In meinem Abgrund

von Makaber
GeschichteRomanze / P18 Slash
28.03.2020
15.10.2020
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15.10.2020 5.199
 
Guten Morgen miteinander!
Hier der zweite Teil des Kapitels.
Habt Spaß!





Kapitel Zweiunddreißig - Teil II


Es dauerte keine fünf Minuten, bis seine guten Vorsätze ihm abhandenkamen und er beide Hände nach mir ausstreckte. Aber nicht, um mich an sich zu ziehen, sondern ziemlich grob an den Schultern von sich weg zu stoßen.

Irritiert brachte ich meine Machenschaften zum Halt und zog meine Finger aus seinem zuckenden Hintern. Drei hatten nebst meiner Zunge in ihn gepasst und eigentlich wäre jetzt der vierte dran gewesen. „Was hast du?“

„I-ich bin fast gekommen.“ Seine Stimme klang benutzt. Allgemein sah er ziemlich durchgevögelt aus, was vermutlich daran lag, dass er sich unter mir gewälzt hatte wie ein tollwütiges Opossum.

„So? Ist das nicht der Sinn der Sache?“

„D-doch, schon, aber …“, er schlang die Arme um mich selbst. „Was wäre, wenn ich dir j-jetzt sagen würde, dass ich aufhören will?“

Das konnte doch jetzt nicht wahr sein!

Ich holte tief Luft, versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.

Das hier war Noah. Ein Noah mit einem Mordsständer und einem geweiteten Arschloch. Er wollte bestimmt nicht, dass wir unsere Tätigkeit beendeten. Da musste irgendeine andere Bedeutung hinter dieser Frage liegen. Nur wusste ich nicht, welche.

„Wie meinst du das?“

„Wenn ich … nicht mehr will.“ Er biss sich kurz auf die Unterlippe. „W-was würdest du dann tun?“

Ich brauchte ein bisschen, bis ich kapierte, worum es ihm ging. Ausschlaggebend war letztlich die schlecht versteckte Panik in seinem Blick.

Er wollte mehr für mich sein als nur irgendein Lustknabe. Er wollte Bestätigung, vielleicht einen Liebesbeweis.

Also stellte ich mich blöd.

„Na“, meinte ich und zuckte betont ahnungslos mit den Schultern, „ich denke, dann würden wir weiter fernsehen. Oder Karten spielen. Viel mehr geht mit deinem Fuß ja schlecht.“

Kurz wanderten seine Pupillen zur besagten Gliedmaße, dann erneut zu mir. „Du wärst nicht wütend?“

„Ein bisschen enttäuscht vielleicht, aber eigentlich habe ich nicht damit gerechnet, dass es überhaupt so weit kommen würde, von daher nein. Ich meine, du hast ziemlich klar ausgedrückt, wie sehr ich dich verletzt habe. Deswegen nehme ich, was ich kriegen kann. Ansonsten bin ich zufrieden damit, dass du einfach nur bei mir bist.“

„O-okay, also“, gleich hatte ich ihn soweit, „ich will aufhören.“

Was?

Ich blinzelte verdattert. War das eben etwa nicht bloß eine Art Treueprüfung gewesen?

„Paul?“ Er setzte sich auf, schnappte nach meiner Hand, die immer noch an seiner Hüfte lag, und ich hätte sie ihm am liebsten ausgerissen für diese absolute Frechheit, aber das hätte mein theatralisches Schauspiel zunichte gemacht. Ich musste mich zusammenreißen.

„Alles klar.“ Nur nicht die Fassung verlieren, sonst endet das hier böse. „Such du schonmal einen Film raus. Ich bin kurz im Bad.“

„W-wieso?“

Um meinen Kopf gegen die Wand zu hämmern.

„Weil ich mir einen runterholen will.“

Darauf kam erstmal keine Antwort mehr, bis ich schon halb durch den Raum Richtung Toilette gelatscht war. „W-warte!“

Ich hielt inne. „Hm?“

„I-ich wollte nur gucken, ob … ob du die Wahrheit sagst.“

Also doch.

Innerlich um zehn Tonnen schwere Felsbrocken erleichtert, verzog ich nach außen hin verärgert das Gesicht. „Kannst du dir vorstellen, dass mich das auch irgendwie trifft, wenn du ständig darauf herumhackst? Ich versuche, mich zu bessern, oder nicht?“

„T-tut mir leid.“ Er igelte sich zusammen wie ein geprügelter Hund. „Ich habe nur Angst, dass du mich fallen lässt, nachdem … nachdem wir Sex hatten.“

„Das Thema hatten wir bereits. Ich weiß nicht, was ich dir dazu noch sagen soll.“ Mir kamen noch ein paar interessante Vorwürfe in den Sinn, aber bevor ich meinen Mund öffnen konnte, drängte sich eine andere Idee in den Vordergrund. Eine verdammt überzeugende.

Ich ging zu ihm zurück, verschränkte währenddessen die Arme vor der Brust. „Ich habe mich sogar extra auf Geschlechtskrankheiten testen lassen, weil du es unbedingt wolltest.“

Er kugelte sich wieder auseinander, machte große Augen. „E-ehrlich? Das hast du gar nicht erzählt.“

Ein Hoch auf meine Fähigkeit, ein Lügenkonstrukt, sobald es vorhanden war, passend mit Details und Zusammenhängen schmücken zu können. „Wir haben uns gestritten, erinnerst du dich? Mir erschien es nicht sonderlich schlau, das Thema anzuschneiden, nachdem ich dir gesagt habe, dass du bloß für Sex gut bist.“

„Oh.“ Er winkelte die Knie an, bedeckte seinen Intimbereich erfolgreich mit den Schienbeinen. „Das … kann ich das Ergebnis s-sehen?“

Ich seufzte entnervt. „Noah, ich habe dir doch gesagt, dass wir hierher gefahren sind, um einfach nur Zeit miteinander zu verbringen und uns wieder ordentlich zu versöhnen, oder? Warum, zum Teufel, hätte ich den Wisch also mitnehmen sollen?“

„St-stimmt.“ Er sog die Unterlippe zwischen seine Zähne. „K-kannst du es mir dann zeigen, w-wenn wir wieder zu Hause sind?“

„Weil du mir sonst nicht glaubst, ja?“ Ich fuhr herum, mit sichtbar geballten Fäusten, und stakste zurück zur Badezimmertür. „Wir können weiter darüber reden, falls du dich irgendwann dazu überwunden hast, mir ein Minimum an Vertrauen entgegenzubringen.“

„Aber-“ Es raschelte, dann krachte es.

Ich verharrte mitten in der Bewegung, drehte den Kopf.

Noah lag halb vor dem Bett, schien erneut umgeknickt zu sein. Wahrscheinlich hatte er in der Hitze des Moments vergessen, dass er momentan ein wenig eingeschränkt war. Das war aber nicht, was mich an dem Anblick fesselte. Mehr die Tatsache, dass das Bild betörend auf mich wirkte – also nicht, dass er sich auf die Nase gelegt hatte, aber die Art, wie er dort kauerte und versuchte, hilflos zurück auf die Beine zu kommen. Mir hinterher zu krabbeln. Auf allen Vieren.

Ich schluckte, riss mich am Riemen, immerhin war ich gerade dabei, den perfekten Freund zu mimen. Mir jetzt auf seine Verzweiflung einen runterzuholen, würde meine ganzen Anstrengungen mit Sicherheit zunichtemachen. Obwohl, vielleicht stand der Freak da auch drauf. Wer wusste das schon?

„Alles in Ordnung?“ Ich kniete mich zu ihm hinunter, umfasste sein Gesicht und strich ihm behutsam das wirre Haar aus der Stirn. „Hast du dir wehgetan?“

„Ähm …“ Seine Hand verirrte sich auf meine Schulter, während er hektisch den Kopf schüttelte. „N-nein. Nichts passiert.“

„Dann ist ja gut.“ Ich lächelte ihn an, hoffentlich übertrieben liebevoll. „Hören wir auf zu streiten, okay? Lass uns einfach irgendeinen bescheuerten Film ansehen, dabei kuscheln und irgendwann einschlafen. Wie klingt das?“

„A-aber wir haben doch erst Mittag.“

„Und? Wird's halt mal ein Faulenzer-Tag.“ Ich zog ihn an mich und bugsierte ihn zurück ins Bett. Kurz darauf lagen wir uns gegenüber und sahen uns kitschig in die Augen, bevor ich meine Nase gegen seine stupste. „Das ist doch gemütlich, oder?“

Er nickte knapp. Ich merkte, wie sein Blick zu meinen Lippen hinabglitt. Warmer, überstürzter Atem küsste mein Kinn.

„I-ich vertraure dir, Paul, wirklich, nur-“

Ich ließ ihn extra nicht ausreden. Immerhin wollte ich hier auf etwas hinaus. „Habe ich dir jemals gesagt, dass du schöne Augen hast?“

„Ähm …?“

„Sie wechseln manchmal die Farbe. Je nachdem, wie das Licht auf sie fällt.“

Schlagartig verfärbte sich sein gesamtes Gesicht rot. „A-also, ich … ich mag deine Augen auch.“

„Ja?“ Ich rückte näher an ihn heran, drückte meine Hand auf die Stelle an seiner Brust, an der sein Herz heftig gegen die Rippen pochte. Eine Geste, die ich mir bei ihm abgeguckt hatte.

„J-ja.“ Er leckte sich über die Lippen, schauderte. „Manchmal ist es, a-als würde man eine Wand angucken.“

Und stopp. Jegliche Romantik futsch.

„Bitte?“

„S-sie sehen aus wie n-nasser Mörtel. Dieser graue.“

Nasser Mörtel?“ Ich lehnte mich nach hinten weg, zog die Stirn kraus. „Wie darf ich das denn verstehen?“

„Manchmal sind sie g-ganz kalt.“

„Deine Augen sind leer.“ Noahs Stimme ausgetauscht durch das Zischen meiner Mutter.

Ich massierte mir die Schläfen. „Versuch nie wieder, mir Komplimente zu machen, Herzchen. Davon kriege ich Migräne.“ Und Flashbacks wie ein traumatisiertes Kind, aber das wäre ein Zuviel an Informationen.

„‘Tschuldigung.“ Er verringerte die Distanz zu mir, drückte seine Lippen seitlich an meine Halsschlagader. Ein Friedensangebot, auf das ich nur zu gerne einging. War ja nicht unbedingt der Fall, dass ich gerne über meine Familie nachdachte, wenn ein nackter Körper sich willig neben meinem räkelte.

„Kannst mich ja ein bisschen dafür entschädigen“, murmelte ich und schloss die Lider, entspannte mich unter seinen zaghaften Berührungen. Es war mir immer wieder ein Rätsel, wie er einfach mir nichts, dir nichts zwischen schüchtern und forsch hin- und herwechseln konnte, als würde jemand einen Schalter umlegen. Oder aber das kam davon, dass seine Gier über seine Nervosität siegte. Mich kümmerte es nicht wirklich, ich wollte nur nicht, dass er aufhörte. Jemals.

„Tiefer.“

Er gehorchte, malte mit den Fingerkuppen auf dem Weg zu seinem Ziel unsymmetrische Figuren auf meine Haut, das Brustbein hinab bis zum Beginn meiner Lenden.

Ich seufzte, half ihm dabei, mir die Hose von den Hüften zu streifen, Boxershorts und T-Shirt gleich hinterher. Dann war da nur noch siedendes Magma um mich herum. Seine Lippen, die sich in einem Moment sanft, im nächsten lüstern über mich stülpten.

Scheiße, Noah.“ Fahrig packte ich eine gute Portion seiner Haare, zerrte ihn von mir weg. „Wenn du mit diesem Tempo weitermachst, wird das ein kurzes Vergnügen für mich.“

„B-bin ich gut?“

„Wie eine Prostituierte im Ausbildungsprozess.“

Er schlug nach mir, schien aber nicht beleidigt. Dafür leuchteten seine Wangen viel zu sehr wie eine kirschrote Reklametafel in der Nacht. Vorzugsweise über einem Edelbordell.

„Du bist fantastisch, mein Herz. Ich glaube, perfekter kann es nur noch werden, wenn wir uns endlich richtig nahekommen.“ Ich wartete kurz, wusste, dass der Satz die Rädchen in seinem Oberstübchen ganz wunderbar zum Rattern brachte. Jetzt musste er bloß noch die richtigen Schlussfolgerungen ziehen.

Was er auch tat.

„Vielleicht könnten wir ja probieren … e-es nochmal probieren …?“

„Möchtest du denn?“ Ironische Frage, die er mir trotzdem mit einem unsicheren Nicken beantwortete. Er murmelte noch etwas Zustimmendes, aber ich hörte nicht genau hin. Mein Verstand hing sich an einem Erklärungsversuch dafür auf, weshalb ich Schmieröl dabei hatte, obwohl ich ja überhaupt nicht vorgehabt hatte, mit ihm zu schlafen.

Aber auch dieses Mal überraschte er mich: „Uhm, i-ich habe Gleitgel mitgenommen … soll ich es holen?“

Ich grinste, amüsiert. „Darf ich dann annehmen, dass du das hier geplant hast?“

„Weiß nicht …?“ Er schob sich von der Matratze und humpelte zu seiner Reisetasche am Fußende des Bettes. Als er danach wieder neben mich robbte, erkannte ich eine kleine, blaue Tube Glückseligkeit zwischen seinen Skelettfingern.

Ich nahm sie ihm ab und beförderte Noah seitlich neben mich. Heute wollte ich zärtlich sein, behutsam und geduldig, damit er so begeistert wäre, dass er den lieben langen Tag nichts anderes mehr wollen würde, als sich von mir besinnungslos ficken zu lassen. Wieder und wieder. Außerdem war ich kein Unmensch. Sex sollte beiden Seiten gefallen – wenn auch vorrangig eben mir.

„Bereit?“

Sein Kopf ruckelte rauf und runter, hektisch, als befürchtete er, er könnte es sich in letzter Sekunde noch anders überlegen, wenn er mir nicht schnell genug antwortete.

„Gut.“ Ich dirigierte ihn auf den Rücken, vor mir sein halbharter Ständer, darunter der Ort, in den ich endlich hineinwollte. „Entspann‘ dich. Ich tue nichts ohne Vorwarnung.“

„O-okay.“ Trotz seiner Worte stemmte er sich an den Ellbogen hoch in eine sehr unbequeme und verkrampft wirkende Position. Ich kommentierte es nicht, vielleicht erregte es ihn ja, beobachten zu können, wie ich meine Finger mit Gleitgel einsaute und ihn langsam weitete. Auf jeden Fall stachelte es mich an, zuzusehen, wie er sich meiner Arbeit hingab, das Gesicht verzerrt, der Rücken in einer entzückenden S-Linie.

„Gefällt dir das?“ Ich könnte abspritzen, bloß durch das Schauspiel, das er mir bot. Sein sich windender Leib unter meinem.

Ah …“ Keine adäquate Erwiderung, nur unterdrücktes Stöhnen.

Es dauerte nicht lange, bis ich wieder drei Finger bis zu den Knöcheln in ihm hatte. Er war ja im Grunde schon vorbereitet gewesen, das hier war nur die zweite Runde, weil ich nett genug war, mir erneut die Zeit dafür zu nehmen.

„Paul?“

„Mh?“ Ich starrte auf seine Mitte, die im Prozess vollständig zum Leben erwacht war, obwohl ich ihn gar nicht angefasst hatte. Reine Penetration reichte aus.

„D-darf ich dich auch …?“

„Solange du dich nicht an meinen Hintern heranwagst.“

Er ignorierte die Aussage, streckte stattdessen seine Hand nach mir aus. Und ich keuchte überrascht, als sie sich nicht, wie erwartet, auf meinen Oberkörper legte, sondern fest um meinen Schwanz schloss. Der Rhythmus, den sie vorgab, war unbarmherzig. Ruckartig und viel zu hektisch, um es genießen zu können, aber gleichzeitig gerade richtig. So richtig, dass mein Spaß sich abrupt dem Ende zuneigen wollte.

Fuck, warte!“ Schwer atmend packte ich ihn am Unterarm, stoppte den derben Wichsversuch. „Lass los.

„W-wieso …?“ Noah löste den Klammergriff seiner Finger, ich stöhnte unterdrückt.

„Weil du mich sonst fertigmachst, noch bevor wir überhaupt richtig angefangen haben.“

„Oh.“ Tolle Zusammenfassung meiner momentanen Erregungsphase. „D-dann … willst du?“

Musste er das wirklich fragen?

Ich bezwang den drohenden Orgasmus in meinem Unterleib und platzierte mich zwischen seinen gespreizten Beinen. Ohne Kondom und ohne Gemecker deswegen. Ich hätte ihn einfach von Anfang an belügen und nicht so einen Aufstand machen sollen.

„P-Passt du auf?“ Er spannte sich an, zupfte am Bettlaken herum. Sein Glied flachte ab, proportional zur steigenden Nervosität in seinen Gesichtszügen.

„Ich bin ganz vorsichtig, okay? Du gibst das Tempo vor.“ Zumindest bis ich drin war. Dann hatte er einen Scheiß zu entscheiden.

„G-gut.“

Ich musterte ihn noch kurz, strich mit den Fingerspitzen über seinen eingesunkenen Bauch, den Beginn seines Rippenbogens. „Willst du dich lieber umdrehen? Das soll es angeblich leichter machen.“

„Nein!“ Kopfschütteln. „So rum.“

„Sicher?“

„J-ja. Ich will dich dabei sehen.“

„Alles klar.“ Sollte mir recht sein. Ich mochte es auch, ihn anzuschauen. Er war auf eine groteske Weise anbetungswürdig, wenn er sich vollkommen entblößt unter mir befand.

„A-alles klar“, wiederholte er und lehnte den Kopf zurück, schloss die Augen. Seine Stimme hörte sich zittrig an, weit aufgeregter als bei unserem ersten missglückten Versuch. Damals hatte er auch nichts dazu gesagt, dass ich ihn zunächst von hinten hatte nehmen wollen.

Ich schüttelte die Gedanken ab, brachte meinen Schwanz in Position, fixierte Noah mit den Augen, während ich mich langsam in ihn drängte – und er sich prompt ganz fürchterlich verkrampfe. Seine Knie pressten sich gegen meine Hüften, als hätte er sie nur zu gerne komplett geschlossen, wenn es ihm möglich gewesen wäre.

Ich rubbelte mit einer Hand über seinen Oberschenkel, in der Hoffnung, dass ihn die Streicheleinheiten etwas beruhigten, brach dann aber doch ab, als sich an seiner Körperspannung nichts änderte. Dass es dermaßen unangenehm für ihn sein würde, damit hatte ich ehrlich nicht gerechnet. „Tue ich dir weh?“

„N-nein …“ Unsicher schielte er zu mir, wartete meine Reaktion ab, aber ich war einfach nur verwirrt.

„Warum bist du sonst so angespannt?“

„Weil“, er löste die Nägel aus dem Laken und schlang die Arme um sich selbst, „was ist, w-wenn ich das nicht … kann?“

„Wie können?“ Es war verdammt schwierig, ein ordentliches Gespräch mit ihm zu führen, wenn meine Eichel in im steckte und sein Unterleib um mich herum zuckte, als würde sein Loch mich melken wollen.

Fuck.

„Wenn ich sch-schlecht darin bin? Ich meine, w-was soll ich machen? Wie soll ich mich bewegen, wenn ich auf dem R-Rücken liege, damit-“

Verfluchte Scheiße, du musst gar nichts machen. Bleib einfach liegen und … sieh hübsch aus.“ Ein Schaudern fuhr durch meinen Körper. Noah ruckelte unter mir herum, sorgte unbewusst – oder sehr bewusst – dafür, dass ich minimal aus und wieder in ihn glitt.

Es brachte mich um den Verstand. Und seine Beine spielten immer noch Zange um mein Becken herum.

„H-hübsch?“

„Tu mir den Gefallen“, keuchte ich und drängte mich zwei weitere Zentimeter in seinen Darm. Ich meine, wenn es ihm kein Unbehagen bereitete, durfte ich das schließlich. „Weniger reden, mehr anfassen.“

Er gehorchte, richtete sich erneut auf und streichelte mir dieses Mal federleicht über den Hals, nur um sich schließlich in meinem Haar zu verkrallen. Und mich noch ein gutes Stück näher an sich zu ziehen.

Es fehlte nicht mehr viel und ich wäre bis zum Anschlag in ihm.

„P-Paul?“

Ich riss mich von dem Anblick unserer fast-verschmolzenen Unterleiber los und schaute ihn an. Eigentlich erwartete ich, dass er mich bat, ein wenig gemächlicher an die Sache ranzugehen, aber das tat er nicht. Im Gegenteil.

„Ich will dich g-ganz in mir spüren.“

Scheiße, ich stand ja so überhaupt nicht auf Vogelgezwitscher, während ich Sex hatte, aber Noah sagte es mit einem Gesicht, dass Fick mich schrie und diese Widersprüchlichkeit vernichtete das letzte Fünkchen Selbstbeherrschung, das ich bis eben noch notdürftig zusammengehalten hatte.

Ein letzter Stoß und wir waren eins.

Ehrlich, im Zusammenhang zu vaginalem Sex verglich man hier ein Nadelöhr mit einem Luftschacht. Es war nicht in Worte zu fassen, wie verflucht glücklich ich darüber war, dass der Darm sich beim Akt nicht wie ein Gummischlauch dehnte, wie manch andere weibliche Körperteile es bevorzugten.

Vermutlich würde ich niemals wieder normal mit einem Mädchen schlafen können.

Keuchend beugte ich mich über Noah, stützte mich mit den Ellbogen eben seinem Gesicht ab und drückte meine Stirn gegen seine. „Du hast keine Ahnung, wie verflucht eng du bist.“

Er hörte nicht zu. Sein Mund war geöffnet. Ich sah seine Zungenspitze dermaßen verrucht über die untere Partie lecken, dass das Bild einen schlechten Einfluss auf meinen Kreislauf ausübte. Mit etwas Pech würde ich jeden Moment an einer hypertensiven Krise zugrunde gehen. Aber das Allerschlimmste war, dass ich ihm den feuchten Film am liebsten von den Lippen geküsst hätte. Und es war so verdammt schwer, mich zurückzuhalten, nicht einfach nachzugeben und ihn in sein sanftes Fleisch zu beißen.

„Ich“, er schlang die Arme um meinen Nacken, sah mir mitten in die Augen, „ich …“

Mir war klar, was er sagen wollte. Das war nicht schwer zu erraten, aber ich wollte es nicht hören, also zerrte ich ihn mit in die Senkrechte und auf meinen Schoß, während ich mich nach hinten kippen ließ. Diese Position hatte mich schon immer gereizt, allem voran, weil ich faul war und mich gerne verwöhnen ließ. Es ging doch nichts über einen Partner, der wusste, wie er meinen Schwanz zu benutzen hatte. Wie Vanessa es auf Steves Party vor ein paar Wochen vorgeführt hatte.

Ah!“ Er bebte in meinen Armen, krallte sich an meinen Schultern fest. Gänsehaut zog sich über seinen Rücken. Ich spürte sie, als ich seine Wirbelsäule nachfuhr, die einzelnen Erhebungen zählte, bis ich sein Steißbein erreichte und meine Nägel in seinen Hintern bohren konnte.

Und dann bewegte er sich.

Ich konnte mich nicht entscheiden, was mir besser gefiel – die Art, wie er mich dabei mit verhangenen Augen ansah, bedürftig und sehnsüchtig, oder die Bewegungen seines Körpers, die mich ohne jeglichen Rhythmus immer wieder aufs Neue in ihn trieben. Auch wenn sein Heben und Senken noch Übung bedurften.

„Gib’s zu, du, fuck, hast dir selbst mehr als nur einen, ah, Plug hinten reingeschoben.“ Ich zischte, als er an Tempo zunahm. Da baute sich erneut unerwünschter Druck in meinen Eiern auf, den es auszubremsen galt, aber ich kam nicht dazu, mich darauf zu konzentrieren, weil Noahs Lippen sich just in diesem Moment zu einem perfiden Lächeln verzogen, das gleichermaßen scheu und hinterlistig war. Genau wie in meinem Traum.

Es war schlagartig zu viel.

Ich schaffte es nicht mehr rechtzeitig, ihn von mir hinunterzuschieben. Stattdessen arbeitete mein Körper gegen mich und presste sich für ein paar letzte Stöße voller Wucht in den gebrechlichen Leib über mir, fand Erlösung.

Zu früh.

„Bist … bist du schon gekommen?“

Es gab kaum einen Satz, den ich gerade weniger hören wollte.

Wärme stieg in mir auf, die beschissene Sorte Wärme. Nicht die, die sich kribbelnd in der Magengrube ausbreitete, sondern die, die sich wie ein Buschfeuer die Brust hinauf bis in die Ohrenmuscheln fraß. Die, die einen versengte und sich selbst im Nachhinein noch wie Sonnenbrand anfühlte. Ich hasste sie.

„Geh runter von mir.“

„Aber-“

Runter!

Ich begann den folgeschweren Fehler, ihn anzusehen, dabei wusste ich, was für ein Gesichtsausdruck mich erwarten würde. Pure Enttäuschung. Weil ich ständig damit geprahlt hatte, wie gut ich im Bett war, wie viele Frauen ich bereits vor ihm flachgelegt hatte – und dann spritzte ich nach keinen fünf Minuten Sex ab, von denen wir beide auch noch mehr als zwei Drittel damit vergeudet hatten, zueinanderzufinden. Die richtige Aktivität hatte vielleicht achtzig Sekunden gedauert.

Achtzig Sekunden.

Mir wurde noch eine Spur heißer. „Runter, habe ich gesagt!“

Noah atmete zischend ein, als ich ihn von mir zerrte. Er landete halb auf der Seite und sah verkniffen zu mir, die Schenkel perfekt gespreizt, um mich sehen zu lassen, was ich angestellt hatte. Als wollte er mich erniedrigen. „Wieso …?“

„Rate mal“, giftete ich zurück und stemmte mich hoch, kam auf die Füße.  Dieses Mal sah ich ihn nicht an, während ich Richtung Bad stampfte. „Ich bin durch, ich gehe duschen.“

„Aber-“

Das Zuschlagen der Tür unterbrach ihn. Glücklicherweise, ich hatte nämlich nicht vor, mir sein Gelaber anzuhören. Meine Laune war auch so schon schlecht genug. Außerdem schaffte er es in regelmäßigen Abständen, mich ungewollt zu beleidigen, und einen weiteren Seitenhieb konnte ich momentan echt nicht gebrauchen.

„Paul!“ Rascheln von draußen. Ich kümmerte mich nicht darum, stellte mich vor das Waschbecken und vermied den Blick in den Spiegel.

Alles okay, sagte ich mir und kniff mir in den Nasenrücken. Das kann passieren. Zwar allgemein eher Nieten, aber-

Die Tür flog auf. Mit ziemlich viel Schwung.

Mit zusammengepressten Lippen drehte ich den Kopf zur Seite und traf auf einen ungläubigen Noah. Das hatte mir gerade noch gefehlt.

„Was?“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Eine Sekunde lang glaubte ich, er würde dasselbe tun, aber er schlang sie bloß um sich selbst, als müsste er sich trösten.

„D-du kannst nicht … jedes Mal, w-wenn … immer, wenn dir etwas nicht passt, l-lässt du es an mir aus.“

Ich ließ meinen Blick über ihn gleiten. Er trug eines meiner T-Shirts, krallte seine Nägel so fest in den Stoff, dass er scharfe Falten warf. Ob er Unterwäsche trug, konnte ich nicht sagen, dafür war das Oberteil ihm zu groß. Es störte mich, wie seine Haltung mir perverse Bilder vors innere Auge schob und mich parallel an einen Welpen erinnerte. Die ich ja in der Regel umbrachte.

„Tatsächlich? Dann hilf mir auf die Sprünge, Herzchen. Was genau habe ich in den letzten Minuten zu dir gesagt, was dich in irgendeiner Weise verletzt haben könnte?“

Er machte den Mund auf – und schloss ihn wieder. Dann zog er die Schultern an. „W-warum bist du gleich weggegangen?“

„Weil ich fertig war.“

„I-ist es dir peinlich, dass du …?“ Wenigstens hatte er genug Anstand, es nicht laut auszusprechen. Nicht dass es die Situation irgendwie verbesserte. Eigentlich wurde ich eher noch wütender, weil er es ja auch hätte totschweigen können. Ich erinnerte ihn immerhin auch nicht jeden Tag an das Feuermal unter seinem rechten Schulterblatt, nur weil es eben existierte.

„Es ist mir überhaupt nicht peinlich. Ich wollte kommen, ich bin gekommen, der Rest ist mir egal.“ Ich wandte mich ab. Für mich war das Gespräch damit beendet.

Für ihn nicht. „U-und wieso bist du dann r-rot geworden?“

Oha, wollte die kleine Freakshow mich etwa provozieren?

Das konnte er haben.

Ich wirbelte herum, packte ihn am Kragen meines Shirts und drückte ihn gegen die nächstbeste Wand – und da das Badezimmer relativ winzig war und jede freie Fläche zugebaut, durfte ich erstmal extrem umständlich an Noah vorbeigreifen und die Tür hinter ihm schließen. Was den Effekt meiner Aktion eventuell etwas schmälerte. Oder sogar etwas zu sehr, denn der Wichser zuckte nicht einmal, als sein Rücken Bekanntschaft mit dem kalten Holz machte.

Das ärgerte mich.

Ich runzelte die Stirn und ließ wieder von ihm ab, um meine Hände neben seinen Schläfen an der Tür abzustützen und mich dicht vor ihn zu stellen. Unsere Nasen berührten sich sogar.

„Ich bin nicht rot geworden, ist das klar?“

Er reckte das Kinn, sah zu mir auf. Seine Nasenspitze rutschte von meiner. „D-doch, bist du.“

„Pass auf, was du sagst.“ Ich sprach leise, warnend. Nur interessierte ihn das einen Scheißdreck.

„D-du machst wieder dasselbe wie in der B-Bar!“

„Ach, tue ich das, ja?“ Meine Schläfen pochten. Ich verstand nicht, warum er das sagte, obwohl ich bis jetzt die Klappe gehalten hatte. Im Gegenteil war er derjenige, der mich netterweise darauf hingewiesen hatte, dass ich schon gekommen war. „Soll ich meine Worte von damals für dich nachbeten? Damit du den Unterschied erkennst? Ich gebe mir nämlich gerade wirklich verdammt viel Mühe, dir keine zu verpassen.“

Da. Endlich verflüchtigte sich ein Teil seiner Aufsässigkeit. Er wollte diese Sachen kein zweites Mal hören und es war ein gutes Gefühl, die Zügel wieder an mich zu reißen. Die waren mir in letzter Zeit oft genug entglitten.

„Lass mich nachdenken – was habe ich noch gleich alles zu dir gesagt?“ Ich lehnte mich näher an ihn, grub für eine Sekunde meine Zähne in sein Ohrläppchen, ein bisschen zu fest, um noch als liebevolle Geste verstanden werden zu können. „Dass du mit deinem Gestotter wie ein kleiner, verängstigter Junge klingst, der sich verzweifelt danach sehnt, von Daddy geliebt zu werden, ihm aber niemals gut genug sein wird?“

„N-nein, das … ist neu.“ Noah senkte den Blick, während ich mich wieder von seinem Gehörgang entfernte. Ich wollte sehen, was für eine Macht meine Worte über ihn hatten, und es war verflucht nochmal befriedigend, wie er mit geballten Fäusten vor mir stand und sein schmächtiger Leib vor unterdrückten Emotionen zitterte.

Jedenfalls wäre es das gewesen, wenn er nur für einen weiteren Moment seine vorlaute Klappe gehalten hätte.

„U-und?“ Er riss seinen Schädel wieder hoch. Trotz schimmerte in seinen Augen. „Was ist schlimm daran, dass ich m-mir wünsche, dass ein V-Vater mich liebt?“

„Was schlimm daran ist?“ Ich schnaubte. „Er will dich nicht. Was hat es also für einen Sinn?“

„E-es muss doch keinen Sinn haben.“

Sein verdammtes Arschloch musste neidisch sein, bei der Menge an Scheiße, die ihm aus dem Mund kam.

„I-ich meine“, er schluckte, dann umfasste er mein Gesicht ganz sanft, als würden wir uns gegenseitig Zuneigungsbekundungen entgegenhauchen und keine Anschuldigungen vor den Latz knallen, „du willst doch auch, dass deine M-Mutter dich liebt, o-obwohl sie als Kind schrecklich zu dir war.“

Ich machte mich los. „Was redest du da? Ich brauche meine Mutter nicht. Wieso sollte ich wollen, dass sie mich liebt? Sie ist mir egal.“

„Ach, Paul …“

Ich ach-paulte ihn gleich.  Was erlaubte er sich, einfach über mein Innenleben zu urteilen? Dieses Recht oblag allein mir.

„Was soll das Gesicht?“ Ich grub meine Finger in seine Wangen, in die kleine Lücke seiner Zähne zwischen Unter- und Oberkiefer. „Hör auf damit!“

„Können wir nicht einfach darüber reden, wieso du-“

Nein, können wir nicht!“ Ich schleifte ihn von der Tür weg, öffnete sie und stieß ich nach draußen in den angrenzenden Raum – allerdings nicht, ohne ihm sofort in einer motorischen Bewegung zu folgen und seinen voraussichtlichen Sturz abzufangen. Beschissenes, verstauchtes Fußgelenk und beschissene Ausbildung, die mich zu nett werden ließ. Ich hätte ihn einfach fallen lassen sollen. Ein Schlag auf den Kopf hätte vielleicht Wunder bewirkt und ihm diese Aufmüpfigkeit aus dem Hirn geschleudert.

„Das …“ Noah schüttelte den Kopf, klammerte sich an meinen Oberarmen fest. Er sah ähnlich durcheinander aus, wie ich mich gerade fühlte, weil ich ihm wehtun wollte und es gleichzeitig nicht getan hatte.

Es war zum Haare raufen.

„Zurück zum Thema.“ Ich nahm meine Griffel von ihm, wischte in derselben Bewegung ebenfalls seine von mir. „Ich habe es nicht nötig, über irgendetwas zu reden. Und genauso wenig habe ich meine Mutter nötig. Oder meinen Vater. Meine Schwester. Irgendwen.“ Unsere Blicke fraßen sich ineinander. „Ich brauche niemanden.“

Er atmete tief ein. Es war nur zu deutlich, dass er einiges dazu zu sagen hatte, aber er blieb stumm, vier oder fünf Herzschläge lang, bis er sich ein paar wacklige Schritte von mir entfernte. „I-ich gehe spazieren.“

Der fehlende Zusammenhang warf mich kurzzeitig aus der Bahn. Dann fasste ich mich wieder und hob eine Braue. „Spazieren?“

„J-ja.“ Er drehte sich um, stolperte zu unserer Reisetasche und kramte frische Anziehsachen heraus. „Bis du dich b-beruhigt hast.“

Ich sah ihm dabei zu, wie er mit verzerrter Miene seinen linken Fuß durchs Hosenbein einer viel zu engen Jeans quetschte, bevor ich auch noch die Mundwinkel zu einem Grinsen verzog, um das Gesamtbild einer herablassenden Miene zu vervollständigen. „Du willst damit“, Fingerzeig auf seine Verstauchung, „spazieren gehen?“

Er würdigte mich keines Blickes, kleidete sich weiter ein. Erst als er in Hose, Kapuzenpullover und Sneakers schon halb im Hotelflur verschwunden war, antwortete er mir: „Dann h-hüpfe ich halt spazieren!“

Das automatische Schloss klickte, als er die Tür hinter sich zuwarf.

Alleingelassen entspannte ich meine Gesichtsmuskeln wieder. Keiner mehr da, dem ich etwas vormachen musste.

„Spazieren-hüpfen.“ Als könnte er mit dem Fuß überhaupt die Treppen ins Foyer überwinden.

Ich schüttelte den Kopf über so viel Dummheit, drehte mich um und stieg in die Duschkabine, ließ eiskaltes Wasser über meine Schultern laufen.

Wenigstens war jetzt keiner mehr da, um mir vorzudichten, was ich warum zu empfinden hatte.



Besagte Dusche zog sich künstlich in die Länge. Ich hatte nicht das Bedürfnis, mich einem redewütigen Noah zu stellen, der mit hundertprozentiger Sicherheit wieder auf dem Bett hocken und über Gefühle sprechen wollte, sobald er mich zwischen die Finger bekam.

Für den nächsten Ausflug sollte ich mir dringend eine Notiz machen, nicht mehr mit ihm zusammen für mehrere Tage an einen Ort zu fahren, an dem ich ihn nicht einfachsitzenlassen konnte, ohne deswegen vermutlich im Nachhinein von seiner Tante die Ohren langgezogen zu bekommen.

Ich seufzte und rubbelte mir die Haare trocken, während ich mir einen Abstecher zum Spiegel erlaubte.

Ich sah wieder menschlich aus. Rote Wangen, die bloß von der feuchtigkeitsschwangeren Luft kamen, und Augen, die keiner Ähnlichkeit mit nassem Mörtel hatten. Es waren ganz normale Augen, wie bei jeder anderen Person auch. Lederhaut, Aderhaut, Glaskörper, vordere und hintere Augenkammer, Sehnerv, Pupille, Linse, Iris, Hornhaut und Ziliarkörper – alles vorhanden, soweit ich es beurteilen konnte. Auf jeden Fall funktionsfähig. Rein physiologisch betrachtet konnten sie also gar nicht leer sein.

Kompletter Bullshit.

Ich riss mich vom Glas los und betrat erhobenen Hauptes unser Schlafzimmer. „Also, Herzchen, ich habe mich wieder beruhigt.“ Meine Stimme triefte vor Sarkasmus, nur war da niemand, um diesen auch wertzuschätzen.

Stirnrunzelnd blinzelte ich in den Raum hinein, aber Noah war tatsächlich nirgends aufzufinden. Der Bastard wollte scheinbar einen auf extra-stur machen.

„Mir doch egal.“ Ich zog mir neue Shorts und ein ausgewaschenes Shirt über, verkroch mich ins Bett und knipste den Fernseher an. Die nächste Folge Frauentausch, derselbe dämlich Plot. Fünfzig Minuten lang, in denen ich überhaupt nicht darauf achtete, ob sich draußen etwas tat oder vielleicht Schritte zu hören waren. Mir war es gerade recht, wenn er sich Zeit ließ, so konnte er mich weniger auf die Palme bringen. Und abgehauen war er eh nicht, weil sein Handy und sein Portmonee oben auf dem kleinen Beistelltischchen lagen, mitsamt Geld und Ausweis. Es war nur eine Frage von Wimpernschlägen, bis er einknicken und vor mir zu Kreuze kriechen würde.

Allerdings stellten sich die Wimpernschläge als ausgesprochen lange Stunden heraus. Er war auch am Abend noch nicht von seinem Ausflug zurück. Oder in der Nacht, als ich Zähne putzend auf Noahs besitzerlose Betthälfte starrte.

Und auch nicht am nächsten Morgen.
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