die Ausnahme der Regel war, dass ich eigentlich ein verdammter Gott im Bett war. Ich würde ihn so lange ficken, bis er mich anflehte, endlich abzuspritzen.

„Na dann.“ Ich beschleunigte meine Schritte, sein heiteres Glucksen in den Ohren.

Es begleitete mich die letzten schweigsamen Minuten bis zum Motel.



„Und wie darf ich dich nennen?“ Er fackelte nicht lange, schälte sich schon die Kleidung vom Leib, bevor ich die Tür hinter uns überhaupt richtig geschlossen hatte. Als ich mich ganz in seine Richtung drehte, trug er nur noch hautenge, pechschwarze Shorts.

„Paul“, raunte ich und schlich auf ihn zu, umfasste sein Gesicht. „Und ich dich?“

„Leon. Aber“, er schlang seine Arme um meinen Hals, „ich kann auch anders heißen, wenn du willst.“

„Warum sollte ich das wollen?“

Er wartete, bis ich von ihm abließ, und führte mich dann langsam Richtung Bett. „Gibt nichts, das ich nicht schon erlebt habe, Paul.“

Mein Name von seinen Lippen bescherte mir Gänsehaut, floss wie klebriger Honig von meinen Ohren den Nacken und die Wirbelsäule hinab.

„Ziehst du dich selbst aus oder soll ich das übernehmen?“ Leon besaß eine gute Mischung aus Selbstbewusstsein und sexueller Unterordnung, aber ich vermisst einen Hauch Schüchternheit in seiner Stimme oder diese zarte Röte, die einem bei Erregung in die Wangen kroch. Wie bei Noah.

„Zieh mich aus.“

Er grinste, fuhr mit den Händen unter mein Oberteil. Kälte Fingerkuppen, die meinen bloßen Bauchnabel streiften.

Ich seufzte und senkte die Lider, als er mir das Shirt über den Kopf streifte und gleich darauf seine Lippen gegen mein Brustbein presste. Ich streichelte ihm durchs Haar. „Mach weiter.“

Kichern. „Nicht so ungeduldig. Zuerst sollten wir klären, was du genau von mir verlangst.“

„Was sich halt ergibt.“

„So läuft das aber nicht.“ Er richtete sich wieder auf, verdrehte die Augen. „Ich wurde schon oft genug verarscht.“

Ich verstand kein Wort. „Wie-“

„Jedenfalls – ‘nen Blowjob gibt’s ab zwanzig Euro, Sex kostet fünfzig, weil’s anal ist. Beides zusammen für sechzig, mit Vorspiel fünfundsechzig, weil ich heute in Spendierlaune bin und du, im Gegensatz zu den Typen, von denen ich mich sonst flachlegen lasse, ziemlich schnuckelig bist. Deine Fetische sind für ‘nen kleinen Aufpreis auch mit inbegriffen.“ Er hob eine Braue. „Also, was darf’s sein?“

Preise?

Ich starrte Leon an, dann seine Klamotten auf dem Boden, die viel zu enge Jeans, die auffällige Jacke. „Du-“

„Ah, fast vergessen. Bareback kostet dreißig extra. Wegen der Gefahrenzulage.“

„Du bist eine … Prostituierte?“ Ich trat einen Schritt zurück, ungläubig.

„Was denn sonst?“ Er legte den Kopf schief. „Sag nicht, du dachtest, ich flirte wirklich mit dir?“

Ach du Scheiße.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich blechte nicht für Sex. Das war absolut inakzeptabel.

„Wieso hätte ich dich sonst das ganze Zeug fragen sollen?“ Leon verschränkte die Arme vor der Brust, als ich immer noch nicht antwortete. „Machst du ‘nen Rückzieher, oder was?“

Dafür bezahle ich nicht.“

„Ernsthaft?“ Jetzt wurde er wütend. Da war nichts mehr von seiner spielerischen Art, seinen gehauchten Versprechungen.

Ich hatte tatsächlich eine Nutte abgeschleppt.

„Meine Fresse. Vielleicht solltest du nächstes Mal nicht auf dem Straßenstrich herumlungern, wenn du auf der Suche nach kostenlosem Spaß bist“, knurrte er und klaubte seine Sachen vom Boden auf, ehe er lautstark fluchend zur Tür stiefelte.

„Das hier habe ich nicht nötig.“ Meine Stimme klang seltsam in meinen Ohren. Irgendwie hohl.

Er stoppte, die Klinke bereits nach unten gedrückt, und warf mir einen abschätzigen Blick zu. „Hol dir halt selbst einen runter, Arschloch.“ Dann war er einfach weg, als wäre das alles bloß ein schlechter Traum gewesen.

Ein ordentliches Bisschen perplex hockte ich mich an die Bettkante und vergrub ganz kurz das Gesicht in den Händen.

Ich war Anfang zwanzig, hatte einen Job, sah gut aus – wieso dachte dieser Wichser, ich wäre darauf angewiesen, mir eine Runde Spaß zu erkaufen? Ich kam auch so auf meine Kosten. Mit Menschen, die es freiwillig taten, ohne Gegenleistung.

Fuck.“ Ich ließ mich nach hinten fallen, starrte blind nach oben. Da war ein Riss neben der Deckenlampe und in der Unterseite der Lampe selbst hatten sieben oder acht Mücken ihr Ende gefunden.

Der krönende Abschluss für einen rundum beschissenen Tag.

Obwohl ich von Anfang an hätte bemerken müssen, dass es mit Leon viel zu schnell zum Eingemachten gekommen war. Normalerweise musste ich schließlich auch Arbeit in einen One-Night-Stand stecken. Aber, keine Ahnung, wahrscheinlich hatte ich geglaubt, dass es mit Typen eben unkomplizierter wäre als mit Frauen – wobei ich es mittlerweile besser wissen sollte. Immerhin war Noah nicht gerade eine Ausgeburt an Einfachheit, eher das komplette Gegenteil.

Außerdem störte es mich, dass er in jeden zweiten meiner Gedankengänge hineinflutschte wie ein hartnäckiger Parasit. Als würde er sich von Aufmerksamkeit ernähren. Ein Blutegel. Ein Aufmerksamkeitsegel.

Verfluchter Scheißdreck noch eins!“ Ich zwang mich wieder in die Senkrechte und robbte zu Noahs Nachttisch, um einen Blick auf sein Handy zu werfen.

01:24 Uhr. Wieder ein halber Tag vergangen, den ich aktiv vertrödelt hatte, und um diese Uhrzeit und alkoholisiert konnte ich es mir abschminken, bei der Wache aufzutauchen.

Eventuell war es langsam mal an der Zeit, damit aufzuhören, unüberlegt an solche Sachen heranzugehen. Die Konsequenzen deines Handelns betrachten, wie meine Mutter immer so schön zu sagen pflegte. Damals, als ich angeklagt worden war, und bei jedem der anderen Male, als ich Scheiße gebaut hatte. Mit den Nachbarskatzen, mit Gartenzäunen und allgemein fremdem Eigentum. Sachbeschädigung, Ladendiebstähle. Glücklicherweise alles, bevor ich offiziell strafmündig geworden war. Danach hatte ich mich in den Griff bekommen. Gezwungenermaßen.

Stopp.

Unsinnig, mich jetzt in Erinnerungen zu suhlen. Ich musste handeln, eine Lösung finden. Ausnüchtern und vielleicht ein Glas Wasser trinken, damit ich morgen keinen Kater haben würde.

Ja, das könnte ich machen.

Ich quälte mich aus dem Bett und schlurfte ins Bad. Dort standen zwei Gläser herum, in denen unsere Zahnbürsten wohnten. Ich nahm meine heraus und füllte Wasser in den Behälter, schüttete den Inhalt meine Kehle hinab, die zweite Ladung gleich hinterher, so oft, bis mir davon schlecht wurde. Dann wagte ich einen Blick in den Spiegel.

Ich sah aus, als hätte ich im Durchzug geschissen. Die Farbe von Käse war nichts im Vergleich zu meinem Teint. Sogar meine Haare wirkten irgendwie fettig. Da war ganz offensichtlich eine Dusche fällig und frische Kleidung, ich stank nach Kneipe.

Ein kurzer Probe-Schnüffler bestätigte meine Vermutung.

Die Klamotten kamen runter und in eine Ecke des Zimmers, bevor ich in die Kabine sprang, deren Rand Noahs verstauchten Knöchel zu verschulden hatte.

Hör auf, an ihn zu denken.

„Heute kann ich eh nichts mehr machen“, murmelte ich, während ich mir den Dreck vom Leib spülte, in einem schnellen Waschgang. Keine Fünf Minuten später kniete ich vor unserer Reisetasche und kramte frische Unterwäsche, eine Jogginghose und ein T-Shirt heraus. Erste beide Sachen hatte ich bereits an, als es sehr energisch an der Tür hämmerte.

Gereizt schmiss ich das Oberteil aufs Bett und ging zur Tür. „Wer ist da?“

Keine Antwort, nur das Klopfen nahm an Lautstärke zu. Es klang beinahe wütend und allein das ließ mich unmittelbar wissen, dass es sich bei der Person außerhalb nicht um den Zimmerservice handelte. Der ja sowieso nicht um diese unchristliche Uhrzeit hier auftauchen würde. Aber ich hatte da eine ungefähre Idee, wer es vielleicht sein könnte.

Ich verzog das Gesicht und griff nach dem Schlüssel, ließ das Schloss aufschnappen.

Bestimmt hatte der Stricher irgendetwas vergessen. Oder er verlangte Geld für die Zeit, die er vermeintlich in mich investiert hatte. Schadensersatz, wenn man so wollte.

Nur über meine Leiche.

„Was willst-“ Ich riss die Tür auf und spürte schlagartig, wie mir das Herz in die Kniekehlen sackte. „Noah?










*wir haben einfach mal die dort ansässigen Krankenhäuser umbenannt, weil wir keine Ahnung haben, ob wir deren echte Namen nennen dürfen.
So viel dazu.
Schönes Restwochenende noch - oder einen schönen Wochenanfang, je nachdem, wann das hier gelesen wird :)
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