Fehltritt Oneshot

OneshotDrama / P12
27.03.2020
27.03.2020
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Martha wälzte sich hin und her. Sie konnte einfach nicht einschlafen. Ihr Körper wollte sich nicht entspannen. Da war diese Schwere in ihr, die sie wach hielt. Sie wünschte, sie könnte die Zeit zurück drehen und diesen Tag noch einmal von vorne beginnen. Dann wäre all das nicht passiert, was sie so sehr beschäftigte. Was war nur los mit ihr? Sie liebte doch Kasimir! Die ganzen letzten Wochen war sie schlecht drauf gewesen, weil sie ihn und Nele so sehr vermisst hatte. Und dann…dann hatte sie heute Till geküsst. Eigentlich hatte er sie geküsst. Und sie hatte es zugelassen. Für einen kurzen Moment hatte sie ihn auch küssen wollen. Dabei war das Till! Der arrogante Turnbeutel, den sie letztes Jahr noch abgrundtief gehasst hatte. Der Idiot, der sie 10 Sekunden vor diesem verdammten Kuss als „ätzenstes Mädchen der Schule“ bezeichnet hatte. Sie hätte ihn sofort wegstoßen müssen. Stattdessen war ihre Hand sogar durch seine Locken gefahren. Die hatten sich so verdammt weich angefühlt.
Martha drehte sich wieder mit dem Kopf zur Wand. Sie war ein schlechter Mensch. Sie war eine Betrügerin. Sie hatte Kasimir betrogen. Den tollsten Freund der Welt. Er war nur so verdammt weit weg. Und Nele auch. Und Martha war einsam. Ja. Daran hatte es bestimmt gelegen. Sie war einsam gewesen und nur deshalb hatte sie Till nicht sofort weggestoßen. Diese Art von Nähe hatte ihr einfach so sehr gefehlt. Es war Wochen her, dass sie Kasimir das letzte Mal geküsst hatte. Sie war auf Kussentzug. Trotzdem entschuldigte das nicht ihren Fehltritt.
Gerade jetzt wünschte sich Martha, dass nicht Carolin im anderen Bett ihres gemeinsamen Zimmers liegen würde, sondern Nele. Mit jemandem darüber sprechen würde jetzt gut tun. Sie brauchte einen Rat. Von jemandem, der sie nicht sofort für ihren Fehler verurteilen würde. Aber sie hatte auf dem Internat niemanden mehr. Da ging es ihr wie Till.
Till.
Wieder ging Martha die Erlebnisse dieses verfluchten Tages durch.
Das Gespräch mit Kasimir. Da war alles noch normal gewesen. Wie immer.
Das Lernen mit Till. Er hatte sie mit ihrer blassen Haut aufgezogen. Es war wie immer gewesen. Till hatte provoziert und sie hatte gekontert.
Tills Geständnis. Das erste Mal hatte sie hinter seine Fassade geblickt und seinen tiefen Schmerz sehen können.
Ihre Wut auf Hauser. Weil es nicht mal ihn interessiert hatte, dass es Till so schlecht ging.
Und dann…der Streit mit Till. Er hatte ihr Vorwürfe gemacht. Denn es war ihm nie um Hauser gegangen. Es war seine Familie gewesen, die ihn so tief verletzt hatte. Und wenn er Martha daraufhin nicht direkt wieder beleidigt hätte, hätte er ihr vielleicht Leid getan. Doch er hatte sie beschimpft.
Warum hatten sie sich dann plötzlich geküsst? Wie hormongesteuert war sie denn, dass sie jemanden küsste der sie gerade noch beleidigt hatte?
Martha gab den Versuch auf, noch einzuschlafen. Stattdessen machte sie sich so leise wie möglich auf den Weg in die Küche. Ein Schluck Wasser würde bestimmt gut tun. Und ein bisschen Schokolade gegen den Kummer auch.

Doch nicht mal die Schokolade half. Die konnte den Scheißkuss auch schlecht ungeschehen machen. Es war nun mal Fakt. Sie hatte heute auch noch das Letzte kaputt gemacht, das ihr momentan Halt gab. Ihre Beziehung. Martha war so wütend auf sich selbst. Sie bekam einfach nichts mehr auf die Reihe. Ihr ganzes Leben war ein absolutes Chaos. Und sie versank darin. Und dann noch das ganze Gelaber in der Schule was die Zukunft an ging. Für jeden war das irgendwie vollkommen klar. Nur Martha hatte keine Ahnung. Ihr Bruder war Journalist in München. Auch Nele hatte Träume zu denen sie hin arbeitete. Kasimir war auf dem besten Weg Tierarzt zu werden, so, wie er es immer vorgehabt hatte. All ihre jetzigen Mitschüler hatten klare Vorstellungen. Die Sportler würden Profisportler werden. Pit hatte letztens diesen krassen Meteoriten entdeckt, der ihm alle Türen Richtung Weltraumforschung geöffnet hatte. Und der war sogar noch ein paar Jahre jünger als Martha.
Cäcilia hatte Recht. Martha hatte nichts was ihr Spaß machte. Früher waren das Streiche und Abenteuer gewesen. Doch selbst die reizten sie nicht mehr. Das war nur so lustig gewesen, weil ihre Freunde dabei gewesen waren. Und Martha hatte keine mehr. Genau wie Till. Vielleicht hatte sie sich deswegen dieses Schuljahr so an ihn gehängt. Sie hatte gesehen, dass er genau so einsam war, wie sie selbst. Vielleicht hatte sie ihn deshalb nicht sofort weggestoßen. Er hatte ihr Leid getan und sie hatte sich verstanden gefühlt.
Martha fand tausend Gründe, die erklären konnten warum das heute passiert war. Aber es waren keine Entschuldigungen. Was sie getan hatte war unentschuldbar. Kasimir würde sofort Schluss machen, wenn er davon erfuhr. Sollte sie ihn einfach anlügen? Das würde nur eine noch schlimmere Person aus ihr machen, als sie eh schon war. Betrügen und dann nicht mal dazu stehen können. Das ging überhaupt nicht. Wieder wünschte sie sich Nele her. Oder Sarah. Man, sie würde sogar Olivia alles erzählen, wenn sie noch hier wäre.

Stattdessen verbrachte sie den Rest der Nacht auf den Küchenfliesen und aß noch ein bisschen mehr Schokolade. Sie weinte keine einzige Träne. Das hier war kein Grund zum Weinen. Sie war doch selbst Schuld an ihrer Misere. Also verdiente sie auch keine Tränen. Ganz einfach.
Ihr wurde langsam kalt weil sie nur ihren Schlafanzug an hatte und die Fliesen sehr schlecht isolierten. Als sie anfing zu zittern schlich sich Martha zurück in ihr Zimmer und kuschelte sich ins warme Bett.
Die Schwere in ihr blieb.
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