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In meinem Abgrund

von Makaber
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
28.03.2020
02.03.2021
45
183.436
69
Alle Kapitel
216 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
28.03.2020 2.777
 
Herzlich willkommen und schön, dass ihr vorbeischaut!
Vorneweg kann es vorkommen, dass das Rating sich eventuell im Laufe der Geschichte erhöht. Triggerwarnungen werden vor den jeweiligen Kapitel ausgesprochen. Und selbstverständlich ist alles frei erfunden und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind reine Zufälle.

Lob und Kritik sind gerne gesehen und jetzt sind wir still und wünschen viel Spaß!





Kapitel Eins


Psychisch erkrankten Menschen sah man ihre Einschränkungen nicht an. Die wussten sich gut zu verstecken. Wirklich psychische Wracks hingegen waren wie ein rotes Warndreieck mitten auf der Autobahn – aus den Augenwinkeln leuchteten sie und urplötzlich fuhr man mit hundertsechzig Sachen frontal in sie rein, verhedderte sich und blieb irgendwie stecken.

So viel dazu.

„Denkt daran, hört ihr? Selbst wenn jemand im ersten Moment aggressiv oder gemein wirkt, kann etwas gänzlich Anderes dahinterstecken. Deswegen ist es immer wichtig, dass wir was?“ Frau Brenner hob den Zeigefinger und deutete auf eines der vielen Mädchen in der Bankreihe hinter mir. „Annalena?“

„Dass wir allen Patienten mit Empathie, Kongruenz und unbedingter Wertschätzung begegnen.“

„Genau!“ Frau Brenner fuhr herum und krakelte die Worte an die Tafel, als hätten wir sie heute nicht schon zum zehntausendsten Mal gehört.

„Wenn das so weitergeht“, murmelte Tina neben mir und legte den Kopf in den Nacken, „zeige ich ihr gleich meine Kongruenz und schlafe demonstrativ ein.“

Ich schmunzelte halb und baute meinen Kugelschreiber wieder zusammen. „Ich wecke dich, wenn sie in deine Richtung schaut.“

„Vielen Dank.“ Sie hob den Daumen, ließ den Worten aber keine Taten folgen. Schade eigentlich, Frau Brenner wurde lustig, wenn sie schrie. Ihr wütendes Gesicht erinnerte mich entfernt an das eines übergewichtigen Ochsens. Und eine entfernte Tante von mir leitete den hiesigen Rinderzuchtverein, ich wusste also, wovon ich sprach.

„Okay. Das war’s für heute. Ihr seid entlassen.“

Endlich.“ Tina glitt aus ihrem Stuhl und zog sich ihr lockeres Sweatshirt über. Wofür es eigentlich schon zu warm draußen war.

„Lass uns gehen. Ich fahre dich.“

Sie warf mir ein Lächeln zu, während ich unsere beiden Rucksäcke nahm und ihr voranging, um die Tür aufzuhalten.

„Wie überaus höflich“, meinte sie frech und schritt an mir vorbei. Ihre Hüfte schwang ein wenig zu sehr, um natürlich zu sein.

„Immer doch.“ Ich beäugte ihre Kehrseite. Minimale Gewichtsreduktion, stand ihr gut.

„Und so ganz ohne Hintergedanken.“

Wir liefen zu meinem alten Volkswagen. Sie blieb an der Beifahrerseite stehen und wartete, bis ich ihr öffnete. Das war dann doch zu selbstsicher für meinen Geschmack.

„Ganz ohne Hintergedanken“, bestätigte ich sanft und kam ihrem Wunsch trotzdem nach. Sie stieg schnell ein und zog die Tür hinter sich zu, während ich unsere Taschen auf den Rücksitz verfrachtete. Im Seitenspiegel sah ich, dass ihre Wangen von einem leichten Rotschimmer durchzogen waren.

Grinsend folgte ich ihrem Beispiel und startete den Motor. „Zu dir?“ Es war eine rein rhetorische Frage. Der Rock war kurz genug, um Absicht gewesen zu sein.

„Klar.“ Sie machte es sich bequem, extra entspannt, ein bisschen zu sehr. An den unkoordinierten Bewegungen ihrer Finger konnte ich ihr die Nervosität ablesen wie Sätze in einem aufgeschlagenen Buch.

„Dann zu dir.“ Ich parkte aus.

Es war fast Routine geworden, dass ich sie bei ihr daheim ablieferte. Das Haus lag auf dem Weg und manchmal, wenn ich mich von meiner besonders netten Seite gezeigt hatte, so wie heute, nahm sie mich auf einen kurzen Abstecher mit hinein.

„Wie lange bleibst du?“ Sie friemelte an einer Masche ihrer dünnen Strumpfhose herum.

„Nicht lange. Montags hole ich Emma aus der Grundschule ab.“

„Ah, stimmt.“ Viel zu langsam strich sie sich eine Strähne hinters Ohr und blinzelte mich an. „So einen großen Bruder hätte ich auch gerne gehabt.“

Das bezweifelte ich allerdings stark.

„Sie ist einfach eine großartige kleine Schwester.“ War sie nicht. Aber Tina hatte selbst vier Geschwister, also konnte ich davon ausgehen, dass ihr Familienfreundlichkeit am Herzen lag.

„Total süß, wie du über sie sprichst.“

Sie lächelte, ich lächelte. Dann bewegte sich ihre Hand auf meinen Oberschenkel zu. „Vielleicht hast du ja Zeit, nachdem du sie abgeholt hast?“

„Tut mir leid.“ Ich verzog ganz dramatisch das Gesicht. „Aber danach darf ich direkt babysitten. Ein andermal?“

„Okay, ähm, meine Nummer hast du ja.“

„Wenn nicht, hätte ich dich spätestens jetzt darum gebeten.“ Zwinkern.

Die Hand rutschte höher.

„Und ich hätte sie dir gegeben.“

Selbstverständlich hätte sie das.

Ich lehnte mich zurück, ließ ihre Fingerkuppen über meine Leisten tanzen. Wie Federn.

„Paul?“ Tina stoppte. „Soll ich?“

Bingo.



„Wo warst du denn so lange?“

„Unterwegs.“ Ich schob Emma mit einer Hand im Gesicht von mir.

„Du weißt, dass Mama es nicht mag, wenn du mich allein lässt!“

„Mama mag es aber noch viel weniger, wenn wir uns streiten, also halt den Rand.“

Sie plusterte die Wangen auf. Wie ein hellhäutiger Kugelfisch. Dann gab sie auf. Gegen meine Geduld konnte sie eh nicht ankommen.

„Okay, kochst du was? Mama und Papa kommen heute erst nachts zurück.“

„Sie kommen um sieben.“

„Ja.“ Sie sah mich an, als hätte ich einen Vogel. „Sag ich doch – nachts.“

Die einzige Achtjährige der gesamten Milchstraße, die um sechs Uhr schlafen ging. Freiwillig.

„Machst du uns Lasagne?“ Sie folgte mir in die Küche, hüpfte um mich herum.

„Emma“, murmelte ich genervt, „hör auf damit, bevor ich böse werde.“

„Du bist immer böse.“

Oh, sie hatte mich noch nie tatsächlich böse erlebt.

„Haben wir denn alles für eine Lasagne da?“, wich ich aus, um das Thema zu wechseln.

„Hackfleisch fehlt.“

„Dann geh einkaufen.“

„Ich kann nicht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin noch ein Kind. Und als ich letztens mit Mama im Supermarkt war, da war da so ein gruseliger Typ, der hat mich gefragt, wo ich wohne.“

„Der wollte dich bestimmt vergewaltigen.“ Ich beugte mich zu ihr hinunter und sah ihr mitten in die Augen. „Es gibt auch Erwachsene, die auf kleine Mädchen stehen.“

Unsicher wich sie einen Meter nach hinten. „Aber der war nicht erwachsen. Der war sogar noch jünger als du!“

„Auch Jugendliche können pädophil sein.“

Sie legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. Innerlich machte ich mir eine Notiz, in ihrer Gegenwart nicht mit Fachwörtern um mich zu werfen.

„Was heißt das?“

„Dass heißt, dass der Junge aus dem Supermarkt dich heiraten will.“

Ihhh!“ Würgegeräusche. „Dann gehe ich nie wieder einkaufen!“



Im Nachhinein betrachtet, hätte ich ihr den Dreck erst erzählen sollen, nachdem sie dort gewesen war. Denn, Tatsache, keine zwanzig Minuten später lief Emma ängstlich neben mir her, weil sie sich ohne fremden Geleitschutz nicht mehr traute. Dabei klammerte sie sich an meinem Ärmel fest, als würde sie ihn mir abreißen wollen. Es war ätzend.

„Beeil dich!“, drängte sie und sah sich scheu im Laden um, während ich extra lange vor der Fleischtheke stand. „Paul!“

„So viel Auswahl“, seufzte ich und wollte mich gerade erbarmen und nach der billigsten Variante greifen, als sie laut quiekte. Heute hatten irgendwie alle mehr Ähnlichkeit mit Tieren als mit Menschen.

„Da!“ Sie grapschte nach dem Saum meines Shirts und zerrte heftig daran. „Da ist der komische Mann! Guck!“

Ich folgte ihrem ausgestreckten Arm und blickte auf eine zusammengesunkene Gestalt. Ernsthaft, das war keine gesunde Körperhaltung, fettige Haare inklusive.

„Na, dem würde ich das tatsächlich zutrauen“, sagte ich und hörte Emma erschrocken Luft holen.

„Nicht so laut!“, zischte sie – übrigens wesentlich lauter als ich soeben. Bestätigt dadurch, dass Schwesterchens Stalker sich just in diesem Moment umdrehte.

Unsere Blicke trafen sich.

Er befand sich nicht weit von uns entfernt, ich konnte ausgesprochen perfekt seine Mimik erkennen, den entsetzten Ausdruck, als seine Augen zu Emma zuckten, bevor sie sich an mir festklebten.

Wer hätte das gedacht? Der schien wirklich einer von dieser Sorte zu sein. Wie interessant.

„Lass uns gehen!“ Emma zupfte wieder an mir, dieses Mal an meiner Jeans.

Ich schüttelte den Kopf. Alle Langeweile der letzten Tage vergessen. „Warte hier, ich rede mit ihm.“

„Was? Nein!“

Ihr Einwand fiel auf taube Ohren. Langsam bahnte ich mir den Weg durch die Regalreihen zu ihm hindurch. Er rührte sich während der Aktion keinen Zentimeter von der Stelle, nur sein Brustkorb erzitterte unter heftigen Atemzügen. Sie perlten hitzig von seinen Lippen, seinen trockenen, rissigen Lippen.

Ungepflegt.

„Gefällt dir der Anblick?“, säuselte ich, kaum ich war bei ihm angekommen, und trat etwas zur Seite, damit er meine Schwester besser sehen konnte.

Er riss die Augen auf. „W-was?“

„Ob“, ich überbrückte den letzten Abstand und brachte meinen Mund gefährlich nahe an sein Ohr, „dich das anmacht.“

Klirr.

Dosen regneten zu Boden. Eingelegte Ananas und Erbsen.

„Ich-!“ Er fiel auf die Knie, sammelte die Konserven hastig wieder ein, schaufelte sie sich auf die Unterarme.

Ich betrachtete ihn von oben herab, platzierte meinen Schuh provozierend auf dem Blechdeckel der letzten Dose, damit er sie nicht aufheben konnte.

Der Junge zuckte merklich zusammen, dann schaute er zu mir hoch, mit riesigen Rehaugen. Die Lider erzitterten.

Erbärmlich.

„Kriege ich Rabatt?“, fragte ich beiläufig und nickte vage hinter mich. „Damit ich nicht aus Versehen etwas über diesen kleinen Vorfall hier ausplaudere. Was meinst du?“

„Rabatt?“ Er hockte immer noch auf den Fliesen. Aus diesem Winkel konnte ich feine, weiße Schuppen erkennen, die sich zwischen den öligen Haaren festgefressen hatten. Und riechen konnte ich ihn auch. Seinen Gestank nach altem Schweiß, als wäre die nächste Dusche schon vor einiger Zeit fällig gewesen.

„Mhm.“ Mit der Fußspitze schob ich ihm die Konserve zu, die ich eben noch fest gegen den Boden gepresst hatte. „Ich denke, kein Manager hört gerne, dass seine Angestellten sich an kleinen Mädchen vergehen wollen.“

„Kleine Mädchen …?“ Er wirkte ein bisschen dumm, wie er alles, was ich sagte, ständig wiederholte. Und noch viel dümmer wirkte er schließlich, als er vollkommen entgeistert zu Emma blickte, meine Drohung endlich verstand. „Ich habe nicht-!“

„Ah, Lügen gehört sich nicht“, tadelte ich leise und sah mich kurz um, ob irgendein anderer Kunde in der Nähe war, doch ich hatte Glück. Niemand in Hörweite. „Sieh mal, ich weiß, dass ihr diese super praktischen Etikettiermaschinen habt. Magst du nicht schnell eine holen?“

Er schluckte. Seine Pupillen waren geweitet, zuckten wild hin und her. Dann verfrachtete er die Dosen blitzschnell und ziemlich unordentlich zurück ins Regal, bevor er hastig auf die Beine kam. Seitlich aus der Hosentasche zog er rote Aufkleber, auf den in dicken, fetten Buchstaben billiger stand.

„Damit“, nuschelte er, „kriegt man an der Kasse direkt fünfzig Prozent Nachlass. Die … die sind eigentlich nur für fast abgelaufene Ware.“

„Vielleicht ist meine das ja.“ Ich nahm ihm die Klebchen ab und steckte sie mir in die hintere Buchse. „Vielen Dank auch.“

Er schwieg, nestelte an seiner grünen Arbeitsschürze herum. So, wie er dastand, schien er noch kleiner als ohnehin schon.

Ich hob eine Braue. „Wasch dich mal.“

„W-wie?“

„Und zieh dir etwas Anständiges an.“ Meine Mundwinkel hoben sich. „Oder bist du gerne ekelhaft?“

Er sagte nichts, senkte den Blick bloß noch tiefer, wenn das überhaupt möglich war. Ich nahm es als Antwort hin und ging einfach weg. Hoffentlich nahm er sich meine Worte zu Herzen und unternahm eine Kleinigkeit gegen seinen Odor.



„Woher hattest du die roten Sticker?“ Emma hielt meine Hand fest. Sie lief neben mir her wie ein dressierter Köter.

„Hat der nette Junge aus dem Supermarkt mir geschenkt. Als Entschuldigung, weil er dir Angst gemacht hat.“

„Ehrlich?“

„Sicher.“

„Dann hast du ihm gesagt, dass ich ihn nicht mag?“

„Ich glaube kaum, dass er jemals wieder ein Wort mit dir wechseln wird.“

Sie stemmte die freie Hand in die Hüfte. „Gut so!“

Ich grinste vor mich hin. Ein paar der Sticker hatte ich noch, für den nächsten Besuch. Und wo die herkamen, hatte der Herr Wareneinräumer mit Sicherheit noch weitere.



„Hallo, Schatz.“ Meine Mutter hängte seufzend ihren Blazer an die Garderobe und rollte ein paar Mal mit den Schultern. „Hast du Emma mittags von der Schule abgeholt?“

„Weißt du doch.“ Ich lächelte lieblich.

Sie kniff die Augen ein bisschen zusammen und rief im selben Atemzug nach meiner Schwester. Die tippelte im Pyjama die Treppen runter, ihren braunen Lieblingsteddy fest im Arm.

„Ich habe schon geschlafen“, maulte sie und rieb sich gähnend über die Augen.

Mama kümmerte sich nicht darum. „Liebling, hat Paul dich nach der Schule abgeholt oder bist du allein gelaufen?“

„Hm?“ Emma blinzelte, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, er hat mich abgeholt. Wie jeden Montag.“

Mein Lächeln wurde breiter. „Siehst du?“, säuselte ich. „Auf mich ist Verlass.“ Und auf die Bestechlichkeit meiner zuckersüßen Schwester, die glücklicherweise noch kein Taschengeld bekam, um sich Schokolade selbst ergattern zu können.

„Okay.“ Mama beugte sich zu ihr runter und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. „Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Geh wieder schlafen.“

Emma nickte knapp und torkelte wieder hoch in ihr Zimmer.

Ich lehnte mich mit verschränkten Armen an die Wand im Hausflur. „Und wo ist meine Entschuldigung?“

„Die bekommst du, wenn du es verdient hast.“ Ihr Zeigefinger stach leicht gegen meine Brust. „Du benutzt jede Hintertür, die du finden kannst.“

„Dann müsst ihr sie besser verstecken.“ Zwinkernd stieß ich mich wieder ab. „Ich habe Lasagne gekocht. Reste sind im Kühlschrank. Ist noch genug für dich und Papa übrig.“

„Oh, Dankeschön.“ Erleichtert zog sie sich die Schuhe von den Füßen und lief barfuß an mir vorbei, um im ersten Stock zu ihrem Schlafzimmer zu gelangen.

„Soll ich es schon aufwärmen?“, rief ich ihr hinterher und begab mich nach ihrer Zusage in die Küche, um den vorbereiteten Teller in die Mikrowelle zu schieben. War nicht viel Arbeit, eine größere Menge zuzubereiten, wenn ich eh schon kochte, brachte mir allerdings eine nicht unerhebliche Menge an guter-Sohn-Punkte ein.

Ich stellte den Timer auf drei Minuten und genau in dem Moment, in dem es monoton zu piepen begann, rauschte meine Mutter herein und ließ sich auf die kleine Eckbank fallen, die hier stand, seit meine Großeltern verstorben waren.

„Du bist heute ausgesprochen hilfsbereit“, meinte sie und musterte mich, als ich ihr Teller, Besteck und ein Glas Saft anrichtete.

„Bin ich das nicht immer?“

Sie schnaubte.

Ich ließ mich lächelnd in den Stuhl vor ihr fallen. „Es war mir lieber, als ich noch nicht auf Schritt und Tritt beobachtete wurde.“

„War mir auch lieber, als ich das noch nicht musste.“ Der typisch kritisierende Teil wich aus ihrer Stimme. Sie nahm wieder ihre übliche Mutterrolle ein. „Wie war dein Tag?“

„Langweilig.“ Ich stellte meine Ellbogen auf den Tisch und stützte mein Kinn in überkreuzten Handflächen ab. „Ich war nach der Schule nochmal bei Tina. Kurz.“

„Deine Sitznachbarin?“

„Genau.“

Sie nahm einen Bissen und kaute genüsslich darauf herum, bevor sie mit der Gabel in meine Richtung zeigte. „Aber endet deine Schule nicht genau so, dass du direkt danach Emma abholen musst?“

Ha, Fettnäpfchen.

Ich kicherte. „Immer noch so misstrauisch? Wir hatten früher aus. Deswegen sagte ich doch, war ich kurz bei ihr.“

„Ah.“ Eine weitere Ladung verschwand in ihrem Mund. „Das schmeckt übrigens echt lecker.“

„Ich weiß.“

„Normale Menschen sagen nach so einer Aussage Danke.“

„Dann verzeih mir meine Abnormalität.“ Ich machte eine halbe Verbeugung nach. „Hiermit bedanke ich mich herzlichst für das liebe Kompliment.“ Und, als ich mich wieder aufrichtete, versteckte sich ein klitzekleines Grinsen hinter der ernsten Maske meiner Mutter. Erfolg auf voller Linie.

„Und deine Noten?“

„Sind in Ordnung.“

Sie zermatschte das Hackfleisch-Tomaten-Nudelgemisch etwas. „Und diese Tina? Ist sie deine Freundin?“

„Lediglich eine Freundin. Keine Sorge.“

Sie nickte, dieses Mal mit gerunzelter Stirn. Ich musterte sie genauer, war mir nicht ganz sicher, wo der plötzliche Stimmungsumschwung herkam.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Wie bitte?“ Sie blickte auf und schüttelte schnell den Kopf. „Überhaupt nicht. Ich frage mich nur, ob … na ja, ob du sie magst?“

„Schon.“ Ich lehnte mich im Stuhl zurück, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. „Sie ist unterhaltsam. Macht den Unterricht erträglicher.“

„Mehr nicht?“

Das schon wieder.

„Es ist schon spät. Ich gehe hoch und mache meine Hausaufgaben.“

Meine Mutter bekam immer denselben, verkniffenen Gesichtsausdruck, wenn ich sie zurückwies. Es machte sie hässlich, die Falten so viel prominenter. Aber das sagte ich ihr nicht.

„In Ordnung. Schlaf gut, Paul.“

„Werde ich.“ Ich erhob mich und lehnte ich auf den Händen ein Stück über den Tisch zu ihr, verzog die Lippen zu einem freundlichen Lächeln. „Schlaf du auch gut, Mama.“

Da. Da war es wieder. Der Hauch von Unsicherheit.

Ich wandte mich ab und wanderte gemächlich zum Türrahmen. „Wann kommt Papa?“

„Bald.“ Sie hatte aufgehört zu essen. „Wieso?“

„Ich möchte ihm auch noch eine gute Nacht wünschen.“

Sie trank etwas. Ich beobachtete sie dabei, wie ihr Kehlkopf sachte hüpfte, bei jedem einzelnen Schluck. Bis das Glas leer war.

Sie hatte Angst. Hinter all dem Getue und der Fassade einer heilen Familie hatte sie Angst. Und sie wuchs, je älter ich wurde. Mit jedem Zentimeter, den ich an Körpergröße zunahm. Jedem Kilogramm Gewicht.

„Bis morgen.“ Ich wandte mich ab.

Sie atmete laut aus. „Bis morgen.“
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