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In meinem Abgrund

von Makaber
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
28.03.2020
02.03.2021
45
183.436
69
Alle Kapitel
216 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
11.10.2020 4.024
 
Hallo zusammen!
Kapitel zweiunddreißig ist ein wenig länger als die übrigen - laut Word 8902 Wörter - , deswegen haben wir uns einfach mal dazu entschieden, es in zwei Teile aufzuspalten, weil es andernfalls wohl ein bisschen arg lang wäre. Der zweite Teil wird recht zügig folgen.
Lange Rede, kurzer Sinn - viel Spaß beim Lesen!





Kapitel Zweiunddreißig - Teil I


Ich wusste bis auf die Toastbrotsorte beim Frühstück, wie ich mir einen perfekten Morgen vorstellte, aber Noah setzte neue Maßstäbe für Dinge, die ich zu unchristlichen Uhrzeiten bitte nicht miterleben wollte. Ziemlich weit oben auf dieser Liste befand sich Lautes Poltern aus dem Bad. Das bedeutete nämlich erfahrungsgemäß niemals etwas Gutes.

Müde schlug ich die Decke zurück und drehte den Kopf auf die Seite. Mittlerweile war es hell im Zimmer und das Sonnenlicht präsentierte mir eine freie rechte Betthälfte.

„Noah?“

Totenstille, bloß das Gebäude hörte man arbeiten. Fenster, die knarzten, und Rohrleitungen, die fröhlich vor sich hin gluckerten. Von etwas weiter weg eine unidentifizierbare Frauenstimme, die mit irgendwem schimpfte – ein weiterer Grund, den mental ich auf meine weshalb ich niemals heiraten werde-Liste hinzufügte.

„Herzchen?“ Darauf reagierte er auch nicht. Es musste also ernst sein. Vielleicht war das Fliegengewicht auf seiner eigenen Kotze ausgerutscht und war dabei hingeflogen, eventuell mit Blechschaden. Oder er hatte sich etwas gebrochen, bei seinen Essgewohnheiten mussten seine Knochen weich wie Margarine sein.

Ich zählte langsam von zehn runter, falls da doch noch eine Antwort kommen sollte, und hievte mich dann auf die Beine, schlurfte auf die Geräuschquelle zu, nur um herauszufinden, dass ich selbstverständlich richtig geraten hatte. Zumindest teilweise.

Kopfschüttelnd blickte ich auf das Häufchen Elend hinunter, das nur mit einem Handtuch bedeckt auf den Fliesen hockte. „Alles unversehrt oder fehlt ein Stück?“

„Uhm.“ Noah sah etwas überfordert zu mir hoch. „Ich w-weiß nicht?“

Und wie er wusste, sonst würde er sich nicht den Knöchel festhalten, als würde sein Fuß ansonsten einfach abfallen.

„Wie ist es passiert?“

„A-also, ich wollte duschen und … mir war ein b-bisschen schwindelig, weil das Wasser zu heiß war, d-da wollte ich kurz aus der Kabine raus und habe vergessen, dass da ein k-kleiner Rand ist.“ Vorsichtig löste er seine Finger und gab den Blick auf ein sich langsam verfärbendes Gelenk preis. „B-bin hängengeblieben und seitlich auf dem F-Fuß gelandet.“

Ich begutachtete den Regenbogen. „Damit ist unser Ausflug für heute wohl gelaufen.“

„Was?“ Noah riss die Augen auf. „Nein! I-ich kann laufen! Ich brauche nur einen M-Moment und dann-“

Er hielt es tatsächlich für eine gute Idee, sich aufzurichten und mir vorzuführen, wie toll er auftreten konnte. Was – oh Wunder – nicht der Fall war.

Ich fing ihn auf, als er jammernd in den Knien einsackte. Idiotie schmerzte eben.

„Mhm, du kannst ganz fantastisch laufen.“ Schnaubend griff ich unter ihn und hob ihn ruckartig auf meine Arme, ignorierte den quietschenden Protestschrei, den er dabei ausstieß.

„I-ich habe n-nichts an!“

„Ja, und dann fällt auch noch das Handtuch runter. Was für ein blöder Zufall!“

Er grub seine Finger haltsuchend in meine Schultern. „A-aber das H-Handtuch ist doch gar nicht-“

Blitzschnell griff ich mir eines der Enden und zog den Stoff von seinem Unterleib.

Paul!“ Würde er sich nicht an mir festhalten müssen, hätte er sich zu hundert Prozent den Intimbereich bedeckt, als hätte ich ihn nicht schon zig Mal unbekleidet gesehen.

„Also“, ich blickte auf ihn hinab. Die heiße Dusche ließ seine Haut immer noch hellrot leuchten, „irgendwie macht mich das an.“

Er presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen, das Gesicht einer Tomate gleich. „M-mein Fuß.“

Stimmt.

„Da war ja was“, meinte ich leichthin und wechselte zurück in den anderen Raum, bugsierte Noah aufs Bett und kramte in unserer Reisetasche nach Klamotten für ihn. Tief unten fand ich ein paar schlabberige, kurze Freizeithosen, die an ihm zwar auch als XXL-Boxershorts durchgehend könnten, aber sie würden ihren Zweck schon erfüllen.

Ich warf ihm die Sachen zu, schlüpfte währenddessen selbst in ein alltagstauglicheres Outfit.

„W-was jetzt?“ Er sah mich unglücklich, dafür aber ausgehbereit an.

Ich zuckte mit den Schultern. „Jetzt gehen wir erstmal zum nächstbesten Unfallarzt und dann schauen wir weiter.“



Noah war zwar allgemein eine echte Heulsuse, aber irgendwie auch ziemlich schmerzresistent. Er meckerte nicht, als der Arzt an seinem Fuß herumwerkelte und ihm letztlich gefühlte Stunden und eine Röntgenaufnahme später eine Bandage anlegte.

„Bloß verstaucht“, meinte der liebe Herr Doktor und ließ von Noahs Fuß ab. „Kühlen, hochlagern und die nächsten Tage möglichst nicht belasten, dann ist alles bald wieder in Ordnung.“

„D-danke.“

Doktorchen richtete sich auf und marschierte Richtung Tür, war gerade am Rausgehen, als ich mich räusperte.

„Und Krücken?“

Er musterte mich einen Moment lang, dann machte er eine wegwerfende Handbewegung. „Nicht nötig.“ Und verpisste sich.

Ich schnalzte mit der Zunge. Erwartete der Typ, dass ich Noah jetzt die nächsten Tage durch die Gegend trug, als wäre er meine Braut, oder was?

Aber scheinbar erwartete meine Braut das nicht. Die hopste einfach einbeinig auf mich zu. „G-gehen wir?“

„Willst du jetzt etwa bis zum Auto hüpfen?“

Er blinzelte mich konfus an. „A-aber ich soll doch nicht l-laufen?“

Na, wenn er meinte, dass er das durchhielt.

„Wie du willst.“ Schulterzuckend spielte ich seinen provisorischen Gehstock und stützte ihn etwas, während er neben mir her bis zum Auto humpelte wie eine rostige Sprungfeder. Dort angekommen schnaufte er zwar wie ein Sumoringer nach einem Vollsprint, aber er beschwerte sich nicht, stieg brav ein und schnallte sich an. Das alles, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Irgendwie suspekt.

„Spuck’s schon aus“, seufzte ich und lenkte uns vom Parkplatz zurück auf die Hauptstraße. Es störte mich, dass man ihm immer alles aus der Nase ziehen musste. Bei einem noch gut zwanzigminütigem Fahrtweg bis zu unserem Motel glich das einer Folterstrafe.

„H-hab ich“, er unterbrach sich, zog die Schulter an, „hab ich dir den A-Ausflug versaut?“

„Mir?“ Ich hob eine Braue. „Du wolltest doch unbedingt in den Park und nicht ich. Also hast du nur dir selbst etwas verdorben.“

„Also du dich g-gar nicht auf das Wochenende gefreut?“

Oh, böse Fangfrage. Darin war der Wicht gut.

„Natürlich habe ich das. Aber ich habe mich auch hauptsächlich darauf gefreut, dich zwei Tage am Stück nur für mich zu haben. Mir egal, ob wir zusammen Achterbahnfahren oder achtundvierzig Stunden ohne Unterbrechung im Bett liegen und nichts tun.“

Seine verkrampften Schultern lösten sich ein bisschen. Ich konnte seine Hand spüren, die leicht meinen Oberschenkel drückte. Noch ein bisschen höher und ich könnte der Berührung tatsächlich etwas abgewinnen.

„I-ich hatte Angst, dass du vielleicht w-wütend deswegen bist.“

„Nicht wegen so etwas.“ Ich wechselte die Spur, drängte mich dabei in eine viel zu kleine Lücke zwischen zwei fahrenden Gerätschaften und wurde prompt angehubt. „Sonst hätte ich doch damals im Supermarkt auch angepisst sein müssen, als du dir das Handgelenk verknackst hast.“

„St-stimmt.“ Er lächelte und mein Blick fiel unweigerlich auf seine überaus nicht beschienten Unterarme.

„Sag mal“, meinte ich gedehnt. „Hattest du da nicht auch mal einen Stützverband?“

„F-für meine Hand?“ Er blickte nach unten, dann auf seiner Seite aus dem Fenster. „B-brauche ich nicht mehr.“

Stirnrunzeln meinerseits. „Ich habe dich vielleicht ein oder zwei Tage damit herumlaufen sehen. Wie schnell verheilst du?“

„Sch-schnell?“ Wäre vielleicht sogar glaubhaft, würde er mein Gesicht nicht penetrant meiden, obwohl er mich doch sonst bei jeder sich bietenden Möglichkeit angaffte.

„Hast du sie verloren?“ Ich erinnerte mich vage daran, dass er mal erwähnt hatte, dieses Jahr schon knapp drei Brillen unfreiwillig verschenkt zu haben.

„S-so in der Art.“

Ich schwieg, wartete einfach ab, während er mit jeder stillen Sekunde unruhiger wurde, bis es doch aus ihm herausplatzte: „D-die Schiene ist in die T-Toilette gefallen.“

„Ins Klo?“ Das war eine derart dämliche Erklärung, ich hätte beinahe einen Unfall gebaut, weil ich nicht aufhören konnte, Noah zu mustern. „Das Ding hat Klettverschlüsse. Es kann nicht einfach so abfallen.“

„I-ich war a-auch nicht Schuld daran.“

Kurz war ich verwirrt, dann ging mir ein Lichtlein auf.

„Deine drei Freunde waren’s?“

„Dennis“, präzisierte er und rutschte im Beifahrersitz etwas tiefer. „Er hat … davor hat er … sich erleichtert. Danach wollte ich die Schiene nicht mehr.“

Ich verzog das Gesicht, schnaubte. „Das ist echt widerlich.“ Und es erinnerte mich daran, dass ich die Missgeburten in letzter Zeit ziemlich vernachlässigt hatte.

Noah bewegte sein linkes Handgelenk ein paar Mal rauf und runter. „I-ist aber auch ohne wieder fast okay.“

„Aber fast okay ist nicht gut, oder?“

Er sah mich fragend an. Wenn ihm die Sonne, wie im Moment, ins Gesicht schien, wirkten seine Augen grünlich. Im Dunkeln waren sie eher braun. Und beides zusammen ergab ein Gemisch aus Erbrochenem.

„Na“, ich folgte mit einer Linse dem Verkehr, mit der anderen beobachtete ich Noahs Reaktion, „meinst du nicht, dass wir Dennis dringend beibringen sollten, Verhalten dieser Art zu unterbinden?“

„D-dann wird er n-nur noch wütender.“

„Du bist doch eh kaum noch in der Schule, also kann‘s dir egal sein, oder?“

Er biss sich auf die Unterlippe und ich rechnete mit vielem, vor allem mit Gegenwehr, weil er ein verdammter kleiner Pazifist war, aber die Jahre an Schikanen mussten auch ihm einen Knacks verpasst haben. Statt weiterer Bedenken sah er mich ganz offen an.

„W-was ist deine Idee?“



Direkt neben dem Motel befand sich eine Apotheke. Sehr praktisch, denn im Gegensatz zu meinem Frühstück war Noahs nicht bei einem Bäcker zu finden.

„Was hast du gekauft?“ Er löste einen Arm um meinen Hals und grapschte nach der Tüte in meiner rechten Hand.

Ich brachte sie schnell außer Reichweite. „Siehst du oben. Und jetzt halt‘ dich ordentlich fest, bevor du dir noch das zweite Bein brichst.“

„V-verstauchst.“

„Was auch immer.“ Ich warf Rosalinde ein sehr deutsches Lächeln zu, als sie uns mit hochgezogenen Augenbrauen hinterherblickte. Hatte sie etwa noch nie einen Mann gesehen, der seinen Freund Huckepack trug? Dabei war diese Bruchbude schuld daran. Hätte die nämlich einen Aufzug, müsste ich den Mist gar nicht machen. Aber so hatte ich keine andere Wahl – Noah würde mit bestimmt nach der Hälfte der Treppen zusammenbrechen, wenn er schon schlappmachte, weil das Duschwasser zu heiß war.

Er schlang den Arm wieder um mich, drückte seine Wange von hinten gegen meine. Ich spürte ihn lächeln.

„Was ist so lustig?“

Er schmuste noch heftiger mit meinem armen Gesicht. „Sch-schneller, Pferdchen!“

Ich stockte mitten auf der Treppe, lachte einmal laut auf. „Aber sonst geht es dir gut, ja?“

„Mhm.“ Er klopfte mit seinem gesunden Bein gegen meinen Oberschenkel, als würde er einen Esel antreiben.

„Wenn du mich unbedingt reiten möchtest“, schmunzelte ich und setzte unseren Weg wieder fort, „können wir der Sache gerne im Bett weiter nachgehen.“

P-Paul!

Das Schmunzeln wurde zum Grinsen, als er mir leicht auf die Brust haute. Wir überwanden die letzten Meter zu unserem Zimmer, wo ich Noah auf unserem Bett absetzte, weil die Unfallgefahr hier wohl am geringsten war.

„A-also?“ Er rutschte auf der Matratze nach hinten, ich stopfte ihm wie automatisch eines der Kopfkissen unters Bein, um es hochzulagern. Da ging wohl der Krankenpfleger mit mir durch.

„Nummer eins.“ Ich schmiss mich neben ihn, holte ein Instant-Kühlpack aus der Tüte heraus. „Hier. Einmal knicken und es wird automatisch eiskalt.“

Er nahm es mir ab und matschte darauf herum, bis es scheinbar die Temperatur änderte.

„Nummer zwei.“ Ich wandte mich wieder meiner Tüte zu und holte einen Erdbeerjoghurt heraus. „Damit du mal was im Magen hast.“

„A-aber“, er nahm ihn mir samt kleinem Plastiklöffel ab, „das hättest du doch nicht in der A-Apotheke kaufen müssen.“

„Doch.“ Ich tippte auf den Deckel. „Das ist extra zum Zunehmen, deckt knapp ein Viertel des Kalorienverbrauchs eines erwachsenen Mannes. Bei dir also ungefähr die Hälfte.“

Das schien ihn nicht gerade zu begeistern. „Dann macht das b-bestimmt satt, oder?“

„Nicht mehr als andere Joghurts auch. Vertrau mir.“ Ich öffnete ihm den Deckel. „Probier’s einfach. Schmeckt auch nicht schlecht.“

„W-woher weißt du das?“

„Weil ich neugierig bin und auf der Arbeit Zugang zu dem Scheiß habe?“

„D-das ist Diebstahl.“

„Nur, wenn man dabei erwischt wird.“ Ich schob ihm den Becher direkt unter die Nase. „Iss auf. Dein Fuß braucht das.“

Man sah ihm an, dass er alles andere als zufrieden war, aber er tat es trotzdem. Irgendetwas musste er schließlich zu sich nehmen, damit wenigstens sein Stoffwechsel nicht schlapp machte.

„Und? Lecker?“ Ich achtete darauf, ihn niederzustarren, bis er mindestens zwei Drittel in sich gelöffelt hatte, bevor ich mich über mein eigenes Essen hermachte. Heute war es ein Schokocroissant.

„Mh.“ Unglücklich aß er weiter, bis der Joghurt schließlich komplett in ihm verschwunden war.

Zur Belohnung drückte ich ihm einen Kuss auf den Scheitel. „Gut gemacht. Ich bin stolz auf dich.“

Aber er reagierte darauf nicht, wie es mir erhoffte. Stattdessen ließ er die Mundwinkel nach unten hängen. „B-bin ich dir zu dünn? Willst du, d-dass ich zunehme?“

Ah, wieder das leidige Thema. Noah brauchte wohl seine Dosis Komplimente, damit er nicht in Selbstzweifeln zerging.

„Nope.“ Ich glitt mit einer Hand unter sein Oberteil. „Mir gefällst du, wie du bist. Aber es passt mir weniger, wenn du einfach umkippst. Ich habe dir das gekauft, weil ich mir Sorgen um dich mache.“

Er überlegte kurz, die Stirn in Falten gelegt, bevor er mich anlächelte. „D-dann danke für das Frühstück!“

„Was? Ohne meine Erklärung hätte ich kein Danke bekommen?“

Er schüttelte den Kopf, lehnte ihn gegen meine Schulter. „Nö.“

„Wie reizend.“

Wir schwiegen einen Moment lang in Eintracht, bevor Noah sich die Fernbedienung von seinem Nachttisch schnappte und den Fernseher einschaltete.

Frauentausch.

Ich ließ die leere Tüte vom Bäcker auf den Boden fallen und nuckelte meine Finger frei von Schokolade, bevor ich hinter mir eine Kissenbastion aufbaute, mich einkuschelte und Noah zu mir holte.

Sein Kopf rutschte tiefer, fand auf meiner Brust Platz, während im Hintergrund durch den Fernseher Geschrei dröhnte, weil irgendein Kerl sich darüber aufregte, dass die Tausch-Mutti nicht putzen wollte. Deswegen war es besser, sich nicht auf diesen einen Mist einzulassen, wenn man etwas weibliche Gegenwehr nicht verkraften konnte.

„P-Paul?“

„Hm?“

„Lässt du d-dir die Haare wieder länger wachsen?“

Ich blickte zu Noah hinab. Er hatte sich auf einen Arm abgestützt und zeigte mir seine unschuldigen Kulleraugen.

„Warum?“, hakte ich nach und fuhr mir probeweise durchs Haar. Fühlte sich eigentlich nicht danach an, als wären sie schon genug nachgewachsen, um mir diese Frage stellen zu können. Ich meine, nach meinem drastischen Haarschnitt vor acht Monaten war ich regelmäßig zum Friseur gegangen, damit es schön kurz blieb, die Seiten noch mehr als die Mitte. Aber wenn Noah bereits darauf zu sprechen kam, war es eventuell mal wieder Zeit, ein bisschen was abzutrennen. Mittlerweile konnte man hineingreifen und gut zupacken.

Hm.

„I-ich mochte deine Haare lang.“

Meine Hand wurde durch seine ersetzt. Ich senkte die Lider, konzentrierte mich auf das sachte Streicheln seiner Finger über meine Kopfhaut.

„Weil ich damit wieder verwegener aussehen würde?“, neckte ich und seufzte, als er mit dem Kuppen meinen Nacken hinabfuhr, bis zum Saum meines Shirts. „Wie ein Freibeuter?“

Er lief rot an, stritt es aber nicht ab, verbesserte mich bloß mal wieder, weil er ein kleiner Klugscheißer war: „K-kein Freibeuter, sondern ein Pirat.“

„Und wo ist da der Unterschied?“ Bildete ich mir das ein oder versuchte er gerade, mich zu verführen? Wenn mich nicht alles täuschte, strich er auffallend oft über meine Schwachstelle.

„Freibeutern ist es e-erlaubt, andere auszurauben. Die kriegen einen K-Kaperbrief und dürfen dann offiziell feindliche Schiffe plündern, aber keine eigenen.“

„Du stehst echt auf dieses Zeug, hm?“

Er zog die Schultern an, kaum wahrnehmbarere, dunkle Flecken hatten sich bis auf den Hals und die Schlüsselbeine ausgebreitet. „Schlimm?“

„Wieso sollte es? Ich bin der letzte, der irgendwelche Fetische verurteilen kann.“

Jetzt wandte er sich komplett um, schien sogar für den Moment die Schmerzen in seinem Fuß zu vergessen, weil sein Bein im Zuge der Drehung vom Kissen auf die Matratze fiel und es ihn überhaupt nicht kümmerte. „D-das ist kein F-Fetisch! Außerdem … mag ich deine Haare auch so, w-wie sie gerade sind.“

„Ganz plötzlich“, feixte ich und legte eine Hand an seine Wange, fuhr mit dem Daumen seine Unterlippe nach. Es erregte mich, dass er scheinbar unbewusst seinen Mund für mich öffnete, seine Zunge gegen meine Fingerkuppe stupste.

Oder der kleine Bastard wusste besser mit seinen Reizen umzugehen, als er mich wissen lassen wollte. Den naiven, unberührten Jungen spielen und sich in Wirklichkeit am liebsten den süßen, kleinen Arsch grün und blau-

„Ich mag sie echt. Du hast schöne Haare.“

„Ach?“ Natürlich fand er mein Haar schön. Er vergötterte alles an meinem Körper, nur vielleicht das darunter nicht immer. „Was genau? Struktur, Farbe?“

„Schwarz i-ist keine Farbe.“

Ich schnaubte, drängte meinen Finger tiefer zwischen seine Lippen, zwang seine Kiefer weiter auseinander. „Du tätest gut daran, das ständige Verbessern sein zu lassen, Herzchen.“

Er atmete stockend aus. Ich spürte, wie sein Atem über meine Haut fuhr, warm und feucht. „S-sonst was?“

Scheiße, bildete ich mir das nur ein oder forderte er mich tatsächlich heraus?

„Sonst“, ich glitt mit dem Daumen über sein Kinn, zeichnete eine Spur seinen Hals hinab, bevor ich meine Hand von hinten um seinen Nacken legte und zudrückte, nur ganz leicht, „muss ich dir wohl oder übel ein paar Manieren beibringen.“

Ich musste nichts machen, sein Körper drängte sich von selbst an meinen, rutschte in meinen Schoß. Er verzog nicht mal das Gesicht, als sein Fußgelenk dabei vermutlich unangenehm nach außen rotiert wurde.

Pein musste ihn wirklich aufheizen.

„A-aber hier gibt es keinen Tisch …“

Ich lachte heiser. „Daran soll’s nicht scheitern. Ich könnte dich auch einfach übers Knie legen.“

„Ü-übers Knie?“ Noahs Stimmlage könnte mit Unsicherheit verwechselt werden, wäre da nicht sein Ständer, der sich verzweifelt an meinen schmiegte. Außerdem fing er gerade an, sich wie eine läufige Hündin an mir zu reiben.

„Mhm.“ Ich wanderte mit meiner Hand seinen Nacken hinauf und krallte mich in ein Büschel Haare auf seinem Hinterkopf. „Das würde dir bestimmt ein paar Flausen austreiben, meinst du nicht auch?“

Die Bewegungen gegen meinen Schritt wurden schneller, Finger zerrten an meinem Oberteil. Ganz nach meinem Geschmack. Endlich ließ er diese aufgesetzte Keuschheit wieder bleiben.

Aber natürlich musste er mich sofort wieder eines Besseren belehren.

„W-warte!“ Ich hatte gerade erst meine Finger in sein Sitzfleisch gegraben, als er beide Hände gegen meine Brust stemmte. „Vielleicht s-sollten wir noch nicht-“

„Nenn‘ mir einen Grund, warum wir es nicht tun sollten, wenn wir es beide ganz offensichtlich dringend nötig haben.“

„Weil …“, er biss sich auf die Unterlippe, schauderte, als ich unsere Unterleiber erneut miteinander kollidieren ließ, „weil du … e-erst, wenn du mir sagst, warum du mir keinen b-blasen wolltest.“

Wir schienen gleichsam verwirrt von seiner Forderung zu sein, nur fasste er sich schneller wieder und reckte das Kinn vor, dabei wussten wir beide, dass diese Aussage nur seiner Panik entsprungen war, weil er gemerkt hatte, dass er mir eben doch nicht widerstehen konnte.

„W-wir können weitermachen, wenn du mir den Grund verrätst.“

Ich seufzte frustriert. Wieso musste ausgerechnet das einzige, was er in der Zeit unserer Beziehung gelernt hatte, Dickköpfigkeit sein?

„Privatangelegenheit“, murrte ich. „Geht dich nichts an. Lass uns lieber-“

„V-vertraust du mir nicht?“

Gott, was hängte er sich immer an solch beschissenen Themen auf? Konnte er bitte dasselbe Engagement in den Bereich Analsex stecken?

„Doch, aber es ist mir unangenehm, darüber zu reden.“

„I-ich sage es auch keinem! Ich meine, ich h-hätte ja nicht einmal wen, dem ich … A-also, außer Tante, aber das wäre … seltsam.“

Ruhig einatmen.

„Noah, Herzchen, was genau verstehst du unter dem Satz Es ist mir unangenehm, darüber zu reden nicht?“

„Bitte, Paul.“

Es störte mich, dass er verlangte, dass ich ihm ebenfalls entgegenkam, und ich hätte ihm gerne eine Lüge erzählt, aber mir fiel keine ein. Nur ein lausiges Ich weiß nicht, wie es funktioniert und ich würde bestimmt nicht zugeben, dass ich eventuell schlecht in der Praktik sein könnte. Zumal sich für Noah vermutlich eh jede scheiß Berührung wie der Himmel anfühlen musste, wenn er noch nie zuvor einen Blowjob am eigenen Leib erfahren hatte.

„Mir“, ich überlegte hart, aber außer der Wahrheit spuckte mein Gehirn nichts Nennenswertes heraus, „gefällt der Gedanke nicht, die Kontrolle abzugeben.“

„K-Kontrolle?“ Er sah mich verwirrt an. „A-aber wie soll ich dich dabei kontrollieren?“

„Was mache ich denn immer, wenn ich dir meinen Schwanz reinschiebe?“

„Uhm …“ Seine Stirn runzelte sich, als würde ihm tatsächlich nichts einfallen. Ich schwöre, der Junge beherbergte bloß Kautschuk da oben. Kein Nervengeflecht, sondern Stroh. Lehm. Ein Sieb mit handtellergroßen Löchern.

„Stellst du dich gerade dumm oder bist du’s wirklich?“

Er sah mich an. Selbst seine Ohren hatten schon Feuer gefangen. „I-ich bin nicht d-dumm. Du“, Räuspern, „hältst meinen Kopf fest.“

„Aha.“ Ich griff nach seinem Kinn. „Und genau das würde mir umgekehrt wenig Spaß bereiten.“

„U-und wenn ich das nicht mache?“ Er zupfte an meinem Shirt. „Ich will ja gar nicht … bestimmen. Ich mag es, wenn d-du das tust.“

„Du würdest komplett ruhig liegenbleiben und dich keinen Millimeter von der Stelle bewegen?“

„V-Versprochen!“

Das Seltsame war, dass ich ihm glaubte. Er nickte viel zu eifrig, um mich anzulügen. Und vielleicht war ihm ja ausgerechnet das Beweis genug, dass mir meine Worte aus der Bar leidtaten. Vielleicht war das meine Tür in sein wortwörtliches Innerstes.

„Ein falsches Zucken und ich höre auf.“

Er schnappte hörbar nach Luft, bevor er bebend von meinem Schoß rutschte. „S-soll ich mich hinlegen oder …?“

Ich hatte keine Ahnung. Ich wusste nicht, ob es mich mehr störte, vor zu ihm knien oder mich über ihn beugen zu müssen. Beides war nicht unbedingt das Gelbe vom Ei.

„Hinlegen“, verlangte ich schließlich, weil mir das als die weniger schlimme Variante erschien. „Und vorher ausziehen.“

„O-okay.“ Er nestelte hektisch an seiner Kleidung herum, präsentierte mir nur Augenblicke später seinen splitterfasernackten Körper.

Ich ließ meinen Blick über ihn gleiten. Gespreizte Beine, glatte Haut und zum Zerreißen angespannte, mickrige Muskelpartien.

Ich war viel stärker als er. Nicht einmal wenn er es wollte, könnte er mir etwas anhaben. Und trotzdem fühlte ich mich merkwürdig dabei, meine Lippen über die Innenseite seiner Oberschenkel streifen zu lassen, sachte Küsse in seiner Leiste zu platzieren. Weil ich wusste, dass ich es nicht über mich bringen würde, ihn in den Mund zu nehmen. Mit absoluter Sicherheit nicht. Aber vielleicht bemerkte er das gar nicht, wenn ich mich noch eine Etage tiefer traute.

Nur ganz leicht ließ ich meine Finger über seine Beine wandern, fuhr die kantigen Linien seiner Beckenknochen nach und malte Kreise um seinen Bauchnabel herum. Ich machte langsam, während ich mich flach auf den Bauch bequemte und mit meiner Zunge knapp an seinem Schwanz vorbei nach unten fuhr und an seinem Damm stoppte, bevor ich ihn ein letztes Mal prüfend fixierte.

Noah bemerkte davon nichts, hatte die Lider fest zusammengekniffen und die Hände in das Laken gekrallt. Sein Mund stand leicht offen. Wenn ich den Atem anhielt, hörte ich über dem Rauschen meines eigens Blutes in den Ohren hinweg sein leises Ächzen. Leises, gequältes Ächzen, während er sich keinen Millimeter vom Fleck rührte.

Gehorsamer, widerborstiger Plagegeist.

Ich riss mich von seinem Anblick los und schob meine Flossen unter seinen Arsch, hob ihn leicht von der Matratze. Was ihm dann doch die Augen öffnete.

„W-was machst-“

Aber ich ließ ihn nicht ausreden, dippte einfach mit meiner Zunge gegen seinen rosa Muskelring. Und, bei Gott, hätte ich gewusst, dass er dermaßen heftig darauf reagierte, hätte ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht, ihm einen zu blasen.

Er war hin und weg. Von einer auf die andere Sekunde warf er den Kopf in den Nacken und bog den Rücken durch, als wäre er eine notgeile Hure, als hätte er sein gesamtes Leben damit verbracht, sich ins rechte Licht zu rücken und zu stöhnen wie ein waschechter Pornodarsteller.

So viel dazu, dass er mich niemals um so etwas bitten würde.

Ich schmunzelte, grätschte seine Beine weiter auseinander und griff mit einer Hand nach seinem Schwanz. Dann machte ich mich ans Werk.
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