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In meinem Abgrund

von Makaber
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
28.03.2020
15.03.2021
46
187.585
72
Alle Kapitel
223 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
30.03.2020 3.866
 
Willkommen zurück!
Wir wollten uns hier mal schnell für die Reviews, Favos und die beiden Sternchen bedanken! Ihr macht uns damit echt irre glücklich :D
Und nun viel Spaß mit Paul!





Kapitel Zwei.


Mein Vater war anders gestrickt als meine Mutter. Er glaubte nicht daran, was etliche Psychologen bestätigt oder eben nicht bestätigt hatten. Für ihn war es Mumpitz, für mich war es schrecklich praktisch. Er hatte keinen Grund, mich zu kontrollieren.

„Na, Großer?“ Er steckte den Kopf durch den Spalt zwischen Tür und Rahmen und blickte mich fröhlich an.

Ich drehte mich auf meinem Stuhl zu ihm herum. Es war sein kleines Ritual, mich nach der Arbeit kurz zu begrüßen, sich auf das Fußende meines Bettes zu setzen und seine fünf Minuten Vaterschaft zu genießen. Mich störte das nicht, ich sorgte lediglich dafür, dass er mich immer dann erwischte, wenn ich augenscheinlich gerade lernte.

Ich war artig. Und das durfte er Mama ruhig stecken, wenn sie ihn gleich darüber ausquetschen würde, worüber wir uns denn unterhalten hätten.

„Hallo“, erwiderte ich und sah ihm dabei zu, wie er es sich auf meiner Matratze gemütlich machte. „Wie war die Arbeit?“

„Ach, wie immer.“ Er winkte ab. „Viel zu tun, wenig Zeit.“

„Habt ihr nicht im Frühling immer die Reifenwechsel?“

Er brummte. „Ja, die beginnen auch bald wieder.“

„Dann bist du wieder jeden Samstag in der Werkstatt?“

„Genau.“ Er fuhr sich durchs Haar. Aus irgendeinem Grund hatte er es sich angewöhnt, zu mir zu kommen, bevor er duschen ging. Seine Unterarme waren von schwarzer Schliere übersät, sein Blaumann durch und durch beschmutzt. Wenigstens pflanzte er seinen Hintern nicht mehr auf mein Kopfkissen, das war schon einmal ein Fortschritt. „Und wie war’s in der Schule?“

„Gut.“ Ich zog die Stuhllehne vor mich, um meinen Schädel darauf ablegen zu können. „Wir durften eher weg. Also war ich nochmal bei Tina.“

„Tina?“ Papa wackelte mit den Brauen.

Ich grinste zurück. „Mhm.“

„Ist es mittlerweile was Ernstes? Willst du sie mal zum Kuchen einladen?“

„Himmel, nein!“ Mir entschlüpfte ein abwertendes Lachen. „Ich will nichts von ihr. Zumindest keine Beziehung.“

„Brich ihr nicht das Herz.“ Er wollte streng sein, aber das Blitzen in seinen Augen verriet ihn. Wäre auch schwachsinnig von ihm, mich belehren zu wollen, wo der doch in seiner Jugend selbst ein derartiger Freigeist gewesen war.

„Keine Sorge, sie weiß, woran sie bei mir ist.“

„Na dann.“ Er klopfte sich kurz auf die Oberschenkel. „Gib mir Bescheid, wenn du die Richtige kennenlernst.“ Und stand auf. „Dann musst du sie uns vorstellen.“

„Sicher doch. Das lasse ich mir bestimmt nicht entgehen.“

Er lachte rau. „Schlaf gut, Großer.“

„Gleichfalls. Und“, ich zwinkerte ihm schelmisch zu, „erzähl Mama nichts davon, dass ich nur Spaß mit Tina habe. Du weißt, sie versteht solche Dinge nicht.“

Er tat, als würde er sich einen Reißverschluss vor dem Mund zuziehen, und verließ mein Schlafzimmer. Mein Signal, endlich meine Lernunterlagen beiseite zu schieben. War schließlich nicht so, als hätte ich sie mir tatsächlich angeschaut. Immerhin zählten die Noten bis zum Examen nicht.

Stattdessen schnappte ich mir meinen Laptop, ein Paar Kopfhörer und verbrachte den Rest des Tages damit, mir sinnlose Videos auf Youtube anzusehen, während Papa im Nebenraum Partei für mich ergriff.

Weil ich ein so intelligenter, lieber Junge war. Und weil man als Mutter doch nicht misstrauisch dem eigenen Sohn gegenüber sein durfte.

Ich hörte ihnen eine Weile lang zu, dann drehte ich die Lautstärke höher und ließ mich beschallen, bis ich müde genug war, um endlich einzuschlafen.



Paul!

Etwas landete auf mir.

Ich schlug die Augen auf, den Blick direkt auf dem digitalen Wecker auf meinem Nachttisch.

Zwei Uhr morgens.

Schon war ich genervt. So schnell ging es.

„Hast du mal auf die Uhr geguckt, Giftkröte?“

„Jemand ist in meinem Zimmer!“

Ich schlug die Hände vors Gesicht. „Emma, Engelchen, wir sind im ersten Stock. Wie soll wer in dein Zimmer kommen?“

„An der Regenrinne rauf!“ Sie drückte ihre Knie in meinen Bauch. „Bitte, Paul, darf ich hier schlafen?“

„Mit absoluter Sicherheit nicht.“

Jetzt weinte sie. Die schlechte Art Weinen. Herrlich.

„Okay, gut. Wenn du aufhörst zu flennen, komme ich mit dir und wir gucken, ob sich irgendwo ein Bösewicht versteckt hat, einverstanden?“

Sie schniefte, stimmte aber zu.

Seufzend packte ich sie unter den Achseln und hob sie von mir runter, bevor ich ihr in den Flur folgte – beziehungsweise watschelte sie mir hinterher. Halb unter meinem Oberteil verkrochen. Ihre feuchte Nase streifte meinen unteren Rippenbogen. Kleinkinderrotze, genau, was ich gebraucht hatte.

Wenn der nächste Unfall kein Junge wurde, musste ich jemanden töten.

„Also“, stieß ich die Tür zu ihrem Zimmer auf. „Wo war der Einbrecher?“

„Da!“ Sie schlängelte sich hinter meinem Rücken hervor und zeigte aufs Fenster.

„Hinter dem Glas?“, präzisierte ich, mit nur leicht mörderischem Unterton.

Sie nickte kräftig.

Ich fühlte das Bedürfnis, ihr eine zu verpassen.

„Nur um das klarzustellen“, begann ich langsam. „Da war jemand hinter dem geschlossenen Fenster, dessen Scheiben nicht eingeschlagen sind?“

Emma trat von einem Fuß auf den anderen, musterte verängstigt ihre Umgebung, während sie erneut fleißig bejahte.

Ich fasste mir an die Stirn. „Dann hattest du einen Albtraum. Geh zurück ins Bett und mach die Augen zu.“

„Aber da war ganz sicher wer!“ Sie stampfte mit dem rechten Fuß auf, holte tief Luft.

Nicht gut.

Hastig preschte ich vor und drückte meine Hand flach gegen ihren Mund, bevor sie losschreien und das gesamte Haus wecken konnte. „Ist gut, ist gut. Heilige Scheiße, sei still.“ Tränen liefen über meinen Handrücken. „Hilft es, wenn ich im Schrank und unter dem Bett nachsehe?“

Nicken. Schluchzen.

„Wirst du dann ein braves Mädchen sein und die Klappe halten?“

„Ja, ich“, sie krallte sich an meinem T-Shirt fest, „werde nicht mehr weinen.“

„In Ordnung.“ Ich nahm meine Finger weg und schritt mit ihr im Schlepptau zu dem schmalen Kleiderschrank, zog die Türen auf.

Niemand drinnen.

Fünf Meter zurück zum Bett, bücken.

Niemand darunter.

„Und … und hinter der Tür?“

Auch das überprüfte ich. Und, oh Wunder, niemand dahinter.

„Bist du jetzt zufrieden?“, fragte ich müde.

Emma biss sich auf die Unterlippe, die Arme mittlerweile fest um meine Hüften geschlungen. „Kann ich nicht einfach bei dir schlafen?“

„Dieselbe Unterhaltung hatten wir geradeeben schon. Du hast versprochen, dass du dich schlafen legst, wenn-“

Es krachte. Von draußen.

Emma schrie laut auf, ich befreite mich von ihr und trat an Fenster, riss es auf, beugte mich über den Sims.

Drei von vier Mülltonnen lagen waagerecht in unserer Einfahrt, der Inhalt quer über die Pflastersteine verstreut.

Das war eventuell nun doch etwas seltsam.

„War … war das der Einbrecher?“

„Nein. Nur ein paar Waschbären. Haben die Mülltonen umgestoßen.“

„Hier leben aber keine Waschbären, du lügst!“

Ich legte eine Hand in den Nacken, kniff kurz die Augen zusammen, schaffte es trotzdem nicht, die nächsten Worte für mich zu behalten. „Gut, ja, es war der Einbrecher. Und ich habe ihn auch erkannt. Es war der Junge aus dem Supermarkt. Was meinst du? Ist er gekommen, um dich zu holen?“

Ich wusste, dass ich das nicht hätte sagen sollen. Ich wusste es, noch bevor ich es überhaupt ausgesprochen hatte, aber der winzige Moment Genugtuung war es irgendwie doch wert. Ich bereute es nicht.



Nein, ich bereute es ganz und gar nicht.

„Gute Nacht, Paul.“ Emma kuschelte sich an meine Seite. Die Decke lag ihr bis zum Hals und, weil sie so winzig war, reichte sie mir gerade einmal an die Brust.

Mir war kalt.

Ich könnte natürlich auch die Decke höher ziehen und sie unter dem Stoff ersticken.

„Ja“, murmelte ich und platzierte meinen Unterarm ergeben über meinen Augen. „Gute Nacht.



Interessant war, dass mir ziemlich oft geglaubt wurde, wenn ich log. Aber jetzt, wo ich tatsächlich einmal die Wahrheit sagte, nahm mich keiner für bare Münze.

„Ich war das nicht.“

„Du räumst das jetzt sofort auf!“

„Warum? Ich war das nicht.“

„Paul Achermann! Ich sage es nicht noch ein Mal.“

„Jemand hat versucht, oben bei Emma einzusteigen. Frag sie doch.“

„Oh, das habe ich.“ Mama packte mich am Ohr, zog daran. „Und du kriegst richtig Ärger, wenn du so etwas wieder tust, junger Mann!“

Ich konnte mich nur sehr schlecht konzentrieren. Das Stechen, das ihr Griff auslöste, machte mich wütend. Und es war ungünstig, wenn ich wütend war.

„Hörst du mir zu?“

Es tat weh.

„Mama“, sagte ich betont ruhig. „Das schmerzt.“

„Das soll es auch! Damit du mal lernst, dass du dir nicht alles erlauben kannst! Was fällt dir ein, deiner kleinen Schwester Angst zu machen?“

Ich ihr?

Sie ließ los, um mir in alter Manier mit dem Zeigefinger gegen die Brust zu pieken. Wesentlich angenehmer. „Ganz genau! Sie hat mir erzählt, was du ihr gesagt hast – dass irgendein Kinderschänder durch ihr Fenster kommen und sie mitnehmen würde. Wie kommst du darauf? Wieso tust du das?“

„Momentchen mal.“ Gegen meinen Willen musste ich auflachen. Witzig, wie sie sich die Geschichte zurechtlegte, um mir eins auszuwischen. „So war das nicht. Emma kam in mein Zimmer und hat mich geweckt, weil sie meinte, jemand wäre bei ihr gewesen.“

„Und dann findest du es lustig, ihr so einen Mist einzutrichtern, wenn sie eh schon einen Albtraum hatte?“

Aber ich sollte der Manipulator von uns beiden sein? Wer bitte verdrehte mir gerade die Worte auf der Zunge?

„Das ist falsch. Ich bin unschuldig.“

„Du räumst jetzt draußen sofort die Mülleimer auf, sonst …!“

„Sonst was?“

Sie zuckte zurück. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich ihr nähergekommen war.

Langsam brachte ich wieder mehr Abstand zwischen uns, wandte den Blick ab. „Gut, mache ich das halt weg. Du glaubst mir ja eh nicht, egal, was ich sage.“ Demonstrativ griff ich nach meiner Jacke am Garderobenständer. „Seit der Diagnose bin immer ich der Sündenbock.“

Sie erwiderte nichts und ich riskierte einen schnellen Blick, um herauszufinden, ob die Ansage sie irgendwie innerlich getroffen hatte.

Scheinbar nicht.

Auch gut, ich hatte noch mehr auf Lager.

„Im Gegensatz zu dir behandelt mich Papa wenigstens noch wie einen normalen Menschen.“ Die Stimme etwas rauer klingen lassen und dabei die Hände zu Fäusten ballen. Der Gesichtsausdruck war nicht so wichtig, ich hatte ihr meinen Rücken zugewandt.

„Räum einfach den Müll auf.“ Sie seufzte und ging weg.

Wie unerwartet von ihr.

Zugegeben, ein bisschen überrascht war ich schon. Das funktionierte sonst besser.

Hm.

Stirnrunzelnd wanderte ich den Flur weiter, zog mir Schuhe über und trat nach draußen. Ich musste noch ums Eck, die Mülltonnen standen von der Straße abgeschottet im Hinterhof. Und dort erwartete mich mehr Arbeit, als ich gehofft hatte. Gestern hatte es von oben nicht so extrem unordentlich gewirkt.

Ausgesprochen ärgerlich.

Lustlos warf ich alte Zeitungen und Pappkartons von Fertigpizzen zurück in die Papiertonne, bevor ich mich wesentlich angeekelter daran machte, die Säcke voller Restmüll wegzuwerfen. Einer riss mir dabei seitlich auf und herausfiel die Plastikverpackung des Hackfleisches, das ich gestern gekauft hatte.

Ich bückte mich danach, als mir der rote Aufkleber wie ein Glühwürmchen regelrecht ins Gesicht strahlte.

Ob Herr Wareneinräumer heute auch Schicht hatte?

Meine Mundwinkel verzogen sich zu einem fiesen Grinsen.

Ich wusste schon, wie ich mich nach diesem Scheiß hier wieder aufheitern könnte.



Der Supermarkt war zielorientiert aufgebaut. Er begann mit der Gemüse- und Obstabteilung, ging weiter mit allerlei anderen Produkten wie Mehl, Broten und Nudeln, bevor man zur angebauten Metzgerei kam. Direkt daneben wurde Käse und Fisch verkauft und schließlich Hygieneartikel und Krimskrams, den eh keiner brauchte. Dabei war alles so angerichtet, dass jede Abteilung durchlaufen werden musste, um zu den Kassen zu gelangen. Sonst raubte mir das mühselige Wandern die ständig strapazierten Nerven, im Moment kam es mir gelegen. Ich hatte keine Möglichkeit, etwas zu verpassen – etwas oder jemanden.

Das altbekannte Kribbeln setzte sich in meinen Fingerspitzen fest, während ich zwischen den Regalen nach dem Jungen Ausschau hielt, der es so ausgezeichnet geschafft hatte, etwas Spaß in meinen Alltag zu bringen. Und den hatte ich mir redlich verdient.

Ich war so, so brav gewesen in letzter Zeit.

Summend ließ ich meinen Blick von links nach rechts gleiten und bemerkte erst, dass meine Laune sich rapide verschlechterte, als ich das Ende des Geschäfts erreicht hatte.

Arbeitete er heute vielleicht nicht?

Schlecht. Ich hatte mich darauf gefreut. Ich hatte fest damit gerechnet, dass er hier sein würde.

Etwas rastlos ging ich zurück zur Käsetheke. Wahrscheinlich-

Es ratterte. Links von mir öffnete sich ein Rolltor.

Aha!

Grinsend beobachtete ich eine in die Jahre gekommene Angestellte dabei, wie sie aus dem Raum dahinter auftauchte, einen großen Wagen mit Milchkartons vor sich herschiebend.

Das war dann also das Lager. Und im Lager befanden sich für gewöhnlich Mitarbeiter.

Also musste ich nur hier stehenbleiben und warten, ob mein Opfer eventuell auch gleich herauskommen würde. Nur kurz warten oder … selbst nachsehen.

Das Rolltor war noch offen.

Ja. Nein. Ja. Nein. Ja. Nein. Ja. Nein. Ja. Nein. Ja. Nein. Ja. Nein. Ja. Nein. Ja. Nein. Ja. Nein. Ja. Nein. Ja.

In einem unbemerkten Augenblick huschte ich unter dem sich langsam schließenden Tor durch und fand mich im Zentrallager wieder.

Die Aktion würde mich sowas von alle meine Gute-Nudel-Sternchen kosten, wenn ich erwischt wurde.

Wenn ich erwischt wurde.

Neugierig sah ich mich um. Es schallte laut, wenn ich lief, was bedeutete, dass sich vermutlich kein anderer gerade bewegte, sonst würde ich das ebenfalls hören. Außerdem gab es überall Paletten, hinter denen ich mich notfalls verstecken konnte. Die Details spielten mir in die Karten.

Zufälligerweise kam ich dabei an mehreren Kisten mit Süßigkeiten vorbei. Kurzer Blick hinter mich, dann riss ich ein Loch in die Folie und stibitzte mir einen Snickers.

Genüsslich biss ich ab. Sachen, die umsonst waren, schmeckten um ein Etliches besser. Vor allem, wenn sie eigentlich eben nicht umsonst waren.

Der letzte Rest verschwand in meinem Schlund, das leere Papier stopfte ich zurück in die Kiste. Dann ging ich weiter. Es gab noch ein paar Ecken und Kanten, hinter denen das Ziel sich verkrümelt haben könnte.

Aber er war nirgends zu entdecken. Lediglich eine weitere Tür am anderen Ende des großen, quadratischen Aufbewahrungsortes.

Ich blieb davor stehen und musterte sie.

Wie hoch standen die Chancen, mir heimlich dort Eintritt verschaffen zu können?

Ich puhlte eine vergessene Haselnuss zwischen meinen Backenzähnen hervor.

Was sollte schon schiefgehen?

Ich probierte die Klinke aus.

Das Schicksal stand auf meiner Seite.

„Na also!“ Aufgeregt glitt ich hinein. Es war eine Art Pausenraum, soweit ich es beurteilen konnte. Ein schmaler Tisch in der Mitte, darum herum unbequeme Plastikstühle und mehrere Spinde an den Wänden. Und vor einem davon stand er mit der Kehrseite zu mir und zog sich gerade den Pullover mit dem grünen Firmenlogo über den Kopf. Das T-Shirt darunter rutschte mit hoch und ich sah Rippen, die herausstachen wie bei den Skeletten, die man zu Halloween an Hacken von der Decke baumeln ließ.

Im Gegensatz zu Tina würden ihm ein paar Pfunde mehr nicht schaden.

Ich schlich näher, während er den Pullover mitsamt dieser albernen Schürze vom letzten Mal in seinen Schrank verfrachtete und danach die Tür zuknallte.

Kein Wunder, dass er stank, wenn er das Zeug nach seiner Schicht nicht mit nach Hause nahm, um es zu waschen.

Mir entwich ein Schnauben. Meine Tarnung flog auf.

Er fuhr herum. „Was …?“ Panik in seinem Blick.

Ich genoss es einen Wimpernschlag lang, sog das Bild in mich auf, dann zauberte ich ein freundliches Lächeln in mein Gesicht. „Ich Tollpatsch habe mich verlaufen.“

„Der Zutritt hier ist“, er schluckte sichtlich, „also, Sie dürfen hier nicht rein.“

Er siezte mich. Fuck, das war besser als ein stinklangweiliger Tag Zuhause. Das war atemberaubend, zumal er vielleicht gerade mal wie viel jünger war? Drei, vier Jahre?

„Wirklich? Wie dumm von mir.“ Ich verschränkte die Hände hinter dem Rücken und ging langsam auf ihn zu, einen Fuß vor den anderen setzend. Gemächlich.

Er bebte. In seinem deutlich zu großen Oberteil und der irgendwie schlecht sitzenden Hose wirkte er verloren. Als hätte man ein ahnungsloses Kind in die Arbeiterwelt entlassen.

Ich blieb keinen Meter vor ihm stehen. „Wie sieht’s aus? Hilfst du mir, wieder den Weg nach draußen zu finden?“

Seine Haut war aschfahl, die Zunge leckte abermals über seine Lippen. Deswegen waren sie wohl auch dermaßen kaputt.

„Es … es tut mir leid!“ Hastig wich er nach hinten aus und stieß im Prozess gegen seinen Spind. Das Shirt zwischen seinen Händen war ein einziges Knäul, so weit zusammengeknittert, dass ich seinen schneeweißen Bauchnabel sehen konnte. Er war hell, fast grau.

„Was tut dir leid?“, neckte ich und kesselte ihn noch weiter ein, während sein Blick fahrig die Tür streifte. Seinen Weg ins Freie, den ich bereitwillig verbaute.

„Dass ich gestern … das, was ich gestern gemacht habe!“ Er redete schnell, stolperte über seine eigene Zunge.

Ich legte spielerisch den Kopf schief. Er machte es mir unfassbar leicht. „Ist dir klar, dass ich dich deswegen anzeigen könnte? Das ist eine Straftat.“

Er röchelte halb.

Ich grinste breit. Eigentlich konnte ich ihm nichts. Meine Schwester nach ihrer Adresse zu fragen, war zwar gesellschaftlich inakzeptabel, aber kein Vergehen an sich. Immerhin hat er ihr damit keinen Schaden zugefügt. Gut aber, wenn er davon ausging, dass genau das der Fall war.

„Bitte“, flehte er hilflos, ohne sich weiter zu erklären.

Ich griff ihm ins ungewaschene Haar. „Was kriege ich dafür?“

„Egal was!“ Sein Atem stieß mir ins Gesicht. Wenigstens der roch nach Minze. Die Zähne konnte er sich also putzen, wenn schon nicht den Rest seines Körpers. „Und … und ich werde Sie nicht mehr belästigen, ich verspreche es!“

Mich?

Ich hob eine Braue, wollte zu einer Antwort ansetzen, da ertönten Schritte vor der Tür.

Meine Glückssträhne war wohl offiziell beendet.

„Gibt es hier zufällig ein Bad?“, fragte ich, obgleich ich nicht damit rechnete. Sein ausgestreckter Zeigefinger belehrte mich allerdings eines Besseren.

„Fantastisch!“, hauchte ich begeistert. Doch kein Pech im Anmarsch. „Dort gehen wir jetzt zusammen hin. Und du wirst dabei mucksmäuschenstill sein, ja?“

Er nickte knapp, ich ließ meine Hand in seinem Haar vergraben. Eine wortlose Drohung, jetzt bloß keine Scheiße zu bauen. Dann ging er los, reichlich vorsichtig, damit ich nicht versehentlich an seinem Schopf zerrte, und führte mich geradewegs zur gegenüberliegenden Seite des Raumes, wo neben einer weiteren Spindreihe versteckt eine dunkle Tür war.

„Na los“, drängte ich ungeduldig. „Rein da.“

Er gehorchte und schon befanden wir uns in einem winzigen Plätzchen mit einer Toilette, die so nah am Waschbecken stand, dass man sich vermutlich auf ihr sitzend die Grapscherchen einseifen konnte.

„Und jetzt leise“, flüsterte ich und legte ihm einen Finger an die Lippen. Die andere Hand nahm ich aus dem Vogelnest auf seinem Schädel und schloss hinter uns ab.

„J-ja.“

Ich lächelte ihn an.

Drüben war mittlerweile jemand damit beschäftigt, herumzulaufen und eine ordentliche Menge an Krach zu veranstalten. Im Kopf zählte ich die Sekunden mit. Nach knapp sieben Minuten rüttelte es am Türknauf.

Der Junge quietschte.

„Noah?“, donnerte es von draußen. „Bist du da drin?“

Ich drängte mich näher an ihn, presste meinen Brustkorb gegen seinen. „Sag ihm, dass du verhindert bist“, murmelte ich tonlos.

Er wimmerte halb. „Ja, ich … ich bin’s!“

„Brauchst du lange? Verdammt, ich muss pissen!“

Ich kämpfte gegen das wilde Kichern an, das sich in meinen Lungen anbahnte, und beugte mich tiefer. „Beichte ihm, dass du Durchfall hast.“

So ganz aus der Nähe erinnerte das Rot auf seinen Wangen mich an einen Feuerhydranten.

„Ich brauche noch etwas!“, rief er zittrig und drückte sich mit der Wirbelsäule enger an die Wand und damit hinfort von mir.

Nütze ihm nur nicht viel, denn ich setzte ihm sofort nach. Sogar noch dichter als zuvor.

„Beeil dich, ich warte!“ Der andere Mitarbeiter blieb vor der Tür stehen.

Meine Hand fand sich erneut in seinem Haar wieder. „Du sollst exakt das tun, was ich dir befehle, okay?“

Verzweifelt stellte er sich auf die Zehenspitzen, als ich an einzelnen Haarsträhnen rupfte.

„Mein Frühstück war … war schlecht“, brabbelte er eilig. „Das dauert!“

„Hast du Dünnpfiff oder was?“, kam es von außerhalb.

„Deine Chance“, warnte ich eindringlich und war mehr als nur zufrieden, als er ein hektisches Ja! ausstieß.

„Alter!“ Der Mann entfernte sich von der Tür. „Brauchst dich nicht mehr beeilen, ich gehe zu Hause aufs Klo!“

Dann wurde es still.

Ich lockerte meinen Griff, strich ihm einmalig übers Haupt, wie bei einem Welpen. „Gut gemacht!“, lobte ich, während er das Gesicht zur Seite wegdrehte. Seine Handflächen lagen kraftlos auf meinen Oberarmen, übten den minimalsten Druck aus, zu dem er wahrscheinlich imstande war, ohne die Berührung komplett zu beenden. Als fürchtete er, jede tatsächliche Gegenwehr würde mich zum Überschnappen bringen.

Vielleicht war er gar nicht so dumm, wie er sich gab.

„Darf ich … darf ich jetzt gehen?“, fragte er schließlich und ging dazu über, sich mit den Fingern der linken Hand an den Kragen zu fassen, ihn etwas von sich zu entfernen, als bekäme er sonst keine Luft.

Auch eine gute Idee.

Sanft umschlang ich seine Finger mit meinen und übte vorsichtig Druck gegen seinen Kehlkopf aus. Nur nicht verletzen, ich brauchte ihn noch. „Ich weiß nicht“, raunte ich dann, „denkst du, du darfst?“

Es war nicht geplant, dass mit der nächsten Bewegung mein Knie zwischen seine Beine rutschte.

Oder dass er stöhnte.

Seine Hoden hatte ich nämlich nicht auf dem Gewissen haben wollen. Ich war immerhin kein Ungeheuer. Aber gut, vielleicht spuckte er eher mit der Sache raus, wenn ich ihn ein bisschen an den Eiern kitzelte?

„Also, wegen vorhin“, begann ich und schmiegte meinen Oberschenkel nun absichtlich brutal gegen seinen Schritt, erntete dafür ein wundervoll ersticktes Keuchen, „was meintest du damit, dass du mich nicht mehr belästigen wirst?“

„Dass ich“, einer seine Fingernägel kratzte über meine Schulter, „dass ich aufhören werde, Sie zu belästigen.“

Im Wiederholen war er gut, nur half mir das nicht, an meine Antworten zu kommen. Schließlich hatte ich ihn am Vortag zum allerersten Mal in meinem Leben gesehen und da hatte ich ihn genötigt.

Aber was nicht war, konnte schließlich noch werden.

„Wie hast du mich denn vorher belästigt?“

„Ich habe Ihre Schwester gefragt, wo Sie wohnen.“

Mehr Druck gegen seinen Hals. „Erklär‘ dich.“

„Ich wollte nur wissen, wo Sie wohnen, mehr nicht! Ich schwöre!“

„Und wozu?“

„Weil … weil …“

„Zunge verschluckt?“, feixte ich und ließ ein wenig von ihm ab.

Sofort atmete er tief ein, hustete unterdrückt.

Ich betrachtete ihn einen Moment lang. Die rot getünchten Wangen, die klammen Finger, die Ausbuchtung in seiner Jeans.

Oh.

„Ernsthaft?“ Ich blinzelte. „Dein verfickter Ernst? Du bist nicht hinter meiner Schwester her, sondern hinter mir?“

Er musste nichts sagen, die Bestätigung war ihm offen abzulesen.

Ich lehnte mich vorsichtshalber ein Stück zurück. „Woher wusstest du, dass sie meine Schwester ist?“

„Ich habe Sie zusammen beim Einkaufen gesehen …“

Nun, das ergab Sinn.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Mein Gehirn ratterte. Ich war nicht bisexuell, zumindest soweit ich das beurteilen konnte. Aber die Möglichkeiten.

War das böse?

Eventuell.

„Dein Name ist Noah, richtig?“

Scheues Nicken.

„Okay, Noah, ein Vorschlag.“ Mein Ego erreichte bereits Wolkenkratzerniveau, aber das Wissen, dass diese scheiß Schwuchtel auf mich abfuhr, ließ mein Selbstbewusstsein den Turm von Babel in den Schatten stellen. „Ich gehe jetzt nach Hause. Und vielleicht, sehr vielleicht, komme ich auf dich zurück. Wenn ich Lust habe.“

Er öffnete den Mund, brachte allerdings keinen Ton heraus. Glotzte nur blöd.

Ich musterte ihn ein letztes Mal, ließ meine Augen langsam über seine Gestalt wandern, blieb an seinen verschwitzten Klamotten hängen. „Und wenn du dich verdammt nochmal duschst. Das ist doch echt widerlich.“
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